• 31



    I see all the angry faces

    Afraid that could be you and me

    Talkin' about what might have been

    I'm thinkin' about what it used to be

    (Robert Tepper – No easy way out)





    „Und du glaubst wirklich, dass er uns helfen würde?“ Wir hatten uns auf die Treppen gesetzt und scheinbar hatte Annabelle vergessen, dass sie eigentlich schon wieder auf dem Weg nach Hause sein müsste.

    Ich nickte. „Ja, das denke ich schon. Das ist schließlich sein Job.“

    „Aber wie sollen wir ihn bezahlen? Ich meine, er will sicher Geld haben und das haben wir nicht. Es sei denn du hast hier ein Vermögen versteckt. Das würde allerdings all unsere Probleme lösen.“

    „Tut mir Leid, aber nein. Hier gibt es nichts außer Spinnweben und verfallene Möbel.“

    „Wehe wenn das nicht stimmt.“ Sie zwinkerte mir zu. „Das wäre sonst ein ganz schöner Vertrauensbruch.“





    Ich lachte. „Keine Sorge. Das ist die ganze Wahrheit über meine finanzielle Situation.“

    „Dann bleibt eben doch die Frage, wie schaffen wir es das dieser Assassine uns hilft.“ Sie stockte kurz bei dem Wort Assassine, aber das hielt sie nicht davon ab weiter zu sprechen. „Ich kann kaum auf dem Markt Lebensmittel einkaufen, weil kein Geld da ist. Wie soll ich dann genug davon aufbringen, um dem Mann seinen Dienst zu bezahlen?“

    „Vielleicht kann ich ihn überzeugen.“

    „Und wie? Denkst du, dass er nur aus reiner Gutherzigkeit helfen wird?“ Sie klang skeptisch.

    „Natürlich nicht. Ich dachte auch nicht unbedingt daran, ihn damit zu überreden. Ich dachte eher daran, dass ich ihm ein wenig Angst mache. Ich bin schließlich nicht wirklich ein Mensch.“

    „Meinst du ernsthaft, dass du das kannst? Ich weiß ja nicht, wie das gehen soll.“





    „Lass das nur meine Sorge sein. Ich habe da schon eine Idee.“ Eigentlich hatte ich ihn ja schon überzeugt, aber das musste sie ja nicht wissen. Für einen Moment hatte ich ein schlechtes Gewissen, für all die Lügen, die ich ihr erzählen musste. Aber dann bekämpfte ich das Gefühl. Ich hatte keine andere Wahl.

    „Aber ich will nicht, dass du dich in Schwierigkeiten bringst. Es reicht doch schon, dass ich in dieser Misere stecke.“ Sie sah mich ernst an und ich fühlte eine Welle der Zuneigung zu dieser Frau.

    „Was sollte er schon mit mir machen? Er kann mich nicht verletzen. Das ist einer der Vorteile an meinem Dasein.“ Ich brachte das Wort Geist nicht mehr über die Lippen.

    „Aber wer weiß, was er sonst noch machen kann.“ Der ernste Blick wich nicht aus ihrem Gesicht.





    „Mach dir bitte keine Sorgen. Ich werde vorsichtig sein und wenn ich nicht erfolgreich bin, dann lassen wir uns etwas anderes einfallen. Wir haben ja sowieso noch das Problem mit dem Hof.“

    Sie nickte. „Ja, dafür brauchen wir auch noch eine Lösung.“

    „Wir finden eine.“ Ich versuchte sie zu überzeugen.

    „Bestimmt. Aber es schadet bestimmt nicht, schon mal mit dem Mann zu sprechen. Vielleicht kann er uns ja auch gar nicht helfen oder er lehnt den Auftrag von vornherein ab.“





    „Das glaube ich nicht. Er scheint sehr professionell zu sein.“

    „Das mag wohl sein, aber wenn wir ihn nicht mit Geld bezahlen, wer weiß.“ Annabelle sah hinauf zum Himmel. „Ich bin schon viel zu lange hier. Ich muss jetzt wirklich gehen. Danke dir, dass du dich darum kümmerst.“ Sie gab mir einen Kuss auf die Wange und stand dann auf.

    „Das ist doch selbstverständlich. Sei vorsichtig und passe auf dich auf.“

    „Mach ich doch immer. Bis bald und melde dich, wenn du etwas Neues weißt.“

    „Natürlich. Bis dann.“ Ich sah ihr noch lange nach, auch nachdem sie schon längst zwischen den Bäumen verschwunden war.





    Ein paar Tage später fand unser recht ungewöhnliches Treffen statt. Sowohl Annabelle als auch Hugh hatten Zeit gefunden sich an einen neutralen Ort zu treffen. Ich war nervös und aufgeregt, weil sich die Beiden zum ersten Mal mit dem Wissen von einander trafen und ich konnte nur hoffen, dass Hugh kein Wort über meine wahre Natur verriet.

    „Einen wunderschönen guten Tag, die Herrschaften.“ Hugh klang spöttisch, als er die kleine Lichtung betrat. Aber inzwischen kannte ich ihn ein wenig und wusste, dass es nur seine Art war mit Kunden umzugehen. Nur nicht zu viel von sich selbst enthüllen und immer schön zeigen, dass er überlegen war.

    Da Hugh mich immer noch nicht sehen konnte, mussten wir ein wenig improvisieren. Ich hoffte nur, dass seine Instinkte ihn nicht verließen.





    „Hallo Hugh“, begrüßte ich ihn, während Annabelle neben mir schwieg. Ich war mir nicht sicher, ob sie nicht doch einen Rückzieher machen würde.

    „Lucien, schön dich zu sehen.“ Ich hörte die Ironie in seiner Stimme. „Und das ist also Annabelle. Ich muss sagen, ich hatte mir so etwas schon gedacht, als du mich im Turm überrascht hast.“

    „Warum?“ Annabelle klang eisig. Ich spürte ihr Misstrauen jemanden gegenüber, von dem sie wusste, dass er Menschen für Geld tötete.

    „Du hattest diesen verzweifelten Blick und ich wusste, dass du früher oder später diesen Weg einschlagen würdest. Ich mache diesen Beruf schon zu lange, um mich in Menschen zu irren. Allerdings hätte ich nicht so eine verrückte Geschichte erwartet.“

    Annabelle sah ihn skeptisch an. Ich konnte sehen, wie sie versuchte herauszufinden, wie viel Hugh wusste.

    „Er weiß alles. Es ging nicht anders. Ich musste ihm alles erzählen, sonst hätte er sich nicht bereit erklärt, uns hier zu treffen.“





    „Tja, und das war ein ganz schöner Schock für mich. Hat mein Weltbild ein wenig erschüttert. Aber da es hier ums Geschäft geht, ist selbst so eine Geistergeschichte nur nebensächlich.“ Hugh war wirklich ein Profi. „Also wie soll es ablaufen. Soweit ich es verstanden habe, kann Robert noch nicht gleich sterben.“

    Annabelle zuckte bei dem Wort sterben leicht zusammen, aber dann fasste sie sich .„Das ist richtig. Ich muss zuerst den Hof retten und leider muss Robert so lange noch am Leben bleiben.“ Annabelle hörte sich ebenfalls geschäftsmäßig an.

    „Hm, aber muss er dafür frei sein? Wenn sein Name das ist, was die Gläubiger davon abhält den Hof zu übernehmen, dann braucht es doch nicht wirklich viel mehr als ab und an ein Lebenszeichen von ihm, nicht wahr?“





    Das war ein neuer Gedanke. Auf die Idee waren weder Annabelle noch ich gekommen. Etwas verdutzt sahen wir Hugh an, der lächelte.

    „Darauf seid ihr wohl nicht gekommen. Tja, nicht immer ist jedes Problem sofort mit Mord zu lösen. Es gibt genug andere Dinge, die man mit unliebsamen Personen machen kann.“

    „Und wie soll das ablaufen? Ich mein, jemand muss ihn aus dem Weg räumen, sicher verwahren und immer wenn man sein Wort braucht, ihn immer wieder aus der Versenkung holen. Wie soll das funktionieren?“ Annabelle klang mehr als skeptisch und auch ich war etwas überrascht. Ich hatte nicht mit der Lösung gerechnet.

    „Ja, das erfordert etwas mehr als einen einfachen Mord. Aber um es kurz zu machen, auch ich habe noch eine Rechnung mit dem Bastard offen und mir würde es wirklich viel Spaß machen, ein wenig Zeit mit ihm zu verbringen.“ Da war Stahl in Hughs einzigem Auge. Er meinte es wirklich ernst.





    „Und was verlangt Ihr von uns, damit Ihr so einen großen Auftrag übernehmt? Ich kann nicht abschätzen, wie viel Zeit ich brauche um den Hof aus den Schulden zu bekommen.“

    „Das hat Euer freundlicher Geist schon übernommen. Nicht wahr... Lucien?“ Die Pause gefiel mir nicht, aber ich ließ mir nichts anmerken.

    „Ja, ich werde mich an unsere Abmachung halten.“ Ich sagte es in aller Deutlichkeit.

    „Was hast du ihm versprochen?“ Sie klang besorgt.

    „Das erkläre ich dir ein anderes Mal. Jetzt sollten wir uns auf Robert konzentrieren.“ Ich hoffte, sie würde erst mal nicht wieder nachfragen. Ich wusste zwar schon die Antwort auf diese Frage, aber ich wollte nicht, dass Hugh sie hörte. Es war mir zu Riskant.

    „Okay“, sie gab nach. „Wie habt Ihr Euch das Ganze vorgestellt. Wo wollt Ihr Robert lassen? Wie können wir an ihn herankommen, wenn wir ihn brauchen?“

    „Interessant, dass Ihr nicht fragt, wie ich ihn fassen werde. Nein, Ihr braucht auch nicht zu fragen. Ihr werdet mir einfach vertrauen müssen, dass ich meine Arbeit verstehe. Wo ich ihn verstecke? Nun, ich habe da schon einen schönen Platz für ihn gefunden. Und was das an Robert herankommen betrifft, Lucien kann mich kontaktieren. Darin ist er ja gut.“





    Hugh stand auf. „Lasst es mich einfach wissen, wenn ihr beide euch entschieden habt, ob ihr meine Hilfe wollt oder nicht.“ Er hielt sich an den Plan. Wir wollten ja nicht zu vertraut vor Annabelle erscheinen. Zu meinem Leidwesen musste sie denken, dass wir uns nur kurz kannten.

    „Das werden wir.“ Annabelles Stimme klang fest, aber ich spürte den leichten Zweifel dahinter. Sie war sich noch unsicher, das musste ich ändern. Hughs dunkle Gestalt verschwand innerhalb weniger Sekunden in dem Zwielicht des Waldes. Doch ich ging auf Nummer sicher, ehe ich das Wort an Annabelle wendete.

    „Nun, was denkst du?“

    „Ich weiß nicht. Es wäre zu schön um wahr zu sein, wenn das mit der Entführung wirklich funktionieren würde. Aber kann man dem Mann wirklich trauen? Er ist ein Mörder und nicht gerade vertrauenerweckend.“





    Ich rutschte auf dem Stein ein wenig näher an sie heran und legte den Arm um sie. „Ich denke schon, dass er ehrlich ist. Womöglich ist er der einzige ehrliche Mensch auf der Welt. Zumindest was seinen Beruf betrifft. Wenn er etwas verspricht, dann hält er das auch. Alles andere wäre sehr abträglich in seinem Geschäft.“

    Annabelle schmiegte sich in meine Umarmung. „Vielleicht hast du Recht. Trotzdem muss ich noch darüber nachdenken.“

    „Warst du schon so darauf bedacht, Robert umzubringen, dass es dich jetzt Überwindung kostet, es nicht zu tun?“ Ich musste diese Frage stellen. Ich musste wissen, ob ich sie schon verloren hatte oder nicht.

    „Nein, eigentlich nicht. Der Gedanke wirklich jemanden zu töten, selbst jemanden den ich so hasse wie Robert, missfällt mir total.“ Ich war beruhigt. Noch war sie meine Annabelle und kein mordlüsternes Monster. „Aber trotzdem muss ich noch eine Nacht darüber schlafen. Es ist eine schwere Entscheidung.“





    „Das kann ich verstehen.“ Ich zog sie auf meinen Schoß. „Aber du musst zugeben, dass es eine Möglichkeit ist, die wir ernsthaft in Betracht ziehen sollten. So bekommen wir hoffentlich Zeit genug, um genug Geld aufzutreiben.“

    Annabelle lachte mich an. „Ja, ich gebe es zu. Den Assassinen zu finden, war wirklich ein glücklicher Zufall.“ Sie stupste mich mit der Nase an. „Das hast du wirklich gut gemacht.“

    „Dann bist du also stolz auf mich?“

    Statt einer Antwort küsste sie mich. Lange.





    Wir hörten erst auf, als es anfing zu regnen. Wir hatten gar nicht bemerkt, dass die dunklen Wolken aufgezogen waren. Lachend lösten wir uns von einander.

    „Ich schätze mal, das ist ein Zeichen, dass wir gehen sollten.“ Ein wenig wehmütig klang ich schon, trotz der Tatsache, dass wir diesmal wirklich viel Zeit zusammen gehabt hatten.

    „Das denke ich auch.“ Annabelle stand auf und schaute zum Himmel. „Das sieht auch aus, als würde es gleich einen richtigen Wolkenbruch geben. Wir sollten schleunigst zusehen, dass wir einen Unterstand finden.“

    „Das haben wir nun davon, dass wir uns den entlegensten Platz überhaupt gesucht haben für unsere Verabredung.“

    „Woanders wäre es zu gefährlich gewesen und jetzt komm endlich. Dir macht der Regen vielleicht nichts aus, aber ich mag es nicht sonderlich klatschnass zu werden.“





    Der Regen wurde schlimmer und wir kämpften uns durch völlig durchnässte Unterholz. Es war kaum möglich, schnell zu gehen oder zu laufen. Doch nach einer Weile wurden die Bäume lichter und das Laufen wurde einfacher. Inzwischen stürzte das Wasser nur so auf uns herunter.

    Annabelle zog mich in eine bestimmte Richtung und ich folgte ihr ohne groß auf meine Umgebung zu achten. Kurze Zeit später erreichten wir einen alten Bauernhof mit einer offenen Scheune. Den trockenen Unterschlupf direkt vor Augen, rannten wir vollkommen durchnässt auf den Stall zu.


    *Fortsetzung folgt*

  • 32


    Kiss me in the morning

    Before I open up my eyes

    Would you kiss me in the morning

    Sunrise

    (Extreme – Sunrise)





    „Sieht so aus, als müssten wir hier eine Weile bleiben“, meinte ich als wir im Heuschober angekommen waren.

    „Das hm... ist sehr ärgerlich.“ Ich hörte Annabelles Lächeln mehr als das ich es sah. Ich drehte mich zu ihr um und versuchte den Grund für ihre Fröhlichkeit zu finden. Aber außer, dass sie total durchnässt war, konnte ich nichts erkennen. Sie ging an mir vorbei und ich sah nach draußen. „Wirklich, es sieht nicht so aus, als wenn es bald aufhört. Es schüttet wie aus Kübeln.“

    „Aha.“ Ich hörte wie sie im Stroh raschelte.

    „Ich hoffe, du musste nicht allzu bald wieder daheim sein?“

    „Nein, eigentlich nicht. Robert hat sich für ein paar Tage verzogen.“





    „Trotzdem glaube ich nicht, dass der Regen vor morgen Früh aufhört.“ Ich starrte die düsteren Wolken an, die den gesamten Himmel bedeckten.

    „Hm hm.“

    „Ich habe selten so einen Wolkenbruch erlebt.“

    „Willst du nicht langsam aufhören, den Regen zu betrachten?“ Annabelle hörte sich leicht ungeduldig an.

    „Aber sonst gibt es hier doch nicht viel zu...“ Ich drehte mich zu ihr um und alle weiteren Gedanken über den Regen und alles andere erlöschten wie eine Kerzenflamme im Sturmwind.

    „Wird es dir nicht auch langsam kalt in deinen nassen Kleidern?“ Fragte sie mich mit vollkommener Unschuldsmiene, während mein Denken immer noch völlig ausgelöscht war durch ihren Anblick.





    „Mhm“, brachte ich gerade noch so heraus.

    „Vielleicht solltest du sie dann auch ausziehen.“ Sie schlug es vor, als wenn es das Normalste der Welt wäre, doch ihre Stimme zitterte.

    Ich schluckte, konnte mich kaum bewegen.

    „Ich kann dir auch dabei helfen.“ Annabelle machte einen Schritt auf mich zu und das löste meine Erstarrung. Ich entledigte mich meiner Kleidung und schmiss sie auf den mit Stroh bedeckten Boden. Ich stürzte mich fast in Annabelle wartende Umarmung. Sie lachte glücklich und schlang ihre Arme um mich. Das Gefühl ihrer kühlen, noch leicht nassen Haut an meiner brachte mich fast um den Verstand.

    Annabelle Hände strichen sanft über meinen Körper und dann setzte mein Denken komplett aus.





    Die Nacht brach herein, während Annabelle und ich eng umschlungen im Stroh lagen. Es pikste fürchterlich, aber das war nebensächlich.

    Ich nahm ihre Hand in meine. „Das war … unerwartet.“ Ich fand kaum die Stimme wieder.

    „Das ist nicht das Wort, was ich verwendet hätte.“ Annabelle kicherte und schmiegte sich noch enger an mich. „Längst überfällig würde auch passen, aber du warst ja immer so anständig. Wenn ich jetzt nicht den ersten Schritt gemacht hätte, würdest du immer noch verzückt den Regen anstarren.“

    Ich küsste lachend ihren Scheitel. „Ich wollte dich halt nicht bedrängen.“

    „Natürlich, du Unschuldslamm.“ Ihr Kopf ruhte auf meiner Schulter und ich fühlte sie gähnen. „Ich bin müde, aber ich will nicht schlafen, weil ich nicht will, dass die Nacht endet. Ergibt das Sinn?“

    „Schon, aber du solltest trotzdem versuchen zu schlafen. Ich wecke dich schon, wenn es Zeit ist zu gehen.“

    „Du verstehst manchmal wirklich nichts.“ Sie nuschelte nur noch und einen Moment später war sie auch schon eingeschlafen.





    Den Rest der Nacht verbrachte ich damit, ihr beim Schlafen zu zu sehen. Ihre tiefen Atemzüge und ihr warmer Körper an meinem, waren Balsam für meine Seele. Noch nie hatte ich mich ihr näher gefühlt und noch nie hatte ich mich so glücklich und zufrieden gefühlt.

    Als die Sonne langsam aufging, küsste ich sie auf die Schläfe und rüttelte sie sanft aus dem Schlaf. Sie öffnete die Augen und lächelte mich verschlafen an.

    „Guten Morgen“, flüsterte ich.

    „Was für eine schöne Art geweckt zu werden. Warst du die ganze Nacht wach?“

    „Ich brauche doch keinen Schlaf.“

    Annabelle setzte sich auf und ich war einen Moment enttäuscht über den Verlust ihrer Wärme. „Stimmt, das vergesse ich immer.“ Die gerade aufgehende Sonne berührte ihr Gesicht und ließ es strahlen. Ich setzte mich ebenfalls auf und küsste ihren Nacken.

    „Das kitzelt.“ Sie wand sich aus meiner Umarmung und stand auf. „Und ich fürchte, die unbeschwerte Zeit ist vorbei. Ich sollte bald zu Hause sein, sonst wird meine Mutter noch misstrauisch.“





    Ich seufzte, aber hielt sie nicht davon ab, sich wieder anzuziehen. Genüsslich sah ich ihr dabei zu. Auch wenn die Nacht vorbei war und wir wieder in unsere Rollen schlüpfen mussten, wollte ich mir soviel wie möglich von der unbeschwerten, glücklichen Annabelle einprägen.

    „Nun komm schon, zieh dich an. Wir müssen los.“ Sie warf mir meine immer noch leicht feuchte Kleidung zu und schweren Herzens kam ich ihren Wunsch nach.

    „Ich wünschte, wir könnten hier bleiben.“

    „Ich weiß. Ich auch.“ Sie küsste mich zärtlich und stieg dann die Leiter runter. Ich folgte ihr und zusammen machten wir uns in der langsam wärmer werdenden Morgensonne auf den Weg.

    Ich brachte sie nach Hause, stellte sicher, dass niemand ihr Fehlen bemerkt hatte und ging dann schweren Herzens ebenfalls wieder an die Arbeit.





    Zumindest war das mein Plan, doch jemand hatte andere Pläne mit mir. Ich fand mich am Strand wieder und spürte sie eher als das ich sie sah. Ich weigerte mich, mich zu ihr umzudrehen. Wusste ich doch was sie mir zu sagen hatte. Also starrte ich auf die Wellen, wieder einmal.

    „Du kannst mich also noch nicht einmal ansehen.“ Asaliah stellte sich neben mich.

    „Wozu? Ich weiß, was du mir sagen willst.“ Ich wollte nicht mit ihr reden. Wollte nicht zugeben, dass ich mein Versprechen gebrochen hatte. Wollte nicht zugeben, dass es inzwischen nichts mehr gab, was mich von Annabelle fern halten würde. Ich wollte gehen, doch ich konnte mich nicht bewegen. Asaliahs Gegenwart hielt mich an diesem Strand fest. Sie brachte mich dazu, mich ihr und allem was sie mir zu sagen hatte zu stellen.





    „Was hast du getan?“ Asaliah sah mich an und ich fühlte den Vorwurf so sehr, dass ich mich doch zu ihr umdrehte.

    „Das was ich für richtig hielt.“ Ich wollte mich nicht in eine Diskussion einlassen, also ging ich gleich in die Offensive.

    „Das denke ich nicht. Ich denke, du hast getan was du, was sie wollte und nicht, was richtig ist.“ Ihre Stimme war eisig, aber doch war da Wärme in ihren Augen. „Du hast deinem Verlangen nach ihr nachgegeben und nicht einen Moment über mögliche Konsequenzen nachgedacht. Und noch viel Schlimmer hast du dich einem Sterblichen offenbart. Ich frage mich wirklich, was die schlimmere Sünde ist.“ Sie schüttelte den Kopf. „Ich kann nicht sagen, ich bin enttäuscht von dir. Es gibt keine Worte dafür, wie sehr ich dir den Verrat übel nehme.“

    „Welchen Verrat? Ja, ich habe mein Versprechen gebrochen, aber es war sie, die mich wiedersehen wollte.“





    „Das spielt doch keine Rolle. Du hättest ihr sagen müssen, dass du sie nicht mehr sehen willst. Es war ganz allein deine Entscheidung, dein Versprechen mir gegenüber zu brechen. Und es war ganz allein dein Handeln, was dich dazu getrieben hat, einem Sterblichen die Wahrheit zu sagen. Weißt du eigentlich, was du damit angerichtet hast?“ Trotz der harten Worte war Asaliah sehr ruhig.

    Ich hob abwehrend die Hände. „Nichts habe ich angerichtet, außer einen Menschen Glück und Hoffnung zu bringen. Ich habe ihr Leben wieder lebenswert gemacht. Endlich hat sie das Glück gefunden, was sie verdient hat. Und was Hugh angeht, er ist kein Problem.“

    Asaliah schüttelte den Kopf. „Du verstehst wirklich nichts. Jetzt mag Annabelle vielleicht glücklich sein, aber was ist mit Zukunft? Denkst du denn wirklich, dass du ihr diese Scharade ewig vorspielen kannst? Dass du nichts mehr als Lucien, der freundliche Geist bist? Du denkst wirklich nicht nach, bevor du handelst.“





    „Das lass mal schön mein Problem sein.“ So langsam wurde ich wütend. Sie stellte mir die Fragen, die ich versucht hatte zu verdrängen.

    „Es ist aber nicht nur dein Problem. Was du tust, betrifft uns alle.“

    „Wie sollte das uns alle betreffen?“

    „In dem du Sterbliche einweihst, gefährdest du uns alle. Was ist wenn der Assassine redet? Was ist wenn er sich nicht an eure Abmachung hält? Was ist wenn er auf die Idee kommt, dass Wissen was du ihm enthüllst für seine Zwecke zu benutzen?“

    „Das wird er nicht tun.“

    „Und woher willst du das wissen? Weil ihr so gute Freunde seid?“ Asaliah schüttelte den Kopf. „Du vertraust den falschen Leuten. Menschen kann man nicht trauen, vor allem nicht mit solch wichtigen Dingen.“





    Ich sah sie an und sie schaute weg. „Daher weht also der Wind. Du hast selber schon einmal einem Menschen vertraut und er hat dich hintergangen. Und jetzt denkst du, nur weil es dir passiert ist, wird es mir auch passieren.“

    Asaliah schaute auf den Boden, doch als sie Blick wieder auf mich richtete, war da eine Träne in ihrem Auge. „Du hast Recht. Ich habe schon mal einem Menschen vertraut und er hat mich verraten. Und nein, ich bin niemals solche Wege gegangen wie du. Es war anders...“

    „Dann erzähle es mir. Hilf mir zu verstehen.“

    „Ich weiß nicht, ob ich es kann.“ Ich sah, wie sie mit sich rang. Ich spürte, dass es sie quälte, was immer es auch war.

    „Asaliah, bitte. Rede mit mir. So wie ich mit dir geredet habe. Vertrau mir, so wie ich dir vertraut habe.“





    „Ich vertraue dir. Ich habe dir immer vertraut und doch hast du mich hintergangen.“ Sie sah mich an, doch die Kälte von vorhin war aus ihrem Blick verschwunden.

    „Ich weiß, ich habe mein Versprechen gebrochen und es tut mir Leid.“ Es stimmte, es tat mir leid, dass ich es tun musste, aber nicht die Tat selbst. Niemals würde es mir Leid tun, Annabelle zu lieben.

    „Ich weiß. Aber das ändert rein gar nichts.“ Sie seufzte. „Es gibt nun einmal Dinge auf dieser Welt, die sich nicht durch Worte wieder herstellen lassen.“

    „Dann lass es mich versuchen. Komm, setz dich mit mir in den Sand und lass uns reden.“ Ich deutete auf den weichen, warmen Platz direkt hinter der Wasserlinie. Sie sah mich noch einen Augenblick an und folgte dann meinem Vorschlag.





    „Du weißt, dass du mit mir reden kannst. Ich höre dir zu und ich bin für dich da. Auch wenn ich meine eigene Meinung habe, wie ich mein verkorkstes Dasein lebe.“ Ich zwinkerte ihr zu, doch sie sah mich nur resigniert an.

    „Es geht doch gar nicht um nur deine Existenz. Sondern um uns alle. Es gibt Gründe, warum wir den Menschen nichts über uns sagen sollten. Menschen kann man nicht trauen mit Geheimnissen.“

    „Das sagtest du bereits. Aber mich würde interessieren, wie du zu dieser Annahme kommt? Meine Erfahrung mit ihnen ist das genaue Gegenteil.“

    „Das kommt nur daher, weil du noch nicht so viel mit ihnen zu tun gehabt hast, wie ich. Ich bin schon viel länger in diesem Beruf als du und habe viel mehr darauf geachtet, was sie tun als du.“





    „Und einer von den Menschen hat dich verraten?“ Ich wollte es wissen. Es gab etwas was sie mir verheimlichte und ich wusste, es war wichtig, dass sie mir es erzählte.

    „Ja.“ Sie schwieg gleich wieder und sah auf die Wellen.

    „Dann erzähl es mir. Ich schwöre dir, ich werde nicht darüber urteilen.“

    Asaliah stand nun doch wieder auf. Sie konnte nicht still sitzen. Sie stellte sich direkt ans Wasser und die Wellen schwappten über ihre Füße. Ich stand ebenfalls auf und einem Impuls folgend schloss ich sie in die Arme. Sie versteifte sich leicht, doch dann akzeptierte sie die Berührung und schmiegte sich an mich.





    „Erzähl es mir“, flüsterte ich ihr ins Ohr, während ich sie in meinen Armen hielt. Ich spürte ihren Atem an meinem Nacken. Ich fühlte wie sie mit sich rang und wie angespannt ihr Körper war.

    „Erzähl es mir“, wiederholte ich und strich ihr sanft über den Rücken.

    „Ich kann es dir nicht erzählen.“ Sie wollte sich von mir lösen, aber ich hielt sie weiter fest.

    „Erzähl es mir!“ Ich sah ihr in die Augen und einen kurzen Moment erkannte ich etwas Vertrautes, lang Vergessenes in ihrem Blick. Asaliah nutzte meine kurze Verwirrung und ehe ich es mich versah, küsste sie mich.


    *Fortsetzung folgt*

  • Hihi, ich mag es meine Leser doch manchmal zu überraschen. ^^

    Wie schon gesagt, ist das eines meiner Lieblingskapitel. Ich konnte Annabelle und Lucien mal ein wenig Glück gönnen und dann doch für etwas Spannung sorgen am Ende. Auch wenn das das Kapitel war, was zu einer fast 3-jährigen Kreativpause geführt hat. :love:


    Und ja, in den nächsten Kapiteln gibt es ein wenig Aufklärung zu der Geschichte zwischen Asaliah und Lucien. Aber vorher gibts in den nächsten Tagen endlich mal wieder Outtakes. Ich hatte gesammelt und konnte eins davon erst nach dieser Fortsetzung bringen, weil es zu viel verraten hätte. ^^

  • Uuups, Annabelle natürlich, nicht Isabelle :D


    Hmm heißt das, du hast schon vor längerer Zeit das Alles geschrieben, und dann nach und nach bebildert? Und schreibst seit irgendwann paralell dazu die Geschichte weiter? Sehr interessant. Stell ich mir aber zeitweise verwirrend vor :/

  • Macht nix. Endet ja beides mit Belle. ^^

    Oh, und nein mit Olivia Speck habe ich noch nie wirklich gespielt. Strangetown war nicht so meins.


    Ja, ich hatte immer noch 4 Kapitel fertig auf meiner Festplatte vor der Pause. Ich wollte die eigentlich nach und nach posten, aber da ich so herrlich unkreativ und mit anderen Dingen beschäftigt war, habe ich nicht weitergemacht. Ich mach immer zuerst die Bilder und vertexte dann. So rum finde ich es einfacher. Bei zwei meiner anderen Geschichten, hatte ich es andersrum gemacht und dann beim Bilder machen manchmal Schwierigkeiten, dass so wie beschrieben hinzubekommen.

    Die Geschichte habe ich so im Kopf. Ich weiß was alles noch so passieren muss, aber ich weiß erst beim Bildermachen, wie das Kapitel so ausfällt. Daher könnte ich jetzt auch noch nicht sagen, wie lang die Story noch wird. ^^

    Das einzige Problem ist, dass ich bei einigen Sachen nicht mehr weiß, was ich als Lösung geplant hatte. Da muss ich immer so aufpassen, dass ich nicht doch Logikfehler reinbaue. :P


    So und jetzt flitz ich wieder ins Spiel und knipse weiter.

  • Und hier jetzt wie versprochen die Outtakes: :)





    „Nee, du. Ich will dich hier nicht sehen. Nee, nee, nee.“ Annabelle ist manchmal nicht einverstanden mit dem was ihr Lucien so erzählt.





    Manchmal macht er mir Angst, wenn er so starrt. =O





    „Du wirst immer die Einzige für mich sein.“ *sing*





    Nicht wirklich ein Outtake, aber ich mag die Option so sehr. Und ich mag meinen Selfsim und Hugh einfach gerne zusammen.





    Sie kann sich einfach nicht entscheiden. So viele geeignete Heiratskandidaten. *kopfschüttel*





    Und so sieht es aus, wenn Fraps mal keine Lust hat. Bis ich auf die Idee gekommen bin, den Rechner einfach mal neu zu starten, hatte ich schon ziemliche Panik. ^^





    Ein Hintern zum Verlieben. :love:





    Unheimlich, wenn die Sims so etwas machen. Aber wirklich. O.o





    Ihm war kalt, darum meinte er Pelz tragen zu müssen. X/





    Annabelle also wirklich. Wo hast du denn deine Hand. Ich bin geschockt!





    Ein typischer Fall von Doppelbesetzung.





    Mimimimi. Ich mag nicht mit dir reden. Das Problem, wenn man ernste Sims gebastelt hat. Sowohl Lucien als auch Hugh machen das nur, wenn sie sich unterhalten. Macht es immer schwierig mit den Beiden eine vernünftig aussehende Unterhaltung hinzubekommen.





    Wir sind ja so glücklich hinter den Kulissen.





    Selbst wenn er sie schlägt, steht sie noch auf ihn. Ich muss wohl mal ein ernstes Wort mit ihr reden. So geht das ja gar nicht.





    Wie süß. Sein erstes. :D





    Und dann mittendrin schlägt einfach der Blitz ein. Hoffentlich ist das kein böses Omen.


    :)

  • 33


    Ah, take my love, take it down

    Oh, climb a mountain and turn around

    And if you see my reflection in the snow covered hills

    Well, the landslide will bring it down

    (Fleetwood Mac – Landslide)





    Einen Moment spürte ich ihre warmen Lippen auf meinen. Es fühlte sich vertraut und doch falsch an. Asaliah zog mich fester an sich, wollte ihren Kuss vertiefen. In meinem Kopf schrien mehrere Stimmen, dass ich den Kuss unterbrechen sollte, doch etwas hielt mich noch davon ab. Ich wusste nicht, was es war, dass sie gewähren ließ. Vielleicht war es diese unerklärliche Vertrautheit zwischen uns, vielleicht war es einfach nur Begehren. Aber nur in Teil von mir genoss es, während der größere Teil von mir sich dagegen sträubte. In mir kämpften beide Gefühle so sehr miteinander, dass es mich lähmte und ich den Kuss zwar nicht erwiderte, aber auch nichts dagegen unternahm. Doch dann erschien Annabelles vorwurfsvolles Gesicht vor meinem geistigen Auge. Das rüttelte mich wach und so nahm ich all meine Stärke zusammen und stieß sie von mir weg.





    „Was sollte das denn?“ verlangte ich wütend zu wissen. Asaliah sah mich schuldbewusst an, sagte aber kein Wort. Am Horizont versank die Sonne gerade langsam im Meer und färbte alles rot. Als sie nicht antwortete, packte ich sie an den Schultern.

    „Was sollte das werden?“

    Sie schloss für einen Moment die Augen, atmete tief durch und schaute mir dann herausfordernd ins Gesicht. „Das war ein Kuss, was sollte es denn sonst gewesen sein.“

    „Das ist mir schon klar,“ entgegnete ich eisig. „Aber was sollte dieser Kuss? Ich dachte wir wären Freunde, Kollegen und nichts mehr.“

    Sie sah zur Seite. „Vielleicht sollten wir uns setzen, dann versuche ich es zu erklären. Es hängt alles zusammen. Deine Frage, meine Reaktion, alles.“ Sie machte eine kurze Pause und zeigte einladend auf die Feuerstelle. „Bitte, es würde es einfacher für mich machen.“





    In der zunehmenden Dunkelheit zündete Asaliah das Feuer an. Widerstrebend setzte ich mich ihr gegenüber und wartete, dass sie anfing zu erklären. Doch sie schwieg.

    „Also schön, jetzt sitzen wir. Bitte, erkläre es mir.“ Ich bemühte mich vernünftig sein, doch es fiel mir schwer. Ich konnte sie so gar nicht mehr einschätzen. Dieser Kuss hatte so vieles geändert. Die beginnende Freundschaft zwischen uns zerfiel wieder in Misstrauen.

    Ihr Schweigen dauerte an. Gerade als ich sie wieder auffordern wollte zu reden, begann sie.

    „Ich fürchte, ich bin nicht immer vollkommen ehrlich gewesen. Ich habe einige Dinge verschwiegen, weil sie für mich zu schmerzhaft waren. Ich dachte, ich könnte damit umgehen, aber ich kann es wohl doch nicht. Ich bin nicht so stark, wie ich immer dachte.“ Sie starrte in den Sand vor ihr. Nicht einmal streifte ihr Blick mich und das überzeugte mich davon, dass ihr der Kuss unangenehm war.





    „Es tut mir Leid.“ Sie hob den Kopf ein wenig und starrte anstatt in den Sand, in die Flammen. „Ich hätte dich nicht küssen sollen, aber dir so nahe zu sein, hat so vieles in mir wach gerüttelt, dass ich nicht anders konnte. Bitte verzeih mir.“

    Ich sah sie prüfend an. „Es hat mich überrascht und überrumpelt. Und vielleicht bin ich bereit dir zur verzeihen, wenn du es mir erklärst, warum du das Bedürfnis hattest mich zu küssen.“

    Sie lachte bitter auf. „Warum wohl. Ich fühlte mich in eine Zeit versetzt in der solche Dinge von Bedeutung waren. Ehe wir so geworden sind, wie wir jetzt sind. Ehe unsere Berufung uns zu gefühllosen Wesen gemacht hat.“





    „Was meinst du damit? Wir waren doch immer so. Es gab nichts vor dieser Existenz.“ Ich war verwirrt.

    Asaliah sah mich für den Bruchteil einer Sekunde an. Nur wahrnehmbar durch eine winzige Bewegung ihres Kopfes. „Das stimmt so nicht.“ Sie sagte es mit Bestimmtheit. „Wir waren nicht immer so. Bevor wir Seelenfänger wurden, waren wir ganz normale Menschen. Mit allen was dazu gehört, sämtlichen Gefühlen, sämtlichen Eigenschaften. Wir können uns nur gnädigerweise nicht mehr daran erinnern, damit wir unseren Beruf vernünftig ausüben können und nicht von der Menschlichkeit in uns abgelenkt werden.“

    Erschüttert sah ich sie an. „Wir waren mal Menschen?“ Ich war fassungslos. „Woher weißt du das? Kannst du dich erinnern?“





    Sie nickte. „Ja, das kann ich. Ich bin besonderer Fall. Ich erinnere mich an alles aus meinem Leben vor diesem.“

    Eine Weile schwiegen wir beide nach diesem Geständnis. „Erzähl es mir bitte. Und zwar alles. Lass nichts aus. Bitte,“ bat ich sie sanft. Sie hob den Kopf dem Himmel entgegen und ich konnte sehen, wie sich ihre Gedanken in die Vergangenheit richteten.

    „Ich bin vor mehreren Hunderten von Jahren als ganz normaler Mensch auf die Welt gekommen. Meine Mutter nannte mich Asaliah, nach dem Engel der umfassenden Liebe. Ich wuchs ganz normal auf, hatte eine wunderbare Kindheit und als es an der Zeit war, wurde mir ein Ehemann gesucht. Anfangs war ich voller Angst davor, aber ich hatte Glück, denn ich bekam dich.“ Erstaunt sah ich sie an, aber gerade als ich den Mund öffnete, hob sie die Hand und sah mich direkt an.





    „Bitte, unterbrich mich nicht. Es ist nicht einfach für mich, überhaupt darüber zu reden, gerade mit dir. Ich hatte mir eigentlich geschworen, dir niemals davon zu erzählen, weil ich weiß das es nur Unglück bringen kann.“ Sie sah mich beschwörend an, dann fuhr sie fort.

    „Schon als ich mich dir zum ersten Mal zu erkennen gegeben hatte, war die Verbindung von damals sofort wieder vorhanden. Aber ich wusste, dass du dich an Nichts erinnern würdest. Darum wollte ich dir helfen mit deinen Gefühlen für Annabelle abzuschließen, nicht weil ich dich wieder haben wollte, sondern weil ich wusste, dass daraus niemals etwas Gutes entstehen kann. Aber ich fange jetzt doch am Schluss und nicht am Anfang unserer gemeinsamen Geschichte an.





    Sie ist nur kurz, aber sie war erfüllt von Liebe, Glück. Unsere Familien hatten mit unserer Vereinigung eine wirkliche Weitsicht bewiesen. Schon nach unserer ersten Begegnung war da etwas zwischen uns. Nach einer kurzen Zeit der Werbung und des Festlegen der Mitgift, wurden wir kurzerhand Verheiratet. Weder deine noch meine Familie war vermögend, doch für eine kleine Hütte reichten unsere beschränkten Mittel. Du hattest gerade bei der Wache angefangen und ich war als Wäscherin bei einer Adelsfamilie angestellt worden. Wir kamen gut über die Runden und waren glücklich unser eigenes kleines Reich zu haben.“





    Sie machte eine kleine Pause und ihrem Wunsch entsprechend, stellte ich keine Fragen, obwohl mir davon tausende auf der Zunge brannten. Das Feuer knisterte heimelich und hinter mir rauschte die Brandung. Irgendwo in den Bäumen sangen ein paar Nachtvögel.

    „Wir waren wirklich glücklich“, fuhr sie nach einer Weile fort. „Wir versuchten eine Familie zu gründen, aber es klappte nicht. Ich wurde einfach nicht schwanger. Dabei war es unser größter Wunsch Kinder zu bekommen. Es war das Einzige was unser Glück trübte.





    Und doch tat es unserer Liebe keinen Abbruch. Jede Nacht hast du mich in deinen Armen gehalten und ich fühlte mich sicher und geborgen. Es war eine einfache und schöne Zeit für uns. Und doch nagte es an mir, dass ich einfach nicht fähig war unseren Wunsch nach einem Baby zu erfüllen. Denn ich wusste, dass nur ich dafür verantwortlich war. Du warst der Mann, du konntest nicht Schuld sein. In der damaligen Zeit war es noch undenkbarer als jetzt, dass ein Mann auch fehlbar sein konnte. Und doch hast du mir nie Vorwürfe gemacht. Im Gegenteil, du hast mir jeden Tag aufs Neue bewiesen, dass du mich liebst und mich niemals verstoßen würdest, wie es dir viele deiner Kameraden geraten haben.





    Unsere Ehe dauerte gerade mal ein Jahr, ehe sich düstere Schatten über unser Glück legten. Der Krieg zog übers Land und deine Anstellung bei der Wache, erstreckte sich nicht mehr nur auf Patrouillen in den umliegenden Gebieten, wo du es mit harmloseren Banditen zu tun hattest, sondern du wurdest mit in die Kämpfe geschickt. Dort standen dir ausgebildete Krieger gegenüber, anstatt von schlecht ausgestatteten Landmännern mit wenig militärischer Erfahrung. Ich war ständig in Angst, dass du nicht mehr wiederkommen würdest, wenn du mit deinen Gefährten losziehen musstest.

    Diese ständige Sorge um dich, fraß sich in meine Gedanken und ließ sich nicht mehr verscheuchen. Und dann kamst du eines Tages wieder...“ Ihre Stimme verlor sich, ihre Augen starrten blicklos in das langsam ersterbende Feuer.

    „Ich war gerade erst selbst von der Arbeit daheim, als du blutüberströmt vor mir zusammenbrachst.





    Ich war völlig geschockt. Ich hatte dich seit Wochen nicht mehr gesehen und hatte mir schon jedes mögliche Szenario ausgemalt, aber ich hätte niemals damit gerechnet, dass du so nach Hause kommst. Ich war starr vor Erschrecken und Angst, während du vor meinen Augen zu Boden gingst. Du sahst mich mit sterbenden Augen an und ich konnte mich nicht einen Zentimeter bewegen. Ich sah mit an, wie das Licht deine Augen verließ.“

    In ihren Augen standen Tränen, aber sie weinte sie nicht.

    „Als ich meine Starre endlich überwand, war es schon fast zu spät. Ich kniete mich zu dir, berührte deine Wange, zwang dich mich noch einmal anzusehen. Ich flehte dich an, nicht zu gehen. Versicherte dir, dass ich dich liebe und immer lieben werde. Doch ich konnte nichts tun. Du hast noch einen schweren Atemzug genommen und dann verließ das Licht deine Augen endgültig.





    Ich weiß nicht mehr viel von danach. Der Schmerz, dich zu verlieren, war einfach zu viel. Das nächste was ich weiß, ist dass ich davon rannte, so schnell meine schwachen Beine mich trugen. Weg von deinem toten Körper, weg von unserem Zuhause. Zuerst gehorchten mir meine Beine kaum und ich kam nur taumelnd voran. Doch kaum hatte ich unser Grundstück verlassen, fand ich meine Kraft wieder und ich rannte, bis alle Luft aus meinen Lungen gewichen war und meine Beine brannten wie Feuer. Ich rannte, bis ich das vertraute Rauschen der Wellen hörte, die an den kleinen Strand brandeten. Ich lief bis an das Wasser heran, stoppte erst als meine Röcke bereits nass wurden vom Wasser.





    Ich ließ mich in den nassen Sand fallen, kniete nieder und flehte die Götter an, mir dich wiederzugeben. Doch niemand schien mich zu hören. Ich wetterte gegen die Stille, schrie meinen Schmerz raus, während mir die Tränen über das Gesicht liefen. Ich tat alles, außer zu akzeptieren, dass du von mir gegangen warst. Ich warf mich in den Sand, schlug auf ihn ein und drohte den Göttern meinen Leben selbst ein Ende zu machen. Aber nichts passierte.“

    Asaliah seufzte schwer, ihre Augen waren wieder trocken, doch lag jetzt ein Kummer darin der endlos erschien. „Aber du kannst dir sicher denken, dass sie mich am Ende doch noch erhört haben.





    In den alten Zeiten waren die Götter noch anfälliger für solche Verhandlungen als heute. Während sie sich heute nur noch selten zeigen, waren sie damals noch eher bereit den Menschen zu zu hören.

    Als drohen nichts mehr nützte, versprach ich ihnen, dass ich alles tun würde, wenn sie mir dich nur zurückgaben. Ein dumpfes Grollen verkündete ihre Ankunft und ein Blitz voll gleißender Helligkeit zog sich über den verdunkelten Himmel. Dann wurde es schlagartig schwarz um mich herum und eine tiefe, dröhnende Stimme ertönte aus dem Nichts.“



    *Fortsetzung folgt*

  • 34


    As you search the embers

    Think what you've had, remember

    Hang on, don't you let go now

    You know, with every heartbeat, we love

    (Journey – Ask the lonely)





    „'Und wer glaubst du zu sein, dass du uns um diesen Gefallen zu bitten wagst?'

    'Ich bin euch immer treu ergeben gewesen. Habe immer meine Opfergaben an den heiligen Orten mit Freuden hinterlassen. Ich flehe euch an, gebt ihn mir zurück.' Meine Stimme zitterte und während ich im Sand kniete, schlugen die Wellen immer heftiger um mich herum. Der Himmel verdunkelte sich noch mehr, doch mitten in der Schwärze fing es an rot zu glühen.

    'Und warum glaubst, dass es uns kümmert?'

    Ich überlegte kurz. 'Weil ihr mit mir redet', entgegnete ich mit einer plötzlich einsetzenden Ruhe. Ich war mir sicher, dass das die richtige Antwort war.

    Es ertönte ein grollendes Lachen. 'Sie hat Feuer in sich', sagte eine weiblichere Stimme, während die erste Stimme immer noch lachte.

    'Dann geben wir ihr Feuer!' Mit diesen Worten wurde aus dem wütenden Rot am Himmel ein riesiger Feuerball, der direkt auf mich zu raste.





    Ich hatte keine Chance. Der Feuerball traf mich mit unglaublicher Wucht und schleuderte mich ein Stück zurück auf den Strand. Der Aufprall ließ die Luft aus meinen Lungen entweichen und ein fürchterliches Knacken ertönte aus meinem Körper. Doch ich spürte keinen wirklichen Schmerz. Ich lag mit geschlossenen Augen auf dem kühlen Sand, neben mir glühten noch vereinzelte Funken, doch ich selbst brannte nicht. Im Gegenteil. In mir breitete sich eine noch nie gekannte Kälte aus, beginnend direkt in meiner Brust wo mein gebrochenes Herz ruhte.

    'Du sagtest, dass du alles tun würdest, wenn wir dir deinen Liebsten zurück geben. Bist du bereit, dein Versprechen zu halten?' fragte die weibliche Stimme und mit leiser Stimme stimmte ich verzweifelt mit meiner inneren Stimme zu.





    'Dann mach dich bereit.' Mit diesen Worten traf mich etwas wie eine riesige Faust und Schmerz durchzuckte meinen Körper. Ich spürte, wie ich in die Luft gehoben wurde und wie sich die Luft um mich herum wie bei einem starken Gewitter anfühlte. Ich spürte wie mein Körper in die Luft gehoben wurde, aber ich konnte mich von selbst nicht rühren. Mich umgab eine Aura von Macht. Ich fühlte mich zusammengepresst und doch seltsam schwerelos. Es summte in jeder Faser meines Körpers und dann traf mich die Hitze, schmiedete meinen schwachen menschlichen Körper zu einem starken, unverletzlichen Gefäß göttlichen Willens. Meine Kleider verbrannten und ich wurde in diese weichen Gewänder gehüllt. Aber als ich dachte, dass es jetzt vorbei wäre, traf mich die nächste Welle unvorstellbarer Schmerzes. Ich verlor das Bewusstsein.





    Als ich wieder zu mir kam, war ich so, wie du mich hier vor dir siehst. Ich lag kopfüber im Sand, einen kurzen Moment noch zu schwach um aufzustehen. Doch ich wusste, dass es nur für kurze Zeit so sein würde. Ich spürte wie anders mein Körper jetzt war, wie viel Kraft jetzt in ihm steckte. Das Unwetter war vorbei und das Wasser hatte sich wieder beruhigt. Fast schon sanft umspülten die Wellen mich. Ich erhob mich langsam und blickte zum Himmel. Die Umwandlung hatte nicht nur meinen Körper, sondern auch meinen Geist verändert. Ich wusste ohne, dass man mir etwas erklärt hatte, was meine Aufgabe ab diesem Moment war. Trotz dessen war mir immer noch bewusst, worum ich die Götter gebeten hatte.

    'Du bist jetzt und für alle Ewigkeit unser Werkzeug. Du gehörst jetzt uns.'

    Ich nickte. 'Ich werde mein Versprechen halten, jetzt haltet eures.'

    Die Stimmen fingen an zu lachen. 'Das haben wir bereits. Er war nie unser zu geben.' Und mit diesen Worten verschwanden die Stimmen.





    Ich wusste, dass sie für mich für immer verschwunden waren. Und ich rätselte, was sie gemeint hatten.

    Doch mir blieb nicht viel Zeit zum Grübeln, es wartete Arbeit auf mich. Wochen vergingen und ich wusste immer noch nicht, was die Götter gemeint hatten, dass du nicht ihres zu geben warst. Also machte ich mich auf die Suche nach Antworten. Ich erspare dir jetzt, meine lange Irrfahrt, denn die Antwort war am Ende ganz Einfach: du warst nicht gestorben.“ Asaliah Stimme brach bei diesen letzten Worten. Doch ihre Augen brannten mit einer lang vergessenen Wut. Ich schwieg, weil ich nicht wusste, ob ich sprechen sollte oder nicht. Dann fuhr sie mit monotoner Stimme fort.

    „Ich fand dich in den Armen einer anderen Frau, glücklich und ohne Spuren von deiner Verletzung. In dem Moment wusste ich, dass du mich getäuscht hattest. Mir wurde klar, was die Götter gemeint hatten. Du hattest deinen Tod nur vorgetäuscht.





    Ich war wie gelähmt. Sah dir zu, wie liebevoll du diese Fremde in den Armen hieltst, sie küsste und wie verliebt du sie ansahst. Es tat weh, aber nicht so sehr, wie es noch vor meiner Verwandlung weh getan hätte. Mit meinem neuen Dasein wurden mir auch die heftigen Emotionen eines echten Menschen genommen. Ich verspürte nur noch eine große Traurigkeit, aber keine Wut. Die kam erst später.

    Als du dich von deiner neuen Frau verabschiedest hattest, tat ich das selbe mit dir. Ich sagte dir Lebewohl und verschwand für lange Zeit aus deinem Leben.“ Sie schwieg nun und ich wusste, dass ihre Geschichte fast zu Ende war.

    „Aber du bist nicht ganz aus meiner Gegenwart verschwunden.“ Es war nicht wirklich eine Frage, aber ich wollte den letzten Rest auch noch aus ihr hervorlocken.

    „Natürlich nicht, sonst wären wir jetzt nicht hier.“ Ihre Mundwinkel hoben sich zu einem winzigen Lächeln.





    „Es ist eine lange Zeit vergangen, seit dem ich dich an diesem Tag verlassen hatte. Aber ich konnte dich nicht vergessen. Immer wieder dachte ich an dich, doch ich hatte nicht den Mut nach dir zu suchen. Mit der Zeit verwandelte sich meine Traurigkeit in Wut und dann wieder in endlose Trauer. Mir wurde klar, dass du nie mir gehört hattest. Und im Laufe der Jahrhunderte begann ich dir zu verzeihen. Und ich habe dir verziehen, das musst du mir glauben.“ Ich versuchte zu nicken, nicht sicher was ich wirklich fühlte. Sie sah mich an und beendete dann ihre und meine Geschichte.

    „Lange Zeit dachte ich, dass du genauso gestorben bist, wie jeder andere Mensch und ich war froh, dass ich nicht diejenige war, die dich auf die andere Seite geführt hat. Umso überraschter war ich, als ich entdeckte, dass du genau wie ich geworden warst. Ich konnte es kaum glauben, es kam mir vor wie ein böser Traum. Ich versuchte die Götter zu kontaktieren, aber sie schwiegen eisern. Bis heute denke ich, dass sie dich nur zu dem gemacht haben, was du jetzt bist, um mich zu bestrafen.“





    „Warum denkst du das?“ Ich sah sie fragend an. So schlimm fand ich meine Existenz nicht, bis auf ein paar Ausnahmen war ich zufrieden mit dem was ich war.

    „Weil dieses Dasein als Werkzeug der Götter nichts ist, was ich jemanden wünsche. Weil ich mich immer noch daran erinnere wie es war mit dir. Weil ich dich immer noch liebe, egal wie sehr ich versuche es nicht zu tun.“ Den letzten Satz sagte sie leise, fast unhörbar.

    „Ich weiß nicht, was ich sagen soll.“

    „Dann sag nichts. Es gibt eh nichts, was du tun kannst. Es ist zu spät um noch irgendetwas zu ändern. Aber vielleicht verstehst du jetzt, warum man Menschen nicht trauen kann. Sie werden dich immer verraten, denn du bist selber ein Verräter. Nicht nur in deinem früheren Leben als Mensch, sondern auch in deiner jetzigen Gestalt.“

    Ich hob die Hand in Protest. „Ich habe keinerlei Erinnerung mehr daran und du hältst mir vor, dass ich dich betrogen habe. Du versuchst mich zu manipulieren und mir mein Glück zu nehmen, nur weil du behauptest, dass ich das Gleiche mit dir gemacht habe.“





    Ich wurde immer lauter und Asaliah zuckte zusammen. „Woher nimmst du dir das Recht mich jetzt noch einen Verräter zu nennen? Ja, ich habe mein Versprechen, mich von Annabelle fern zu halten gebrochen, aber sie war es die mich gesucht hatte. Nicht ich sie.“ Vor Wut sprang ich auf.

    „Du bist nicht deswegen ein Verräter. Du verrätst die Menschen, die Seelen, die du holst. Hast du schon mal darüber nachgedacht, dass es vielleicht gar keinen anderen Ort gibt, an den die Seelen gehen? Das uns die höheren Mächte nur in die Irre führen? Es gibt noch so vieles was du nicht weißt und auch nicht wissen willst. Und am Ende wirst du auch deine geliebte Annabelle verraten. Am Ende tun wir das alle mit den Menschen die wir lieben.“

    Auch Asaliah war aufgesprungen. Ihre Augen funkelten vor Wut, aber es lag auch die große Trauer von der sie gesprochen hatte darin. Ich ertrug ihren Blick nicht länger.

    „Du redest Unsinn. Du versucht nur wieder mich zu beeinflussen.“ Ich fasste einen Entschluss. „Aber das endet jetzt. Ich will dich nie wieder sehen. Bleib aus meinem Leben fern. Wenn du dich noch einmal einmischt, wirst du es bereuen.“





    Ich ließ sie stehen, ohne noch einmal zurück zu blicken. Immer noch voller Wut kam ich in meiner Zuflucht an. Ein paar vereinzelte Flocken fielen vom Himmel, aber sie schmolzen schnell in der relativ warmen Luft und kurze Zeit später war der Himmel wieder klar. Ich ließ mir Zeit auf dem Weg zu meinem See. Die Geschichte spielte sich noch einmal vor meinen Augen ab. Es klang unglaublich, aber ich wusste tief in mir drin, dass sie die Wahrheit erzählt hatte. Der Ärger über das Gespräch mit Asaliah verflog langsam und zurück blieben unzählige Fragen. Ich bereute meine letzten Worte allerdings keineswegs. Auch wenn ich keine Ahnung hatte, was ich tun würde, sollte ich sie noch einmal wieder sehen.





    Als ich an meinem Teich ankam, hatte sich die Wut vollkommen gelegt. Nur die Verwirrung war geblieben. Ich fragte mich, was passiert war als ich noch ein Mensch gewesen war. Hatte ich Asaliah wirklich geliebt und war ihre Version der Ereignisse nur ein Spiegel ihrer Emotionen? Oder war ich der Mistkerl, der seinen Tod vorgetäuscht hatte, um die ungeliebte Ehefrau los zu werden? Oder gab es noch eine andere Möglichkeit? War ich wirklich am Sterben gewesen und hatte wie durch ein Wunder überlebt und sie war es die gestorben und mich zurückgelassen hatte?

    Ich wusste es nicht. In meinen Erinnerungen war nichts zu finden, was mir einen Hinweis auf eine frühere Existenz als Mensch gab. Ich konnte noch nicht mal sagen, wann ich mir meiner selbst bewusst geworden bin. Ich war einfach.





    Ich setzte mich auf die kühlen Steine, den Rücken gegen dieselben gedrückt. Mein Kopf schmerzte von der Anstrengung die Wahrheit herauszufiltern.

    Und was meinte sie damit, dass ich Menschen verraten hatte. Ich hatte ihre Seelen auf die andere Seite geholt, genau wie es meine Aufgabe war. Ich hatte ihnen niemals etwas versprochen, sondern nur das erfüllt, was ihre Bestimmung gewesen ist. Ich habe nicht über sie gerichtet, das war die Aufgabe der höheren Mächte. Ich war nur der Überbringer, nur der Bote. Ich war weder für den Tod, noch für das verantwortlich, was auf der anderen Seite wartete. Ob es nun zum Guten oder zum Schlechten war. Ich war nicht verantwortlich und mit Sicherheit kein Verräter.

    Und doch war da dieser winzige Samen des Zweifels in mir gesät. Was wenn sie doch Recht hat?





    Eine Weile saß ich einfach nur da. Spielte mehrere Szenarien durch und kam doch zu keinem Ergebnis. Es gab zu viele offene Fragen. Zu viele verworrene Aussagen und nur wenig, was sich wirklich beweisen ließ.

    Nach einer Weile stand ich auf. Es brachte nichts, darüber nachzudenken. Es gab keine unmittelbare Lösung für das Rätsel meines Daseins. Es würde Warten müssen, bis sich die Möglichkeit ergab mehr zu erfahren und aus anderer Quelle als Asaliah.

    Verbittert darüber keine Antworten zu finden, dachte ich daran wie wunderbar der Morgen angefangen hatte und wie desaströs der Tag geendet hatte. Ich hatte die Nacht mit Annabelle verbracht und ich war so glücklich wie noch nie zuvor gewesen und dann hatte mir Asaliah das alles genommen mit ihrem Kuss und der wahnwitzigen Geschichte. Da war sie wieder, die Wut.





    Ich beschloss etwas gegen dieses Grübeln zu tun. Also machte ich mich wieder an meine eigentliche Arbeit, auch wenn die Frage nach dem Warum immer im Hintergrund meines Bewusstseins lauerte. Doch warum sollte ich den Zorn der Götter noch mehr auf mich beschwören, wenn ich doch laut Asaliah eh schon mit einem Bein vor der Auslöschung befand.

    Es tat mir seltsamerweise gut, etwas Produktives zu tun. Es erfüllte mich nicht mehr so mit Genugtuung wie früher einmal, aber es hielt mich auf Trab. Ich sah nichts Schlimmes mehr darin, die Seelen der Menschen auf die andere Seite zu befördern. So war es immer gewesen und so war es bestimmt.

    Doch alles Arbeiten half nicht gegen die Sehnsucht nach meiner Geliebten. Wann immer ich konnte, wartete ich am Turm auf sie.





    An einem regnerischen Tag kam sie endlich den Weg zum Turm hinauf. Sie sah gesund aus und ich war erleichtert. Also hatte Robert ihr in der letzten Zeit nichts mehr angetan.

    Mit einem Lächeln schritt ich ihr entgegen. Ich hob meine Hand, um ihre Wange zu berühren. „Ich dachte schon, du hättest mich vergessen“, flüsterte ich, überwältigt von der Erleichterung sie wohlauf zu sehen.

    „Niemals“, hauchte sie und schlang ihre Arme um mich.


    *Fortsetzung folgt*

  • War er auch nicht. Er ist ja auch als Tod nicht gerade der Netteste. Er ist immer noch egoistisch und nimmt nicht gerade viel Rücksicht auf Andere. Warum auch, bisher brauchte er das in seinem Job nicht. Nur jetzt wo er sich in die Menschenwelt einmischt, sollte er so langsam mal aufwachen. ;)


    Naja, Asaliah ist eben viel Netter als er und hat Flügel bekommen. ^^ Nee, sie hat Flügel, weil sie diese wollte. Das Erscheinungsbild durfte sie sich aussuchen.

  • 35


    Now she'll never know

    What anyone could tell her

    Now she'll never know what anyone can see

    Now she won't believe me ever again, completely

    (Marillion – Now She'll never know)





    Ich zog sie fest an mich und gab ihr einen leichten Kuss. „Ich schätze wir sollten lieber rein gehen, ehe wir wieder komplett nass werden.“

    Annabelle lachte. „Das war doch gar nicht so schlimm. Schließlich hat es ja zu etwas Guten geführt.“ Sie zwinkerte verschmitzt und ich lief rot an. „Aber du hast Recht, lass uns rein gehen.“ Sie löste die Umarmung und zog mich regelrecht in den Turm.

    Kaum innen angekommen, zog sich mich wieder an sich. „Du kannst heute ja gar nicht genug von mir bekommen“, meinte ich ein wenig irritiert. „Es ist so schön, dich in so guter Stimmung zu sehen.“

    „Ich bin einfach glücklich, wenn ich bei dir bin.“ Sie lächelte mich an, doch dann ging ihr Blick durch den Raum. „Aber vielleicht sollten wir mal darüber reden wie es hier so aussieht.“ Sie löste sich von mir und ging in dem zugegebenermaßen sehr schmutzigen Raum umher.





    Dabei strich sie über den Jahrhunderte alten Staub, der auf den wenigen intakten Möbeln lag. Mit dem Fuß wischte sie die in den Raum gewehten Blätter ein wenig zur Seite, nur um den abgenutzten, schmutzigen Boden frei zu legen.

    „Ist es denn wirklich so schwer mal einen Besen zu schwingen und hier ein wenig sauber zu machen?“

    Wollte sie jetzt wirklich mit mir über Hausarbeit reden? Ich war etwas überrascht von dem plötzlichen Themenwechsel.

    „Ernsthaft, gegen die alten Möbel kannst du ja nicht wirklich etwas machen. Aber ein wenig wohnlicher könntest du den Raum hier schon machen. Ich will gar nicht wissen, wie es sonst so in den oberen Stockwerken so aussieht.“ Sie wischte über den Hocker und ließ sich dann darauf nieder. „Noch ist das hier der einzige Ort, wo wir uns ungesehen treffen können und so geht es wirklich nicht. Ein wenig Hausarbeit kann dir schon nicht schaden.“

    Mit einem Mal verstand ich. Sie wollte einen schönen Ort haben, wo wir zusammen sein konnten. Ich kniete mich in Verbeugung vor ihr hin. „Mein Dame, Ihr habt Recht. Ich gelobe Besserung. Bei Eurem nächsten Besuch wird es hier blitzen vor Sauberkeit.“





    „Das will ich Euch auch geraten haben, werter Hausherr.“ Sie lachte und nahm meine Hände in ihre. „Es wäre wunderbar, wenn wir hier einen schönen Rückzugsplatz hätten. Und ganz ehrlich, du hättest wirklich schon mal eher darauf kommen können, hier mal sauber zu machen.“

    „Ich gelobe Besserung“, versprach ich ihr nochmals und diesmal war ich derjenige, der sie in die Arme schloss.

    „Sie mal da drüber, da könntest du vielleicht die alten Vorhänge entsorgen. Das sind doch nur noch Fetzen. Und hier sollte das Unkraut vernichtet werden, ehe es noch mehr von den Dielen kaputt macht. Und der Eimer da könnte auch mal entleert und sauber gemacht werden. Dann kannst du gleich anfangen den Boden zu schrubben. Vielleicht kriegt man ja den alten Schmutz doch noch ab.“

    Sie hörte gar nicht mehr auf mit ihren Vorschlägen, aber innerlich freute ich mich. Sie war wirklich begeistert von der Idee, dass ich den Hausmann spielte. Ich machte also ein saures Gesicht und ließ sie mich immer mehr Aufgaben finden, die ich bis zu unserem nächsten Treffen erledigen sollte. Doch dann bekam ich einen Auftrag, der alles verändern sollte.





    Noch während Annabelle von einem staubfreien Regal redete, musste ich gehen und ich musste es so machen, dass sie es nicht merkte. Ich wartete einen Moment, bis sie mir den Rücken zukehrte und verschwand zu meinem Einsatzort. Zu Annabelle würde ich in einem Bruchteil einer Sekunde wieder zurück kehren, schließlich hatte ich doch Einfluss auf die Zeit.

    Meine Arbeit führte mich an einen Ort, den ich inzwischen sehr gut kannte. Genauso wie ich die Person kannte, die ich holen musste: Annabelles Mutter.

    Ich hatte mich lange vor diesem Moment gefürchtet. Ich hätte lieber jemand anderen aus Annabelles Leben geholt, aber ich machte die Regeln ja nicht.





    Es würde schwer für Annabelle werden, aber ich konnte es nicht ändern. Ich musste meine Arbeit machen und ich konnte mir auch noch später über die Konsequenzen Gedanken machen. Ich kniete mich neben sie und in dem Moment wo sie ihr Leben aushauchte, fing ihre Essenz geschickt ein. Nur einen kurzen Moment dachte ich an die bitteren Worte von Asaliah, dass die Seelen vielleicht gar keinen Frieden finden würden auf der anderen Seite und das alles nur ein Spiel der Höheren Mächte war. Aber ich verweilte nur einen kurzen Bruchteil bei diesen düsteren Gedanken. Das hier war wichtiger. Ich speicherte Annabelles Mutters Seele für später, um sie dann wie von den Göttern befohlen frei zu lassen. Ich durfte mir keinen Fehler erlauben. Schließlich war dies die Frau, die Annabelle neben mir am nächsten stand.





    Mir grauste es vor dem Gedanken, dass Annabelle nach Hause kommen würde und ihre Mutter tot vorfand. Ich konnte mir kaum ausmalen, was es für sie bedeuten würde. Ganz zu schweigen von dem Schock, den geliebten Menschen leblos auf dem Boden liegend zu sehen.

    Und dann kam mir der noch erschreckendere Gedanke, dass Annabelle von jetzt an ganz allein mit Robert sein würde. Das niemand mehr da sein würde, der vielleicht ein schützendes Auge auf sie halten würde. Auch wenn ihre Mutter nie etwas getan hatte, um einzugreifen, war sie doch für ihre Tochter da gewesen, wenn Robert sie mal wieder misshandelt hatte. Mir wurde richtig übel, als ich realisierte was es bedeuten könnte, wenn Annabelle wirklich allein mit ihrem Ehegatten war und niemand mehr theoretisch eingreifen könnte, wenn Robert es zu weit trieb.





    Ich gab mir noch eine kurze Weile mich wieder zu sammeln. Die Bilder von einem wilden Robert mit mörderischen Absichten, wollten noch nicht aus meinem Kopf verschwinden. Aber ich musste wieder zurück zu Annabelle, die immer noch glücklich unsere Zukunft plante und noch keine Ahnung hatte, was sie Zuhause erwarten würde.

    Ich drehte an der Zeit und kehrte nur eine Sekunde nachdem ich Annabelle verlassen hatte, wieder zur ihr zurück. Sie hatte mir immer noch den Rücken zugewandt und fuhr mit dem Finger über den Staub auf dem Regal.

    „Ich freue mich schon, wenn hier alles glänzt.“ Sie drehte sich zu mir um und strahlte mich an. Ich lächelte ebenfalls etwas gezwungen und hatte die Hoffnung, dass sie es für eine Abneigung gegen Staubwischen halten würde und nicht für ein Zeichen, dass etwas nicht stimmte. Eine Weile ging es noch weiter mit den Verbesserungsvorschlägen von Annabelle, was meine Behausung anging und ich spielte so gut es ging mit.

    „Vielleicht solltest du dich langsam auf den Weg machen. Der Regen hat inzwischen aufgehört und es wird bald dunkel.“ Ich wollte eigentlich nicht, dass sie ging, aber ich konnte es auch nicht weiter aufschieben. Annabelle musste herausfinden, was mit ihrer Mutter geschehen war.





    „Ich will eigentlich gar nicht, aber du hast vermutlich Recht. Er wollte zwar nicht vor dem späten Abend zurück sein, aber man weiß ja nie.“ Annabelles Ausdruck wechselte von glücklich zu traurig innerhalb von diesen wenigen Worten. Ich lächelte sie aufmunternd an, auch wenn es mir schwer fiel. „Wir hätten eigentlich über Hughs Angebot reden sollen und nicht über Hausarbeit. Vielleicht musst du dich dann nicht mehr sorgen.“

    „Ich brauche noch Zeit. Ich kann ihm einfach noch nicht vertrauen. Ich kenne ihn schließlich nicht und weiß nicht, ob das der richtige Weg sein kann.“

    Ich nickte verständnisvoll. „Natürlich, aber lass dir nicht zu lange Zeit. Ich weiß nicht, wie lange es noch gilt.“

    „Ich gebe dir bald Bescheid. Und jetzt sollte ich wirklich los.“ Sie küsste mich zum Abschied und ich schaute ihrer Gestalt noch so lange nach, bis ich sie nicht mehr sehen konnte.





    Dann ging ich zurück in meinen Turm, verschloss die Tür und setzte mich an den Tisch um zu warten. Ich legte meinen Kopf auf meine Arme und dachte nach. Angestrengt. Über Hugh und Annabelle und Robert. Ich musste einen Weg finden, Annabelle zu überzeugen Hughs Angebot anzunehmen. Sie war jetzt einfach nicht mehr sicher zu Hause und Robert musste verschwinden, schnellstmöglich. Ich konnte es nur nicht Hugh alleine machen lassen. Die Entscheidung musste von Annabelle kommen.

    Ich wartete auf eine Eingebung was ich ihr sagen konnte, dass sie den Startschuss geben würde. Vielleicht war der Tod ihrer Mutter der endgültige Auslöser, dass sie Hughs Angebot annahm. Vielleicht reichte es aus. Ich stand wieder auf, ruhelos und wütend auf die vielen Vielleichts in meinem Leben.





    Ich wanderte unruhig in dem kleinen Raum umher. Ich musste die Zeit totschlagen, die Annabelle nach Hause brauchte. Es war ein blöder Einfall, aber ich wollte nicht, dass sie alleine war, wenn sie ihre Mutter fand. Sie durfte mich zwar nicht sehen, aber ich bezweifelte, dass sie nach mir Ausschau halten würde. Daher hielt ich es für sicher, wenn ich in Deckung bleiben würde. Sie würde mit anderen Dingen beschäftigt sein und ich könnte auf sie aufpassen, während ich versuchen würde ihr aus der Ferne Kraft für die nachfolgende Zeit zu schicken.

    Sie würde alle Kraft brauchen, um ihre Mutter zu beerdigen und mit den Folgen zurecht zu kommen. Und vielleicht den Anstoß kriegen, Hughs Vorschlag anzunehmen. Ich hoffte es zumindest.





    Als ich bei Annabelles Heim ankam, positionierte ich mich vor dem Küchenfenster. Ich wusste ja, wo ihre Mutter lag. Nach einer kurzen Weile kam Annabelle durch die Küchentür nach Hause und fand ihre Mutter.

    Ich konnte nichts tun. Mir tat es in der Seele weh sie so zu sehen, aber ich konnte nicht eingreifen. Nicht ohne zu offenbaren, dass ich davon gewusst hatte. Nicht ohne zu erklären, dass ich in diesem Moment noch die Seele ihrer Mutter in mir trug. Nicht ohne zu gestehen, dass ich der Tod bin.

    Ich schnappte nach Luft, als mir klar wurde, dass egal wie sehr ich Annabelle liebte, ich ihr niemals die Wahrheit offenbaren konnte. Selbst wenn sie mir die Lüge über mein vermeintliches Geisterdasein verzeihen würde, sie würde mir niemals vergeben, dass ich ihre Eltern geholt habe.





    Ich hörte Annabelle schluchzen, als ihr klar wurde, dass ihre Mutter nun auch für immer von ihr gegangen war.

    „Es tut mir Leid“, murmelte ich leise gegen die Glasscheibe. „Ich mache die Regeln nicht. Ich kann es nicht ändern, so gerne ich es auch wollte.“

    Sie gab noch einen halb erstickten Laut von sich und drehte sich dann in meine Richtung um, ganz so als hätte sie meinen leisen Worte gehört. Blitzschnell trat ich vom Fenster weg, in der Hoffnung, dass sie mich nicht gesehen hätte. Schwer atmend lehnte ich mich gegen die Hauswand. Ich durfte es nicht riskieren, dass sie mich doch noch sah.





    Dann hörte ich Schritte den Weg entlangkommen. Es musste Robert sein, der Hause kam. Ich kann nicht sagen, was mich veranlasste ihm zu folgen, aber ich hatte das Gefühl, dass es wichtig war. Also umrundete ich das Haus und folgte dem verhassten Kerl, als er den selben Weg nahm wie Annabelle noch so kurz davor. Anscheinend wollte er auch nicht durch die Haustür gehen, sondern bevorzugte ebenfalls die kleine Küchentür.

    Er runzelte die Stirn als er das erleuchtete Badezimmer sah. „Ich sollte den Weibern mal wieder eine Lektion erteilen, dass Geld nicht auf Bäumen wächst und Kerzen teuer sind. Vielleicht lassen sie dann nicht überall das Licht an. Irgendwann fackelt der Hof noch ab, weil die dummen Stücke mal wieder vergessen haben, die Kerzen auszupusten“, grummelte er vor sich hin, während er festen Schrittes den Hof überquerte.





    Er öffnete die Küchentür mit Schwung und war einen Moment sprachlos, als er die Situation in der Küche erfasste. Annabelle weinte immer noch und Roberts wütende Worte blieben ihm im Hals stecken. Er sah den leblosen Körper von Annabelles Mutter auf dem Boden und für einem Moment war selbst er von der Situation ergriffen. Er ging auf seine Frau zu und nahm sie sanft in den Arm.

    „Es tut mir Leid“, sagte er fast schon liebevoll. Ganz so als wäre er nicht der Mistkerl, sondern ein ganz normaler Ehemann, der seine Frau zu trösten versucht. Annabelle registrierte kaum, wer sie da in den Armen hielt. Sie ließ sich einfach stützen und es schien ihr nichts auszumachen, dass es Robert war, der sie fest drückte.





    Annabelle weinte eine Weile an seiner Schulter, während ich alles von draußen mit ansah, hilflos wie ich war. Robert hatte die Küchentür sperrangelweit offen gelassen, so dass ich einen guten Blick in die Küche hatte.

    „Mein Liebe, vielleicht solltest du dich hinlegen. Ich kümmer mich hier um alles.“ Sanft schob er sie in Richtung Flur, vorbei an ihrer Mutter. Mechanisch nickte Annabelle und mit ein bisschen Anschub von Robert verschwand sie aus meinem Sichtfeld.

    Ich ging ums Haus, wollte ebenfalls nicht mit ansehen, was Robert in der Küche tat. Annabelle hatte sich in ihren Kleidern auf das Bett gelegt, ihre Augen waren verquollen vom Weinen, als ihr Mann sich etwas später zu ihr gesellte.

    „Mach dir keine Sorgen“, meinte er und griff nach ihrem Arm. „Ab jetzt werde ich mich immer um dich kümmern. Du hast jetzt ja nur noch mich.“


    *Fortsetzung folgt*