Oxana - Wege des Gewissens

  • Kapitel 90: Maskerade





    Joanna erklärte mir detailliert ihren Plan. Ich hörte zu, könnte aber kaum glauben, was sie da sagte. Es war zu unglaublich. Dann ging sie. Als ich alleine im Wohnzimmer stand, begann ich am ganzen Körper zu zittern. Wieder schossen mir die Tränen in die Augen. Es waren Tränen der Wut. Wie konnte Joanna mich nur so hintergehen, mich erpressen? Ich hatte ihr vertraut und es nie für möglich gehalten, dass sie das Wissen um Kingas wahren Vater gegen mich benutzen würde.




    Klaudias Schreien holte mich in die Wirklichkeit zurück und ließ meine Wut verrauchen. Zurück blieben nur der Schmerz und die Enttäuschung. Ich ging in das Kinderzimmer und hob Klaudia aus dem Bettchen. Ihr Schreien verstummte, sobald ich sie auf dem Arm hielt. „Pipi“, murmelte sie leise und wischte ihre Tränen unbeholfen an meinem Shirt ab. Ich setzte sie auf das Töpfchen und strich ihr über das Köpfchen. Mein Gesicht war immer noch tränenverschmiert und Klaudia schien zu erkennen, dass etwas nicht in Ordnung war. Denn sie sah mich an, als ob sie sagen wollt: „Mami, warum bist du den so traurig? So schlimm kann es doch nicht sein“. Dieser Gedanke ließ mich lächeln. Für sie musste ich tun, was Joanna von mir verlangte. Für sie, für Kinga und für Dominik. Meine Familie war mir zu wichtig, um sie aufzugeben.




    Also Dominik spät abends nach Hause kam, war ich immer noch wach. Trotzdem tat ich so, als ob ich schon schlafen würde. Wenn ich jetzt mit ihm redete, würde ich ihm alles erzählen. Aber das durfte ich nicht. Joanna hatte es mir unmissverständlich deutlich gemacht. Dominik schmiegte sich an meinen Rücken und in dieser Position sehnte ich mich noch viel stärker danach, mich ihm anzuvertrauen. Wann hatte meine Schwester sich so stark von mir entfremdet? Wann war sie zu dieser herzlosen Frau geworden?







    Für meine Schwester zählte nur ein: Dass ich genau das tat, was sie von mir verlangte. In Ganado Alegro fand wieder einmal ein mehrtägiges Seminar über innovative Bewässerungstechniken statt. Also erzählte ich Dominik und den Kindern, dass ich eben dieses besuchen würde. Vor Alberts Tod habe ich diese Ausrede immer genutzt, um mich heimlich mit meinem Geliebten treffen zu können. Nach meiner Hochzeit hatte ich mir geschworen, Dominik nie wieder in solch einer Weise zu hintergehen. Doch Joanna ließ mir keine Wahl.




    Ich fuhr tatsächlich nach Ganado Alegro, aber nur, um mich im Waschraum eines Motels umzuziehen. Joanna hatte mir alles Notwendige mit der Post zukommen lassen. Ich zog also das offenherzige Kleid an, änderte mein Make-up und zog die blonde Perücke über. Im Spiegel erkannte ich mich selbst kaum wieder. Aber das war wohl das Ziel dieser Maskerade. Als ich unsicher den Waschraum verließ, hatte ich das Gefühl, dass jeder wüsste, wer hinter dieser Verkleidung steckt. Doch das bildete ich mir sicher nur ein.




    Mit dem Taxi fuhr ich zum Flughafen nach SimVegas. Der Taxifahrer warf mir während der Fahrt immer wieder Blicke über den Rückspiegel zu. Dabei musterte er besonders interessiert meinen Ausschnitt und meine Beine, die von dem kurzen Kleidchen kaum bedeckt wurden. Ich verfluchte Joanna innerlich für diese freizügige Verkleidung. Meinen Einwand, dass etwas Unauffälligeres angebrachter wäre, wies sie ab. Je auffälliger mein Styling war, desto weniger würden sich die Leute an mein Gesicht erinnern können.




    Die Sicherheitskontrolle passierte ich ohne Schwierigkeiten. Joanna hatte schon im Vorfeld darauf geachtet, dass ich nichts an meinem Körper trug, was den Metaldetektor zum Piepen bringen konnte. Nicht einmal ein simples Schmuckstück, denn unnötige Aufmerksamkeit wollte sie vermeiden.




    Doch als ich die Passkontrolle erreichte, glaubte ich, jeden Moment in Ohnmacht zu fallen. Mit zittrigen Händen legte ich der Beamtin einen Pass vor, der mich als Weronika Szymanska und als polnische Staatsbürgerin auswies. Die Beamtin verglich nur kurz mein Gesicht mit dem Foto im Pass und ließ mich passieren. Der Pass war eine hervorragende Fälschung, das musste ich wirklich eingestehen.




    Erleichtert stieg ich kurze Zeit später in das Flugzeug, das soeben aus SimCity eingetroffen war und in Kürze seinen Flug ins russische Samara fortsetzen würde. Der Flug war nicht ausgebucht und so erblickte ich auf dem Weg zu meinem Sitzplatz sofort Joanna, die gleich in einer der vorderen Reihen saß. Ich war mir sicher, dass sie mich trotz der Verkleidung erkannt hatte, sie zeigte aber keinerlei Regung und blätterte gelangweilt in der Bordzeitschrifft. Sie schien über etwas zu lachen, was sie in der Zeitschrift las, unser Zeichen, dass sie mich gesehen hatte und ich wie besprochen weiter machen sollte.




    Unter lautem Dröhnen der Triebwerke hob das Flugzeug ab und begann seinen weiten Weg in die russische Föderation. Nach etwa zwei Stunden Flugzeit stand Joanna auf und ging zu den Waschräumen im vorderen Teil der Kabine. Ich wartete noch etwa zwei Minuten, dann stand auch ich auf und folgte meiner Schwester.




    Ich vergewisserte mich, dass keine der Flugbegleiterinnen oder keiner der übrigen Fluggäste mich beobachtete und klopfte fünf Mal kurz hintereinander an die Tür der Flugzeugtoilette. Joanna reagierte auf das vereinbarte Zeichen und ließ mich hinein.




    Sie stand bereits nur noch in Unterwäsche bekleidet vor mir und hatte ihre Haare zu einem festen Dutt gebunden. „Zieh dich aus, Oxana!“, wies sie mich ohne Begrüßung an. „Wir haben nicht viel Zeit.“ Ich tat, wie geheißen und zog das knappe Kleid aus. Joanna nahm es mir sofort aus der Hand und zog es selbst über. Und ich begann im Gegenzug ihre Kleider überzustreifen.




    Mit einer unglaublichen Geschicktheit verpasste meine Schwester mir in wenigen Sekunden ein neues Make-up und toupierte meine Haare auf. Dann überzeugte sie sich noch ein letztes Mal, ob ihr Kleid auch richtig an mir saß. „Geh jetzt und setz dich auf meinen Platz. Ab diesem Moment bist du nicht mehr Oxana Blech, sondern Donna Joanna Brodlowska. Denk daran.“




    Ich zupfte das neue Kleid selbst noch einmal zurecht und ging dann hinaus in die Kabine des Flugzeugs. Ich war nervös, doch ich versuchte, mir nichts anmerken zu lassen. Die erste Bewährungsprobe war meine Sitznachbarin. Doch als ich mich setzte, lächelte sie mich lediglich freundlich an, ohne zu bemerken, dass nun eine andere Frau neben ihr saß. Meiner Schwester erging es auf meinem ursprünglichen Platz nicht anders.

  • Kapitel 91: Wie eine Rose im Morgentau




    Im Gedränge des Flughafens von Samara verlor ich Joanna schnell aus den Augen. Am Gepäckband wartete ich erst eine halbe Ewigkeit auf mein Gepäck, bis mir einfiel, dass ich ja nach Joannas Koffer Ausschau halten musste. Und als auch diese Hürde genommen war, verließ ich Flughafengebäude, unsicher, was mich jetzt erwarten würde. Mit Boris hatte ich nicht gerechnet. Der rundliche Mann im schwarzen Augen und roter Nase, die sicherlich vom zu vielen Wodka stammt, empfing mich überschwänglich, sobald ich die Tür durchschritten hatte. Ich wusste nicht, ob ihm bewusst war, dass ich nicht die war, die ich vorgab zu sein. Doch das spielte keine Rolle. Ich stieg also in den silbernen Wagen und fuhr mit Boris davon.




    Der Himmel über Samara verfinsterte sich und es begann zu regnen. Das Auto fuhr schnell durch die tristen Vororte der Stadt, die mich stark an die Plattenbau-Siedlungen Warschaus erinnerten. Nur die ungewohnte Schrift verriet, dass ich nicht in Polen war. Schließlich hielt Boris vor einem stattlichen Gebäude im historischen Stadtzentrum Samaras, dem Hotel Bristol-Zhiguly.




    Das Hotel war luxuriös. Schon von außen hatte die prächtige Jugendstillfassade mich beeindruckt und im Inneren setze sich dieser Eindruck fort. Der dunkelgrüne Marmorboden glänzte und war mit edlen Teppichen bedeckt und die Wände waren mit poliertem Edelholz vertäfelt. Ein flüchtiger Blick in das angegliederte Restaurant verriet mir, dass dieses Hotel durchaus beliebt zu sein schien. Und der Service war ausgezeichnet, denn ich hatte kaum die Empfangshalle betreten, als auch schon ein Angestellter des Hotels auf mich zukam, mir einen Tee anbot und sich umgehend um mein Gepäck kümmerte. Er sprach mich direkt als Frau Brodlowska an. Scheinbar kehrte Joanna öfters in diesem Hotel ein.




    Ein Page führte mich in mein Zimmer. Ich war verwirrt, als er neben der Tür stehen blieb und keine Anstalten machte zu gehen, bis mir einfiel, dass er ein Trinkgeld erwartete. Anschließend konnte ich mich ungestört in dem weitläufigen Zimmer umsehen, welches deutlich heller gestaltet war, als die Empfangshalle, aber nicht weniger edel. Ich öffnete den Koffer, der neben dem großen Bett stand und den Joanna für mich vorbereitet hatte. Neben einigen Kleidungsstücken, einer Pistole und einem Handy befand sich dort auch ein Notebook. Ich versuchte die Waffe zu ignorieren, aber mich ließ der Gedanke nicht los, wie Joanna die Pistole unbemerkt in das Flugzeug bekommen hatte. Das würde ich sie bei Gelegenheit fragen müssen. Vorausgesetzt, ich würde je wieder ein Wort mit ihr wechseln. Ich konnte immer noch nicht fassen, dass sie mich zu dieser ganzen Aktion gezwungen hatte.




    Ich legte die Waffe beiseite und schaltete das Notebook ein. Natürlich erwartete mich gleich das nächste Problem, denn es war mit einem Passwort gesichert. Ein Tatsache, die Joanna mir verschwiegen hatte. Doch ganz intuitiv probierte ich es mit dem Wort AINIGRIV und erhielt umgehend Zugang. Dieses Passwort hatten meine Schwester und ich als kleine Mädchen immer verwendet. Es war der Name unserer Mutter rückwärts geschrieben.




    Auf dem Computer waren alle notwendigen Daten gespeichert, die ich für die Erfüllung meines Auftrags brauchen würde. Namen von verschiedenen Geschäftspartnern, Joannas bisherige Treffen mit ihnen und eine detaillierte Beschreibung, was ich zu tun hatte. Es war viel zu lesen und noch mehr zu merken. Aber Joanna hatte mir sehr eindringlich zu verstehen gegeben, dass ich mich gut vorbereiten musste. Andernfalls könnte dieses Abenteuer, wie sie es nannte, ein böses Ende für mich haben. Ich wollte mir gar nicht ausmalen, was genau sie damit gemeint haben konnte.




    Plötzlich vibrieret das Handy, welches immer noch auf dem Boden bei den übrigen Sachen lag, und ließ mich aufschrecken. Ich ging schnell hinüber und hob ab. „Ich hoffe, du bist gut angekommen, Xana“, begrüßte meine Schwester mich. „Dieses Handy kann nicht abgehört werden, also wirst du nur dieses benutzen. Du kannst mich auch nur über dieses Handy erreichen. Drück dazu einfach die Zwei auf dem Nummernblock. Wenn alles wie geplant läuft, wird das aber nicht nötig sein. Dann kannst du schon morgen wieder bei deinem geliebten Mann sein.“ Ihre Stimme triefte vor Hohn, aber ich ignorierte es einfach.




    „Im Koffer findest du ein Schmuckkästchen.“ Ich ging unverzüglich zu meinem Gepäck und fand die Schatulle. „Im Anhänger der Kette befindet sich ein Mikrofon. Du wirst die Kette heute Abend tragen, damit wir dein Treffen mitverfolgen können. In den Ohrringen befindet sich ein Lautsprecher. Boris, dein Cheufer von heute und einer meiner Männer hier in Samara, kann auf diese Weise mit dir in Kontakt bleiben.“ Ich ging zur Frisierkommode des Hotelzimmers und legte die Ohringe und die Kette an. Als ich mich so im Spiegel betrachtete, konnte ich kaum glauben, dass darin neuste Spionagetechnik verbaut sein sollte.




    Joanna gab mir noch ein paar letzte Anweisungen. Und kurz bevor sie auflegte, sagte sie etwas, was mich sehr überraschte. „Viel Glück, Schwesterherz. Ich würde dich nicht hier mit hineinziehen, wenn es nicht nötig wäre.“ Sie klang aufrichtig und das verwirrte mich. Plötzlich klang sie wieder wie meine Jojo, die Schwester, die ich von früher kannte. Doch bevor ich noch weiter darüber nachdenken konnte, klopfte Boris und betrat das Hotelzimmer, um mich für das Treffen abzuholen. Es wurde also ernst.







    Boris fuhr mich an den Stadtrand von Samar, mitten in das Industriegebiet. Der Wagen bog schließlich in eine enge Seitengasse und hielt im Innenhof eines verlassenen Fabrikgebäudes. Boris stieg aus, um mir die Tür zu öffnen. Unsicher kletterte ich aus dem parkenden Wagen und blickte mich um. Dieser Ort war alles andere als einladend und die spärliche Beleuchtung trug nicht dazu bei, dass ich mich wohler fühlte. Warum musste ausgerechnet dieser ungastliche Ort als Treffpunkt dienen? Hätte ein hübsches Hotelzimmer es nicht auch getan?




    Boris ging voraus und führte mich durch die verlassenen Gänge der ehemaligen Fabrik. Ich zuckte zusammen, als plötzlich eine Ratte aus einem Müllhaufen heraus krabbelte und direkt vor meinen Füßen entlanglief. Nur mit Mühe konnte ich ein Kreischen unterdrücken. Ich durfte nicht so zimperlich sein. Ich folgte Boris eine wacklige Treppe hinauf, bevor er vor einer ramponierten Tür stehen blieb. Also hieß es tief durchatmen. Jetzt würde alles davon abhängen, ob mein Gegenüber mir meine Rolle als Donna Joanna Brodlowska abnahm. Ich fuhr mir nervös ein letztes Mal mit den Fingern durch die Haare und gab Boris ein Zeichen, mir die Tür zu öffnen. Er durfte mich allerdings nicht in das innere Begleiten. Das musste ich alleine durchstehen.




    Ja s radostju oschidaju tschto bischu jich, Donna Joanna.“ Die Stimme gehört einem älteren Mann. Allerdings blendete der Schein der Deckenlampe mich so sehr, dass ich sein Gesicht kaum erkennen konnte. „Wy prjekrasny kak roza w utrennem solnze.“ Meine Atmung wurde schneller und ich bemühte mich krampfhaft, Stärke zu demonstrieren. Aber es viel mir nicht leicht. Und dass ich kein Wort Russisch verstand, machte es nicht einfacher.




    Der alte Mann kam langsam auf mich zu, griff meine Hand und gab mir einen feuchten Handkuss. „Er freut sich, Sie zu sehen und er sagt, Sie seien schön wie eine Rose in der Morgensonne.“ Über den winzigen Lautsprecher in meinem Ohr hörte ich Boris’ Stimme, die das Gesprochene eiligst für mich übersetzte. „Spasiba, General Nabakov.“ Für ein „Danke“ reichte mein Russisch noch, aber mehr war nicht drin. In letzter Sekunde half Boris mir aus und sprach mir eine Erwiderung ins Ohr. „Otscharobatelno kak wsserda.“ Ich vermutete, dass ich sein Kompliment erwiderte. So konnte das natürlich nicht weiter gehen. Ich wusste, dass meine Schwester ein perfektes Russisch sprach und der General würde selbst mit Boris Hilfe schnell erkennen, dass ich nicht den blassesten Schimmer hatte, was ich überhaupt sagte.




    Doch glücklicherweise lieferte mir General Nabakov die Rettende Idee. „Wy goworite otscheni choroscho po russki“ sagte er anerkennend und Boris übersetzte, dass er mich für mein ausgezeichnetes Russisch lobte. „Dzikuje bardzo. Takze slyszalam, ze pan general mówi doskonalnie po polsku. Jestem ciekawa, czy to prawda?“ Ich musste alles auf diese Karte setzen. In den Unterlagen auf dem Laptop hatte ich gelesen, dass General Nabakov zur Zeit des kalten Krieges Politikwissenschaften an der Jagiellonen-Universität in Krakau studiert hatte. Er musste also Polnisch sprechen. Also versuchte ich ihn dazu zu bewegen, seine Polnischkenntnisse unter Beweis zu stellen, indem ich vorgab, schon so viele anerkennende Worte darüber gehört zu haben. Wenn ich diesen Mann richtig einschätzte, würde er mir seine Sprachkenntnisse auch direkt vorführen. Ich unterstützte diese Aufforderung mit einem verführerischen Blick, allerdings kam ich mir dabei ziemlich unbeholfen vor.




    Aber General Nabakov merkte davon nichts und plusterte sich sichtlich auf. Er antwortete in einem sehr guten, wenn auch nicht akzentfreien Polnisch: „Es ist schon lange her, dass ich mit jemanden Polnisch sprechen konnte. Ihre Großmutter, Donna Justyna, hatte es sich einmal zur Angewohnheit gemacht. Sie meinte, dass Russisch ihr Kopfschmerzen bereite. Eine Unverschämtheit, so meine geliebte Muttersprache zu beleidigen. Aber einer solch charmanten Frau wie Donna Justyna kann kein Mann lange böse sein. Und wie ich sehe, hat ihre Enkelin diesen Charme von ihr geerbt“. Ich atmete erleichtert auf. Das Spachproblem war also überwunden.




    Aber das war nur der Anfang. Ich musste mit General Nabakov verhandeln. Das hatte meine Schwester von mir verlangt. Es ging um die Aushändigung von Geheimdienstakten, die „zufällig“ in Besitz des Generals gekommen waren und die pikante Details über das Privatleben einiger einflussreicher Politiker und Industrieller in ganz Simropa enthielten. Und diese Akten wollte meine Schwester haben. Zumindest sollte General Nabakov glauben, dass Donna Joanna an diesen Akten interessiert war.

  • Kapitel 92: Erfolg




    Die Geheimdienstakten, die ich von General Nabakov besorgen sollte, waren zwar interessant, aber doch nebensächlich. Joanna wusste, dass dem General nicht nur diese Unterlagen „zufällig“ in die Hände gefallen waren. Was sie wirklich wollte, waren Baupläne, die Nabokov im Safe seiner Villa aufbewahrte. Ich wusste nicht, um was es sich genau dabei handelte. Und wahrscheinlich wollte ich es auch gar nicht wissen. Joanna hat durchblicken lassen, dass es um eine neue Waffe ginge, an der das russische Militär zurzeit forschte. Und einer von Joannas Partnern war sehr interessiert an dieser Plänen.




    Doch niemand durfte wissen, dass sie diejenige war, die diese Pläne besorgte. General Nabakov war ein Mann, mit dem man sich nicht anlegen sollte. Im Tschetschenien-Krieg hatte er den Ruf erlangt, ein Mann ohne Gnade zu sein. Es gab hunderte Männer, die seien Wut zu spüren bekommen hatten und viele hatten sich gewünscht, dass die Kugel dieses Mannes sie sofort erwischt hätte. Der Tod wäre ein Geschenk gewesen, im Vergleich zu der Folter, die ihnen stattdessen bevorstand, wenn General Nabakov sie erst einmal in die Hände bekommen hatte. Und diese Wut wollte Joanna auf keinen Fall am eigenen Leibe zu spüren bekommen.




    Und hier kam ich ins Spiel. Ich sollte General Nabakov ablenken. Niemand in der Unterwelt wusste, dass Donna Joanna eine Zwillingsschwester hatte. Meine Großmutter, Donna Justyna, hatte im Voraus denkend dafür gesorgt, dass dieses Geheimnis wohl behütet blieb. Und jetzt konnte Joanna diese Trumpfkarte ausspielen. Während ich bei Nabakov saß, ihm Honig ums Maul schmierte und um einen angemessenen Preis für die Geheimdienstunterlagen feilschte, brach meine Schwester in des Anwesen von Nabakov ein, um die Baupläne für die neue Waffe der Russen zu stehlen. Am Ende würde niemand den leisesten Verdacht hegen, dass Donna Joanna irgendetwas mit diesem Diebstahl zu tun haben könnte.




    Und der Diebstahl verlief wie am Schnürchen. Mit zwei gekonnten Schüssen aus der Schall gedämpften 9mm-Halbautomatik, schaltete sie die beiden Wachmänner am Eingang des Anwesens aus, noch bevor diese Alarm schlagen konnten. Das Alarmsystem hatte sie schon Wochen zuvor ausgekundschaftet und es fiel ihr nicht schwer, es innerhalb weniger Minuten zu deaktivieren. Allerdings würde innerhalb von fünf Minuten ein versteckter Alarm auslöst werden, den sie nicht umgehen konnte. Sie musste sich also beeilen.




    Im Haus selber kam sie nur langsam voran, weil immer wieder Wachleute ihren Weg kreuzten und sie den Kameras aus dem Weg gehen musste. Doch in ihrem dunklen Tarnanzug war sie so gut wie unsichtbar und sie hatte dafür gesorgt, dass die Wachmänner an diesem Tag ein kleines Präsent in Form von Wodka erhielten. Das sollte dafür sorgen, dass ihre Aufmerksamkeit genügend sank.




    Unbehelligt gelangte sie in das Arbeitszimmer des Generals im oberen Stockwerk der Villa. Die Tür war war mit einem Dietrich leicht zu öffnen. Der schwierigste Teil der Mission würde das Knacken des Tresors werden. Er war mit einem siebenstelligen Code gesichert und erforderte zusätzlich die Stimmaktivierung von General Nabakov. Der Code war kein Problem, dafür hatte Joanna das notwendige Dechiffrier-Gerät. Und die Stimme des Generals hatte ich ihr heute besorgt. Über den Anhänger an meiner Kette hatte sie seine Stimme aufgezeichnet und konnte diese nutzen, um den Tresor zu öffnen.




    Mit einem deutlichen Knacken lösten sich die Bolzen aus der Verankerung und die schwere Eisenschublade glitt lautlos nach vorne. Hastig durchsuchte Joanna den Inhalt. Geld und andere Wertpapiere interessierten sie nicht. Sie wollte nur die Baupläne und fand sie schließlich in einer braunen Ledermappe. Doch die Dechiffrierung hatte länger gedauert, als sie es geplant hatte. Hastig steckte sie die Baupläne ein. Es blieb keine Zeit mehr, sie lediglich zu kopieren. In wenigen Sekunden würde der Alarm losgehen und zu diesem Zeitpunkt wollte sie nicht mehr an diesem Ort sein.




    Hastig versteckte sie die Papiere unter ihrer Weste und schlich, genauso lautlos und ungesehen wie sie gekommen war, aus der Villa. Als sie von der Mauer des Anwesens in den angrenzenden Park sprang, hörte sie noch, wie die Alarmsirenen ertönten. Aber da war Joanna schon über alle Berge, und die Baupläne mit ihr.







    Derweil war ich immer noch mit Nabakov beschäftigt. Er erzählte mir voller Stolz von seinen Gräueltaten in Grosny und in Kabul während der sowjetischen Besatzung. Innerlich rang ich damit, mich nicht an Ort und Stelle zu übergeben, aber ich lächelte tapfer weiter und tat so, als ob ich von ihm und seinen Heldentaten beeindruckt wäre. Joanna hatte mir deutlich gemacht, wie wichtig es war, dem Ego dieses Mannes zu schmeicheln und ihn nicht zu verärgern.




    Plötzlich hörte ich wieder Boris Stimme in meinem Ohr. Ich hatte inzwischen fast vergessen, dass er in einem Raum ganz in meiner Nähe saß und jedes Wort mithörte. „Der Falke hat das Nest verlassen“. Das war das Signal, dass Joanna erfolgreich war und ich nun die Dokumente besorgen sollte. „So, General Nabakov“, säuselte ich deshalb, „ich würde zwar noch gerne weiter Ihren Geschichten lauschen, aber ich bin eine viel beschäftigte Frau. Was also ist Ihr Preis für die Geheimdienstunterlagen?




    Der General wurde augenblicklich ernst. „15 Million Rubel in Gold. Die Finanzmärkte sind launenhaft und ich bin ein Traditionalist. Gold bleibt schließlich Gold.“ „Er will 400000 §. Du musst ihn runterhandeln“, forderte Boris mich auf. Und wie sollte ich das machen? Ich konnte noch nie Handeln. Bei meinen Flitterwochen in Ägypten hat sicher jeder Basarhändler den vierfachen Preis von mir abkassiert und mir diesen auch noch als Schnäppchen verkauft. Aber ich musste da jetzt durch. „10 Millionen, Nabakov. Und die Transportkosten übernehme Sie selbst. So viel Gold wiegt eine ganz schöne Menge. Und damit wir uns richtig verstehen, ich will die Originaldokument und nicht irgendeine Kopie. Ich bezahle nicht dafür, dass jeder Gauner westlich des Urals Zugriff auf dieselben Informationen erhält wie ich.




    Ich hörte Boris aufkeuchen. War ich etwa zu weit gegangen? Ich bekam es mit der Angst zu tun. Doch General Nabakov sah mich zwar mit festem, aber keineswegs verärgertem Blick an. Stattdessen erhob er sich von seinem Stuhl und kam langsam auf mich zu. Er reichte mir seien Hand und zog mich zu sich hinauf. „Für diesen Preis verlange ich aber ein persönliches Entgegenkommen. Ich bin nicht nur auf dem Schlachtfeld sehr bewandert.“ Er grinste dreckig und griff mit seiner Hand nach meinen Gesäß, um unmissverständlich klar zu machen, worauf er anspielte. In mir stieg der Ekel auf und ich wollte diese widerliche Hand am liebsten weg schlagen. Oh, Gott, was sollte ich jetzt bloß machen? Wie hätte Joanna jetzt reagiert.




    Doch bevor ich irgendetwas unternehmen konnte, sprang die Tür auf und ein junger Mann schritt zu General Nabakov und flüsterte ihm aufgeregt etwas ins Ohr. Mir fiel ein Stein vom Herzen und ich sandte ein stummes Stoßgebet zur Gottesmutter. Dann fiel mir auf, dass sich Nabakovs Hand, die eben noch meinen Körper begrabscht hatte, zu einer Faust ballte. Sein Gesicht lief rot an und er begann sichtlich zu beben.




    „Das ist unmöglich!“, brüllte Nabakov schließlich „Wer würde es wagen sich mit General Nabakov anzulegen?!“ Der junge Mann zuckte hilflos mit den Schultern und trat dann bewusste einige Schritte zurück. Auch ich entschied, dass es das Beste wäre, wenn ich in dieser Situation einfach schwieg. Denn Nabakov kochte und ich hatte das ungute Gefühl, dass er seine Wut an seinem Boten oder, was viel schlimmer wäre, an mir auslassen könnte. Ich hatte da nämlich eine Ahnung, was ihm gerade ins Ohr geflüstert wurde. Die Nachricht von Joannas Erfolg verbreitete sich ziemlich rasant.




    Doch Nabakov beruhighte sich, wenn auch nur ein klein wenig. „10 Millionen Rubel in Gold und Sie erhalten die Originale. Den Transport zahlen aber Sie. Was ist, sind wir uns einig, Donna Joanna?“ Natürlich stimmte ich zu. Ich wollte dieses Theater nur beenden und zu Dominik und meinen Kindern zurückkehren. „Die Dokumente hinterlasse ich am vereinbarten Übergabeort, sobald die Hälfte des Goldes da ist. Es war mir eine Freude, Geschäfte mit ihnen zu machen, Donna Joanna.“ Er verbeugte sich knapp und verließ dann hastig den Raum und ich sank erleichtert in meinen Stuhl zurück. Es fühlte sich an, als ob sich ein Felsbrocken von meiner Seele gelöst hätte.

  • Kapitel 93: Bella




    Ich stand auf und wollte so schnell es ging zu Boris, als jemand mich ansprach. „Joanna, Joanna. Wir haben uns schon eine Weile nicht mehr gesehen.“ Es war der junge Mann. Ich hatte vollkommen vergessen, dass er noch im Raum war. Überrascht blickte ich ihn an. Wer war er bloß. „Ich war beschäftigt“, stammelte ich. „Du weißt doch, wie das Geschäft so ist“. Ich konnte nur hoffen, dass dieser Typ schnell seinem Boss hinterher laufen würde. Doch der junge Mann machte keine Anstalten zu gehen.




    „Warst du etwa so beschäftigt, dass du dich in Siena nicht einmal mehr verabschieden konntest. Ich bin morgens aufgewacht und das Bett an meiner Seite war leer. Das war nicht nett von dir, Joanna“. Er kam auf mich zu und strich meine Wange. Instinktiv riss ich meinen Kopf zur Seite und wehrte seine Hand ab. „So widerspenstig warst du bei unserem letzten Treffen aber nicht“, reagierte der junge Mann gespielt betroffen. „Ich kann mich noch genau erinnern, wie du vor Vergnügen geschrien hast, als ich es dir besorgt habe, immer und immer wieder.“




    Plötzlich meldete sich Joanna über den Chip in meinem Ohr. Sie war gerade erst zu Boris gestoßen. „Das ist Giovanni Martinelli. Ich hatte vor sechs Monaten eine Romanze mit ihm. Er ist ein enger Freund von General Nabakov. Du musst das Spiel also unbedingt weiter spielen, sonst war alles umsonst.“




    Was? Ich sollte noch weiter so tun, als ob ich meine Schwester wäre? Und das auch noch vor einem Mann, der offensichtlich mit ihr geschlafen hatte und es gerne wiederholen wollte, wenn ich seien Blick richtig deutete. „Es tut mit leid, Giovanni, aber ich hatte dringende Geschäfte, die nicht warten konnten.“ Er sah mir in die Augen, griff grob nach meinem Handgelenk und zog mich zu sich heran. Ich war so überrumpelt, dass ich keine Gegenwehr leistete, als er seien Lippen ungestüm auf meine presste und seine Zunge Einlass in meinen Mund forderte.




    „Bella, wie habe ich das vermisst“, gestand er, als seine Lippen sich wieder von meinen lösten. „Da verzeihe ich dir sogar, dass du mich einfach ohne ein Wort hast sitzen lassen.“ Mit seiner Hand strich er über meine blasse Wange. Ich wusste nicht, was ich darauf entgegnen sollte und Joanna machte auch keine Anstalten, mir irgendeinen Hinweis zu geben. „Lass uns von hier verschwinden, Bella. Ich habe ein nettes Hotelzimmer gleich hier in der Nähe. Da können wir dort weiter machen, wo wir vor sechs Monaten aufgehört haben.“ Ich wollte nicht mit diesem Mann mitgehen. Doch ein eindringliches „Tue es!“ von Joanna ließ mir gar keine andere Wahl.




    Ich ging also mit diesem Giovanni mit. Vor dem Fabrikgebäude wartete bereits ein Wagen auf uns beide und ich stieg mit ihm in das Auto. Plötzlich meldete sich erneut Joanna über die Wanze in meinem Ohr. „Ich will, dass du ihn mit in sein Hotelzimmer begleitest. Lass dich auf ihn ein. Giovanni darf auf keinen Fall Verdacht schöpfen. Boris wird kommen und die da rausholen bevor Giovanni zu weit gehen kann.“




    Ich fühlte mich nicht wohl bei dieser Sache. Schon im Auto wurde Giovanni zudringlich und ich konnte erahnen, wie es im Hotelzimmer weiter gehen würde. Joanna ermahnte mich noch ein weiteres Mal eindringlich, seine Annährungsversuche nicht zu deutlich abzulehnen. Doch es fiel mir schwer und am liebsten hätte ich ihn weit von mir gestoßen, als seine Hände begannen, meinen Körper zu erkunden.




    Irgendwie gelang es mir, ihn zurück zu halten. Doch ich wusste, dass mir das nicht mehr sehr lange gelingen würde. Giovanni wurde zunehmend ungeduldig. Als wir in seinem Hotelzimmer ankamen, lag ein Päckchen auf dem großen Doppelbett. „Ich habe schnell ein Geschenk für dich kommen lassen, Bella. Mach es auf.“ Ich folgte zögerlich seiner Bitte, aber insgeheim war ich froh für diese Verzögerung. Boris sollte sich mit der Rettungsaktion beeilen, denn ich wollte schleunigst von hier weg.




    Ich hob den Deckel des Kartons und fand darin ein Negligee. „Bei unserem letzten Treffen hast du genau so eins getragen, Bella“, flüsterte Giovanni über meine Schulter in mein Ohr. „Ich will, dass du es für mich anziehst.“ Ich bekam eine Gänsehaut bei dem Gedanken, mich diesem Mann fast nackt zu zeigen. Doch ich sah keinen Ausweg. Ich betete, dass Boris gleich hier auftauchen würde. Und bis es so weit war, musste ich das Spiel mitspielen. Ich warf Giovanni deshalb den verführerischten Blick zu, der mir in dieser Situation gelang und verschwand im Bad.




    Ich ließ mir viel Zeit mit dem Umziehen. Und selbst, als ich fertig war, setzte ich mich einfach auf den Rand eines Podestes neben der Dusche, nur um nicht wieder hinaus zu müssen. Doch irgendwann wurde Giovanni ungeduldig. „Bella, wie lange willst du mich noch warten lassen? Komm zu deinem Hengst.“ Ich atmete tief durch und trat dann aus dem Badezimmer.




    Ich schämte mich furchtbar. Vor allem, als ich bemerkte, dass Giovanni nur in Unterwäsche bekleidet auf dem Bett saß. Und ihm entging meine Zurückhaltung keineswegs, allerdings interpretierte er sie auf eine ganz andere Weise. „Oh, du willst heute als die unschuldige Jungfrau spielen? Du weiß, wie mich dieses Spiel anmacht.“ Ich begann leicht zu zittern. Warum half mir bloß keiner? Und warum war Boris noch immer nicht da?




    Giovanni erhob sich vom Bett und holte zwei Sektgläser, die auf dem Nachttisch vorbereitet standen. Eines davon reichte er mir. „Lass uns auf unser unerwartetes Widersehen anstoßen, Bella. Hoffentlich muss ich am nächsten Morgen nicht wieder alleine aufwachen.“ Ich lächelte mutig und nahm dann einen großen Schluck von dem prickelnden Getränk. Giovanni nippte nur kurz an seinem Glas, nahm dann auch meins aus der Hand und stellte beide auf dem Schreibtisch ab.




    Und dann kam er auf mich zu. Ich wich instinktiv einen Schritt zurück, doch Giovanni zog mich mit einem kräftigen Griff zu sich heran. „Nein, Bella, heute wirst du mir nicht entwischen“. Und dann begann er ungestüm meinen Hals und mein entblößtes Dekoltee zu küssen. Ich schloss meine Augen und ließ alles über mich ergehen. Aber ich betete, dass mich jemand aus dieser furchtbaren Situation retten würde.




    Doch es kam niemand. Und Giovannis Hände drangen forsch unter mein Negligee. Das ging zu weit. Ich wollte nicht mehr und versuchte mich zu wehren, doch das stachelte ihn nur noch mehr an. Und plötzlich begann sich alles um mich herum zu drehen. Das Hotelzimmer begann vor meinen Augen zu verschwimmen und ich merkte, wie meine Knie nachgaben. Verwirrt blickte ich in Giovannis Gesicht, auf dem sich ein fieses Grinsen abzeichnete. „Ich habe dir doch gesagt, dass du mir diesmal nicht entkommen wirst“. Diese Worte waren die letzten, die ich hörte, bevor alles um mich herum schwarz wurde.


  • Kapitel 94: Süße Dunkelheit




    „Boss, sie wird wach“. Eine dumpfe Stimme drang an mein Bewusstsein. Langsam öffnete ich meine Augen, doch in dem Dämmerlicht konnte ich kaum etwas erkennen. Ich versuchte mich zu bewegen, doch es ging nicht. Panik stieg in mir auf. Es dauerte einige Minuten, bis ich realisierte, dass ich gefesselt war. Dann fiel mir auf, dass ich plötzlich eine Jeans und ein schwarzes Oberteil trug. Was war bloß passiert? Und wo war ich?




    „Sie mal an, wer endlich aufgewacht ist.“ Ich blickte auf und sah direkt in Giovannis Gesicht. Erneut versuchte ich mich von den Fesseln zu lösen, doch das löste bei Giovanni nur ein Lachen aus. „Spar dir deine Kräfte, Joanna, du wirst sie noch bitter nötig haben. Du entkommst mir nicht.“ Er ging zu einem Schreibtisch hinüber und holte etwas. Direkt vor meinen Augen ließ er meine Halskette mit dem eingebauten Mikrofon aus seiner Hand fallen, die nun wie ein Uhrpendel hin und her schwang. „Beeindruckende Technik, Joanna. Und die Ohrringe erst. Wir hatten sie beim ersten Check glatt übersehen.“




    „Aber glücklicherweise gibt es ja Rudolf“, er zeigte auf einen finsteren, hageren Mann in der Ecke. Wahrscheinlich war es seien Stimme, die ich zuvor gehört hatte. „Er ist ein sehr genauer Mann.“ Meine Kette und die Ohrringe waren weg? In diesem Moment wurde mir bewusst, dass ich nun völlig auf mich allein gestellt war. Keiner konnte mir jetzt mehr helfen. Ich bekam Angst, furchtbar Angst. Wo war ich hier bloß hineingeraten? Vorgestern war ich noch bei Dominik und den Kindern und heute wurde ich von einem unberechenbaren Ganoven festgehalten. Das musste alles ein schlechter Traum sein!




    „Was wollen Sie von mir?“ Diese Frage kostete mich alle Kraft, die ich aufbringen konnte, und ich sah Giovanni ängstlich an. „Warum denn so förmlich, Joanna?“, er kam mit seinen Gesicht bis auf wenige Millimeter an meins heran, sodass ich seinen heißen Atem spüren konnte. „Du weiß ganz genau, weshalb du hier bist. Und wenn du hier wieder lebend raus kommen willst, dann solltest du deine Spielchen vergessen. Noch einmal legst du mich nicht herein.“




    Ich wusste nicht, wovon er sprach. Meine Schwester muss ihn irgendwann hintergangen haben, aber woher sollte ich etwas davon wissen? Ich blickte Giovanni immer noch an, wie ein verängstigtes Kind, doch davon nahm er kaum Notiz. „Weißt du eigentlich, was das für ein Gefühl war, vor sechs Monaten. Da wach ich auf, und die Frau, die ich noch wenige Stunden zuvor geliebt hatte ist weg. Und was muss ich dann feststellen? Alle meine Festplatten mit den Zugangscodes zum chinesischen Sattelitennetzwerk sind auf wundersame Weise unbrauchbar. Hast du wirklich geglaubt, dass ich nicht sofort wusste, dass du mich nur ausgenutzt hast, um an die Daten zu kommen?“ Sein Blick spiegelte blanken Hass wider.




    „Als ich dich dann gestern bei General Nabakov sah, wusste ich, dass meine Chance zur Rache gekommen war. Du hast es mir allerdings leichter gemacht, als erwartet. Im Sekt war ein Schlafmittel. Das du das nicht durchschaut hast? Ich verstehe immer noch nicht, warum du überhaupt so bereitwillig mitgekommen bist. Hab ich etwa doch Eindruck bei dir hinterlassen? Du warst nur Mittelmaß, wenn ich ehrlich bin. Jede Hure in Neapel hat mehr zu bieten, als du, Joanna. Aber richtig, dein versoffener Gorilla sollte mich beseitigen, während du mich ablenkst, habe ich Recht? Nur zu dumm, dass ich schneller war. Dieser Fettsack war wirklich kein Gegner für mich.“ Boris!? Oh mein, Gott, er hatte Boris umgebracht! Ich begann am ganzen Körper zu zittern, denn ich erkannte, dass dieser Mann zu allem fähig war.




    Giovanni packte mich am Kinn und zwang mich dazu, ihm direkt in die Augen zu sehen. „Ich will meine Daten zurück, Joanna. Wo hast du sie versteckt?“ Oh Gott, oh Gott, bitte hilf mir! Woher sollte ich wissen, wo die Daten waren? Ich war doch nicht die, für die er mich hielt. „Ich habe sie nicht“, antwortete ich deshalb wahrheitsgemäß. Ich hatte Mühe damit, dass meine Stimme sich nicht überschlug. „Das war ein Fehler, Joanna. Du hättest mir einfach sagen sollen, wo du die Daten hast. Aber du hast es ja so gewollt.“ Er trat einen Schritt von meinem Stuhl zurück und nickte Rudolf zu, der dreckig grinste. Der Schmerz, der dann folgte, war unbeschreiblich. „Ahhhhh!“ Ich schrie wie eine Wahnsinnige. Mein ganzer Körper zuckte und der Geruch von versengtem Haar drang an meine Nase. Erst als der Schmerz nachließ, erkannte ich, dass ein Stromschlag meinen Körper durchzuckt hatte.




    „Nun, vielleicht hast du deine Meinung inzwischen geändert, Joanna. Das war nur eine kleine Kostprobe von dem, was dich noch erwartet, wenn du mir nicht sagst, was ich hören will.“ Ich zitterte heftig und unter Schluchzen beteuerte ich, dass ich seien Daten wirklich nicht hatte. Doch Giovanni lachte nur hämisch und im gleichen Augenblick durchzuckte der nächste Stromschlag meinen Körper. Der Schmerz war noch viel unerträglicher, als beim ersten Mal. Tränen liefen über mein Gesicht, doch das beeindruckte Giovanni nicht im geringsten.




    Nach dem dritten Schlag spürte ich, wie mein Herz unkontrolliert raste. Ich hatte das Gefühl, als ob meine Brust jeden Moment zerspringen würde. „Bitte aufhören“, flechte ich Giovanni unter Tränen an. „Hör bitte auf. Ich weiß nicht, wo deine Daten sind. Ich bin nicht die, für die du mich hältst. Ich bin nicht Joanna. Ich bin es wirklich nicht!“ Doch Giovanni schüttelte nur den Kopf. „Also wirklich, Joanna. Du musst dir schon eine bessere Geschichte einfallen lassen. Als ob ich die Frau nicht erkennen würde, mit der ich wochenlang das Bett geteilt habe.“




    Ich weiß nicht, wie lange Giovanni mich noch quälen ließ. Irgendwann hatte ich aufgehört zu zählen und jedes Zeitgefühl verloren. Ich hörte kaum noch seine Fragen, spürte nicht, wie er mich schlug, wie die Stromschläge meinen Körper durchzuckten. Ich konnte irgendwann nicht einmal mehr weinen. Schließlich verlor ich das Bewusstsein. Das erlöste mich…. zumindest für den Augenblick.







    Aus weiter Ferne drang das Tropfen von Wasser an mein Ohr und allmählich kam ich wieder zu mir. Doch damit kehrte auch der Schmerz zurück. Ich stöhnte heftig, als ich versuchte, mich zu bewegen. Alles tat weh, meine Arme, meine Beine, meine Brustkorb, mein Gesicht, einfach alles. Ich realisierte, dass ich auf kalten, dreckigem Beton lag. Ich schlug meine Augen auf und blickt mich um, so weit es ging, ohne meinen Kopf zu bewegen. Ich war allein.




    Ich hatte nicht die Kraft, mich aufzurichten. Also bleib ich liegen. Der Dreck und die Feuchtigkeit waren mir egal. Mir war alles egal. Ich wollte nur, dass der Schmerz aufhörte. „Nimm mich zu dir, Herr“, flüsterte ich kraftlos und spürte, wie Blut aus meinem Mund quoll. „Herr, erlös mich von diesen Qualen.“ In diesen Moment wünschte ich mir nichts mehr, als zu sterben und in Gottes himmlisches Reich aufgenommen zu werden. Und als sich die süße Dunkelheit erneut um mich legte, schien mein Wunsch sich zu erfüllen.

  • Kapitel 95: Ein rettender Engel




    Irgendwann hörte ich ein Geräusch…eine rostige Tür, die in den Angeln knartschte. Gott hatte mich also nicht erhört. Ich lag immer noch auf dem kalten, feuchten Boden. Ich hörte Schritte, die auf mich zukamen. Es würde also weiter gehen. Ich konnte nicht mehr. Noch einmal würde ich diese Qualen nicht ertragen können.




    Die Person beugte sich zu mir herunter und streckte ihre Hand aus. Ich konnte es verschwommen aus dem Augenwinkel erkennen. Hätte ich die Kraft gehabt, wäre ich zurückgewichen. Aber so konnte ich nur voller Angst auf den Schmerz warten. Doch stattdessen strich diese Hand mir sanft eine blutige Strähne aus dem Gesicht und streichelte meine Wange. Ich begann zu zittern, denn diese plötzliche Zärtlichkeit konnte nur ein perverses Spiel sein, um mich weiter zu quälen. „Oxana, Oxana komm zu dir“, redete die Stimme beruhigend auf mich ein. Sie kam mir seltsam bekannt vor. „Du musst wieder zu dir kommen. Du musst fliehen. Beeil dich.“ Die Stimme klang sanft, aber ich hörte die Dringlichkeit heraus.




    Unter größter Anstrengung, hob ich meinen Kopf. Alles drehte sich und die Sicht vor meinen Augen verschwamm. Die Person, dieser unbekannte Mann, half mir mich auf zu richten und stützte mich mit kräftigem Griff. „Oxana, hör mir genau zu. Folge dem Gang nach rechts und dann an der Gabelung noch einmal nach rechts“, flüsterte er in mein Ohr. „Am Ende des Gangs kommst du zu einer Leiter. Die musst du hinauf klettern. Es wird schwer, aber es ist der einzige Weg hier raus. Du kommst in einem Wald raus. Wenn du draußen bist, läufst du nach Süden. Lauf einfach auf die Bergekette zu. Nach etwa fünf Kilometern stößt du auf eine viel befahrene Straße. Wenn du es bis dahin schaffst, dann bist du in Sicherheit. Es tut mir Leid, dass ich nicht mehr für dich tun kann. Mir tut so viel Leid. Verzeih mir, Tochter.“




    Er ließ mich los und ich fiel benommen zurück und stützte mich an der Wand ab, so gut es ging. Dann war der Mann wieder verschwunden. Ich drohte wieder in Ohnmacht zu fallen, doch dann drangen seien Worte an mein Ohr. Er hatte mich Tochter genannt! Schlagartig wurde ich wieder klar im Kopf. War das möglich? Die Stimme, sie kam mir gleich so vertraut vor, auch wenn ich sie seit Jahren nicht gehört hatte? War es möglich, dass... Dad gerade hier in meinem dunklen Verlies gewesen ist?




    Aber er war doch tot? Er war vor fünf Jahren mit seiner Jacht auf dem Atlantik in einen Sturm geraten und ums Leben gekommen. Es musste ein Traum gewesen sein. Oder eine Halluzination. Oder es war einfach nur ein fremder Mann. Aber er hatte mich Oxana genannt! Er wusste genau, dass ich nicht Joanna war. Das konnte nur Dad wissen. Aber das war unmöglich, es musste also doch ein Traum gewesen sein. Egal, was es war, ich war wieder hell wach. Mein ganzer Körper schmerzte und ich musste mich zusammenreißen, um nicht laut aufzuschreien, aber ich rappelte mich auf. Die Tür! Sie war offen! Es war also wirklich jemand bei mir gewesen.




    Vorsichtig spähte ich hinaus in den Gang. Er war kaum beleuchtet und in den Schatten konnte sich leicht jemand verstecken. Aber ich musste es riskieren. Wenn ich hier leben raus wollte, musste ich vertrauen, dass dieser Mann, wer immer er auch war, mir den richtigen Weg beschrieben hatte.




    Also lief ich los. Besser gesagt, ich humpelte, denn mein linkes Bein tat höllisch weh. Ich erkannte eine tiefe Wunde auf dem Oberschenkel, die immer noch blutete, doch ich hatte keine Zeit, mich damit zu beschäftigen. Ich musste weiter. Plötzlich gefror mein Herz. Ich hörte schwere Schritte auf dem kahlen Betonboden widerhallen. Sie wurden immer lauter, also kam jemand direkt auf mich zu. Ich blickte mich hastig um, doch ich konnte mich nirgends verstecken. Was sollte ich bloß tun?




    Doch es blieb keine Zeit zum Nachdenken. Plötzlich bog dieser Schrank von einem Mann um die Ecke und lief direkt in mich hinein. Zu meinem Glück war er genauso erstaunt mich zu sehen, wie ich erstaunt war, als ich seien Schritte näher kommen hörte. Aber ich hatte ihn zuerst gehört. Und dieser Bruchteil einer Sekunde, den er brauchte um zu verstehen was hier vor sich ging, genügte, um mir den entscheidenden Vorteil zu verschaffen. Geistesgegenwärtig trat ich zu und schlug die Waffe aus seiner Hand. Und bevor er reagieren könnte, trat ich mit aller Wucht, die ich aufbringen konnte gegen seinen Brustkorb.




    Er taumelte zurück. Doch jetzt sah er, dass nur eine kleine, schwache Frau vor ihm stand. Blutüberströmt und verletzt. Er fühlte sich überlegen, und das zu Recht. Doch in meinem Inneren breitete sich eine ungekannte Wut aus. Ich würde nicht in diesem Drecksloch sterben. Ich würde es nicht zulassen. Und ich weiß nicht, woher ich die Kraft nahm. Aber ich trat zu und erwischte diesen Kerl genau unter seinem Kinn. Alles was ich über Kampfsport wusste, hatte ich in diesen einen Tritt gesetzt.




    Und plötzlich sackte der Kerl wie ein schwerer Sandsack in sich zusammen und fiel krachend auf den Boden. Erschrocken blickte ich auf seinen regungslosen Körper, der vor mir lag. War er etwa tot? Ich wollte es gar nicht wissen. Zitternd hockte ich mich zu ihm herunter und griff nach seiner Pistole. Mit der Waffe in der Hand rannte ich weiter, ohne auch nur noch einen Gedanken an ihn zu verschwenden.




    Ich rannte, so schnell mich meine müden Beine es zuließen. Doch ich spürte, dass mir langsam die Kraft ausging. Aber ich durfte nicht aufgeben. Ich musste es hier heraus schaffen. Bilder schossen durch meinen Kopf. Bilder von Dominik, wie er mich in seinem Arm hielt. Bilder von Kinga und Klaudia, meinen zwei kleinen Mädchen. Wenn ich es hier nicht hinaus schaffen würde, würde ich niemals sehen, wie mein Pummelchen in die Schule kam, wie Kinga ihre erste große Liebe traf, wie sie zur Uni ging. Nein, ich musste kämpfen. Für meine Familie musste ich das überstehen.




    Ich bog um die nächste Ecke und in etwa 50 Metern Entfernung konnte ich im Zwielicht einer Lampe die ersehnte Leiter sehen, die mich in meine Freiheit führen würde. Es waren nur noch wenige Meter. „Bleib sofort stehen, Joanna.“




    Giovannis Stimme hallte in dem engen Gang wider. Innerlich sank ich zusammen. Jetzt war alles vorbei. Jetzt kam ich nicht mehr lebend hier heraus. Der Weg in die Freiheit war so nah und doch unerreichbar für mich. „Ich weiß zwar nicht, wie du es geschafft hast zu fliehen, aber deine Flucht hat hier ein Ende, Joanna!“ Kinga! Klaudia! Dominik! Nein, hier würde ich nicht enden! Ich straffte meine Schultern und drehte mich langsam zu Giovanni um. Er lachte. „Du bist wirklich ein amüsantes Ding, Joanna. Wir hätten viel Spaß zusammen haben können. Aber du musstest mich ja betrügen. Und jetzt sei ein braves Mädchen und komm zu mir. Vielleicht sehe ich ja über deinen Fluchtversuch hinweg. Immerhin hast du mich gut unterhalten.“




    Ich hielt meinen Blick aufrecht und ging auf ihn zu. Ich würde mir keine Blöße mehr vor ihm geben. Nicht noch einmal. Der Gang war schlecht beleuchtet. Und das war mein Glück, denn so bemerkte Giovanni erst, dass ich etwas hinter meinem Rücken verborgen hielt, als es für ihn zu spät war.




    „Was versteckst du da?“, fragte er mehr belustigt als besorgt und es sollten seine letzten Worte sein. „Ein Geschenk für dich, Giovanni.“ Blitzschnell zog ich die Pistole hinter meienm Rücken hervor, richtete sie auf diesen räudigen Widerling und drückte ab.




    Ich sah das Entsetzen in seinen Augen, als die Pistolenkugel seinen Brustkorb durchschlug. Er konnte es nicht fassen. Er blickte an sich hinab, sah das Blut, das aus dem Einschussloch quoll. Mit seinen Händen versuchte er noch, den warmen Blutstrom aufzuhalten, doch es nützte nichts. Und dann kippte er einfach um. Er brachte nicht einmal mehr ein letztes Wort zustande. Auch all seine Grausamkeit konnte ihn nicht mehr vor dem Tod retten.




    Als ich ihn fallen sah, begann meine Hand zu zittern und Pistole glitt mir aus den Fingern. Meine Knie drohten nachzugeben, doch ich krallte mich an der Wand fest und schaffte es, mich aufrecht zu halten. Übelkeit stieg in mir auf und die konnte ich nicht unterdrücken. Ich übergab mich noch an Ort und Stelle. Bebend wischte ich mir das Erbrochene vom Mund und sah ein letztes Mal auf den Mann, der mich fast zu Tode gefoltert hätte. Eine Blutlache breitete sich langsam unter ihm aus.




    Dann fiel mir wieder ein, dass ich hier weg musste. Rudolf musste noch irgendwo hier unten sein und wer wusste schon, was für dunkle Gestalten sich sonst noch hier herum trieben. Ich wollte es nicht erfahren. Auf wackligen Beinen schaffte ich es zur Leiter und kletterte mit letzter Kraft nach oben.




    Die kalte Nachtluft war wie eine Erlösung. Doch sie war auch trügerisch. Ich spürte, wie die Kraft meine Glieder verließ und ich drohte, erneut das Bewusstsein zu verlieren. Ich taumelte einige Schritte in den Wald hinein, bloß weg von diesem Bunker, in dem ich Höllenqualen erleiden musste. Aber weit schaffte ich es nicht. Ich brauchte einfach eine Pause und das weiche Moos auf dem Waldboden war so einladend. Ich ließ mich fallen und schnappte nach Luft. Nur ein paar Minuten. Ich musste mich nur ein paar Minuten ausruhen.

  • Kapitel 96: Ich liebe dich




    Ich wäre dort gestorben. Ich wäre dort im Wald gestorben, wenn nicht erneut ein Engel erschienen wäre, um mich zu retten. Es war der gleiche Engel, der mich schon aus meinem Verlies befreit hatte. Er hob mich auf und trug mich durch den Wald. Hin und wieder erwachte ich aus meiner Ohnmacht und sah sein Gesicht….oder ich glaubte es zu sehen. Alles war so unklar und ich war so müde.




    „Xana! Xana, wach auf!“. Mit Mühe hob ich meine Augenlider und blickte in mein eigens Gesicht. Nein, nicht mein Gesicht. Es war Joanna die über mir hockte und mir plötzlich eine leichte Ohrfeige verpasste. Der Schmerz weckte mich endgültig auf. Ich blickte mich um und stellte fest, dass ich an einer Straße war. Doch wie ich hierher gekommen war, konnte ich nicht sagen. Eine Erinnerung an einen Mann, der mich durch den Wald trug flackerte kurz auf, doch sie erlosch gleich wieder. Irgendwie hatte ich es scheinbar aus eigener Kraft zur Straße geschafft.




    „Mir müssen hier sofort weg.“ Joanna half mir auf und schleppte mich zu einem Wagen, der mit laufendem Motor am Straßenrand stand. Ich bin mir nicht sicher, wie ich es in das Innere des Autos schaffte. Aber als der Motor ansprang und der Wagen sich in Bewegung setzte, fiel ich augenblicklich in einen tiefen, traumlosen Schlaf.







    Ich erwachte erst Stunden später. Ich saß immer noch im Auto. Inzwischen war die Morgensonne aufgegangen. Der Schmerz in meinem ganzen Körper erinnerte mich umgehend daran, was passiert war. Ich wollte am liebsten meine Augen wieder schließen und weiter schlafen. Doch jetzt, wo ich einmal wach war, war es dafür zu spät. Ich wusste nicht, ob Joanna bemerkt hatte, dass ich nicht mehr länger schlief. Zumindest ließ sie es sich nicht anmerken. Ich blickte aus dem Fenster und erhaschte einen Blick auf ein Verkehrsschild. „SimNation 130 km, Lisboa 95 km“. In meinem Kopf ratterte es. Wenn das stimmte, dann war ich in Portugal und die SimNation, mein Zuhause, nur noch wenige Kilometer entfernt.




    Ich wusste nicht, was Joanna tun musste, damit die Grenzpolizei uns passieren ließ. Und ich wollte es auch gar nicht wissen. Aber ohne Pässe und mit einer blutverschmierten Frau im Wagen dürfte sie einige Schwierigkeiten gehabt haben. Aber Joanna hatte ihre Mittel, und seien es bloß ihre weiblichen Reize. Für mich war nur wichtig, dass ich so schnell wie möglich nach Hause kam.




    Ich wechselte kein Wort mit meiner Schwester. Die ganze Fahrt über schwiegen wir uns an. Was hätte ich ihr den auch sagen sollen? Durch das Fenster beobachtete ich, wie sich die Landschaft langsam veränderte und sich das Bild der endlosen Wüste der Sierra Simlone vor mir auftat. Ich spürte, dass ich Zuhause war.




    Wir fuhren durch. Alle Geschwindigkeitsbegrenzungen ignorierend, erreichten wir nach etwa 4 Stunden Ganado Alegro. Joanna hielt den Wagen vor dem Motel, an dem ich vor vier Tagen mein eigenes Auto abgestellt hatte, um nach SimVegas zu fahren. Das alles erschien mir plötzlich so unendlich weit zurück zu liegen. Als ob es zu einem anderen Teil meines Lebens gehörte.




    Ich stieg aus. Ich war zwar wacklig auf den Füßen, aber ich stand. Der wohlbekannte Geruch der Sierra Simlone stieg in meine Nase. Auch Joanna stieg aus und kam auf mich zu. Sie atmete tief durch, bevor sie zu sprechen begann: „Xana, es tut mir…“. Meine flache Hand schlug in ihr Gesicht, dass ihr Kopf zur Seite schnellte. „Wage es ja nicht, dich bei mir zu entschuldigen, Joanna. Denn das kannst du nicht!“




    Mein Blick war hasserfüllt. Joanna musterte mich schweigend. Ich beobachtete mehrmals, wie sie zur einer neuen Entschuldigung ansetzten wollte, doch letztendlich gab sie auf. „Ich habe getan, was ich tun musste, Xana.“ Ihre Worte ließen keine Reue erkennen und in ihren Augen sah ich, dass sie sich tatsächlich keiner Schuld bewusst war. Selbst jetzt erkannte sie nicht, was sie mir angetan hatte. Stattdessen versuchte sie sich herauszureden.




    In diesem Moment wurde mir bewusst, dass die Schwester, die ich einst gekannt hatte, vor langer Zeit gestorben war. Die Frau, die jetzt vor mir stand, hatte nichts mehr mit ihr gemein. „Fahr einfach, Joanna. Fahr und verschwinde aus meinem Leben. Halt dich fern von mir und meiner Familie. Schreib mir eine Karte zu Weihnachten, wenn du willst. Ich werde sogar zurück schreiben, aber erwarte nicht mehr von mir, Joanna. Du bist zwar meien Schwester, aber ich bin fertig mit dir.“ Meine Mine war vollkommen ausdruckslos, als ich sprach und ebenso klang meine Stimme. Joanna verzog keine Mine, stieg in ihr Auto und fuhr los. Ich blieb alleine an dem kleinen Motel zurück.







    Bevor sie davon fuhr, reichte Joanna mir eine Tasche mit meinen persönlichen Gegenständen. Unter anderem war auch mein Autoschlüssel dabei. Joanna dachte mit, zumindest das konnte ich ihr nicht vorwerfen. Es blieb aber immer noch mehr als genug übrig. Ich setzte mich ins Auto und fuhr los Richtung Sierra Simlone Stadt, Richtung Simlane 10, Richtung Zuhause. Ich sah meine Straße, mein grünes Haus. Ich bog in die Auffahrt ein und stellte den Motor des Wagens ab. Und dann bleib ich einfach darin sitzen. Ich blickte in den Rückspiegel und sah plötzlich zum ersten Mal mein entstelltes Gesicht, verschmiert von meinem eingetrockneten Blut. Geistesabwesen versuchte ich es mit meinen Händen abzureiben, doch das brachte rein gar nichts.




    Die Tür des Hauses öffnete sich und ich sah Dominik auf das Auto zukommen. Er lachte. „Hey, Brodlowska, warum bist du schon wieder hier? Du solltest doch erst in zwei Tagen zurückkommen. Jetzt liegt mein Geliebte noch im Bett.“ Ich öffnete die Tür des Wagens und stieg zitternd aus. Plötzlich hörte ich Dominik nur noch aufgeregt rufen und er stürmte auf mich zu.




    Ich ließ mich einfach in seien Arme fallen. „Brodlowska, was ist passiert. Um Gottes willen, du bist voller Blut. Wer hat dir das angetan. Ich werde dieses Schwein umbringen, ich schwöre es dir.“ Das musste er nicht, denn das hatte ich schon selbst erledigt. Ich schmiegte mich einfach nur an seinen Körper und ließ meinen Tränen freien Lauf. Er hielt mich fest in seinem Arm, strich über mein verklebtes Haar und küsste mich immer wieder zur Beruhigung. Doch ich konnte nicht aufhören zu weinen. Und ich wollte es nicht einmal. Ich wollte, dass er mich für immer so hielt und mich nie wieder los ließ.




    Schließlich blickte ich in sein Gesicht und strich ihm mit zittriger Hand über die Wange. Dominiks Augen waren feucht vor Tränen und sein besorgter Blick reichte bis tief hinein in mein Herz. „Ich liebe dich, Dominik“. Die Worte kamen einfach so über meine Lippen. Dominik nahm meinen Kopf in seien großen Hände und küsste mich auf meine aufgeplatzten Lippen. „Ich weiß, Brodlowska“, sagte er immer wieder, „das weiß ich doch“.

  • Kapitel 97: Erwachte Leidenschaft




    Dominik wollte mich auf keinen Fall alleine lassen. Nicht in dem Zustand, in dem ich mich befand. Aber er musste es, zumindest für einen kurzen Augenblick. Eilig lief er ins Haus und bat Tristan umgehend mit Kinga das Haus zu verlassen. Meine Tochter sollte mich nicht so zu Gesicht bekommen. Anschließend wich er mir nicht mehr von der Seite. Er ließ mir ein Bad ein, damit ich mich von dem eingetrockneten Blut befreien konnte. Er drängte mich nicht dazu, ihm irgendetwas zu erklären. Nein, er saß einfach nur bei mir und ich war ihm unendlich dankbar dafür. Einmal zog er nur ganz kurz seine Hand weg, die zuvor beruhigend auf meiner Schulter ruhte. Und sofort griff ich nach ihr. Ich brauchte seine Nähe jetzt mehr als jemals zuvor.




    Mit dem Blut verschwand auch ein Teil der fürchterlichen Angst, die mich bis dahin verfolgt hatte. In Dominiks Armen fühlte ich mich sicher. Hier konnte mir nichts passieren. Mein Mann würde mich vor allen Gefahren beschützen. Obwohl das Thermometer über 30 °C anzeigte, fror ich. Selbst der Wollpullover half da nicht viel. Dominik sah, dass ich zitterte und legte behutsam seinen Arm um mich. Ich sah in seine Augen, sah die tiefe Sorge um mich darin und die innige Liebe, die er für mich empfand. Ich griff seine Hand und lächelte ihn tapfer an. Wie war es möglich, dass ich bis jetzt nicht erkannt hatte, was für einen wunderbaren Mann ich hatte? Und wie war es möglich, dass ich ihn zuvor nicht geliebt hatte? Ich musste blind gewesen sein. Aber ich liebte ihn und daran würde sich nie wieder etwas ändern.




    "Was ist passiert, Brodlowska?", fragte er schließlich. "Wer hat dir das angetan?". Ich senkte meinen Blick. Dominik erkannte, wie schwer es mir fiel darüber zu sprechen, aber er wusste nicht, woran dies lag. Ich hätte ihm am liebsten alles erzählt und mich an seiner Schulter ausgeweint, aber das konnte ich nicht. Wenn ich Dominik die Wahrheit erzählte, dann würde Joanna ihm die Wahrheit über Kinga erzählen. Und ich war mir sicher, dass Joanna es herausgefunden hätte, wenn ich mich Dominik anvertraute. Wahrscheinlich wäre Dominik sogar persönlich zu ihr gegangen, um sie zur Rede zu stellen. Und dann hätte ich Dominik verloren und das wollte ich unter keinen Umständen. Es ging nicht mehr nur um die Kinder, nein, ich wollte ihn nicht verlieren. Also erzählte ich ihm, dass ich in der Nähe von Ganado Alegro überfallen worden war und man mich gefangen hielt. Irgendwie war ich entkommen. Diese erneute Lüge Dominik gegenüber war schwerer zu ertragen, als all die Qualen, die Giovanni mir angetan hatte.







    Die Wochen vergingen und mit ihnen meine sichtbaren Narben. Man erkannte kaum noch, dass mein Gesicht vor kurzem noch aussah, als ob ein Kampfhund hinein gebissen hätte. Und auch wenn die Narben gingen, meine neu entdeckten Gefühle für Dominik blieben. Ich konnte mich kaum mehr von ihm loseisen und verbrachte jede freie Minute mit ihm. Und ihm gefiel es. Außerdem hatte er seit dem Vorfall Angst, mich alleine zu lassen. Dafür liebte ich ihn noch mehr. Sogar so sehr, dass ich bereit war, mit ihm zu angeln. Ich verstand zwar bis heute nicht, was daran aufregend sein soll, aber ich genoss es, Zeit mit Dominik zu verbringen.




    Und das zeigte ich ihm auch, wann immer ich konnte. An diesem Tag verbrachten wir nicht lange damit, in unserem winzigen Teich nach noch winzigeren Fischen zu angeln. Über die Wasseroberfläche hinweg warf im Dominik Blicke zu, die ganz eindeutig zeigten, dass ich viel lieber andere Dinge tun würde, als Fische zu fangen. Dominik verstand meine Aufforderung, legte die Angelruten beiseite und küsste mich. Eng umschlungen taumelten wir bis zur Bank vor unserem Haus und begannen wild rumzuschmusen. Doch als ich Dominiks Hand unter meinem Rock fühlte, hielt ich ihn zurück, auch wenn es mir schwer fiel. "Dominik, doch nicht hier. Die Nachbarn können uns doch sehen. Oder noch schlimmer, deine Eltern! Lass uns rein gehen."




    Dominik hob mich hoch und trug mich ins Haus. Er bog natürlich sofort in Richtung unseres Schlafzimmers ab, doch plötzlich streckte ich meine Hand aus und Griff nach dem Türpfosten, so dass er anhalten musste. "Nicht in unser Schlafzimmer", ich biss mir auf die Unterlippe, sah ihm verschmitzt an und deutete mit dem Kopf in Richtung Tristans Zimmer. Dominik begann zu grinsen und ich konnte seien Augen vor Aufregung glänzen sehen. Irgendwie war es unheimlich aufregend sich auf dem Bett eines Fremden zu lieben. Es hatte den Hauch von etwas Verbotenen, gemischt mit der Angst erwischt zu werden. So ein Gefühl hatte ich bis jetzt nicht gekannt und es war aufregend, es mit Dominik zu erforschen.







    Tristan erwischte uns glücklicherweise nicht. Alleine die Vorstellung trieb mir schon die Schamesröte in die Wangen und schuldbewusst, wechselte ich auch sofort Tristans Bettwäsche. Aufregend war es trotzdem gewesen. Aber alles, was ich gemeinsam mit Dominik tat, war aufregend. Wir gingen nun auch wieder öfter aus. Irgendwie hatten wir früher nie die Gelegenheit dazu gehabt. Als ich mit Dominik zusammen kam, war ich bereits schwanger mit Kinga und als sie geboren war, war es mit Ausgehen erst einmal vorbei. Und danach hatte ich kein Interesse daran, mit Dominik um die Häuser zu ziehen. Jetzt sah es anders aus. Klaudia schlief inzwischen meistens durch und Tristan passte gerne hin und wieder auf sie auf. Und ansonsten hatte Klaudia ja noch zwei Großeltern, die unser Pummelchen nur zu gerne bei sich hatten.




    Ich habe schon immer gerne getanzt. Lief irgendwo Musik, dann konnte ich nicht anders, als meinen Körper zum Takt zu bewegen. Und glücklicherweise habe ich mit Dominik einen Mann gefunden, der nicht nur gerne tanzte, sondern es auch verdammt gut konnte. Immer wieder sah ich Frauen in den Clubs, die meinem Mann sehnsüchtige Blicke zuwarfen. Doch dieser Mann gehörte mir. Und damit diese dummen Schnepfen das auch kapierten, tanzte ich so eng an Dominik heran, dass nicht einmal ein Blatt Papier mehr zwischen uns Platz gefunden hätte. Meine Hände ließ ich zu seinem knackigen Hintern gleiten und beließ sie dort, während unsere Becken im Einklang kreisten.




    Plötzlich knurrte Dominiks Magen. Das Geräusch war so laut, dass ich es trotz der lauten Musik nicht überhören konnte. Ich musste grinsen und Dominik zuckte unschuldig mit den Schultern. "Los, hol dir schon was zu Essen. Ich will doch nicht, dass du gleich kraftlos zusammenbrichst." Ich nahm seine Hand und führte ihn lachend zur Bar, wo er sich ein paar Quesadillas bestellte. "Und du willst ehrlich nichts?", fragte er mit vollem Mund. Ich schüttelte lächelnd den Kopf. "Du willst doch nicht, dass ich auseinander gehe, wie ein Gummibärchen, was man ins Wasser geworfen hat. Ich muss auf meine Linie achten". Dominik griff nach meiner Hand und streichelte sie zärtlich. "Du weißt, dass ich jedes Gramm an dir liebe, Brodlowska. Selbst mit 100 Kilo mehr auf den Rippen würde ich dich lieben. Aber dann wäre es vorbei für dich mit beim Sex oben liegen." Grinsend verdrehte ich meine Augen. Typisch Dominik, er dachte mal wieder nur an das eine.




    Plötzlich erblickte ich Brandi in der Menge. "Ich sag ihr kurz Hallo, Dominik." Mit einem Kuss auf seine gespitzten Lippen sprang ich vom Barhocker und lief zu Brandi. Ich wollte sie gerade umarmen, als ein Mann sich zwischen uns drängte und mich böse anfunkelte. "Benny? Was machst du denn hier? Wir haben uns schon lange nicht gesehen." Doch anstatt das mein Ex-Freund mir eine Antwort gab, scheuert er mir eine. "Du flirtest mit Absicht direkt vor meiner Nase, hab ich Recht?", schrie er mich an. "Du bist so hinterhältig, Oxana. Du weißt doch, wie sehr ich dich immer noch liebe!"




    Dieser eine Ohrfeige und die Erinnerung an die Folter durch Giovanni kehrte augenblicklich zurück. Ich konnte kaum reagieren, so verstört war ich, und kauerte mich instinktiv zusammen. Doch Brandi lief sofort zu Dominik und gab ihm bescheid, dass etwas nicht stimmte. Wie ein Blitz kam mein Mann angeschossen. Die Protestrufe ignorieren schnappte er sich ein Glas von einem der Tische und kippte es Benny ins Gesicht. "Wag es ja nicht, meine Frau noch einmal anzurühren, Langnase!" Benny war so eingeschüchtert von Dominiks Auftritt, dass er fast zu schrumpfen schien.




    Dominiks Hand war zu einer Faust geballt und zitterte. Ich rechnete jede Sekunde damit, dass er auf Benny losginge. So weit wollte ich es dann doch nicht kommen lassen und griff deshalb nach der Hand meines Mannes. Augenblicklich entspannte er sich und schloss mich in seine Arme. "Hat er dir etwas angetan, Brodlowska?" Ich schüttelte leicht meinen Kopf. "Nein, es ist alles in Ordnung. Er hat mich nur erschrocken." Benny stand immer noch da, unsicher darüber, was er jetzt machen sollte. Auf einmal tat er mir fast schon leid. Ich hatte nicht damit gerechnet, dass er nach all den Jahren immer noch so für mich empfand. Ich hatte inzwischen einen Mann, wunderbare Kinder. Und er? Er hatte niemanden.




    Doch das war nicht mein Problem. Wir ließen den begossenen Benny einfach stehen und verzogen uns in einen anderen Teil des Klubs. Von ihm würden wir uns den Abend sicher nicht vermiesen lassen. Und bald war Benny nur noch eine lästige Erinnerung. "Wie wäre es mit ein paar Fotos?", fragte Dominik und deutete auf die Fotokabine. Warum eigentlich nicht? Insbesondere, weil man in so einer Kabine auch ganz andere Sachen machen konnte. "Wie wäre es, wenn wir die Fotos auf später verschieben und ich dir stattdessen ..." Die letzten Worte sprach ich hinter vorgehaltener Hand , sodass nur Dominik sie hören konnte.




    Sein zufriedenes Grinsen war Antwort genug. Hastig schob er den Vorhang zur Seite und zog mich in die Kabine. Ich weiß nicht, was mich da ritt, dass ich es wirklich durchzog. In der Kabine war es eng und stickig, jede Minute hätte jemand herein platzen können und das ganze war so öffentlich, dass man selbst im inneren die Gespräche der Gäste mit anhören konnte. Und uns konnte man wohl auch hören, denn eine Angestellte des Klubs kam angelaufen. "Könnt ihr es nicht Zuhause treiben, wie anständige Leute", nörgelte sie herum. "Man, man, man und ich darf die Sauerei gleich wieder wegmachen!“ Ich lief rot an, als ich sie hörte. Aber da Dominik keine Anstalten machte, mitten im Geschehen zu stoppen, blendete ich die Meckerziege einfach aus.

  • Ich les nu schon ewig mit und finds klasse... :applaus
    Wie es wohl weitergeht...?Ob sich bald weiterer Nachwuchs ankündigt? Oder ein neuer böser Schlag? :confused:
    Auf jeden Fall bin ich mal gespannt...
    *thumps up*

  • Kapitel 98: Mein Traummann



    Solche Abende, wie den im Club, unternahmen Dominik und ich in den folgenden Wochen öfter. Natürlich lief es nicht immer so heiß zu, wie an jenem Abend, aber wir hatten unseren Spaß. Immerhin musste ich fast neun Jahre wettmachen, in denen ich meinen Mann aufs äußerste vernachlässigt hatte. Und Dominik gefiel diese Veränderung. Vielleicht fragte er sich ja, was sie bewirkt hatte, doch er sah keinen Grund sich darüber zu beklagen. An einem Abend machten wir einen nächtlichen Spaziergang durch die Wüste und kamen dabei zufällig auch am Freibad vorbei. "Komm, Brodlowska, lass uns über den Zaun klettern und uns im Wasser abkühlen". Er grinste wie ein kleiner Junge. Hastig blickte ich mich um und als ich niemanden auf der Straße sah, nickte ich und lief mit ihm zum Zaun. Dominik machte eine Räuberleiter und half mir hinüber zu klettern, bevor er selber die Begrenzung überwand. Noch bevor ich mich richtig umgeschaut hatte, riss Dominik seine Kleider vom Leib und sprang in Unterhosen ins Becken. Und ich folgte gleich hinterher.




    Da das Schwimmbad weit entfernt von irgendwelchen Wohnhäusern stand, mussten wir nicht einmal wirklich leise sein. Also tobten wir wild im Wasser herum, bis Dominik schließlich aus dem Becken stieg und sich an der Tür des Schwimmbadgebäudes zu schaffen machte. Irgendwie gelang es ihm sogar, sie zu öffnen. Ich wollte schon hinterher, als sich plötzlich mit einem lauten Blubbern der Whirlpool in Gang setzte. Das hatte er also vor. Eilig lief ich zu dem sprudelnden Becken und setzte mich in das Wasser, das immer noch angenehm warm war. Und kurze Zeit später blickte ich schon von unten auf den durchtrainierten Körper meines Mannes, der über mir stand und in das Becken kletterte.




    "Wir sind hier ganz ungestört, Brodlowska". Er zog seien Augenbraue hoch und grinste mich an. Und ich machte einen Schmollmund und strich verführerisch mit meinem Finger durch das flauschige Fell auf seiner Brust. "Ich weiß Dominik". Und um ihm zu zeigen, dass ich es ernst meinte, öffnete ich den Verschluss meines BH und ließ ihn in das sprudelnde Wasser gleiten. Von da an war Dominik nicht mehr zu bremsen. Erst hinterher wurde mir bewusst, dass ich wohl nie wieder ins Freibad gehen konnte, ohne einen knall roten Kopf zu bekommen. Aber das war es eindeutig wert.






    Zu Hause hielt uns Klaudia ganz schon auf trab. Sie konnte zwar noch nicht laufen, dafür krabbelte sie aber wie eine Weltmeisterin. Wie eine flinke Teppich-Ratte flitzte sie über den Boden. Nur die Treppen waren nach wie vor ein Hindernis für sie und begrenzten immerhin den Raum, auf den wir unsere Tochter suchen mussten. Aber ich ahnte schon, dass eine kleine Treppe bald kein Hindernis mehr sein würde.




    Klaudia folgte wahlweise mir, aber doch viel lieber ihrem Dada, durch das ganze Haus. Dabei war es ihr auch vollkommen egal, ob sie dafür eine Überschwemmung im Badezimmer überwinden musste. Es schien fast so, als ob sie in ihrer Babysprache versuchen würde, Dominik zu erklären, wie er die Toilette reparieren sollte. Doch als langsam das Wasser auch ihre Windel durchnässte, war sie plötzlich nicht mehr so begeistert und begann bitterlich zu weinen. "Das hast du nun davon, Pummelchen, dass du mir überall hin folgen musst", lachte Dominik. "Krabble schnell zu Mama und kühl mit deinen nassen Händen ihre Beine ab. Sie wird sich bestimmt ganz doll freuen".




    Klaudia konnte zwar noch nicht wirklich laufen und bis auf "Mama, Dada, Kiga" und "Okel Tista" sprach sie noch nicht wirklich viel, aber darüber machte ich mir keine Sorgen. Denn immerhin konnte sie schon alleine aufs Töpfchen gehen. Gut, meistens ging mehr daneben, als dass es im Töpfchen landete, aber sie machte nicht mehr in die Windel und mit ein wenig Übung würde auch die Trefferquote steigen. Zu verdanken hatten wir diesen Erfolg übrigens Tristan, der geduldig dafür sorgte, dass Pummelchen stubenrein wurde.




    Und immer öfter beobachtete ich, wie Klaudia sich am Sofa oder an einem Stuhl hochzog und sich dann aufrecht an dem Möbel entlang hangelte, bis sie irgendwann wieder auf ihren Popo plumpste. Solcher Ehrgeiz wollte natürlich unterstützt werden. Also ging ich mit ihr in den Garten, faste sie an beiden Händen und übte mit ihr das Gehen auf zwei Beinen. Und solange ich sie hielt, funktionierte das auch ganz wunderbar. Sie stand zwar wacklig, aber sie stand und setzte tapfer einen Fuß vor den anderen.




    Aber wenn ich sie losließ und sie dazu anregte, ein paar Schritte auf mich zu zu gehen, ließ sie sich einfach fallen und krabbelte geschwind auf mich zu. Dabei machte sie einen Gesichtsausdruck, als ob sie sagen würde: „Warum soll ich mich hier denn auf zwei Beinen abquälen, wenn ich auf vier doch viel besser an Ziel komme?" Ich nahm sie auf den Arm und küsste ihre runden Bäckchen. Irgendwann würde sie schon merken, dass es auf zwei Beinen manchmal doch einfacher war.







    Mein kleines Pummelchen wurde erwachsen. Na gut, so weit war es dann doch noch nicht, aber Klaudia wurde so schnell größer, dass man fast zusehen konnte. Und deshalb brauchte sie ständig neue Sachen. Sierra Simlone Stadt war zwar ein schöner Ort zum Wohnen, einkaufstechnisch bot es aber nicht viel. Gerade Kleidung für die ganz Kleinen suchte man hier vergebens. Also musste ich in regelmäßigen Abständen nach Seda Azul oder SimVegas und Dominik begleitete mich meist. Zugegeben, die Boutique in der ich gerade war, bot nicht unbedingt Kinderkleidung an, aber ich selber musste mir von Zeit zu Zeit auch mal etwas gönnen.




    Ich stöberte durch die schönen Kleider und blieb schließlich in der Unterwäscheabteilung hängen. Ich fand ein Set aus schwarzer Spitze, wobei die Körbchen des BH ein Leopardenmuster aufwiesen. Diese Unterwäsche war überhaupt nicht mein Stil, aber vielleicht gerade deswegen wollte ich sie unbedingt einmal anprobieren. Als ich fertig war, winkte ich Dominik zur Umkleidekabine. "Und, wie findest du es?". Dominik musterte mich mit gierigen Augen. "Nicht übel, Brodlowska. Aber geht der BH den auch leicht auf? Du weiß, dass ich schnell ungeduldig werde". Ich drehte mich mit dem Rücken zu ihm und blickte ihn unschuldig über die Schulter an. "Komm doch rein und probier es aus".




    Diese Aufforderung brauchte ich nicht zu wiederholen. Und in wenigen Augenblicken fiel nicht nur der neue BH, sondern auch Dominiks Hose. Unbemerkt blieb unser Treiben nicht. "Nicole, was ist den da in der Umkleidekabine los?", die Bedienung aus der benachbarten Bar kam in die Boutique und stellte sich zu der jungen Verkäuferin, die schon länger die Umkleidekabine beobachtet und langsam nervös wurde. "Käthe, ich glaube da treiben es gerade welche", sie flüsterte lediglich und begann anschließend zu jammern. "Hoffentlich kommt mein Chef nicht jeden Augenblick vorbei. Ich weiß echt nicht, wie ich ihm das erklären soll". Zur Erwiderung lachte Käthe nur und tätschelte dem jungen Mädchen mitfühlend den Rücken.




    Als ich die Umkleidekabine verließ, war mein Kopf zum einen vor Erregung, zum anderen vor Scham rot angelaufen. Doch das war nichts im Vergleich zu der jungen Verkäuferin, die jeder Tomate hätte Konkurrenz machen können. Ich bezahlte schnell die Kleidung und lief Dominik hinterher, der bereits breit grinsend vor dem Laden wartete. Wir entschlossen uns noch, Essen zu gehen. Und während Dominik einen Tisch organisierte, entspannte ich im Wartebereich des Restaurants. Und zufällig entdeckte ich dort Frank, Tristans Freund. Das traf sich gut, denn ohne Reservierung musste Dominik lange betteln, bis wir einen Tisch bekamen und Frank half mir, die Wartezeit zu überbrücken.




    Als Dominik dann endlich kam, stellte er sich stramm vor mir auf und reichte mir die Hand. Neugierig, was er vorhatte, reichte ich im meine Hand und er zog mich mit einem sanften Ruck vom Sofa. Dann gab er mir einen galanten Handkuss. "Freu Blech, würden sie mir die Ehre erweisen, mich bei einem gemeinsamen Dinner mit ihrer Gesellschaft zu beglücken?" "Es wäre mir ein Vergnügen, Herr Blech", antwortet ich übertrieben geehrt. Ich verabschiedete mich nur noch schnell von Frank und folgte meinem Mann ins Restaurant.




    Der Service war ausgezeichnet, aber bei den Preisen, die hier für ein Essen verlangt wurden, erwartete man das auch. Ich bestellte mir eines dieser köstlichen Mandarinentörtchen, die es nur in Restaurants zu geben schien. Als ich dann aber Dominiks Gericht sah, runzelte ich verwundert die Stirn. "Hast du dir etwa Nudeln mit Käsesoße bestellt?" Mit dem Löffel im Mund nickte Dominik heftig. "Dieses ganze Schickimicki-Essen", erklärte er mit vollem Mund, "ist einfach nix für mich. Und von Nudeln mit Käsesoße werde ich wenigstens satt." Na dann guten Appetit.




    Nach dem Essen entführte Dominik mich noch auf die Aussichtsplattform des Hochhauses, in dem das Restaurant untergebracht war. Von hier oben hatte man eine wunderbare Aussicht auf die Skyline von SimVegas. Ich seufzte zufrieden und griff dann nach Dominiks Händen. "Ich liebe dich, Dominik." "Ich liebe dich auch, Brodlowska". Er gab mir einen sanften Kuss und drückte anschließend meinen Kopf gegen seine Brust, sodass ich sein Herz schlagen hören konnte. Ich liebte meinen Mann und jetzt, wo mir das endlich bewusst war, konnte ich es ihm gar nicht oft genug sagen.




    Wir standen noch eine halbe Ewigkeit Arm im Arm dort oben und betrachteten schweigend die bunten Lichter der Stadt. Mein Herz wurde wirklich schwer, als es Zeit wurde aufzubrechen. Ich wollte, dass dieser Abend nach länger andauerte. Und so kippte ich auf dem Weg nach unten kurzerhand den Nothalteknopf im Fahrstuhl. "Warum hast du das....", er brauchte gar nicht weiter zu sprechen, denn plötzlich verstand auch er. Das ich gerade dabei war, meine Oberteil auszuziehen dürfte ein deutlicher Hinweis gewesen sein. "Wir müssen uns aber beeilen, Dominik", stöhnte ich erregt, "sonst kommen gleich ein paar Techniker vorbei." "Kein Problem, Brodlowska, wenn du willst, komme ich so schnell wie die Feuerwehr!" Und noch während er sprach stand er nackt vor mir.




    Ganz so schnell kam er dann glücklicherweise doch nicht. Und ein Techniker überraschte uns auch nicht. Ich band wieder meine Haare zusammen, die im Eifer des Gefechts völlig durcheinander geraten waren und zupfte meinen Rock zurecht, während der Fahrstuhl ordnungsgemäß seinen Weg nach unten fortsetzte. Auf der Fahrt nach Hause grinste Dominik mich unentwegt an. "Was ist?", fragte ich schließlich. "Nichts", entgegnete Dominik. "Ich frage mich nur, was wir die letzten neun Jahre ohne den ganzen verrückten Sex gemacht haben?" Diese Frage hatte ich mir in den letzten Wochen auch öfter gestellt. Wie konnte es sein, dass dieser Traummann all die Jahre direkt vor meiner Nase, ja sogar in meinem Bett war, und ich seine Qualitäten als Mann nicht erkannt hatte?

  • Vangrad
    Entschuldige, dass ich erst jetzt antworte. Ich habe mich sehr über deinen Kommentar gefreut. Ich hoffe auch, dass du noch öfters etwas hier schreiben magst.
    Nachwuchs? Na, das wäre nach den letzten zwei Kapiteln gar nicht mal unwahrscheinlich. Gelegenheit schwanger zu werden hatte Oxana ja gnug ;) Ein Unglück? Na aber so was von! Es darf ja nicht langweilig werden. Die nächste Herausforderung wartet schon auf Oxana, ich verrate aber natürlich nicht, wie diese aussehen mag :D

  • Kapitel 99: Momente des Glücks, Momente der Buße




    Klaudia machte derweil Fortschritte, wie im Sauseflug. Ich staunte nicht schlecht, als ich die Kinderzimmertür öffnete und beobachtet, wie Klaudia sich aufrichtete, zu der Spielzeugkiste tapste und ein Plastikboot herausholte. Mit diesem in der Hand lief sie mehrmals von einen Ort zum anderen im Kinderzimmer, setzte sich kurz hin, stand dann aber wieder auf, weil ihr irgendetwas nicht passte und suchte sich eine neue Stelle.




    Und da sie nun laufen konnte, hielt sie es auch nicht mehr länger aus, sich nicht verständlich machen zu können. Jeden Tag brabbelte sie neue Worte vor sich her. An einem Nachmittag folgte sie mir in die Küche und setzte sich mitten auf den Boden. Mit ihren Händchen schlug sie auf den Boden neben sich und rief dabei "Mama, Mama", was das Zeichen für mich war, sich zu ihr zu setzten. Und dann fing sie auch schon an, auf die Gegenstände in der Küche zu zeigen und ihnen Namen zu geben. "Hedd", deutete sie auf den Herd und klatschte zufrieden, als sie mein strahlendes Gesicht sah. "Kühscha. Pühle." Immer ein neues Wort und immer deutete sie dabei auf den richtigen Gegenstand. Ich war wirklich beeindruckt, von meinem kleinen Pummelchen.




    Zu ihrem zweiten Geburtstag konnte Pummelchen schließlich alleine das Töpfchen benutzen, laufen und soweit sprechen, dass man nicht mehr raten musste, was genau sie von einem wollte. Da sie mit ihren zwei Jahren noch keine Freunde hatte, wurden zum Geburtstag die Familie und unsere Freunde eingeladen. Den Anfang der Party verschlief Klaudia auch getrost. Dominik ging in seiner Rolle als Grillmeister voll auf und ich durfte mir mal wieder einen Vortrag von meiner Schwiegermutter anhören, dass es ja unmöglich sei, das ich mein Kind am Nachmittag schlafen ließ. Es sei so kein Wunder, dass sie nachts nicht durchschlafen würde. Bei ihr hätte es so etwas ja nicht gegeben.




    "Und sie sind einer von diesen Homosexuellen, ja?", fragte Glinda dann Tristan. "Ich habe davon ja schon viel im Fernsehen gehört. Wie läuft das denn bei ihnen im Bett? Verkleiden sie sich dann als Frau oder macht das ihr Macker?" Tristan verschluckte sich fast an seinem Hotdog und ich konnte ihm nicht weiter helfen, als ihn entschuldigend anzublicken. Bis jetzt hat er sich um eine Begegnung mit meiner Schwiegermutter meist drücken können, doch heute gab es kein Entkommen für ihn.




    Zum Glück entging wenigstens Frank, Tristans Freund, dem Überfall meiner Schwiegermutter. Während die zweite Ladung Hot Dogs vor sich hin brutzelte, vertrieb er sich die Zeit bei einer Runde Darts mit Roland. Brandi leistete den beiden Gesellschaft, wobei sie ihren Ordentlichkeitswahn nicht unterdrücken konnte und die Schachfiguren wieder ordentlich auf dem Brett anordnete. Ich fragte mich, wie sie es in dem Chaos aushalten würde, das entstand, wenn erst einmal ihr Baby mit Roland auf die Welt kam. Denn langsam aber sicher war ihr kleines Bäuchlein nicht mehr zu übersehen.




    Pünktlich mit dem Sonnenuntergang wurde auch das Geburtstagskind wach. Glinda hatte ihrer kleinen Enkelin extra eine Torte gebacken. Warum sie sie aber mit vier Kerzen dekorierte, blieb mir ein Rätsel. Etwa für jedes halbe Jahr eine? Oder wollte sie einfach alle vier Kerzenfarben auf dem Kuchen haben? Ich holte die Kleine zum Kuchen und die übrigen Gäste bewaffneten sich mit Tröten und Luftschlangen, um das Geburtstagskind ordentlich zu bejubeln. Und Klaudia freute der ganze Trubel wahnsinnig und sie wusste gar nicht, wo sie überall hin gucken sollte.




    Nur die Torte würdigte sie mit keinem Blick. Als ich mich rüberbeugte, um ihr beim Auspusten der Kerzen zu helfen, beobachtete sie lieber quietschend, wie Mama ihre Backen aufblies, anstatt die Kerzen zu bewundern. Bei vier Kerzen hatte ich Hilfe aber auch nicht wirklich nötig. Und da Klaudia noch zu klein war, um sich etwas zu wünschen, übernahm ich das für sie. Sie sollte in einer glücklichen, intakten Familie aufwachsen.




    Die Gäste bedienten sich anschließend am Kuchen. Ich gab Klaudia auch ein Stück zum probieren, doch sie verzog das Gesicht und schob den Teller von sich. Ein wenig Schadenfreude stieg in mir auf, weil meine Tochter Glindas Kuchen verschmähte. Aber leider musste ich gestehen, dass der Kuchen wirklich ausgezeichnet war. Klaudia bekam auch einen Haufen Geschenke, wobei sie sich besonders in den Kistenclown verliebte. Dominik brauchte ihr nur einmal zu zeigen, wie sie den Clown aus der bunten Schachtel locken konnte und von da an war Klaudia fleißig am Kurbeln, quietschte laut, jedes Mal wenn der Clown heraussprang und knuddelte ihn dann bis zum Umfallen.




    Wir Erwachsenen amüsierten uns auf ganz andere Weise. Im Wohnzimmer wurde die Stereo-Anlage laut aufgedreht und ausgelassen zur Musik getanzt. Ich weiß nicht mehr, wer das Stichwort "Schlambada" in den Raum warf, aber Augenblicklich wurde die CD gewechselt und der beliebte Partytanz aufgeführt.




    Gegen Mitternacht verschwanden dann auch die letzten Gäste. Da man bei den in der Sierra Simlone herrschenden Temperaturen lieber nichts über Nacht liegen ließ, macht ich mich gleich ans Aufräumen, wobei ich dabei Unterstützung von Dominik erhielt. Die Mülltonne war sicher kein romantischer Ort, aber trotzdem spürte ich wieder, wie es zwischen mir und Dominik knisterte. Und Dominik fühlte genau das gleiche. "Wie wäre es, wenn mir diesen Abend noch auf eine ganz andere Art und Weise ausklingen lassen?", fragte er mich. Dabei schmiegte er sich von hinten an meinen Rücken und seine Hände wanderten langsam hinauf zu meinem Busen. Ich stöhnte erregt. Liebend gerne wäre ich jetzt mit ihm ins Bett gegangen, aber weder Kinga, noch Klaudia schliefen schon.




    "Wir müssen es ja nicht unbedingt im Schlafzimmer treiben", wischte Dominik meinen Einwand beiseite und schob mich hinüber zu unserem Auto. Ich sah ihn ungläubig an. Wollte er etwa, dass wir im Wagen miteinander schliefen? Ein aufgeregtes Kribbeln breitete sich in meinem Magen aus. Ich schaute mich kurz um und stellte fest, dass das Auto in der Dunkelheit kaum zu sehen war. Also ließ ich mich darauf ein. Als ich wieder aufwachte, lag ich nackt, eingekuschelt in Dominiks Arm und der rosafarbene Himmel über der Wüste kündigte bereits den nächsten Morgen an.






    Mein Leben verlief wunderbar, so, wie ich es mir immer erträumt hatte. Ich hatte zwei wundervolle Kinder. Ich liebe Klaudia abgöttisch und zu Kinga fand ich mehr und mehr Zugang. Ich empfand sie schon lange nicht mehr als das sichtbare Zeichen meiner Sünde. Vielmehr hatte ich durch sie die Gelegenheit, meinen Fehler von damals zu korrigieren, indem ich alles Erdenkliche tat, um ihr den Start ins eigenständige Leben zu erleichtern und sie zu einer aufrechten Christin zu erziehen. Und ich hatte einen Mann, der mich liebte, und den auch ich über alles liebte.
    Und trotzdem wachte ich beinah jede Nacht Schweiß gebadet auf. Nachts, wenn ich schlief, war alles wieder da, all die Schmerzen, die Qualen, die Todesängste die ich in Giovannis Verlies verspürt hatte.




    Ich hielt das ganze nur aus, weil ich meine Familie hatte, weil Dominik da war und mich beschützen würde. In solchen Momenten der blanken Angst schmiegte ich mich ganz fest an seinen Körper. Ich spürte seine Stärke und wusste, dass mir nichts Schlimmes passieren konnte, wenn er nur bei mir war. Ich hasste es, nachts nicht mehr schlafen zu können. Aber auf eine seltsame Art war ich auch dankbar. Hätte ich diese Hölle nicht durchlebt, hätte ich womöglich nie erfahren, wie sehr ich Dominik doch liebte.




    Dominik gab mir Kraft, die Erinnerung an meine Schmerzen und meine Angst zu ertragen. In seiner Nähe konnte ich meine eignen Qualen vergessen. Was ich nicht konnte, war es Giovannis entsetzten Gesichtsausdruck, als die Kugel ihn traf, aus meinem Gedächnis zu verbannen. Ich hatte einen Menschen getötet. Durch meine Hand wurde ein anderes Leben ausgelöscht. Immer wieder versuchte ich mir einzureden, dass es Notwehr war. Hätte ich nicht Giovanni erschossen, dann hätte er mich umgebracht. Aber es war nur ein geringer Trost. Fast täglich ging ich hinüber ins Kloster des heiligen Ansbald und betete zur Gottesmutter Maria. Nicht um Gnade für meine unverzeihliche Tat, sondern für die Kraft, mit dieser Sünde weiter zu leben.




    Ich wusste nicht, ob die Gottesmutter mich erhörte. Doch ich musste weiter beten. Welche andere Möglichkeit blieb mir denn sonst? Meistens konnte ich nur wenige Augenblicke im Kloster verweilen, an anderen Tagen wiederum verbrachte ich Stunden in der Stille der Kapelle. Hin und wieder gesellte sich Schwester Martha zu mir und sand ein eigenes stummes Gebet an die Gottesmutter. Ich wusste es nicht, aber sie betete für mich. Sie betete, dass ich endlich die Ruhe fand, nach der ich so intensiv in meinem Glauben suchte.




    Aber sie fragte nie, was mich bedrückte. Sie wusste, dass jeder Mensch sein eigens Kreuz zu tragen hatte und sie vertraute darauf, dass Gott den Menschen die nötige Stärke gab, es zu ertragen. "Verzeiht Gott uns jede Sünde, Schwester Martha?", fragte ich sie, als mir schweigend im Innenhof spazierten. "Gott ist ein liebender Vater, Oxana, und wir sind seien Kinder. Und wie ein Vater seinem Kind jeden Fehler verzeiht, verzeiht Gott uns auch unsere Fehler. Vielleicht ist er enttäuscht von uns, aber er würde uns niemals fallen lassen. Darauf musst du immer vertrauen, Oxana." Ich versuchte es. Ich versuchte es wirklich, aber es war nicht leicht.




    Schwester Martha hat von Gott als Vater gesprochen. Bei diesen Worten kehrte plötzlich eine Erinnerung an einen Engel zurück, der mir half aus Giovannis Gewalt zu entfliehen. Ich hatte es vollkommen verdrängt, aber in meiner Erinnerung hatte dieser Engel die Stimme und das Gesicht meines Dads gehabt. Ich wusste, dass es nicht möglich war, Dad war tot. Aber ich hätte schwören können, dass er in dieses Verlies gekommen ist, um mich zu befreien. Ich hatte Dads Grab nicht ein einziges Mal besucht, so tief reichte meine Wut auf ihn. Unterbewusst lief ich vom Kloster direkt auf den Friedhof von Sierra Simlone Stadt. Schwester Martha hatte davon gesprochen, dass ein Vater seinem Kind alles verzieh. Vielleicht mussten Kinder ihren Vätern auch verzeihen? Vielleicht war es nach all diesen Jahren an der Zeit, Dad zu vergeben? Ja, er hatte Fehler begangen, aber jeder Mensch beging Fehler. Wer wusste das besser als ich?

  • Kapitel 100: Geburtstag mit Wumms


    6 Jahre später



    Mit der Zeit wurde es leichter. Mit jedem Tag, jeder Woche, jedem Monat, jedem Jahr wurde es ein Stück leichter. Jedes Mal nur ein winziges Stück, aber die Erinnerung an all die Schmerzen und Ängste verblasste und die Albträume wurden seltener, bis sie auch nur noch wie eine Erinnerung schienen. Das einzige, was blieb, war die Angst vor mir selbst, dass ich in der Lage war, jemanden zu töten. Aber vielleicht war es auch gut so, dass sich dieses Gefühl nicht unterdrücken lies. Es zeigte, dass für mich ein Leben den höchsten Stellenwert hatte. Selbst das Leben eines Mannes, der mit entführt und gequält hatte.




    "Mami, hör auf so viel nachzudenken! So macht das Spiel doch überhaupt keinen Spaß." Klaudia blickte mich empört an. "Schon gut, Pummelchen, Mami konzentriert sich wieder ganz auf das Spiel", entschuldigte ich mich lächelnd. "Du sollst mich doch nicht Pummelchen nennen, Mami!" Klaudia verzog ihr Gesicht und ich entschuldigte mich schnell bei ihr. Mein kleiner Schatz hatte seinen Babyspeck noch immer nicht runter und war deshalb etwas empfindlich, wenn man sie Pummelchen nannte. Der einzige, der es weiterhin durfte, war Dominik, aber auch nur, wenn niemand sonst zuhörte.




    "Mama, denkst du auch an die Torte? Constance und die anderen Mädchen kommen gleich und ich hab Angst, dass dann noch nicht alles fertig ist." Kinga klang wirklich besorgt und nervös. Ich konnte es gut nachvollziehen. Immerhin war heute ihr vierzehnter Geburtstag und es war die erste Party, die sie für ihre Freundinnen gab. Da sollte nichts schief gehen. "Keine Sorge, Kinga", beruhigte ich sie. "Es ist alles vorbereitet. Ich muss den Kuchen nur noch in den Backofen schieben, damit er auch schon frisch ist, wenn deine Freundinnen kommen."




    Bevor die Gäste eintrafen, kontrollierte Kinga noch einmal, ob auch wirklich alles in Ordnung war. Die riesige Plastikannanas war mit einer leckern Fruchtbowle gefüllt und ihr Papa hatte auch die versprochenen Böller besorgt. Dank der CD, die sie sich von ihrer Freundin Marissa geborgt hatte, war auch für Musik gesorgt. Und wenn jetzt auch noch die Nervensäge von kleiner Schwester verschwinden würde, wäre alles perfekt.





    Tja, nur hat sie nicht mit ihrer peinlichen Mutter gerechnet. Elvira und Constance waren schon eingetroffen und ich wollte Kinga helfen und denn Mädchen etwas von der Fruchtbowle anbieten. Dummerweise hatte ich die Bedienungsanleitung des Gerätes nicht gelesen. Und als der süße Saft aus dem Schlauch schoss, wollte er gar nicht mehr aufhören. Und um nicht das halbe Esszimmer unter Bowle zu setzten, steckte ich den Schlauch in meinen Mund. Kingas entnervtes Stöhnen war mehr als eindeutig.




    Gut, solche Aktionen sollte ich heute lieber sein lassen. Tristan half mir auch schnell, den Flüssigkeitsstrom zu stoppen. Nachdem ich mein Gesicht getrocknet hatte, holte ich die vorbereitete Sahnetorte aus dem Kühlschrank. Kinga wollte extra keine Kerzen. Das wäre ja so was von uncool und nur was für Babys. Ich fand zwar, dass es ohne Kerzen keine wirkliche Geburtstagstorte war, aber ich respektierte ihren Wunsch.




    Als ich mir dann auch ein Stück Torte nahm und mich zu den Mädchen setzen wollte, funkelte Kinga mich böse an. Gut, ich hatte verstanden. Sie wollte ihre alte Mutter nicht dabei haben. Vielleicht war das auch besser so, denn am Tisch ging es hoch her. Marissa war schon zwei Jahre älter als Kinga und ging zusammen mit Elvira in eine Klasse. Und bei den Geschichten über Jungs, die sie zu erzählen wusste, machten die drei jüngeren Mädchen ganz große Ohren. Jedes Detail wurde aufgesogen. Der erste richtige Kuss, die ersten vorsichtigen Berührungen und mehr. Kinga, Constance und Sophie konnten es kaum erwarten, bis sie all diese Dinge selbst ausprobieren konnten.




    Ich gebe es ja zu, ganz konnte ich es nicht lassen, hin und wieder unauffällig in die Küche zu kommen. Natürlich tarnte ich diese Kontrollbesuche, indem ich mir jedes Mal etwas von der Fruchtbowle holte. Nach dem vierten Glas wurde es aber etwas auffällig. Immerhin war ich nicht die einzige, die so ihre Probleme mit der Getränkemaschine hatte. Auch Elvira fand den Aus-Knopf nicht auf Anhieb.




    Und dann verzog sich die Partygesellschaft ins Wohnzimmer. Kinga und Sophie begannen zu tanzen und die Lieder mitzusingen. Constance war sich noch nicht so sicher, ob sie wirklich mitmachen wollte. Elvira hatte sich hingegen schon vorher entschlossen, lieber die Spielkonsole zu nutzen.




    Den krönenden Abschluss der Feier sollte eigentlich das Feuerwerk darstellen. Leider ist dieses Vorhaben völlig in die Hose gegangen. Kinga zündete gerade den Feuerwerkskörper an, als es zu irgendeiner Verpuffung kam. Zum Glück ist ihr nichts passiert, aber Kinga war von oben bis unten Kohlraben schwarz und stank nach Schwefel und Rauch. Ihre Augen füllten sich mit Tränen, sie ließ das Feuerzeug auf den Boden fallen und rannte so schnell wie möglich ins Haus und schloss sich im Badezimmer ein.




    Ich schickte die anderen Mädchen nach Hause. Constance bedankte sich noch einmal ganz nett für die Einladung, bevor sie sich mit den anderen auf den Weg machte. Nach etwa einer halben Stunde kam Kinga aus dem Bad, aber sie lief sofort in ihr Zimmer und schloss sich dort ein. Ich klopfte mehrmals an der Tür und bat sie, mich hinein zu lassen. "Geh weg!", war allerdings ihre einzige Antwort und ich konnte hören, wie sie bitterlich weinte.




    Erst als Dominik an ihre Tür klopfte, machte sie ihm auf. "Prinzessin, was ist denn los. Es ist doch überhaupt nichts passiert. Du bist nur ein wenig schmutzig geworden", versuchte er sie zu trösten. "Alle werden in der Schule über mich lachen! Das war die furchtbarste Party, die jemals überhaupt gegeben wurde. Keiner wird mehr zu mir kommen wollen." Kaum hatte sie sich wieder etwas beruhigt, fing sie wider an zu schluchzen.




    "Es ist alles einfach nur furchtbar!" Dominik nahm seine Tochter tröstend in den Arm. "Ach, Prinzessin, das wird schon. Glaub mir, auf der nächsten Party passiert jemanden noch was viel Peinlicheres als dir und dann haben alle den Vorfall von heute vergessen. Und Notfalls suchst du dir neue Freunde. In der Schule laufen ja genug rum." Kinga knuffte ihrem Vater leicht in den Bauch. "Du bist blöd, Papa." Immerhin lachte sie wieder. "Schlaf einfach drüber, Prinzessin, und morgen sieht alles wieder ganz anders aus. Wirst schon sehen." Tja, so erwachsen unsere Kinga schon zu sein schien, manchmal war sie immer noch das kleine Mädchen, das einfach mal in den Arm genommen werden musste.

  • Kapitel 101: Goya




    Unabhängig von Kingas nicht ganz geglückter Geburtstagsfeier, fuhr ich am nächsten Morgen ins Tierheim. Ich hatte schon lange mit dem Gedanken gespielt, einen Hund anzuschaffen, der mir draußen bei den Rindern helfen konnte. Außerdem ist Klaudia schon des Öfteren weinend zu Dominik und mir ins Bett gekommen, wenn die Wüstenhunde mal wieder heulten. Sie sind zwar noch nie in die Nähe des Hauses gekommen, aber vielleicht fühlte Klaudia sich ja sicherer, wenn wir einen Wachhund hätten? In Goya fand ich dann auch eine Hündin, die meinen Vorstellungen entsprach.




    Allerdings hatte ich nicht vor, Goya als Haushund zu halten. Durch die Lage in der Wüste, war das Haus ohnehin schon kaum sauber zu halten. Der Sand und Staub drang einfach durch jede Ritze. Und auf einen Hund auf der Wohnzimmercouch, der noch zusätzlichen Dreck mit sich brachte, konnte ich gut verzichten. Deshalb wurde draußen im Garten extra eine große Hundehütte für Goya aufgestellt.




    "Gehört der Hund etwa uns?", fragte Kinga aufgeregt, als sie den grauen Riesen nebst Hundehütte im Garten entdeckte. Als ich bejahte, stürzte sie sich sofort auf das neue Familienmitglied. Zunächst nur vorsichtig streichelte sie den Rücken des Hundes. Doch als sie merkte, dass Goya ganz zutraulich schien, wurde auch sie mutiger und strich ihr über den grauen Kopf.




    "Kann der Hund denn auch Aporiren?", fragte Klaudia neugierig, aber nicht ganz so begeistert, wie ihre Schwester, als sie den Hund entdeckte. Anstatt sofort zu ihm hin zu laufen, versteckte sie sich hinter meinem Rücken und beobachtete lieber aus sicherer Entfernung. "Du meinst Apportieren, Klaudi. Aber ich weiß es nicht", antwortete ich ihr. "Probier es doch einfach mal aus." Die Neugier siegte über die Angst. Schnell suchte Klaudia einen passenden Stock, streckte ihn Goya aus sicherer Entfernung vor die Nase und warf ihn dann so weit es ging von sich.




    Und wie ein geölter Blitz folgte Goya dem geworfenen Stock und brachte ihn auch brav wieder zurück. Klaudia klatschte entzückt in die Hände und warf den Stock gleich ein zweites Mal. Das Spiel wiederholte sie einige Male, bis die Scheu vor dem neuen Hund schließlich ganz verschwand.







    Wie Dominik vorausgesagt hatte, interessierte sich wenige Tage später niemand mehr für Kingas kleines Malheur auf der Geburtstagsfeier. Ihre Freundinnen, Constance und Elvira kamen vorbei, so wie sonst auch, und die Mädchen hingen in Kingas Zimmer ab.




    Und wie immer platzte Klaudia in diese wichtigen Gespräche herein, weil sie auch mit den großen spielen wollte. Kinga sagte das natürlich überhaupt nicht zu. "Verschwinde, Klaudia. Kleine Kinder wollen wir hier nicht!" Klaudia zog einen Schmollmund. "Ich bin überhaupt kein kleines Kind mehr. Ich bin schon sieben und geh in die Schule. Ich will wissen worüber ihr redet." Elvira konnte sich ein Grinsen nicht verkneifen. Als jüngste von vier Kindern konnte sie sehr gut nachfühlen, wie es Klaudia ergehen musste. Sie durfte bei den ganzen lustigen Sachen, die Hans und Desdemona angestellt haben, auch nie dabei sein. Aber Kinga ließ nicht mit sich reden und verfrachtete Klaudia gleich aus ihrem Zimmer, auch wenn diese sich nach Kräften wehrte.




    Als Elvira sich am Abend auf den Weg nach Hause machte, kam sie auch zu mir, um sich zu verabschieden. "Warte einen Moment, Elvira", hielt ich sie auf, als sie schon fast zur Tür raus war. "Wie geht es denn Gerda, deiner Mutter? Ich hab nicht mehr mit ihr gesprochen, seit sie vor einer Woche ins Krankenhaus gekommen ist. Ist alles gut verlaufen?"




    Elvira lächelte glücklich. "Ja, Mamas Operation ist gut verlaufen. Es gab keine Komplikationen. Du kannst mir glauben, wie froh meine Geschwister und ich waren, als wir das erfuhren." Ich atmete erleichtert auf. "Kann ich sie denn schon besuchen?", fragte ich Elvira weiter und diese nickte zur Antwort. "Die ersten Tage war sie noch sehr schwach, aber inzwischen geht es ihr wieder ganz gut. Ich war erst gestern Abend bei ihr. Sie erholt sich wirklich schnell." Das freute mich natürlich sehr. Ich nahm mir vor, Gerda gleich morgen in der Klinik in Seda Azul zu besuchen.






    In der Nacht wurde Klaudia von einem seltsamen Geräusch geweckt. Irgendetwas knurrt laut und es hörte sich an, als ob Stoff reißen würde. Verschlafen rieb sie sich die Augen und richtete sich im Bett auf. Und dann erkannte sie Goya, die gerade dabei war, ihren Teddy in Fetzen zu reißen.




    "Goya, hör auf damit!", schimpfte sie und sprang aus dem Bett. "Böse, Goya, böse! Du weißt doch, dass du nicht ins Haus darfst. Wenn Mama dich erwischt, dann gibt es richtig Ärger. Und meinen Teddy sollst du auch nicht kaputt beißen. Außerdem fressen Hunde keine Bären, merk dir das!" Goya hörte sofort auf, an dem Bäre zu zerren, legte ihre Ohren an und sah Klaudia mit einem ganz mitleidigen Blick an, dass diese den Hund am liebsten gleich wieder geknuddelt hätte.




    Hätte Klaudia wahrscheinlich auch, wenn Goya nicht wie die Pest gestunken hätte. "Iiiiih, wo hast du dich den rumgetrieben? Du stinkst ja wie der tote Hamster von Elvira, den sie erst nach zwei Wochen unterm Bett gefunden hat. Los raus mit dir, Goya. Sonst behauptet Kinga wieder, ich würde die ganze Zeit pupsen."




    So wie Goya roch, muss sie sich in einem riesigen Kuhfladen gewälzt haben, oder gleich in einer ganzen Vielzahl davon. Dominik erklärte sich dann auch freiwillig dazu bereit, unser Stinktier wieder sauber zu schrubben. Extra für solche Anlasse hatten wir erst kürzlich eine Wasserpumpe mit Holztrog installiert.

  • Kapitel 102: Interessante Beobachtungen




    Während Dominik sich mit Goya herumschlug, machte ich mich auf den Weg ins Krankenhaus nach Seda Azul, um Gerda zu besuchen. Als ich ihr Krankenzimmer betrat, strahlte sie, sobald sie erkannte, wer da zu ihr kam. Ich holte einen Stuhl aus einer Zimmerecke und stellte ihn zu Gerda ans Bett. "Wie geht es dir, Gerda?", fragte ich noch während ich mich setzte. "Gut, Oxana. Es geht mir sehr gut. Aber schau doch selbst", antwortete meine Freundin.




    Sie richtete sich im Bett auf und hob mit Hilfe ihrer Hände ihre gelähmten Beine über die Bettkante. Und plötzlich begann sie sich aufzurichten. Mir bleib der Atem wag, denn sie stand. Sie stand zwar wacklig, aber immerhin, sie stand. Langsam drehte sie sich zu mir um und lächelte mich zufrieden an. "Ich hab doch gesagt, dass es mir blendend geht." Ich konnte nur staunen.




    Ich eilte zu ihr hinüber. "Wie ist das bloß möglich, Gerda? Dein Rückenmark war durchtrennt. Die Ärzte hatten doch gesagt, du könntest nie wieder laufen. Es ist ein Wunder!" Gerda grinste zufrieden. "Nein, Oxana, es ist kein Wunder. Das ist einfach die moderne Medizin. Die Ärzte haben mir einen Computerchip ins Rückenmark implantiert. Dieser verbindet die durchtrennten Nervenstränge. Ich wusste nicht, ob es wirklich gelingen würde, deshalb habe ich niemanden etwas gesagt. Nur die Kinder wussten bescheid. Aber selbst sie wissen noch nicht, wie erfolgreich die OP verlaufen ist."




    Dann geriet Gerda aber doch ins Straucheln und ich musste sie abstützen, damit sie nicht stürzte. "Ich muss mich noch daran gewöhnen, meine Beine wieder bewegen zu können. Und so ganz habe ich die Kontrolle noch nicht zurück. Ich muss mich richtig anstrengen, um überhaupt eine Bewegung zu vollführen und dann passiert oft noch nicht einmal das, was ich will. Aber die Ärzte meinen, ich bräuchte nur viel Zeit und Übung. Es ist so, als müsste ich noch einmal Laufen lernen. Eigentlich darf ich noch gar nicht aufstehen, aber ich halte es nach all den Jahren im Rollstuhl nicht mehr aus, still da zu sitzen." Übertreiben sollte sie es aber auch nicht, als half ich ihr zurück ins Bett und unterhielt mich noch eine ganze Weile mit ihr, bis eine Schwester mich wegschickte, weil Gerda zu einer Untersuchung musste. Also verabschiedete ich mich von meiner Freundin und versprach ihr, sie bald wieder zu besuchen.







    Mit freudigem Interesse verfolgte ich Gerdas Genesung mit. Ich hoffte inständig, dass meine Freundin bald wieder völlig gesund werden würde und wieder laufen könnte. Ebenfalls mit Interesse beobachtete ich, dass ein gewisser Timon immer öfter Gast in unserem Hause war. Zuerst dachte ich mir noch nicht viel dabei, aber dann bemerkte ich die Blicke, die Kinga diesem Jungen zuwarf. Sie versuchte es so gut es ging zu verbergen, insbesondere vor ihm. Doch wenn er z.B. mit dem nächsten Schachzug beschäftigt war, beobachtete sie intensiv jedes Detail an ihm.




    Timon war der jünger Bruder von Marissa, einer Freundin von Kinga, die auch auf ihrer Party war. Er ging in die neunte Klasse und war somit einen Jahrgang über Kinga. Die Augen meiner Ältesten leuchteten regelrecht, wenn dieser Junge zu Besuch kam und sie bekam regelmäßig weiche Knie. Und wenn sie von ihm sprach, dann glich dies einer Lobeshymne. Allerdings fehlte ihr bis jetzt der Mut, Timon zu sagen, wie toll sie ihn doch fand. Insgeheim hoffte sie, dass er den ersten Schritt wagen würde.




    „Mama, kann ich mit dir über etwas reden?", kam Kinga eines Nachmittags auf mich zu. Ihrem Tonfall nach zu Urteilen klang es wichtig. Wollte sie etwa über Timon mit mir reden? Er schien ein netter Junge zu sein, trotzdem war mir nicht wohl bei dem Gedanken, dass meine Tochter sich schon für Jungs interessierte. Doch meine Vermutung war falsch. Kinga hatte etwas ganz anderes auf dem Herzen.




    Nervös begann sie mir beim Abräumen des Mittagstisches zu helfen. "Du, Mama, ich würde nach der Schule gerne einen Job annehmen. Würden Papa und du mir das erlauben?" Kinga wollte arbeiten? Gut, damit hatte ich nicht gerechnet. Ich stellte die dreckigen Teller beiseite um meine ganze Aufmerksamkeit ihr zu widmen. "Einen Job?", fragte ich skeptisch. "Du bekommst doch Taschengeld von uns. Und wird dir das neben der Schule nicht zu viel? Die Hausaufgaben werden nicht weniger, nur weil du arbeitest."




    "Mama, ich bin wirklich gut in der Schule!", begann sie zu quengeln. "Ich stehe in fast jedem Fach eins. Ich glaube nicht, dass ich durch einen Job schlechter in der Schule würde. Und selbst wenn, an einer zwei ist doch nichts auszusetzen." Nun gut, dass sah ich etwas anders. Noten waren wichtig, insbesondere, wenn sie später einmal zur Uni gehen wollte. Aber ich ließ mich erweichen. "An was für einen Job hast du denn so gedacht?"




    Augenblicklich strahlte Kinga. "Ich hab schon mit dem Direktor an meiner Schule gesprochen. Ich könnte nach dem Unterricht die Schüler der unteren Klassen betreuen und ihnen bei den Hausaufgaben helfen. Direktor Jacoby meinte sogar, dass diese Tätigkeit in mein Zeugnis aufgenommen wird und ich dadurch bessere Chancen an der Uni hätte. Außerdem lerne ich bestimmt auch etwas dabei." Schön, ich war überzeugt. "Gut, Kinga, wenn du unbedingt möchtest, dann geh nach der Schule arbeiten. Falls deine Noten wirklich zu sehr absinken sollten, können wir ja immer noch darüber reden. Und mach dir keine Gedanken um deinen Vater. Ich werde ihn schon überzeugen, dass es in Ordnung ist."




    Dominik hatte in der Tat nichts einzuwenden. Er war sogar der Meinung, dass ein wenig Selbstständigkeit Kinga ganz gut täte. Zum Mittagessen kam Kinga nach der Schule noch einmal nach hause, bevor sie dann von einer wenig vertrauenserweckenden Fahrgemeinschaft wieder mitgenommen wurde. Kinga freute sich wirklich auf ihre neue Aufgabe und natürlich auf das Geld, das diese ihr bescheren würde. Aber auf die pinke Arbeitsuniform, die sie wie eine spießige Lehrerin in ihren Vierzigern wirken ließ, hätte sie gut verzichten können.




    Über so etwas wie einen Job machte sich Klaudia überhaupt keine Gedanken. Sie war nur froh, wenn sie aus der Schule kam und dann spielen konnte. Zurzeit war "Räuber und Gandarm" total angesagt. Ständig lief sie mit ihren Freunden kreuz und quer durch das ganze Haus und den Garten. Die Simlane 10 war dann erfüllt von lautem "Peng, Peng" und den erbitterten Todesqualen des Räubers, wenn er vom jubelnden Gandarmen zur Strecke gebracht wurde.




    Kinga hingegen stellte schnell fest, dass es gar nicht so leicht war, Schule und Job unter einen Hut zu bringen. Wenn sie abends von ihrer Arbeit als Hilfslehrerin zurückkam, hätte sie sich am liebsten auch vor den Fernseher gesetzt oder sich in ein gutes Buch vertieft. Aber nein, auf sie wartete ein Berg eigener Hausaufgaben, den sie an manchen Tagen am liebsten in der Luft zerfetzt hätte. Aber das wäre keine Lösung, das war ihr klar. Und so leicht würde sie sich nicht unterkriegen lassen.




    Und zur Not musste sie morgens halt eine Stunde früher aufstehen und das nachholen, was sie am Tag zuvor nicht mehr geschafft hat. Es fiel ihr zwar schwer, sich morgens aus dem Bett zu quälen, aber es war immer noch besser, als wenn sie ohne Hausaufgaben zur Schule ginge.

  • Kapitel 103: Willst du mit mir gehn?




    Derweil hatte Tristan mit ganz anderen Problemen zu kämpfen. Eines Morgens stellte er fest, dass er leider nicht mehr so gut in Form war, wie früher. Einen Waschbrettbauch hatte er zwar nie, aber die Kugel, die er jetzt vor sich her schob, war doch eine Nummer zu groß. Auch wenn sein Freund Frank versicherte, dass ihn das überhaupt nicht stören würde, so war Frank doch nicht der einzige Mann, dem er gefallen wollte. Außerdem drohte der Bauch, den Einblick auf seine Männlichkeit zu versperren.




    In seinem Job als Geschäftsmann hatte er nicht wirklich viel Bewegung. Selbst die kurzen Strecken zwischen den Ölbohrtürmen fuhr er meist mit einem kleinen Spezialfahrzeug ab, denn Zeit war nun einmal Geld. Auf die Ölbranche traf das ganz besonders zu. Also versuchte er es mit ein wenig Yoga vor und nach der Arbeit, nachdem er gehört hatte, dass ich vor einigen Jahren gute Erfahrungen damit gemacht hatte. Und vielleicht ließen sich dies Verrenkungen ja auch an einer anderen Stelle einsetzten?




    Es ist schwer zu glauben, aber Joga war wirklich eine wahre Wunderwaffe gegen die Fettzellen. Denn Tristans Pfunde schmolzen dahin und bald hatte er seinen flachen Bauch zurück erlangt. Dieser Anblick im Spiegel, sagte ihm doch viel mehr zu, als die olle Fettwampe. Vielleicht, überlegte er sich, sollte er bei den kommenden Geschäftsessen lieber auf den Nachschlag verzichten?




    Und auch wenn Frank behauptet hatte, dass ihn Tristans Bäuchlein nicht störte, so war er doch nicht traurig, als sein Freund es sich wieder abtrainierte. Zudem profitierte er von Tristans neu erworbenen Jogakenntnissen, die zu einigen neuen Variationen in ihrem Liebesleben führten. Von der Übung "Skorpion in Angriffsstellung" konnte er gar nicht genug bekommen.







    Wenigstens am Wochenende blieb King noch etwas Zeit, um sich mit ihren Freundinnen zu treffen. Allerdings war Kinga die Erschöpfung deutlich anzusehen. "Alles in Ordnung bei dir?", fragte Constance besorgt, als sie sah, wie ihre Freundin betrübt in ihr Glas schaute, während die drei auf das Essen im Bowlingcenter warteten. Doch Kinga winkte ab. "Mir geht es gut. Ich muss nur mal wieder richtig ausschlafen, das ist alles."




    Beim Bowling wollte sie dann auch demonstrieren, das sie topp fit war. Aber sie war es nun einmal nicht und so rutschte ihr die Kugel noch bei Schwung holen aus der Hand und schlug mit lautem Donnern auf das gebohnerte Parkett der Bahn, sodass alle anderen Spieler sich nach ihr umsahen. Peinlich, peinlich! Und natürlich hatte sie auch nicht einen Kegel umgestoßen. Den nächsten Wurf ging sie deshalb auch deutlich behutsamer an.




    Wie der Zufall es wollte, war auch Timon mit einigen seiner Freunde im Bowlingcenter. "Hi, Kinga! Coole Aktion, die du da gerade geboten hast", begrüßte er sie grinsend. Kinga sah in entsetzt an. Hatte Timon sie etwa beobachtet? Oh nein, schlimmer ging es wirklich nicht! Am liebsten wäre sie im Boden versunken. Stattdessen lächelte sie gezwungen. "Ach, das lag nur an der Kugel. Irgendetwas muss damit nicht in Ordnung gewesen sein. Meine Finger hatten gar keinen halt."




    Timon hatte sofort erkannt, dass sie nur eine Ausrede suchte, aber ging trotzdem darauf ein. Mit einer Bowlingkugel in der Hand kehrte er zu Kinga zurück. "Probier es mal mit dieser hier", bot er ihr an. "Ich kann dir aber auch gerne zeigen, wie du sie am besten wirfst." Dankbar nahm Kinga sein Angebot an. Ihre Bowlingtechnik war wirklich mies. Viel wichtiger war aber, dass sie ein wenig Zeit in Timons Nähe verbringen konnte.




    Mit seiner Unterstützung klappte das Bowlen sogar ganz gut. Kingas Müdigkeit und Erschöpfung war auf einmal wie weggeblasen. Wenn Timon ihr die Kugel reichte, berührten sich ihre Hände manchmal ganz zufällig. Aber war es wirklich Zufall? Kinga hoffte inständig, dass es Timons Absicht wäre, unauffällig auf Tuchfühlung zu gehen.
    Als ihr Traumprinz für einen Moment verschwand, kamen Constance und Elvira auf sie zu. "Du, Kinga, wir wollen jetzt mal nach Hause", erklärte Elvira. "Kommst du mit?", fragte Constance. Gerade in diesem Moment kehrte Timon aus dem Waschraum zurück. Die glasigen Augen, mit denen Kinga Timon bewunderte, genügten Constance als Antwort. Sie grinste, als sie ihre Freundin zum Abschied umarmte. "Ich wünsch dir noch einen schönen Abend", flüsterte sie Kinga ins Ohr. "Und morgen musst du mir alles ganz genau erzählen".




    "Wollen die beiden etwa schon gehen?", fragte Timon mit bedrückter Stimme, als er sah, wie Constance und Elvira zum Ausgang schritten. "Du etwa auch schon, Kinga?" Sie schüttelte ihren Kopf. "Nein, ich würde gerne noch hier bleiben. Zusammen mit dir." Ihre Wangen wurden glühende heiß. "Natürlich nur, wenn du das auch willst", fügte sie hastig hinzu und schaute verlegen auf den Boden und kratzte sich am Hinterkopf. "Klar will ich", schoss es aus Timon heraus und plötzlich glühten seine Wangen genau so rot wie die von Kinga.




    Kinga strahlte, als sie das hörte. Timon wollte tatsächlich weiter mit ihr abhängen. "Wollen wir tanzen?", fragte Kinga, bevor eine unangenehme Stille aufkommen konnte. Denn so wirklich wusste jetzt keiner von beiden, wie es weiter gehen sollte. Timon nickte zustimmend, schaute sich dann aber schnell um, ob seine Freunde nicht mehr da waren. Er wollte auf keinen Fall am nächsten Montag zum Gespött der ganzen Klasse werden, weil er in der Öffentlichkeit mit einem Mädchen getanzt hat. Doch die Luft war rein, und so konnte er sich mit Kinga vor der Jukebox austoben. Seine Bewegungen wirkten zwar holprig und ungeübt, aber Kinga sah durch ihre rosarote Brille ohnehin nur einen furchtbar süßen Jungen, egal was er tat.




    Die beiden tranken noch zusammen eine Limo und unterhielten sich angeregt miteinander, lachten, alberten herum. Die Zeit verflog regelrecht und als Kinga auf die Uhr sah, stellte sie erschrocken fest, dass es fast Mitternacht war. "Ich muss leider gehen, Timon. Meine Eltern haben mir nur erlaubt, bis 12 aus zu gehen. Und eigentlich auch nur, wenn ich bei Constance und Elvira bleibe." Beide erhoben sich von dem Tisch, an dem sie die letzte Stunde verbracht hatten und verließen das Bowlingcenter.




    Die Nachtluft war heute angenehm kühl und es wehte eine leichte Brise, die den Geruch des Meeres selbst noch in die Sierra Simlone trug. "Soll ich dich nach Hause begleiten, Kinga", fragte Timon vorsichtig. "Es ist schon dunkel und bis zu euch ist es ja doch ein Stück." Er brauchte gar nicht so viel Überzeugungsarbeit zu leisten, den Kinga stimmt sofort zu. Timon grinste zufrieden, doch dann versteifte sich sein Gesichtsausdruck, als er langsam seine Finger ausstreckte, um nach Kingas Hand zu greifen. Sein Herz raste mindestens genau so schnell wie das von Kinga. Er hatte Angst, dass sie ihn zurückweisen könnte, dass er sich alles nur eingebildet hatte und dieses tolle Mädchen gar nichts an ihm interessiert war. Doch Kinga war interessiert und ihr Herz machte einen riesigen Luftsprung, als sich seien Hand um ihre schloss.




    Auf den gesamten Weg vom Bowlingcenter bis zur Simlane hielten sie ihre Hände fest umschlossen, als ob sie Angst hätten, dass der jeweils andere plötzlich verschwinden könnte, wenn sie sich trennten. Erst als sie auf der Veranda standen, lösten sie widerwillig ihren Griff. Und da standen sie nun, beide etwas ratlos. Aus dem Fernsehen wussten sie beide, was jetzt folgen sollte, doch keiner fand so recht den Mut, den ersten Schritt zu wagen.




    Schließlich war es doch Kinga, die mit wild klopfenden Herzen einen Schritt auf Timon zuging und vorsichtig ihre Lippen spitzte. Instinktiv schloss sie ihre Augen. Sie hatte den ersten Schritt getan, jetzt lag es bei Timon, weiter zu machen. Und dann spürte sie, wie sich Timons Hand um ihre Taille legte und seine weichen Lippen ihre berührten. Aus Angst, er konnte sich gleich wieder von ihr lösen, griff sie nach seinem Arm und hielt ihn fest. Die Gedanken in ihrem Kopf wirbelten wild durcheinander und als sie ihre Lider wieder öffnete, blickte sie in Timons tief blaue Augen, die sie verliebt anstrahlten.




    Leider mussten die beiden sich für heute trennen. Kaum war Kinga im Haus und hatte sich bei Dominik und mir gemeldet, lief sie auch schon in ihr Zimmer und rief Constance an. Dass es bereits kurz nach Mitternacht war, schien sie nicht zu stören. "Oh, Constance, du wirst nicht glauben, was heute passiert ist!", plapperte sie aufgeregt in ihr Handy. "Als du weg warst, blieb ich noch mit Timon im Bowlingcenter. Mir haben getanzt und so und dann so 'ne Limo getrunken und gequatscht und so. Ach Constance, Timon ist voll süß. Der tut nur in der Schule vor seinen Freunden ganz anders. Aber in Wirklichkeit ist der voll nett und so. Und dann hat er mich nach Hause gebracht. Oh, dass war so schön, Constance. Erst war er voll schüchtern und so, doch dann hat er meine Hand genommen. Meine ganzer Arm hat so gekribbelt.“




    "Und dann, und dann als wir auf der Veranda standen, hat er mich geküsst.....Ja so richtig auf den Mund....Nein, das war überhaupt nicht komisch. Das war voll schön, Constance. Marissa hat erzählt, dass wäre am Anfang nass und eklig und Silke hat gesagt, dass das stimmt und so, aber die haben beide unrecht....Nein, Constance, nur mit geschlossenem Mund. Das war doch unser erster Kuss, da kann ich doch nicht gleich mit offenem Mund küssen. Marissa hat gesagt, dass macht man nicht, sonst hat man dem Jungen nichts mehr zu bieten und so. Ach Constance, am liebsten würde ich ihn gleich wieder sehen. Seine Augen sind total blau und so. Und so schön. Er hat gesagt, er ruft morgen an.....Natürlich werde ich mich noch mal mit ihm treffen...." Das Gespräch dauerte noch eine ganze Weile und Kinga beschrieb den Kuss mindestens fünf Mal in jeder Einzelheit. Wie gut, dass am nächsten Tag keine Schule war, denn vor zwei kam Kinga nicht ins Bett.




    Wie versprochen rief Timon am nächsten Tag an und am nächsten und am nächsten....Die beiden trafen sich noch öfter, als sie es schon früher getan hatten. Nur spielten sie nicht mehr Schach miteinander, sondern wiederholten den Kuss vom ersten Abend immer und immer wieder. Und inzwischen lief das nicht mehr so vorsichtig und zaghaft ab, wie noch bei ihrem ersten gemeinsamen Kuss. Manchmal wurde sogar mit offenem Mund geküsst. Schließlich wollte Kinga ausprobieren, wovon Marissa den jüngeren Mädchen erzählt hatte.




    Timon schien dies durchaus zu gefallen. Aber er mochte Kinga wirklich und so stellte er ihr die ein wichtige Frage: "Willst du mit mir gehen?" Kinga machte vor Freude einen Luftsprung. "Klar will ich, Timon. Aber die Frage hättest du dir echt sparen können. Für mich waren wir schon längst fest zusammen." Aber jetzt war es auch ganz offiziell. Kinga und Timon waren ein Paar.

  • Kapitel 104: Die Zeit anhalten




    Einige Wochen später erfuhr dann auch ich offiziell, dass Timon mehr war, als ein bloßer Freund. Geahnt hatte ich schon länger etwas, aber ich vertraute darauf, dass Kinga schon selbst mit der Sprache rausrücken würde, wenn sie so weit war. Und beim gemeinsamen Frühstück am Wochenende war es dann so weit. "Mama, du kennst doch Timon", druckste sie zunächst herum. "Ich würde ihn gerne zum Essen einladen...zusammen mit Papa und dir. Timon und ich...wir gehen jetzt miteinander und ich möchte, dass ihr ihn kennen lernt". Kinga war dieses Gespräch unangenehm, auch wenn ich nicht verstand, warum dies so war. "Natürlich kannst du Timon zum Essen mitbringen", erklärte ich deshalb auch umgehend. "Dein Vater und ich freuen uns schon darauf, deinen Freund kennen zu lernen".




    Eigentlich war es geplant gewesen, dass nur Dominik und ich Timon näher kennen lernen sollte. Aber als Tristan und Klaudia von Kingas erstem Freund erfuhren, ließen sie es sich nehmen, den Jungen auch kennen zu lernen. "Bitte sei nett zu dem Jungen", flüsterte ich Dominik ins Ohr, als Timon uns zögerlich begrüßte und sich zu uns an den Esstisch setzte. Dominik musterte den Jungen skeptisch und auch Tristan beäugte ihn aufs Gründlichste.




    Meine Bitte half wohl nicht sehr viel, denn kaum saßen alle am Tisch, begann Dominik auch schon das Verhör. "Und du bist wie alt?", fragte er wenig höflich. "15, Sir", antwortete Timon eingeschüchtert. "Ich bin eine Klasse über Kinga". Kinga warf ihrem Vater einen flehenden Blick zu, doch der ließ sich davon nicht beirren. "Und deine Leistungen in der Schule?". "Es könnte besser sein", gestand Timon. Bei dieser Antwort versteinerten Dominiks Gesichtszüge noch weiter und der Junge sackte sichtlich zusammen. "Und was für Pläne hast du nach der Schule?". "Ich...ich möchte zur Uni gehen, Sir. Vielleicht Geschichte studieren...aber ich bin mir noch nicht ganz sicher". "Geschichte also", Dominik klang nicht sehr begeistert. "Und damit kann man eine Frau und Kinder ernähren?".




    Timon wurde ganz blass im Gesicht. Frau und Kinder? Er war doch erst 15 und der Gedanke an eine eigene Familie lag in weiter Ferne. Was erwartete Herr Blech denn von ihm? "Papa, hör auf damit", forderte Kinga Dominik auf. "Ich wollte doch bloß, dass ihr Timon einmal kennen lernt. Ich mag ihn wirklich gerne und er mag mich. Das ist doch das Wichtigste". Um das zu unterstreichen griff sich nach Timons Hand. Verliebt blickten die beiden sich an. Der Anblick war so schön, dass es wir ganz warm ums Herz wurde. Dominik brummte nur etwas in seien kaum vorhandenen Bart und beendete das Verhör für diesen Abend.







    "Musstest du so gemein zu Timon sein", fragte ich meinen Ehemann, nachdem Kinga sich mit ihrem Freund auf ihr Zimmer verzogen hatte und Dominik und ich es uns auf dem Sofa im Wohnzimmer gemütlich machten. "Ich und gemein?", fragte Dominik unschuldig. "Du hast mich scheinbar noch nie gemein erlebt". Er lachte. "Ich wollte nur testen, wie ernst der Junge es mit unserer Prinzessin meint. Wenn er mich überstanden hat und bei ihr bleibt, dann scheint er sie wirklich zu mögen. Ich will einfach nicht, dass unser kleines Mädchen verletzt wird".




    "Kinga ist doch kein kleines Kind mehr. Leider!", entgegnete ich. "Heute ist mir bewusst geworden, dass sie nun fast schon erwachsen ist. Nur noch ein paar Jahre, dann wird sie die Schule beenden und zur Uni gehen. Und dann wird sie heiraten und eigene Kinder bekommen und nicht mehr auf ihre Eltern angewiesen sein. Und selbst Klaudia wird so schnell groß und verlässt bald das Nest." Mir wurde richtig schwer ums Herz und Dominik zog mich tröstend zu sich heran. "Und dann sind nur noch wir beiden da, ganz alleine in diesem großen Haus. Ach Dominik, ich wünschte, wir könnten die Zeit einfach anhalten."




    "Hey, ich bin auch noch da!", meldete sich Tristan empört zu Wort. Er saß auf dem anderen Sofa und schien vertieft in sein Computerspiel, doch scheinbar hörte er jedes Wort genau mit. "Genau, Linse, dann verpassen Brodlowska und ich dir eine riesige Windel und spielen dann Vater, Mutter, Kind. Das wird ein Spaß." Dominik fand diese Vorstellung wohl tatsächlich lustig, denn er kugelte sich vor Lachen, fing sich dafür aber einen beleidigten Blick von Tristan ein.




    Ich knuffte Dominik sanft in die Seite und er beruhigte sich wieder und entschuldigte sich bei Tristan. Zwar grinste er dabei über das ganze Gesicht, aber er entschuldigte sich immerhin. Dann wurde er ernst. "Wir müssen nicht zu zweit alleine bleiben", sagte er schließlich und in Tristans Richtung ergänzte er: "Entschuldigung, ich meinte natürlich zu dritt." Dann sah er erneut mich an. "Was hältst du davon, wenn wir uns noch so ein kleines Würmchen anschaffen. Kinga und Klaudia haben wir doch mit links gepackt und die beiden sind uns doch ganz gut gelungen. Und vielleicht klappt es dann auch endlich mit einem kleinen Dominik Junior".




    "Noch ein Baby?" ich konnte kaum glauben, dass Dominik das wirklich vorschlug, aber ich strahlte über das ganze Gesicht. "Wir sind doch noch jung, Brodlowska. Und ich würde mich über neues Kindergeschrei auf Grünspan sehr freuen". Zur Antwort küsste ich ihn einfach. Natürlich wollte ich noch ein Kind. Nach Klaudia haben wir über weitere Kinder nicht mehr gesprochen und ich nahm einfach an, dass Dominik unsere beiden völlig ausreichten. Unsere Küsse wurden leidenschaftlicher und Dominiks Hände gingen bereits auf Erkundungstour. "Nehmt euch doch ein Zimmer!", unterbrach uns Tristan und erinnerte uns daran, dass wir nicht allein waren. "Nicht einmal in Ruhe Computer spielen kann man hier!"




    Wir befolgten umgehend Tristans Rat und zogen uns in unser Schlafzimmer zurück. Ich zog hastig die Vorhänge zu und Dominik schloss die Tür ab. Beim Produktionsvorgang für ein neues Geschwisterchen für Kinga und Klaudia musste ich Dominik aber immer wieder darum bitten, leiser zu sein, was mir allerdings selbst sehr schwer viel. Aber es war mitten am Tag und Tristan saß im Zimmer nebenan und unsere Kinder wuselten auch im Haus herum. Seltsame Geräusche aus dem Schlafzimmer von Mama und Papa hätten bei Klaudia einige Fragen aufwerfen können und hätten Kinga und Timon ganz sicher die Schamesröte ins Gesicht getrieben. Aber gerade die Tatsache, dass wir leise sein mussten, machte dieses Liebesspiel doch ganz besonders aufregend.







    In den nächsten Wochen waren Dominik und ich fleißig damit beschäftigt, ein Baby zu zeugen. Nur leider war Erfolg noch nicht in Sicht. Das war mal wieder so typisch. Wenn ich unbedingt schwanger werden wollte, dann klappte es natürlich nicht.
    Erfolge hingegen konnte Kinga verbuchen. Mit Timon lief es immer noch super und auch ihre Leistungen in der Schule ließen keine Wünsche übrig. Sie hatte es gut geschafft Schule, Freunde, Freund und Job unter einen Hut zu bringen. Aus diesem Grund wurde sie von ihrer Schule ausgewählt, zu einem Vorbereitungskurs für die Uni zu fahren. Das sollte ihr ermöglichen, sich bereits während ihrer Schulzeit, gezielt auf das spätere Studium vorzubereiten. Miranda Kappe, die inzwischen ihr Literaturstudium abgeschlossen hatte, erklärte sich bereit, Kinga während dieser Zeit zu betreuen und ihr das wahre Studentenleben zu zeigen, durchaus auch mal abseits der Hörsäle und Seminarräume.




    In der Uni-Verwaltung hat Kinga sich dann auch gleich über mögliche Stipendien informiert. So wie es aussah, konnte sie wegen ihres Jobs an der Schule ein Stipendium für Existenzgründer erhalten. Ein Test ergab zudem, dass sie ein sehr gutes logisches Denken aufwies und sich deshalb für den Will Wright-Genie Preis qualifiziert habe. Zudem wurde sie noch für das Karl Quasselstrippe-Stipendium vorgeschlagen, weil sie die Verantwortlichen von ihrem Charisma überzeugen konnte. Für ein paar weitere Tests brauchte sie aber noch einige zusätzliche Informationen über ihre Eltern. Also rief sie umgehend zu Hause an.




    Ich war nicht Zuhause, also nahm Dominik den Anruf entgegen. "Hallo, Papa! Es ist voll cool hier an der Uni. Miranda hat mir auch schon alles gezeigt. Ich kann es kaum abwarten, selber studieren zu können. Und nein, ich werde kein Waschpulver in den Brunnen vor dem Hauptgebäude kippen. Das kannst du ja gerne machen, wenn du mich mal besuchen kommst, Papa." Beide lachten am Telefon und Kinga erzählte ihm von den Ereignissen der letzten Tage. Dann fragte sie Dominik die Fragen, die sie für die weiteren Tests brauchte. "Du wurdest also in Estella Grande geboren? Interessant! Und Mama kommt aus SimCity? Du weißt nicht zufällig, woran Opa Darek gestorben ist? Ich will Mama lieber nicht fragen. Ach ja und deine Blutgruppe brauche ich noch. Es geht um irgendwelche Gesundheitsdinge und die wollen wissen, ob ich vielleicht ein interessantes Testobjekt sein konnte oder so. Ganz hab ich das noch selbst nicht verstanden".




    "Die wollen dich als Versuchskaninchen, Prinzessin!", lachte Dominik und antwortete dann auf ihre eigentliche Frage: "Meine Blutgruppe ist 0 negativ Schatz". Er hörte, wie Kinga etwas aufschrieb, doch dann stutzte sie. "Nee, Papa, du musst dich irren. Du kannst nicht Blutgruppe 0 sein. Mama und ich sind beide AB, das weiß ich ganz sicher. Und mit Blutgruppe 0 kannst du nicht mein Vater sein. Ruf mal Oma an, die weiß bestimmt deine richtige Blutgruppe. Ich melde mich dann morgen wieder bei euch. Ich hab dich lieb, Papa. Und drück Mama und Klaudia von mir!" Kinga legte auf. Doch Dominik hielt noch lange Zeit schweigend den Hörer in der Hand. Er war Blutgruppe 0 negativ. Erst vorgestern war er beim Blutspenden gewesen. Und sein Wissen über Vererbung der Blutgruppen reichte aus um zu bestätigen, dass Eltern mit den Blutgruppen 0 und AB niemals ein Kind der Blutgruppe AB haben könnten. Und diese Erkenntnis traf ihn so schwer, dass er nicht einmal in der Lage war, den Hörer aufzulegen.


    Gedanken


    Ich hatte alles, was ich mir immer gewünscht hatte. Ich stand auf einem kleinen Hügel in der Sierra Simlone und blickte auf das karge Weideland, auf dem meine Rinder grasten. In den Jahren hatte ich es geschafft, Grünspan zu einer erfolgreichen Rinderfarm auszubauen. Auf den Feldern im Osten wuchs mein Mais in die Höhe und versprach eine reiche Ernte für dieses Jahr. Im Westen konnte ich mein kleines grünes Haus erkennen. Klein war es nicht mehr, aber immer noch grün. Und von hier wirkte es noch viel grüner, da sich davor meine Citrusplantage ausbreitete. Auch wenn das Obst in den ersten Jahren höchstens für die Saftpresse geeignet war, hatte ich inzwischen genügend Know-how angesammelt, um die Märkte der Sierra Simlone mit erstklassigen Orangen und Zitronen zu versorgen. Das spiegelte sich auch in finanzieller Hinsicht wider.
    Unser Konto war prall gefüllt und dabei hatten wir erst kürzlich die Küche, das Wohnzimmer, beide Kinderzimmer und das Badezimmer komplett neu gestalltet.


    Das viele Geld war aber nicht nur auf Grünspan, sondern auch auf die Verdienste von Tristan, Dominik und natürlich Kinga zurück zu führen. Tristan arbeitete nach wie vor auf höchster Ebene für die Ölgesellschaft in der Sierra Simlone. Und auch Dominik hatte sich inzwischen weit nach oben gearbeitet. In seinem Wachdienst hatte er sich sogar den Spitznamen "Superheld" eingefangen. Für mich war er das sogar; mein ganz persönlicher Supermann!


    Kinga verdiente in ihrem Job zwar nicht viel, trotzdem machte ihr die Arbeit mit den jüngeren Schülern Spaß. Außerdem erhielt sie dadurch Pluspunkte an der Schule und für eine Unibewerbung machte sich solch eine zusätzliche Beschäftigung sicher gut.
    Bei ihrem Besuch an der Uni hat sie sich dann auch gleich für eine ganze Reihe Stipendien und Preise qualifiziert. Ihre Berufserfahrung wurde gelobt, zudem zeigte sie besondere Fähigkeiten in den Bereichen Logik und Charisma. Im Nachhinein bin ich sehr froh, dass sie so viel Zeit mit dem Wackelninchen und dem Schachbrett verbracht hat. Und weil ich in SimCity geboren wurde, erhielt Kinga noch ein Sonderstipendium der Stadt. Wahrscheinlich versuchte der Bürgermeister auf diese Weise, neue Einwohner in die Stadt zu locken und die ausgewanderten zurück zu holen.


    Auch wenn Kinga sich jetzt prächtig entwickelte, ist sie doch nicht ganz so gut aufgewachsen, wie ich mir das erhofft hatte. Und ich fürchte, dass ich zum Teil Schuld daran trug. Immerhin konnte ich ihr als Kind nicht die Liebe entgegen bringen, die sie gebracht hätte. Ich konnte nur beten, dass sich das in Kingas späterem Leben nicht rächen würde.


    Kinga interessierte sich sehr für andere Menschen und ging auch leicht auf diese zu. Ich müsste lügen, wenn ich sagen würde, dass ihr Ruf ihr egal war. Sie versuchte sogar alles zu machen, um bei ihren Mitschülern besonders gut da zu stehen. Als ich sie einmal nach ihrem Lebenswunsch fragte, antwortete sie, dass sie gerne viele Tierfreunde hätte. Das ist nun auch einige Jahre her und ich bin skeptisch, ob sie diesen Wunsch immer noch verfolgt.
    Als ich sie über Jungs ausfragte, gestand sie mir, dass sie Jungen mit blondem oder braunem Haar ganz besonders mögen würde. Timon passte allerdings überhaupt nicht in dieses Beuteschema. Sie würde es aber ganz schrecklich finden, wenn ein Typ sich zu sehr aufstylte und ständig im Designeranzug herum lief. Zumindest was das anging, brauchte sie sich bei Timon keine Sorgen zu machen. Es würde noch dauern, bis er sich einen Designeranzug leisten konnte.


    Ihre Misslungene Geburtstagsparty hat sie immer noch nicht überwunden. Zwar sprach sie nicht darüber, aber seit jenem Tag hatte sie nicht einmal mehr in Erwägung gezogen, eine weitere Party zu geben. Und selbst auf Partys von Freunden verhielt sie sich eher zurückhaltend.


    Klaudia wuchs hingegen wunderbar auf und hatte einen sehr guten Start in ihr Leben als Kind. Dass sie dabei nicht so herausragend in der Schule war wie Kinga, störte mich nur wenig. Ich wollte nur, dass mein kleines Mädchen glücklich war. Und zu unserem Glück wurde Klaudia immer schöner, je älter sie wurde. Ich glaube, dass Geld für ihre Schönheitsoperation können Dominik und ich doch lieber für ihre Schulausbildung verwenden.


    Als Kleinkind konnten Dominik und ich Klaudias Charakter noch nicht so gut abschätzen. Als Kind zeigte sich dann, dass sie mir doch sehr ähnlich war. Leider viel zu ernst und zu schüchtern, dafür aber immer auf Achse. Und einem Kind ganz unüblich ging sie ganz besonders gerne zur Schule und würde unheimlich gerne verreisen. Den letzten Wunsch würden wir ihr sicher bald erfüllen, denn auch Dominik und ich planten schon länger einen gemeinsamen Familienurlaub.


    Unser Hund Goya war zu einem verlässlichen Wachhund geworden und half wir draußen auf den Weiden. Und zu Hause erfreute Goya die Kinder und auch meine beiden Männer. Das sie gelegentlich wenigen Blumen vorm Haus umgrub und tief Löcher in den Wüstenboden grub, war nur ein kleiner Wehmutstropfen. Ich wollte Goya nicht mehr missen. Sie war schlauer und zutraulicher Hund. nur leider etwas ängstlich. Das erschwerte manchmal die Arbeit mit den Rindern, aber ich konnte sie getrost mit meinen Kindern spielen lassen.


    Tristan hatte auch ein Erfolgserlebnis. Erstaunt stellte er fest, dass er so viele gute Freunde hatte, dass sein ganzes Adressbuch bis auf die letzte Seite ausgefüllt war. Damit hatte er im Leben nicht gerechnet!


    Ich freute mich für meinen Freund und Mitbewohner. Aber wie ich schon erwähnte, auch ich war glücklich und hatte alles, was ich mir jemals gewünscht hatte. Ein schönes Haus, eine gut laufendes Unternehmen, viel Freunde und was das wichtigste war, einen liebenden Ehemann und zwei wundervolle Kinder. Und so wie es aussah, waren keine dunklen Wolken in Sicht.


  • Was bisher geschah:
    (Zusammenfassung der bisherigen Kapitel)


    Vor über 15 Jahren kam ich in die Sierra Simlone, weil ich den Kontakt zu meiner Familie nicht mehr ertrug. Mein Vater hatte mich aus dem Haus geworfen und ich war nicht bereit ihm zu verzeihen. In der kargen Wüste im Süden der SimNation fand ich ein neues Zuhause, fernab meines Vaters und meiner restlichen Familie.


    Dadurch verpasste ich viele Dinge, die die weitere Entwicklung meiner Familie bestimmten. Insbesondere meine Zwillingsschwester Joanna wurde durch diese Ereignisse zu einer völlig anderen Person. Nach dem Tod meines Vaters erbte sie die Nachfolge unseres „Familienbetriebs“, einer Mafia-ähnlichen Organisation, die weder vor Schmuggel und Diebstahl, noch vor Erpressung und Mord zurück schreckte.


    In meiner neuen Heimat bekam ich von all dem nichts mit, bis Joanna eines Tages vor meiner Tür stand und von mir verlangte, sie bei einem Auftrag zu unterstützen. Nie im Leben hätte ich mich darauf eingelassen, wenn sie nicht ein entscheidendes Druckmittel besessen hätte. Meine Zwillingsschwester war nämlich die einzige, die wusste, dass meine älteste Tochter Kinga nicht die leibliche Tochter meines Ehemannes Dominik war, sondern das Ergebnis einer unbedachten Affäre mit Albert, einem verheirateten Mann.
    Um meine Ehe nicht aufs Spiel zu setzen, ließ ich mich auf ihren Plan ein und gab mich als meine Schwester aus, als die große Donna Joanna, Patin von SimCity, während sie in der Zwischenzeit einen Einbruch beging. Doch der Einsatz lief nicht wie geplant. Ein betrogener Liebhaber meiner Schwester tauchte auf und entführte mich. Auf grausamste Weise wurde ich von ihm ausgefragt und gefoltert und nur mit Mühe konnte ich mich aus seiner Gewalt befreien. Der Preis meiner Freiheit war aber der Mord an meinem Peiniger.


    Ich konnte meiner Schwester nicht verzeihen, dass sie mich in solch eine Lage gebracht und mich zur Mörderin gemacht hatte und brach erneut den Kontakt zu ihr ab.


    So schlimm die Entführung und ihre Folgen, sowohl physische, als auch psychische, für mich waren, hatte die ganze Geschichte ein Gutes. Endlich erkannte ich, wie viel mir meine Kinder und meine Familie bedeuteten und wie sehr ich meinen Ehemann doch liebte. Jahrelang habe ich mich nach dem Vater von Kinga verzehrt und beinah wäre ich auch mit ihm zusammen gekommen. Doch bevor ich mich endgültig von Dominik trennen konnte, verunglückte Albert tödlich und kurz darauf stellte ich fest, dass ich erneut Schwanger war. Sowohl Dominik, als auch Albert kamen als Väter in Frage und erneut entschloss ich mich dazu, mein zweites Kind, Klaudia, als die Tochter von Dominik auszugeben. Meine Eheschließung mit Dominik war eher eine Entscheidung der Vernunft gewesen und nur langsam entwickelte sie sich zu wahrer Liebe. Doch als ich erst einmal begriffen hatte, dass ich meinem Mann gegenüber nicht nur tiefe Freundschaft und Respekt entgegenbrachte, sondern ihn wahrhaftig leibte, erfüllten sich all meine Träume.


    In wenigen Monaten holte ich all die Liebe und Leidenschaft nach, die ich Dominik zuvor verwehrt hatte. Wir waren eine glücklich Familie, Dominik, Kinga, Klaudia und ich. Meine Jüngste wuchs zu einem lebenslustigen Kind heran und meine Älteste wurde langsam zu einer jungen Frau, die ihre erste Liebe fand und sich bereits Gedanken über ihre Ausbildung und Zukunft machte. Genau aus diesem Grund fuhr sie auch zur Universität La Siesta Tech um in das Unileben hinein schnuppern zu können und sich bereits jetzt für mögliche Stipendien zu bewerben. Für ein bestimmtes Stipendium waren einige medizinische Angaben notwendig. Und da Kinga diese nicht aus dem Kopf wusste, rief sie in der Simlane an. Und das Schicksal sah vor, dass Dominik diesen Anruf entgegen nahm. Auf diesem Weg erfuhr er, dass Kingas Blutgruppe nicht zuließ, dass er ihr leiblicher Vater war.


    Kapitel 105: Ungutes Gefühl





    "Guten Tag, Caroline", begrüßte ich unsere Gärtnerin. „Der Garten sieht wieder einmal Tiptop aus.“ "Danke Frau Blech. Herr Linse." Sie lächelte uns freundlich zu, machte sich dann aber sofort wieder an ihre Arbeit. Es mochte zwar nicht so aussehen, aber die wenigen Pflanzen die am Haus wuchsen verlangten sehr viel Pflege. Deshalb war ich sehr froh, dass Caroline mir diese Arbeit abnahm. Dadurch hatte ich mehr Zeit für die Arbeit auf der Farm...oder für einen kleinen Einkaufsbummel wie an diesem Tag. "Dominik wird wieder einen Anfall bekommen, wenn er sieht, wie ich unser Geld ausgebe", scherzte ich. "Genau aus diesem Grund hast du ja auch ihm etwas mitgebracht, Oxana", entgegnete Tristan grinsend. "Und wenn die Sachen ihm nicht gefallen, ich nehme sie gerne."




    Kaum hatten wir von ihm gesprochen, trat Dominik auch schon aus der Haustür. "Ich hab Geschenke für dich!" Während ich die Treppe hoch stieg, hob ich die Einkaufstasche und schüttelte sie. Doch leider zeigte Dominiks Gesicht nicht die erwartete Freude. Ich konnte seinen Gesichtsausdruck nicht wirklich deuten. Er wirkte irgendwie verwirrt und blieb stumm. Ich bemerkte, wie seine Faust sich krampfhaft ballte und ich wartete immer noch auf irgendeine Reaktion, doch Dominik stand einfach nur da und starrte mich an.




    "Schatz, was ist denn los?", fragte ich mit wachsender Besorgnis in der Stimme. Für einen Moment schien es so, als ob Dominik irgendetwas sagen wollte, doch dann drängte er sich an mir vorbei und lief einfach los. "Dominik, wo willst du hin?", rief ich ihm noch hinterher, doch eine Antwort erhielt ich nicht. Was war denn bloß los mit ihm? Er verhielt sich doch sonst nicht so seltsam.




    Ohne sich umzublicken lief Dominik zur Hauptstraße und verschwand schließlich zwischen den Häusern des Neubaugebiets. "Was ist dem denn über die Leber gelaufen?", fragte Tristan schmunzelnd, nachdem ich ihm ins Haus gefolgt war. Ich schüttelte den Kopf und kratzte mir ratlos die Stirn. "Ich weiß auch nicht. Heute Morgen war noch alles in Ordnung gewesen. Ich hoffe mal, dass er gleich zurück gerannt kommt." Mit einem tiefen Seufzer machte ich meinen Unmut deutlich. "Toll, und wegen ihm werde ich mir jetzt den halben Tag sorgen machen. Er hätte ja wenigstens sagen können, dass alles in Ordnung ist."





    Der Tag zog sich dahin, doch von Dominik fehlte weiterhin jede Spur. Irgendwann rief ich bei seinen Eltern an, doch auch die wussten nicht, wo er war. Immerhin wusste ich so, dass bei meinen Schwiegereltern alles in Ordnung war, genauso bei Gerda und bei Roland, bei denen ich ebenfalls anrief. Trotzdem blieb ich unruhig. Bei der Arbeit auf der Plantage machte ich mir immer wieder Gedanken darüber, was wohl passiert sein mochte? Und irgendetwas musste passiert sein. schließlich lief Dominik nicht grundlos einfach auf und davon.





    "Hat er sich immer noch nicht gemeldet?" Tristan stand hinter mir. Ich war so in Gedanken gewesen, dass ich ihn nicht kommen hörte und sichtlich zusammenzuckte. "Nein, hat er nicht. Wahrscheinlich ist auch überhaupt nichts, aber ich weiß auch nicht, irgendwie habe ich ein ungutes Gefühl". "Vielleicht hilft es ja, wenn du dich ein wenig ablenkst?", schlug Tristan vor. "Hans und ich fahren gleich nach Seda Azul. Wir bleiben dort zwei, drei Tage. Tagsüber am Strand brutzeln und nachts die Bars und Discos unsicher machen. Was hältst du davon?"




    Die Antwort konnte er an meinem zweifelnden Gesichtsausdruck ablesen. "Ach komm schon, Oxana, das wird Spaß machen. Klaudia kannst du doch bei ihren Großeltern absetzen und Dominik ist selbst schuld, wenn er einfach so abhaut." Lust hätte ich schon gehabt. Ein paar Tage Urlaub wären sicher nicht schlecht, aber ich konnte nicht weg, solange ich nicht wusste, warum Dominik sich so seltsam verhalten hatte. "Ich habe noch so viel auf der Plantage zu erledigen", redete ich mich deshalb raus und deutete auf die Bäume hinter mir. "Außerdem könnte Kinga anrufen. Ich kann nicht einfach so weg." Tristan wusste, dass es nur Ausflüchte waren, aber er beließ es dabei. Denn um ehrlich zu sein, merkte er, dass mit mir am Strand ohnehin nicht viel anzufangen gewesen wäre.






    "Meinst du nicht, wir sind schon ein wenig zu alt zum Sandburgen bauen?" Hans Kappe meinte diese Frage durchaus ernst, ließ es sich aber nicht nehmen, weiter im Sand zu wühlen. "Ach was", wischte Tristan den Einwand beiseite. "Man ist so alt wie man sich fühlt. Und ich fühle mich gerade keinen Tag älter als 12. Außerdem ist es eh schon dunkel. Uns wird schon keiner entdecken." Als Tristan und Hans am Strand von Seda Azul eintrafen, war die Sonne bereits unter gegangen. Trotzdem wollten die beiden erst einen Abstecher zum Meer machen und wo sie schon einmal hier waren, versuchten sie sich gleich einmal in der Kunst des Sandburgenbauens.





    Das Ergebnis überzeugte leider wenig. Vielleicht ließ es sich bei Tageslicht doch besser bauen? Aber zum Burgenbauen waren die beiden ohnehin nicht hier. Die Nacht war noch jung und ein ordentlicher Espresso würde dafür sorgen, dass sie nicht frühzeitig von Müdigkeit übermannt wurden. "Wie geht’s eigentlich Mika?", fragte Tristan und schlürfte an seinem Kaffee. "Warum ist er denn nicht mitgekommen?" "Da könnte ich genauso gut fragen, wo du Frank gelassen hast", antwortete Hans und zwinkerte Tristan zu, der sich grinsend auf die Unterlippe biss. "Ich schlage vor, wir machen uns dann auch gleich mal auf die Suche nach Ersatz für unsere daheimgebliebenen Männer", beschloss Hans und erhob sich vom Tisch. Tristan leerte hastig die Tasse in einem Schluck und folgte seinem jüngeren Freund.





    Hans stieg die Treppe hinunter und machte interessiert vor einem Feuertänzer halt, der vor einem kleinen Publikum sein Können zum Besten gab. Im Schein des Feuers glänzte der schweißnasse Körper des Mannes und es war ein Anblick, der Hans durchaus zusagte. "Was hältst du denn von dem da? Toller Körper oder?", fragte Hans beeindruckt, doch Tristan seufzte: "Mit dem da habe ich schon beim meinem letzten Auffenthalt hier mit Frank Bekanntschaft gemacht. Leider ist es ziemlich enttäuschend, was sich da so unterm Baströckchen versteckt."





    "Du weißt doch, was man sich über Männer mit großen Autos sagt", erläuterte Tristan weiter. "Das trifft auch auf Männer mit großen brennenden Stangen zu. Da versucht eindeutig jemand einen Ersatz für eine andere, sehr kleine Stange zu finden." "Aber, aber, Tristan", tadelte ihn Hans. "Auf die Größe kommt es doch nicht an". Beide Männer sahen sich an und prusteten dann los. "Ach, ein herrlicher Witz." Tristan musste sich sogar eine Träne aus dem Augenwinkel wischen. Erst als der Feuertänzer und einige der Zuschauer den beiden bereits böse Blicke zuwarfen, konnten sie sich wieder zusammen reißen.





    Einer dieser bösen Blicke gehörte einem jungen Mann, der sofort Tristans Interesse weckte. Braunes, verwuscheltes Haar, eine schlanker Körper und ein Leuchten in den Augen, das Tristan sofort gefesselt hatte. Das Beeindruckendste war aber die Begeisterung und die fast schon kindische Freude, mit der er die Darbietung des Feuertänzers verfolgte. Er lachte, jubelte und klatschte vergnügt in die Hände. Und so wie es aussah, war er allein hier. Zumindest konnte Tristan niemanden entdecken, der zu diesem Burschen zu gehören schien.




    Doch kaum hatte Tristan sich umgedreht, um Hans seine neuste Entdeckung zu zeigen, war der Typ auch schon verschwunden. Im letzten Augenblick entdeckte Tristan ihn dann doch, wie er gerade im Eingang einer kleinen Strandbar verschwand. "Siehe zu und lerne, mein Schüler", erklärte er Hans und lief dann durch den weichen Sand zur Bar. Kaum hatte er die Tür aufgestoßen, entdeckte er den hübschen Braunhaarigen an der Bar...und er war immer noch allein. Ohne weiter darüber nachzudenken setzte er sich auf den nächsten freien Hocker direkt neben ihm und begann mit den Händen auf den Tresen zu trommeln, was die Aufmerksamkeit des Jungen auf ihn lenkte. "Hübsche Männer sollten nicht alleine in dunklen Bars sitzen, sonst werden sie noch von bösen alten Kerlen angemacht", erklärte er grinsend. "Gut für dich, dass ich keiner von denen bin. Du kannst mich Tristan nennen."





    Der Bursche sah ihn befremdet an. "Ja, schön für dich", antwortete er kühl und richtete seinen Blick auf den Barmann, wobei er sein Gesicht so gut es ging hinter seiner Hand versteckte. Tristan machte ein verwirrtes Gesicht. Normalerweise lief das aber anders. Also trommelte er noch ein wenig vor sich hin, aber der Unbekannt machte keine Anstallten, ihn noch einmal zu beachten. Tristan betrachtet ihn von der Seite. Hhm, schwul war er aber. Was das anging, so hatte Tristans Gespür ihn noch nie betrogen. Scheinbar war das aber eine härtere Nuss, als er erwartet hatte. In Gedanken versunken starrte er seine Fingernägel an und überlegte, wie er jetzt weiter vorgehen sollte. Klar, es gab hier auch andere Männer, aber dieser hatte gerade seinen Jagdtrieb geweckt.





    Irgendwann hatte der Unbekannte aber genug davon, ständig von Tristan angeglotzt zu werden und verließ mit seinem Drink kurzerhand die Bar. Hans hatte das ganze Treiben schmunzeln aus einer anderen Ecke der Bar beobachtet. Als der junge Mann das Lokal verlassen hatte, ging er lachend auf Tristan zu. "Oh man, dass hast du ja echt klasse hingekriegt. Mit deinen 36 Jahren solltest du lieber keine Witze über alte Männer machen." Hans kringelte sich vor Lachen. "Und du mit deinen 24 solltest mehr Respekt vor dem Alter haben", entgegnete Tristan empört. "Ich sag’s dir, dieser Kerl steht voll auf mich."





    "Du meinst wohl eher, er steht nur auf dich, wenn er voll ist." Hans grinste immer noch über das ganze Gesicht. Über diesen Wortwitz musste selbst Tristan lachen. "Ich fürchte, heute Nacht wird das nichts mehr, uns zwei schnuckelige Typen für die Nacht zu angeln", gestand Tristan zerknirscht ein. "Schließ nicht von dir auf andere", entgegnete Hans und betrachtete über Tristans Schulter hinweg den Barmann. Tristan folgte seinem Blick und schüttelte dann den Kopf. "Nee, von dem würde ich auch die Finger lassen. Du weißt doch, was man über Männer mit großen Cocktail-Shakern sagt..."

  • Kapitel 106: Wie Schuppen von den Augen




    Auch in der Simlane war es dunkel geworden und von Dominik fehlte weiterhin jedes Lebenszeichen. Langsam wurde ich wirklich unruhig und tigerte rastlos durch das fast leere Haus. Um mich etwas abzulenken, setzte ich mich schließlich zu Klaudia ins Zimmer und spielet mit ihr im Puppenhaus. Für einen Moment vergaß ich sogar meine Besorgnis, bis Klaudia mich erneut daran erinnerte. "Wo ist Papa denn? Er wollte heute mit mir Goya dressieren, damit sie Steine in Onkel Tristans Bett legt." Bei dem Gedanken kicherte sie, aber ich sah, dass sie enttäuscht darüber war, dass ihr Papa sie versetzt hatte.




    Und was sollte ich antworten? Etwa, dass ich keine Ahnung hatte, wo Dominik war? Das war zwar die Wahrheit, aber es war eine Wahrheit, die wohl kein Elternteil gerne vor seinen Kindern eingestand. Also erzählte ich ihr einfach, dass Dominik heute bei ihren Großeltern bleiben würde. Zu meiner Besorgnis kam jetzt auch eine leise Wut auf Dominik hinzu. Was fiel ihm einfach ein abzuhauen und kein Wort zu sagen? Und wegen ihm musste ich jetzt auch noch meine Tochter anschwindeln. Ich hoffte für ihn, dass er eine gute Erklärung für das Ganze hatte.







    Ich wartete die halbe Nacht, doch Dominik tauchte nicht auf. In meinem Bett wälzte ich mich unentwegt von einer Seite zur anderen, stand immer wieder auf, um aus dem Fenster zu sehen und Ausschau nach Dominik zu halten. Es wurde Morgen, doch er kam nicht. Vielleicht war ihm ja etwas zugestoßen? Dieser Gedanke ließ mich nicht los. Als Albert damals so plötzlich verschwand war er doch auch mit dem Auto verunglückt. Dieser furchtbare Gedanke setzte sich in meinem Kopf fest und wollte nicht mehr weichen. Ich war schon fest entschlossen die Polizei zu alarmieren, als ich hörte, wie der Schlüssel in der Haustür umgedreht wurde. Sofort lief ich ins Wohnzimmer und ein gewaltiger Stein fiel mir vom Herzen, als ich meinen Mann unversehrt erblickte. Mein Schwiegervater war ebenfalls da. Ich ging auf Dominik zu, um ihn in den Arm zu nehmen. Doch er wich mir aus, noch bevor ich in seine Nähe kam. Verwirrt blickte ich erst ihn, dann meinen Schwiegervater an. "Dominik, Papa, was wird hier gespielt?"




    Doch anstatt mir zu antworten, wand Dominik sich seinem Vater zu. "Dad, könntest du jetzt bitte Klaudia holen und sie zu euch nehmen? Ich komme dann später bei Mom und dir vorbei." Anan nickte stumm. Ich sah meinen Schwiegervater an und erkannte, dass er etwas wusste. Sein Blick war schwer zu deuten, aber ich erkannte so etwas wie Trauer und tiefes Bedauern darin. Und das machte mir Angst. Es wäre nichts ungewöhnliches, wenn Anan seine Enkeltochter am Wochenende zu sich holte, aber Klaudia war noch nicht einmal wach und ich erkannte, dass Dominik sie nur nicht hier haben wollte, für das, was gleich folgen würde.




    Im Raum herrschte ein eisiges Schweigen, dem ich um jeden Preis entkommen wollte, und sei es nur für einen kurzen Moment. Ich ging in Klaudias Zimmer, weckte mein Pummelchen und half ihr dabei, sich fertig zu machen. Anan war mir ins Zimmer gefolgt. Das machte es nicht unbedingt leichter, Klaudia anzuziehen, denn ständig lief sie mir halb angezogen davon, um ihrem Opa irgendetwas zu zeigen. "Macht Oma wieder Spaghetti zum Abendessen? Die sind voll lecker!", plapperte sie munter vor sich hin. "Mami und Papi können doch bestimmt auch vorbei kommen, nicht wahr Mami." Ich lächelte ihr zu und wuschelte ihr durchs Haar. "Klar können Mami und Papi auch kommen. Aber frag Oma Glinda vorher, ob sie auch nichts dagegen hat, zwei weitere Mäuler zu stopfen", antwortete ich ihr.




    Allerdings war ich mir nicht im Geringsten sicher, ob Dominik und ich wirklich bei diesem Essen erscheinen würden. Und ausnahmsweise war nicht meine Schwiegermutter das Problem. "Komm Klaudia, wir gehen hinten rum raus", erklärte Anan. "Dann kannst du dich auch noch einmal von Goya verabschieden." Klaudia lief auch sofort zur Hintertür und verschwand kurz darauf mit dem Kopf voran in Goyas Hundehütte. Wieder entdeckte ich diesen seltsamen Ausdruck in Anans Augen, doch diesmal wurde er zusätzlich von einem traurigen Lächeln begleitet. Er gab mir einen Abschiedkuss auf die Wange und klopfte mir auf die Schulter. "Egal was auch passiert, Oxana. Du bist und bleibst eine Tochter für mich. Vergiss das nicht." Mit diesen Worten folgte er Klaudia in den Garten.




    Ich wusste, dass seine Worte als Trost gemeint waren, aber mir erschienen sie eher wie eine Drohung. Ich spürte das Hämmern meines Herzens in meiner Brust so stark, dass ich Angst hatte, dass mein Brustkorb jeden Moment zerspringen könnte. Auf wackligen Beinen machte ich mich auf den Weg zurück ins Wohnzimmer, aber so weit brauchte ich gar nicht zu gehen. Dominik stand am Esszimmerfenster. Seine beiden Hände waren zu Fäusten geballt und ich konnte genau die angespannten Muskeln seiner Arme erkennen. Er musste mich gehört haben, denn meine Absätze hallten erbarmungslos auf dem glatten Laminatboden. Doch er drehte sich nicht zu mir um und ich wusste nicht, was von mir erwartet wurde. "Dominik, was ist passiert?", fragte ich deshalb, wobei meine Stimme kaum mehr als ein Flüstern war.




    "Was passiert ist?", langsam drehte er sich zu mir um. Die Wut in seinen Augen ließ mich zurückschrecken. So hatte ich Dominik noch nicht erlebt. Zumindest noch nie mir gegenüber. "Was passiert ist!?", seine Stimme bebte vor Zorn. "Das müsste ich doch eher dich fragen. Sag es mir, Oxana, was genau ist vor fünfzehn Jahren passiert?!"




    Oxana! Der Klang meines eigenen Vornamens aus seinem Mund klang wie eine Beleidigung. So viel Wut und Zorn schwang in diesem einen Wort mit. Und ich verstand einfach nicht warum. Was vor fünfzehn Jahren gewesen ist? Nichts! Da hatte ich ihn gerade erst kennen gelernt. Ich hatte zwar meine Probleme mit Dominik gehabt, aber im Nachhinein betrachtet war es nicht einmal eine schlechte Zeit gewesen. Und ich war schwanger mit Kinga. Kinga! Oh mein Gott, er wird doch nicht etwa erfahren haben...Aber nein, das war unmöglich. Niemand wusste davon. Niemand außer mir und meiner Schwester. Und sie hätte es ihm nicht verraten. Nicht ohne mich vorzuwarnen. Es musste einfach eine andere Erklärung geben. Es wusste!




    Dominik muss sofort erkannt haben, dass ich erraten hatte, worauf er anspielte. Seine Augen formten sich zu engen Schlitzen, die mich wütend anfunkelten. "Ich will es von dir hören, Oxana. Wer ist Kingas Vater!?" Er sprach jedes Wort einzeln, klar und deutlich. Und jedes dieser Worte war wie ein Dolch, der sich tiefer und tiefer in meinen Leib bohrte. Er wusste es, er wusste alles. In meinen Augenwinkel begannen sich die ersten Tränen zu sammeln und plötzlich begann ich zu zittern. "Du bist ihr Vater, Dominik." Ich flüsterte und es kostete mich alle Überwindung, ihm dabei in die Augen zu blicken. Doch noch während ich sprach, wusste ich, dass dies ein Fehler gewesen war.




    "Lüg mich nicht an, Oxana! Lüg mich nicht weiter an!" Dominik brüllte und kam mir dabei gefährlich nah. "Reicht es dir nicht, dass du mich 15 Jahre lang belogen hast? Musst du mich auch noch jetzt belügen?! Mir reicht es, Oxana. Ich kann unmöglich Kingas Vater sein. Unsere Blutgruppen passen nicht zusammen. Ich war deswegen noch einmal extra bei einem Arzt gewesen. Wesens Bastard hasst du mir da untergeschoben?! Sag es mir!!!" Er steigerte sich immer weiter in seine Wut. Um zu verhindern, dass ich mich von ihm abwand, fasste er mein Handgelenk und zwang mich dazu, ihn direkt anzusehen.




    Er merkte nicht einmal, dass sein Griff immer fester wurde. "Dominik, du tust mir weh", wimmerte ich schließlich, als der Schmerz nicht mehr zu ertragen war. Dominik verstand zunähst nicht, bis er meinem Blick zu seiner Hand folgte, deren Knöchel bereits weiß hervor traten. Angewidert ließ er meinen Arm los und ich rieb vorsichtig mein gerötetes Gelenk. Für einen Moment herrschte Schweigen. Mein leises Schluchzen war das einzige Geräusch, was diese Stille durchbrach. "Ich will wissen, wer Kingas Vater ist." Dominiks Stimme klang nun wesentlich beherrschter, aber er war immer noch wütend. "Was spielt das denn für eine Rolle?", fragte ich unter Tränen. "Du bist der einzige Vater, denn sie kennt. Was kümmert dich ein Mann, der vor 15 Jahren für ihre Zeugung sorgte und der seitdem keine Bedeutung mehr hat?"




    Doch Dominik war es nicht egal. "Ist es etwa dieser Kasimir? Man hat sich ja so einiges erzählt über dich und ihn. Ich weiß noch genau, wie die alte Tüller dich ein 'Großstadtflittchen' nannte. Vielleicht hatte sie gar nicht so Unrecht." Solche Worte aus dem Mund des Mannes zu hören, den ich liebte, schmerzten besonders. Aber irgendwo geschah es mir recht. Dominik fing an nervös im Esszimmer umherzulaufen und weitere Männer aufzuzählen, den ich mich bereitwillig hingegeben haben sollte. "Es war bestimmt dieser Langnase! Dieser verdammt Benjamin! Kein Wunder, dass er damals in der Disco so ausgeflippt ist. Ich bringe diesen Typen um. Ich werde ihn umbringen!"




    "Hör auf damit, Dominik. Hör bitte auf!", flechte ich meinen Mann an. "Er ist doch schon längst tot! Er ist doch schon längst tot." Mein ganzer Körper wurde von einem Heulkrampf durchzuckte. Augenblicklich verstummte Dominik und drehte sich zu mir um. Ich konnte nicht mehr aufhören zu weinen. Nicht nur das Dominik mich anschrie, auf einmal überwältigte mich wieder die Erinnerung an Albert. Dominik hatte mich nicht oft so aufgelöst gesehen. Lediglich als mein Dad starb, als ich von meiner Entführung heimkehrte und...und nach Alberts Tod. Und auf einmal fiel es ihm wie Schuppen von den Augen.

  • Kapitel 107: Kartenhaus




    Er begann zu lachen. Es war kein Lachen der Freude, sonder ein Lachen der Einsicht. "Oh mein Gott! Ich muss total blind gewesen sein." Zuvor hatte er seinen Blick von mir abgewendet, aber jetzt sah er mich wieder an. "Hat es Spaß gemacht mit Albert? Hat es Spaß gemacht sich über den dämlichen Ehemann lustig zu machen, der glaubt, seine Frau würde ihn lieben, während sie sich mit einem anderen im Bett vergnügt?" "Dominik, ich bitte dich, so war das nicht", flehte ich meinen Mann an, aber er schenkte mir gar keine Beachtung. Angewidert wand er den Blick von mir ab. "Wie lange, Oxana? Wie lange ging das?" Er sprach mehr zu sich selbst als zu mir. "Etwa bis zu seinem Tod? Die ganzen sieben Jahre lang? Oh Gott, jetzt verstehe ich überhaupt erst, wieso du so fertig warst nach seinem Tod. Ich dachte es ginge dir um Gerda, aber es ging dir nur um deinen Liebhaber. Und ich habe dich auch noch getröstet. Du hast einen wahren Idioten aus mir gemacht, Oxana." Erneut begann er hysterisch zu lachen.




    Doch sein Lachen ging in ein hörbares Schluchzen über. Meine Tränen, die für wenige Sekunden versiegt waren begannen erneut zu fließen, als ich Dominiks Schmerz fühlte. "Dominik, bitte glaube mir, wenn ich sage, dass ich dir niemals wehtun wollte. Es stimmt, am Anfang habe ich dich nur benutzt, aber ich hätte nie gedacht, dass du mir so viel bedeuten könntest. Ich habe nicht erwartet, dass Kinga und ich dir so viel bedeuten würden. Albert war ein verheirateter Mann. Ich wollte es nicht so weit kommen lassen, aber plötzlich war ich schwanger. Ich konnte es ihm nicht sagen. Das durfte ich Gerda und ihren Kindern nicht antun. Also habe ich einen furchtbaren Fehler gemacht und behauptet, Kinga wäre dein Kind. Damals kannte ich dich kaum. Ich dachte, du würdest nichts von mir und dem Kind wissen wollen. Ich dachte, du würdest uns verlassen. Du hättest einfach aus meinem Leben verschwinden können. Ich brauchte nur einen Erzeuger für mein Kind, damit niemand auf die Idee kam, Albert könnte der Vater sein."




    Dominik schwieg und hört mir einfach nur zu. Aber sein Gesicht blieb ausdruckslos. Ich konnte nicht sagen, ob er verstand, warum ich gehandelt hatte, wie ich es tat. Aber es war mir auch egal. Ich wollte endlich die Wahrheit loswerden. Zu viel Jahre hatte ich mit einer Lüge gelebt, einer Lüge, die nun mein ganzes Leben zu zerstören drohte. Wenn ich für mich und Dominik noch eine gemeinsame Zukunft sehen wollte, dann musste ich ihm jetzt die Wahrheit erzählen. Und zwar die ganze Wahrheit. Zitternd erzählte ich weiter: "Aber du bist bei mir und dem Kind geblieben, Dominik, und dafür liebe ich dich. Ich habe lange nicht erkannt, was ich an dir habe. Ich war geblendet. Ich wollte nicht sehen, dass ich schon den perfekten Mann an meiner Seite hatte. Ich sah nur Albert. Aber Dominik glaube mir, meine erneute Affäre mit Albert begann erst kurz vor seinem Tod. Bis dahin war ich dir immer treu gewesen."




    Dominik hatte mir aufmerksam zugehört und fast schien es so, als ob er mir verzeihen könnte. Doch als ich meine Affäre mit Albert erwähnte, verfinsterte sich sein Blick. "Wie lange ging diese Affäre?", fragte er zwischen zusammengepressten Lippen. "Etwa...etwa ein Jahr", schämte ich mich es zuzugeben. Ein Jahr war eine verdammt lange Zeit. "Wir haben uns allerdings nur alle paar Wochen getroffen, wenn ich auf Viehauktionen und ähnlichem war. Und ich will ehrlich sein, Dominik, wenn Albert nicht ums Leben gekommen wäre, hätte ich dich verlassen. Deshalb bin ich nach seinem Tod auch nach Warschau geflüchtet. Aber dann kamst du und wolltest mich zurück. Du hast um mich gekämpft, das hatte mich beeindruckt, Dominik. Und ich wollte nicht, dass unsere Töchter, insbesondere Klaudia, ohne ihren Vater aufwachsen."




    Es folgte Kein weiterer Wutausbruch. Nein, stattdessen gewannen Trauer und Enttäuschung die Oberhand. Dominik ertrug es erneut nicht mich länger anzublicken. Ich verstand es, auch wenn es schmerzte. "Sieben Jahre, sieben Jahre!", brummelte er immer wieder vor sich hin. "Sieben Jahre hattest du einen anderen geliebt. Und ich hatte nichts gemerkt. Ich hatte nicht einmal eine Ahnung. Du wirktest glücklich, Brodlowska. Nicht im Traum hätte ich gedacht, dass du unglücklich mit mir warst. Klar, du warst immer zurückhaltend mir gegenüber. Wenn wir miteinander schliefen, dann ging die Initiative immer von mir aus, aber ich hatte weiß Gott nicht das Gefühl, dass du es nicht auch genießen würdest. Bist du wirklich eine solch gute Schauspielerin?"




    Ich schämte mich dafür. Besonders am Anfang fiel es mir schwer, mit Dominik zu schlafen. Aber irgendwann gewöhnte ich mich daran. Irgendwann hatte es einfach aufgehört, unangenehm zu sein. Ich hatte gelernt, im Bett meinen Kopf auszuschalten. Ich gab mich Dominik hin und wanderte in Gedanken zu Albert. Ja, in gewisser Hinsicht war ich eine Schauspielerin gewesen, denn die Freuden die ich empfand, galten lange Zeit nicht ihm, sondern einem anderen Mann. Dominik trat nun doch wieder näher zu mir heran. "Du warst oft kühl, Oxana. Aber auch dafür liebte ich dich. Ich habe dich nie anders kennen gelernt. Ich dachte immer, dass das deine Art sei, dass du es nicht brauchst, ständig geküsst und liebkost zu werden. Wir haben uns auch so super verstanden. Und dann als Kinga auf die Welt kam, hast du sie auch nicht anders behandelt. Du hast sie gut umsorgt, aber mit einer Kühle, die du auch mir gegenüber zeigtest und das war damals der endgültige Beweis für mich, dass du kein Mensch bist, der seine Liebe offen an den Tag legt. Das war in Ordnung für mich, denn ich hatte nie daran gezweifelt, dass diese Liebe für mich vorhanden war. Aber scheinbar habe ich mich getäuscht."




    Er blickte enttäuscht zu Boden. "Es tut mir alles so wahnsinnig leid, Dominik. Wenn ich die Zeit zurück drehen könnte, würde ich es machen", beteuerte ich. "Ich bereue nicht, dass ich dich als Kingas Vater gewählt habe, denn ich hätte keine bessere Wahl treffen können. Aber ich bereue es, dass ich so lange Zeit damit verschwendet habe, einem anderen Mann hinterher zu laufen, obwohl du immer da warst und mich geliebt hast. Ich habe viel zu spät erkannt, dass ich dich auch liebe." Ich sah in Dominiks Augen, dass er mir glauben wollte. Aber das war nicht so leicht. "Und trotzdem hast du eine Affäre mit Albert begonnen. Dabei waren wir schon seit sechs Jahren zusammen. Hatte ich dir in dieser Zeit etwa nicht gezeigt, wie sehr ich dich liebe? Hatte ich dir nicht gezeigt, dass Kinga für mich mein ein und alles war? Du warst sogar schon mit Klaudia schwanger, als deine Affäre mit Albert noch lief."




    Mit einem Mal wich sämtlich Farbe aus meinem Gesicht und ich riss entsetzt meine Augen und meinen Mund auf. Hätte ich anders reagiert, womöglich wäre alles gut geworden, aber jetzt konnte Dominik nicht anders, als seinen vorherigen Gedanken weiter zu denken. Ich war bereits mit Klaudia schwanger, als meine Affäre mit Albert noch lief. Ich hatte diesen Gedanken verdrängt. Schon vor vielen Jahren hatte ich ihn in eine Kiste gepackt und weit nach hinten in mein Gedächtnis verbannt. Und jetzt kehrte er mit einem gewaltigen Knall zurück.




    Zuerst wurde Dominiks Gesicht zu einer steinernen Maske der ungläubigen Fassungslosigkeit. "Sag mir, dass das jetzt ein Scherz ist, Oxana. Sag es mir!" Er fing wieder an zu brüllen und im Gegensatz zu jetzt erschien mir sein letzter Wutanfall wie eine seichte Brise. "Was bist du nur für ein Mensch, Oxana? Hast du überhaupt kein Gewissen? Weißt du überhaupt, was du mir angetan hast? Du hast mir mit einem Schlag beide Kinder genommen. Das mit Kinga kann ich ja noch irgendwo nachvollziehen. Das war eine Kurzschlusshandlung. Aber warum musstest du mir auch noch Klaudia als mein Kind unterschieben? Macht es wirklich so viel Spaß mich zu verarschen?"




    Ängstlich wich ich zurück. Doch der Sessel hinderte mich daran, mich noch weiter von Dominik zu entfernen, dessen Zorn immer weiter anwuchs. Auf die Armlehne gestützt flechte ich ihn an: "Dominik, es tut mir alles so wahnsinnig leid. Ich wollte dich nicht verlieren, deshalb habe ich geschwiegen. Außerdem habe ich gefühlt, dass Klaudia deine Tochter ist. Spürst du es denn nicht auch?" "Du fühltest es? Du fühltest es?! Du wist doch gar nicht, was Gefühle sind!"




    "Ich werde dir zeigen, was Gefühle sind, was Schmerzen sind." Dominiks Hand ballte sich zu einer Faust und er holte aus. Ich schloss einfach nur meine Augen und wartete auf den Schlag. Ich hatte es verdient. Ich hatte ihn belogen, was Kinga anging und ich hatte ihn nicht darüber aufgeklärt, dass Klaudia womöglich gar nicht seine Tochter war. Und ich hatte ihn über Jahre glauben gemacht, dass ich ihn lieben würde. Dabei habe ich mich hinter seinem Rücken mit Albert getroffen. Er hatte alles Recht der Welt mich dafür zu hassen. Und wenn ich dadurch nur einen winzigen Teil der Schuld wieder gut machen könnte, dann hatte er auch das Recht mich zu schlagen.




    Doch er tat es nicht. Im letzten Moment zog er seine Faust wieder zurück. Stattdessen fing er an zu schluchzen. "Verdammt, Oxana. Ich bin nicht einmal Manns genug das durchzuziehen!" Frustriert wendete er sich von mir ab. "Ich bin fertig mit dir, Oxana. Ich ertrage es nicht mehr, in deiner Nähe zu sein. In diesem Haus hält mich nichts mehr. So wie es aussieht, sind meine beiden Töchter keine Blechs, sondern Kappes. Und du, du hast mich lange genug zum Narren gehalten. Such dir jemand Neues dafür. Ich habe genug von diesem Spiel." Er hatte die ganze Zeit mit dem Rücken zu mir gesprochen. Und ohne sich auch noch ein letztes Mal zu mir umzudrehen, schritt er durch die Esszimmertür.




    Und lief dabei direkt in Kingas Arme. Meine ältere Tochter stand in der Tür, ihr Gepäck neben sich gestellt und blickte ihren Vater verwirrt an. "Was soll das heißen, Papa, Klaudia und ich seien keine Blechs, sondern Kappes?" Die Kraft wich aus meinen Beinen und ich sackte wie betäubt in den Sessel. Kinga hatte also mitgehört. Wahrscheinlich nur das Ende unseres Streits, aber das war mehr, als sie hätte hören sollen. Dominik blickte seine Tochter an und musste nicht, was er sagen sollte. "Ich...ich muss jetzt gehen", stammelte er verwirrt. "Frag am besten deine Mutter."




    Ähnlich wie er es am Morgen schon bei mir getan hatte, schob er sich ohne weitere Erklärung an seiner Tochter vorbei und verließ das Haus. Kinga stand einige Sekunden wie angewurzelt da. Dann lief sie zu mir ins Esszimmer. Doch ich starrte nur wie hypnotisiert ins Leere. Ich reagierte nicht einmal auf Kingas Rufe. Also lief sie zurück auf die Veranda. "Papa, komm zurück! Du kannst doch nicht einfach so verschwinden. Ich will wissen was hier los ist! Papa, bitte komm zurück." Doch auch Dominik reagierte nicht auf ihre Rufe und entfernte sich mit gleichmäßigen Schritten vom Haus.




    "Mama! Mama!" ich zuckte zusammen und blickte in das Gesicht von Kinga, die schon eine Weile vor mir stand und nach mir rief. Ich hatte sie einfach nicht gehört. Mein Tränenverschmiertes Gesicht war ihr nicht entgangen und da sie den Streit mitbekommen hatte, wusste sie, dass irgendetwas ganz und gar nicht in Ordnung war. "Was hast du getan, Mama? Was hast du gemacht, dass Papa weg gegangen ist?" Es waren harte Worte des Vorwurfs, die mich trafen. "Und was meinte Papa damit, dass ich keine Blech sei? Warum hat er so etwas gesagt?"




    "Weil es die Wahrheit ist, Kinga". Augenblicklich verstummte meine Tochter. "Dominik ist nicht dein Vater. Und was deine Schwester angeht, so bin ich mir nicht sicher. Aber dein Vater...ich meine Dominik...ist überzeugt, dass er es nicht ist." Ich konnte Kinga nicht einmal in die Augen sehen, als ich sprach. Was ich dort gesehen hätte, wäre wachsender Zorn und Enttäuschung. Von beidem hatte ich an diesem Tag schon genug gesehen. Kinga würde ohnehin bald alles erfahren, also konnte ich es ihr auch direkt sagen: "Albert Kappe ist dein leiblicher Vater. Und möglicherweise ist er auch Klaudias Vater. Aber das spielt doch ohnehin keine Rolle mehr. Dein Vater hat uns verlassen."




    "Du Lügst mich an, Mutter!", warf Kinga mir wütend vor. "Papa ist mein Vater. Das hast du dir doch bloß alles ausgedacht." Doch ich schüttelte lediglich traurig den Kopf. "Nein, Kinga. Albert ist dein Vater." Aber Kinga wollte nicht auf mich hören. "Nein, nein, nein!", schrie sie immer wieder. "Das hast du alles erfunden. Du wolltest doch nur, dass Papa und verlässt. Du wolltest, dass er uns nicht mehr liebt. Ich hasse dich dafür, Mutter. Ich hasse dich!"




    Es war seltsam, aber Kingas bittere Worte perlten einfach an mir ab. Als sie merkte, dass ich zu keiner weiteren Reaktion mehr bereit war, drehte sie sich schreiend um und rannte in ihr Zimmer. Die Tür schloss sich mit einem gewaltigen Knall, kurz darauf hörte ich, wie sich der Schlüssel im Schloss drehte. Ich blieb einfach in dem Stuhl sitzen und starrte weiterhin in die Leere. In wenigen Stunden war mein gesamtes Leben wie ein Kartenhaus in sich zusammen gebrochen.