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    I see all the angry faces

    Afraid that could be you and me

    Talkin' about what might have been

    I'm thinkin' about what it used to be

    (Robert Tepper – No easy way out)





    „Und du glaubst wirklich, dass er uns helfen würde?“ Wir hatten uns auf die Treppen gesetzt und scheinbar hatte Annabelle vergessen, dass sie eigentlich schon wieder auf dem Weg nach Hause sein müsste.

    Ich nickte. „Ja, das denke ich schon. Das ist schließlich sein Job.“

    „Aber wie sollen wir ihn bezahlen? Ich meine, er will sicher Geld haben und das haben wir nicht. Es sei denn du hast hier ein Vermögen versteckt. Das würde allerdings all unsere Probleme lösen.“

    „Tut mir Leid, aber nein. Hier gibt es nichts außer Spinnweben und verfallene Möbel.“

    „Wehe wenn das nicht stimmt.“ Sie zwinkerte mir zu. „Das wäre sonst ein ganz schöner Vertrauensbruch.“





    Ich lachte. „Keine Sorge. Das ist die ganze Wahrheit über meine finanzielle Situation.“

    „Dann bleibt eben doch die Frage, wie schaffen wir es das dieser Assassine uns hilft.“ Sie stockte kurz bei dem Wort Assassine, aber das hielt sie nicht davon ab weiter zu sprechen. „Ich kann kaum auf dem Markt Lebensmittel einkaufen, weil kein Geld da ist. Wie soll ich dann genug davon aufbringen, um dem Mann seinen Dienst zu bezahlen?“

    „Vielleicht kann ich ihn überzeugen.“

    „Und wie? Denkst du, dass er nur aus reiner Gutherzigkeit helfen wird?“ Sie klang skeptisch.

    „Natürlich nicht. Ich dachte auch nicht unbedingt daran, ihn damit zu überreden. Ich dachte eher daran, dass ich ihm ein wenig Angst mache. Ich bin schließlich nicht wirklich ein Mensch.“

    „Meinst du ernsthaft, dass du das kannst? Ich weiß ja nicht, wie das gehen soll.“





    „Lass das nur meine Sorge sein. Ich habe da schon eine Idee.“ Eigentlich hatte ich ihn ja schon überzeugt, aber das musste sie ja nicht wissen. Für einen Moment hatte ich ein schlechtes Gewissen, für all die Lügen, die ich ihr erzählen musste. Aber dann bekämpfte ich das Gefühl. Ich hatte keine andere Wahl.

    „Aber ich will nicht, dass du dich in Schwierigkeiten bringst. Es reicht doch schon, dass ich in dieser Misere stecke.“ Sie sah mich ernst an und ich fühlte eine Welle der Zuneigung zu dieser Frau.

    „Was sollte er schon mit mir machen? Er kann mich nicht verletzen. Das ist einer der Vorteile an meinem Dasein.“ Ich brachte das Wort Geist nicht mehr über die Lippen.

    „Aber wer weiß, was er sonst noch machen kann.“ Der ernste Blick wich nicht aus ihrem Gesicht.





    „Mach dir bitte keine Sorgen. Ich werde vorsichtig sein und wenn ich nicht erfolgreich bin, dann lassen wir uns etwas anderes einfallen. Wir haben ja sowieso noch das Problem mit dem Hof.“

    Sie nickte. „Ja, dafür brauchen wir auch noch eine Lösung.“

    „Wir finden eine.“ Ich versuchte sie zu überzeugen.

    „Bestimmt. Aber es schadet bestimmt nicht, schon mal mit dem Mann zu sprechen. Vielleicht kann er uns ja auch gar nicht helfen oder er lehnt den Auftrag von vornherein ab.“





    „Das glaube ich nicht. Er scheint sehr professionell zu sein.“

    „Das mag wohl sein, aber wenn wir ihn nicht mit Geld bezahlen, wer weiß.“ Annabelle sah hinauf zum Himmel. „Ich bin schon viel zu lange hier. Ich muss jetzt wirklich gehen. Danke dir, dass du dich darum kümmerst.“ Sie gab mir einen Kuss auf die Wange und stand dann auf.

    „Das ist doch selbstverständlich. Sei vorsichtig und passe auf dich auf.“

    „Mach ich doch immer. Bis bald und melde dich, wenn du etwas Neues weißt.“

    „Natürlich. Bis dann.“ Ich sah ihr noch lange nach, auch nachdem sie schon längst zwischen den Bäumen verschwunden war.





    Ein paar Tage später fand unser recht ungewöhnliches Treffen statt. Sowohl Annabelle als auch Hugh hatten Zeit gefunden sich an einen neutralen Ort zu treffen. Ich war nervös und aufgeregt, weil sich die Beiden zum ersten Mal mit dem Wissen von einander trafen und ich konnte nur hoffen, dass Hugh kein Wort über meine wahre Natur verriet.

    „Einen wunderschönen guten Tag, die Herrschaften.“ Hugh klang spöttisch, als er die kleine Lichtung betrat. Aber inzwischen kannte ich ihn ein wenig und wusste, dass es nur seine Art war mit Kunden umzugehen. Nur nicht zu viel von sich selbst enthüllen und immer schön zeigen, dass er überlegen war.

    Da Hugh mich immer noch nicht sehen konnte, mussten wir ein wenig improvisieren. Ich hoffte nur, dass seine Instinkte ihn nicht verließen.





    „Hallo Hugh“, begrüßte ich ihn, während Annabelle neben mir schwieg. Ich war mir nicht sicher, ob sie nicht doch einen Rückzieher machen würde.

    „Lucien, schön dich zu sehen.“ Ich hörte die Ironie in seiner Stimme. „Und das ist also Annabelle. Ich muss sagen, ich hatte mir so etwas schon gedacht, als du mich im Turm überrascht hast.“

    „Warum?“ Annabelle klang eisig. Ich spürte ihr Misstrauen jemanden gegenüber, von dem sie wusste, dass er Menschen für Geld tötete.

    „Du hattest diesen verzweifelten Blick und ich wusste, dass du früher oder später diesen Weg einschlagen würdest. Ich mache diesen Beruf schon zu lange, um mich in Menschen zu irren. Allerdings hätte ich nicht so eine verrückte Geschichte erwartet.“

    Annabelle sah ihn skeptisch an. Ich konnte sehen, wie sie versuchte herauszufinden, wie viel Hugh wusste.

    „Er weiß alles. Es ging nicht anders. Ich musste ihm alles erzählen, sonst hätte er sich nicht bereit erklärt, uns hier zu treffen.“





    „Tja, und das war ein ganz schöner Schock für mich. Hat mein Weltbild ein wenig erschüttert. Aber da es hier ums Geschäft geht, ist selbst so eine Geistergeschichte nur nebensächlich.“ Hugh war wirklich ein Profi. „Also wie soll es ablaufen. Soweit ich es verstanden habe, kann Robert noch nicht gleich sterben.“

    Annabelle zuckte bei dem Wort sterben leicht zusammen, aber dann fasste sie sich .„Das ist richtig. Ich muss zuerst den Hof retten und leider muss Robert so lange noch am Leben bleiben.“ Annabelle hörte sich ebenfalls geschäftsmäßig an.

    „Hm, aber muss er dafür frei sein? Wenn sein Name das ist, was die Gläubiger davon abhält den Hof zu übernehmen, dann braucht es doch nicht wirklich viel mehr als ab und an ein Lebenszeichen von ihm, nicht wahr?“





    Das war ein neuer Gedanke. Auf die Idee waren weder Annabelle noch ich gekommen. Etwas verdutzt sahen wir Hugh an, der lächelte.

    „Darauf seid ihr wohl nicht gekommen. Tja, nicht immer ist jedes Problem sofort mit Mord zu lösen. Es gibt genug andere Dinge, die man mit unliebsamen Personen machen kann.“

    „Und wie soll das ablaufen? Ich mein, jemand muss ihn aus dem Weg räumen, sicher verwahren und immer wenn man sein Wort braucht, ihn immer wieder aus der Versenkung holen. Wie soll das funktionieren?“ Annabelle klang mehr als skeptisch und auch ich war etwas überrascht. Ich hatte nicht mit der Lösung gerechnet.

    „Ja, das erfordert etwas mehr als einen einfachen Mord. Aber um es kurz zu machen, auch ich habe noch eine Rechnung mit dem Bastard offen und mir würde es wirklich viel Spaß machen, ein wenig Zeit mit ihm zu verbringen.“ Da war Stahl in Hughs einzigem Auge. Er meinte es wirklich ernst.





    „Und was verlangt Ihr von uns, damit Ihr so einen großen Auftrag übernehmt? Ich kann nicht abschätzen, wie viel Zeit ich brauche um den Hof aus den Schulden zu bekommen.“

    „Das hat Euer freundlicher Geist schon übernommen. Nicht wahr... Lucien?“ Die Pause gefiel mir nicht, aber ich ließ mir nichts anmerken.

    „Ja, ich werde mich an unsere Abmachung halten.“ Ich sagte es in aller Deutlichkeit.

    „Was hast du ihm versprochen?“ Sie klang besorgt.

    „Das erkläre ich dir ein anderes Mal. Jetzt sollten wir uns auf Robert konzentrieren.“ Ich hoffte, sie würde erst mal nicht wieder nachfragen. Ich wusste zwar schon die Antwort auf diese Frage, aber ich wollte nicht, dass Hugh sie hörte. Es war mir zu Riskant.

    „Okay“, sie gab nach. „Wie habt Ihr Euch das Ganze vorgestellt. Wo wollt Ihr Robert lassen? Wie können wir an ihn herankommen, wenn wir ihn brauchen?“

    „Interessant, dass Ihr nicht fragt, wie ich ihn fassen werde. Nein, Ihr braucht auch nicht zu fragen. Ihr werdet mir einfach vertrauen müssen, dass ich meine Arbeit verstehe. Wo ich ihn verstecke? Nun, ich habe da schon einen schönen Platz für ihn gefunden. Und was das an Robert herankommen betrifft, Lucien kann mich kontaktieren. Darin ist er ja gut.“





    Hugh stand auf. „Lasst es mich einfach wissen, wenn ihr beide euch entschieden habt, ob ihr meine Hilfe wollt oder nicht.“ Er hielt sich an den Plan. Wir wollten ja nicht zu vertraut vor Annabelle erscheinen. Zu meinem Leidwesen musste sie denken, dass wir uns nur kurz kannten.

    „Das werden wir.“ Annabelles Stimme klang fest, aber ich spürte den leichten Zweifel dahinter. Sie war sich noch unsicher, das musste ich ändern. Hughs dunkle Gestalt verschwand innerhalb weniger Sekunden in dem Zwielicht des Waldes. Doch ich ging auf Nummer sicher, ehe ich das Wort an Annabelle wendete.

    „Nun, was denkst du?“

    „Ich weiß nicht. Es wäre zu schön um wahr zu sein, wenn das mit der Entführung wirklich funktionieren würde. Aber kann man dem Mann wirklich trauen? Er ist ein Mörder und nicht gerade vertrauenerweckend.“





    Ich rutschte auf dem Stein ein wenig näher an sie heran und legte den Arm um sie. „Ich denke schon, dass er ehrlich ist. Womöglich ist er der einzige ehrliche Mensch auf der Welt. Zumindest was seinen Beruf betrifft. Wenn er etwas verspricht, dann hält er das auch. Alles andere wäre sehr abträglich in seinem Geschäft.“

    Annabelle schmiegte sich in meine Umarmung. „Vielleicht hast du Recht. Trotzdem muss ich noch darüber nachdenken.“

    „Warst du schon so darauf bedacht, Robert umzubringen, dass es dich jetzt Überwindung kostet, es nicht zu tun?“ Ich musste diese Frage stellen. Ich musste wissen, ob ich sie schon verloren hatte oder nicht.

    „Nein, eigentlich nicht. Der Gedanke wirklich jemanden zu töten, selbst jemanden den ich so hasse wie Robert, missfällt mir total.“ Ich war beruhigt. Noch war sie meine Annabelle und kein mordlüsternes Monster. „Aber trotzdem muss ich noch eine Nacht darüber schlafen. Es ist eine schwere Entscheidung.“





    „Das kann ich verstehen.“ Ich zog sie auf meinen Schoß. „Aber du musst zugeben, dass es eine Möglichkeit ist, die wir ernsthaft in Betracht ziehen sollten. So bekommen wir hoffentlich Zeit genug, um genug Geld aufzutreiben.“

    Annabelle lachte mich an. „Ja, ich gebe es zu. Den Assassinen zu finden, war wirklich ein glücklicher Zufall.“ Sie stupste mich mit der Nase an. „Das hast du wirklich gut gemacht.“

    „Dann bist du also stolz auf mich?“

    Statt einer Antwort küsste sie mich. Lange.





    Wir hörten erst auf, als es anfing zu regnen. Wir hatten gar nicht bemerkt, dass die dunklen Wolken aufgezogen waren. Lachend lösten wir uns von einander.

    „Ich schätze mal, das ist ein Zeichen, dass wir gehen sollten.“ Ein wenig wehmütig klang ich schon, trotz der Tatsache, dass wir diesmal wirklich viel Zeit zusammen gehabt hatten.

    „Das denke ich auch.“ Annabelle stand auf und schaute zum Himmel. „Das sieht auch aus, als würde es gleich einen richtigen Wolkenbruch geben. Wir sollten schleunigst zusehen, dass wir einen Unterstand finden.“

    „Das haben wir nun davon, dass wir uns den entlegensten Platz überhaupt gesucht haben für unsere Verabredung.“

    „Woanders wäre es zu gefährlich gewesen und jetzt komm endlich. Dir macht der Regen vielleicht nichts aus, aber ich mag es nicht sonderlich klatschnass zu werden.“





    Der Regen wurde schlimmer und wir kämpften uns durch völlig durchnässte Unterholz. Es war kaum möglich, schnell zu gehen oder zu laufen. Doch nach einer Weile wurden die Bäume lichter und das Laufen wurde einfacher. Inzwischen stürzte das Wasser nur so auf uns herunter.

    Annabelle zog mich in eine bestimmte Richtung und ich folgte ihr ohne groß auf meine Umgebung zu achten. Kurze Zeit später erreichten wir einen alten Bauernhof mit einer offenen Scheune. Den trockenen Unterschlupf direkt vor Augen, rannten wir vollkommen durchnässt auf den Stall zu.


    *Fortsetzung folgt*