-Folge 17 – Jakob Winter: Help! -
In ihrem bisherigen Leben hatte Manuela Berg es versäumt anderen Menschen zu helfen. Das fing schon damals als Kind an, als sie dabei zusah, wie ihre Mitschüler einen Jungen verprügelten, der angeblich ihr Geld gestohlen hatte. Und obwohl Manuela genau gesehen hatte, dass es jemand anderes gewesen war, hatte sie die Information für sich gehalten, weil sie gerade zu sehr mit ihrem Eis beschäftigt war.
Als sie Jahre später ihren Bericht noch kurz vor Redaktionsschluss einreichen wollte und mitbekam, wie zwei Autos neben ihr ineinander fuhren und sich überschlugen, beschloss sich Manuela ihnen nicht zu helfen und ihren Bericht abzuliefern.
Ja, Manuela Berg war der Ansicht, dass es manchmal im Leben wichtigeres gab, als anderen zu helfen. Doch nun wünschte sie sich nichts sehnlicheres, als jemand, der ihr helfen konnte…
„Das… das ist unmöglich…“ sagte sie zu sich selbst und schritt ungläubig durch das leergeräumte Haus. So etwas könnte doch gar nicht passieren. Es war einfach verrückt. Wer auch immer das war, er hatte sogar ihren hässlichen Gartenzwerg gestohlen.
Unter Schock griff sie in ihre Tasche nach ihrem Handy und gab mit zittrigen Händen die Notrufnummer ein. Doch als sie die Bestätigungstaste drücken wollte, rutschte ihr das Mobiltelefon aus der Hand und fiel zu Boden.
„So ein Mist! Ganz ruhig, Manuela! Du hast schon schlimmeres überstanden! Also, keine Panik!“
Sie atmete tief durch und bückte sich dann nach ihrem Handy. Doch als sie da aufheben wollte, fiel ihr ein kleiner, handgeschriebener Zettel auf. Stirnrunzelnd hob sie das zerknittere Stück Papier auf. Das war nicht ihre Handschrift. Eigentlich war das niemandes Handschrift den sie kannte. Und durch ihren Job als Reporterin kannte sie viele Handschriften. Diese jedoch war ihr vollkommen fremd.
„Bernsteinstraße 12, Vorratslager 1B. Code-Nummer: 1681“ Stand mit schwarzem Kugelschreiber geschrieben und Manuela hielt inne.
Möglicherweise hatte diese Adresse und diese Lagernummer etwas mit dem Verschwinden ihrer Möbel zu tun. Dem musste sie auf den Grund gehen. Wer auch immer das war. Sie würde nicht zulassen, dass man ihre Prada-Stiefel und ihre neue Sonnenbrille so einfach stehlen konnte. Nein, es war an der Zeit sich selbst zu helfen!
…
Zugleichen Zeit, versuchte Doris Altburgh ihrem alten Freund Jakob zu helfen. Der schien am Ende seiner Kräfte zu sein. Doch sie hatte ihm schon so oft geholfen. Die hatte ihm geholfen einen Hundebestatter zu besorgen, als Marie starb. Sie hatte ihm die Unterwäsche gebügelt, als seine Frau ihn verlassen hatte und sie hatte vor ihm bei seiner Kleptomanie zu helfen…
„Hör zu Jakob. Weiß jemand etwas von deinem Problem?“
„Also… ja… mein Psychologe, Doktor Bruckheim. Er hat mir doch auch die Tabletten gegeben, bei denen ich gesagt habe, sie wären gegen meinen Haarausfall. Aber tatsächlich sind sie gegen die Psychosen.“
„Ach wirklich… na ja, es scheint nicht so gut zu wirken, wie es soll.“
Jakob schüttelte resignierend den Kopf.
„Ich bin es langsam leid. Ich will, dass es aufhört. Aber passiert nichts. Doktor Bruckheim sagt, das sei unmöglich. Ich sollte eigentlich schon längst wieder geheilt sein. Aber die Tabletten scheinen irgendwie nicht zu wirken.“
Doris lächelte ihren Freund an.
„Es wird wieder alles gut. Das verspreche ich dir. Aber zunächst müssen wir diesen Bauauftrag wieder zurück bekommen. Hörst du. Das ist wichtig.“
„Jetzt hör endlich auf damit! Was ich gestern gesagt habe, das habe ich ernst gemeint! Es ist falsch, was wir tun wollen! Und ich weiß gar nicht, wieso ich so versessen danach war! Ach… lass mich jetzt in Ruhe. Ich spazieren!“ Mit diesen Worten verließ Jakob energisch das Haus und ließ Doris mit wütendem Blick allein zurück.
„Oh Jakob! Es gibt nichts Wichtigeres als den Auftrag! Idiot!“, verbissen griff Doris nach ihrem Handy. Es war Zeit, dass sie ihm zeigte, wer in seinem Leben eigentlich das sagen hatte.
„… Ja, spreche ich mit Doktor Bruckheim? Ja, ich bin es… Doris Altburgh, Jakobs Sekretärin. Ich glaube Jakob hat gestern wieder einen kleinen Raubzug gemacht. … ja… die Sachen befinden sich in der Bernteinstraße 12 im Vorratslager 1B. Äh… die Codenummer lautet… warten Sie.. .wo ist denn jetzt der Zettel… wo habe… verdammt! Tut mir leid, könnten Sie vielleicht dort gleich vorbeikommen? Danke.“
Ja, Doris Altburghs war zu vielem fähig um das zu bekommen, was sie wollte. Doch in ihrem Innern glaubte sie fest daran, dass sie das alles nur für ihren Freund Jakob tat. Sie wollte ja nur helfen.
…
Das Tor öffnete sich langsam, nachdem Manuela den Code eingegeben hatte und das, was Sie dort sah, war erschreckend. Ihre ganzen Möbel hatte irgendwer hier eingelagert. Verwirrt ging sie hinein und starrte fassungslos auf ihr Hab und Gut.
„Doris? Miss Altburgh?“ Schnell versteckte sich Manuela hinter ihrem Sofa.
„Sind Sie das? Ich bin es Jakobs Psychologe. Mal sehen, was seine Kleptomanie heute so zum Vorschein gebracht hat.“
Kleptomanie? Es dauerte einen Moment, bis Manuela realisiert hatte, was passiert war. Jakob hatte das getan? Aber… warum? Dieser Idiot! Sie würde ihm den Kopf abreißen, wenn sie ihn wieder…
„Gut, dass Sie so schnell kommen konnten. Haben Sie die nächsten Pillen für Jakob vorbereitet?“ Diese Frauenstimme kam Manuela doch bekannt vor, doch sie traute sich nicht nachzusehen.
„Ja, hier sind sie. Ich bin wirklich froh, dass Sie sich so um Jakob kümmern. Alleine ginge es ihm bestimmt viel schlechter.“
„Natürlich. Ich gebe mein Bestes. Ich will bloß, dass er glücklich ist…“
Das… das war Doris! Und mit einem Mal war jegliche Wut auf den Architekten verflogen. Doris hatte etwas vor. Sie wusste zwar noch nicht was, aber Manuela war nicht bereit zuzulassen, dass sie Jakob etwas antat. Und zum ersten Mal in ihrem ganzen Leben hatte Manuela Berg das Bedürfnis jemanden helfen zu wollen.
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