Denn niemand ist unsterblich

  • Mir tut Emily leid.Sie kann sich gar nicht richtig entfalten,einerseits lebt sie jetzt wieder in Angst um ihre Mutter,was allein schon sehr belastend ist,andrerseits finde ich die Mutter so bevormundend,sie engt Emily total ein.Diese Ausfragerei,esist doch nichts dabei, wenn Emily eine Klassenkameradin besucht.Emiliy nimmt sich zu sehr zurück,sie sollte trotz der Krankheit der Mutter ihre eigenen Interessen mehr wahrnehmen,sonst geht ihr eigenes Leben noch komplett unter.Wieder sehr schöne Fotos,ich mag Nahaufnahmen.

  • Wieso hab ich seit einer Zeit nix gemacht? Hm, man kann sagen, dass ich diese Fs mit meinem eigenem Blut schreibe, da das Thema ja auch in meinem Leben eine Hauptrolle spielt. Emily ist mir auch sonst ziemlich nachempfunden, ihre Gefühle sind meine. Es ist nicht einfach nur eine hingeklatschte Fotostory, sie soll auch gut sein und mir gefallen. Letzteres ist nicht oft der Fall.



    Victoria und Knuffelbär, danke für den Kommi!
    Manja: Danke! Stell dir vor, im Deutschkurs hat mich doch tatsächlich die Lehrerin für meinen Aufsatz gelobt... eine Premiere. Emily ist, wie du bemerkst, nicht wie die anderen in ihrem Alter. Ob es nun daran liegt, dass sie probiert, die Rest ihrer Familie so gut es geht zu beschützten oder ob sie einfach nur mehr Reifheit besitzt, lässt sich schwer sagen. Wahrscheinlich eine Mischung. Och, Spass haben ist relativ. Emily ist eher das Mädchen, dass Zeit mit ihrer Mutter verbringen möchte - teilweise, weil sie Angst hat, es später nicht mehr tun zu können.
    chrissi: Ach was, ein Tag ist doch nichts. *rotwerd* Danke! Also, bald... :D
    @Sarotti: Danke. Ja, wenn man wieder anfangen muss ist es immer hart... vor allem bei negativen Dingen.
    @Jule&Jana: Es herrscht kein Kommizwang ^^ Danke für das Lob.
    @Shoshana: Danke. Bei den Nahaufnahmen bleibts wahrscheinlich, da in den Fortsetzungen kein Mord, keine Vergewaltigung oder andere 'besondere' Sachen passieren, sondern einfach nur Gespräche und Gefühle. Andererseits hat Kathrin nur noch sie, es ist recht normal, dass sie sie so ausfragt. Dass Emily sich mehr um sich selbst kümmern sollte, stimmt - du erfasst immer gut den Kern der Fortsetzung, was sie genau beinhalten soll.





    Kapitel 5



    Verlier' niemals den Blick für die kleinen Abenteuer des Lebens.
    Jürgen Beuerle




    « Nicole ? Darf ich dich etwas fragen?»
    „Klar darfst du das, sag nur“, sagte sie mit einer Stimme, die besagte, dass sie wüsste, um was es geht.
    „Du bist in der Schule nicht besonders beliebt.“ Das war keine Frage, sondern lediglich eine Feststellung. „Warum ist das so? Ich meine, du bist doch nett und intelligent und auch hübsch!“ beeilte sich Emily hinzuzufügen.
    Ihre Freundin, die sie mittlerweile wirklich als Freundin nennen konnte, schaute ihr direkt in die Augen. Das erste Mal heute, was Emily schon erstaunt hatte. Nicole war sonst nie schüchtern, wenn sie alleine waren. Immer sehr offen und nie verlegen.
    Sie faltete ihre Hände hinter ihrem Rücken und auf einmal wurde Emily bewusst, dass ihre Hände es auch taten.





    „Ich…“ Nicole brach mitten im Satz ab und blieb stehen. „Ich kann mir vorstellen, mich wieder in ein Mädchen zu verlieben.“ Der Satz war geflüstert, mit verschränkten Armen und geschlossenen Augen gesagt. Emily konnte eine winzige Träne zwischen den langen Wimpern erkennen. Sie rinnte langsam die Wange hinunter und nässte ihren Pullover. Weitere folgten. Stumme Tränen. Emily fragte sich, wie lange ihre Freundin wohl gewartet haben musste, um es jemandem zu erzählen. Sie packte all ihren Mut zusammen und sagte mit einer merkwürdig krächzenden Stimme: „Und? Nicole, was ist daran so schlimm?“ Emily fühlte die Angst, die sich wie ein Klumpen in ihrem Bauch gebildet hatte und immer grösser wurde. Sie hatte kein Problem mit der Tatsache, dass Nicole Mädchen liebte. Sie hatte nur Angst vor ihrer Reaktion. Grosse Angst sogar. Vielleicht bereute sie es nun, es ihr anvertraut zu haben. Vielleicht mochte sie Emily nicht mehr, da sie gefragt hatte.
    „Ich war schon einmal in ein Mädchen verliebt. Vor einem Jahr. Und – das Mädchen ist Cheyenne.“ Langsam beruhigte sie sich und schlug stumm, mit reinem Blickkontakt, vor, weiterzulaufen.





    Die Verblüffung stand Emily ins Gesicht geschrieben. Sie hatte keinen besonders guten Eindruck von Cheyenne bekommen. Sie war das Mädchen, das Emily nach ihrem Freund gefragt hatte. Kategorie Zicke, das war Emily rasch klar geworden. Es war für sie unbegreiflich, dass ausgerechnet sie für Nicole in Frage gekommen war…
    „Ich brauche wohl nicht weiter zu erwähnen, dass sie es nicht so toll fand. Und dann… ja, dann mochten die anderen mich auch nicht mehr.“ Nicole wischte mit ihrem Finger die übrigen Tränen weg, schniefte kurz, fing sich aber.
    „Ah.“ Mehr brauchte Emily nicht zu sagen. Für beide war es klar, was sie damit ausdrücken wollte. „Es ist mir völlig egal. Du bist meine Freundin. Meine erste, seit sehr langem. So etwas kann uns nicht auseinanderreissen. Aber eine Frage noch… wissen deine Eltern davon?“
    „Nein“ erwiderte Nicole und sah aus, als würde sie mit sich selbst rangen, ob sie weiterweinen sollte oder nicht. Emily verspürte das Bedürfnis, sie zu umarmen wie ein kleines Kind, dass unbegründete Angst vor dem Dunkeln hat. Sie zog es kurz in Erwägung, es wirklich zu tun, riss sich aber zusammen – sie wollte Nicole nicht verschrecken.
    „Ich weiss nicht, ob ich es tun soll. Ich weiss nicht, wie sie reagieren.“ Fuhr Nicole fort und sah in die glühend heisse Sonne.
    Stille bahnte sich wieder an. Nicole wollte keine Antwort, jedenfalls nicht jetzt, das fühlte Emily.
    „Jetzt hab ich dir ein schwerwiegendes Geheimnis erzählt, sag du auch eines!“ versuchte ihre Freundin scherzhaft Stimmung zu schaffen und schniefte wieder.





    Emily konnte nicht kontrollieren, was gerade aus ihr herauskam. Nach Nicoles Worten war es für ihren Mund selbstverständlich, die Wahrheit zu sagen. Obwohl ihr Gehirn es nicht so wollte, die Worte kullerten einfach aus ihr heraus, bevor sie ernstlich überlegen konnte, was sie da sagte.
    „Meine Mutter hat Krebs.“ Ihr wurde klar, was da aus ihr herausgerutscht war. Ihr Blick wandte sich nicht von dem Boden ab, sie hatte das Gefühl, sie müsse sich übergeben. Kurz überlegte sie, ob es Nicole genauso gegangen war. Ein Geheimnis, hatte sie gesagt. Es war eines, niemand wusste davon. Niemand. Es war doch das Geheimnis zwischen Mama und ihr. Sie sollte es nicht allen erzählen, hatte Mama gesagt. Das seihe eine Sache zwischen ihr und Mama. Aber Nicole war anders. Ganz anders, überlegte sie. Nicole konnte man vertrauen. Trotzdem stierte sie weiter auf den Boden, wollte nicht in Nicoles Gesicht blicken. Sie wollte nicht sehen, wie sich zuerst die Verblüffung und dann die Trauer sich in ihrem Gesicht ausbreiteten.
    „Vielleicht hat sie einen Stein im Schuh.“
    Das war nicht die Antwort, die sie erwartet hatte. Überhaupt nicht. Sie fragte nicht weiter nach, Nicole würde es erklären.





    „Das Leben ist wie ein Weg. Zuerst geht man ihn mit den Eltern, dann findet man irgendwann einen eigenen Weg und geht ihn alleine, denn jeder hat seinen eigenen, den er alleine gehen muss. Es kann aber sein, dass man irgendwann an eine Weggabelung kommt, an der man sich entscheiden muss. Das kommt oft vor. Manchmal ist am Ende der Weggabelung zwei andere, und aus einer kommt eine andere Person. Dann kann man sich entscheiden, den Weg zu zweit fortzufahren. Oder umzudrehen. Wieder den Weg zurück. Manchmal, wie auf jedem Weg, kriegt man Steine im Schuh. Die schmerzen, doch wenn man sie nicht entfernt, wird es noch schlimmer. Man kann sich den Fuss verstauchen oder das Bein amputieren, das weiss ich es nicht mehr genau – aber schlussendlich setzt man sich an den Wegrand und hört auf, den Weg zu gehen. Diese Person stirbt, denn auf dem Lebensweg darf man nicht anhalten. Leben ist nicht Stillstand, die Füsse symbolisieren das Herz. Und ein Herz, das anhält, lebt nicht. So hat es mir meine Mutter erzählt, als mein Grossvater gestorben war. Deine Mutter sollte einfach ihren Stein entfernen, Emily.“
    Emily hob den Kopf und lächelte sie an. „Ja, sollte sie.“ Die Geschichte hat ihr gut getan. Sehr gut sogar, die Erklärung gefiel ihr. Das Thema war abgehakt, das hat genügt. Ein einziger Blick von Nicole und Emily beruhigte sich. Es gab doch irgendetwas wie Seelenverwandtschaft, vielleicht was das hier ihre?
    „Es ist schönes Wetter.“ Fiel es Emily abermals auf.
    Nicole lächelte. „Für September sogar sehr gut.“
    Emily blickte hinauf in den blauen Himmel. Keine einzige Wolke, das Gewitter gestern hatte so schnell wieder aufgehört wie es gekommen war. Nach Regen kam Sonnenschein.





    „Meine Mutter kocht ganz toll, ich sag’s dir. Vor allem diese Fleischklopse, die kriegt sie gut hin.“ Erklärte Nicole, um das Schweigen zu brechen.
    „Ich glaub es. Ich glaub es.“ Antwortete Emily und lächelte. Der Tag würde doch ganz toll werden, da war sie sich sicher, dachte sie und schloss die Augen vor der warmen, beruhigenden Sonne.

    Mein Name ist Divya und ich bin eine unter vielen.
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    Maybe then I'll fade away and not have to face the facts
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  • Endlich gehts weiter! Find ich toll. :)
    Das sie ihre Gehiemnisse ausgetauscht haben ist ein Zeichen das sie sehr gute Freunde sind.
    Das mit dem Stein im Schuh und dem Weg find ich sehr schön. Selbst so geschrieben?:)
    Wieder klasse geschrieben ich bin gut rein gekommen.
    Bei den Bildern find ich es toll das man z.B am Anfang nur die Beine sieht oder am Ende den blauen Himmel.

    LG Chrissili :)

  • Was für ein schöner Vergleich das Leben als eine lange Wanderung darzustellen ,ich war ganz ergriffen von dieser Geschichte und wie zutreffend sie doch ist.Hast du sie dir selbst überlegt,dann Chapeau!,denn sie ist wirklich einmalig schön.Wenn man sich überlegt,wieviele Steine man im Laufe seines Lebens entfernen muss,nicht nur in Form von Krankheiten.Es hat Emily sicher sehr gut getan, sich mal einem anderen Menschen anzuvertrauen.Ich kann zwar ihre Mutter verstehen,dass andere Leute nichts von ihrer Krankheit wissen sollen,aber Emily braucht auch jemand,bei dem sie sich aussprechen kann.Ob Nicole wohl in Emily verliebt ist? Das würde die Situation für Emily nicht einfach machen.

  • ..........

    Einmal editiert, zuletzt von Miyu ()

  • Danke Plueschwolke.
    chrissi: Auch Danke. Bei den Bildern hab ich mir echt Mühe gegeben, diesmal sind sie wohl nicht so toll.
    @Shoshana: Hat mir meine Mama so erklärt, diesmal hab ich Nicole etwas von "mir" zukommen lassen. Keine Ahnung von wo sie es hat, aber ich liebe diese Erklärung. Danke auch dir!
    Der Teil ist ganz anders geschrieben, wahrscheinlich auch recht kitschig. [Aber wenigstens ist er gross.]

    Kapitel 6



    Vertrau auf Allah, aber binde dein Kamel trotzdem an



    Es roch anders, das war das erste was ihr in den Sinn kam. Fremd. Es war doch der Ort, an dem der Schmerz gelindert sein sollte. Und trotzdem roch es danach. Nach Schmerz, nach Abschied. Wieso war sie hier? Sie wollte nicht hier sein. Nicht hier. Ihr fiel auf, dass die Wand einfach nur weiss war. Ein abgenutztes Weiss, dass überall hineinpasste. Langweilig und farblos, kein einziges Bild hing an den Wänden. Nur eine Uhr. Sie tickte bei jeder neuen Sekunde, zeigte an, wie die Zeit verrinnt. Wie sie verschwand, unwiderruflich, zu schnell. Kathrin bekam Kopfweh. Ihr wurde bewusst, dass sie dem Sekundenzeiger zugeschaut hatte, wie er seine Runden drehte. War denn Zeit so wichtig? Jede Sekunde kostbar? Sie wand den Kopf ab, bevor ihr schwindlig wurde. In den Kinderkrankenhäusern gab es Bilder an den Wänden. Bilder von Clowns, die lustig lachten, von niedlichen Tieren oder schönen Landschaften. Sie waren da um das Krankenhaus freundlicher, hoffnungsvoller zu gestalten, Mut zu wecken.





    Hier gab es gar keine. Kathrin versuchte sich daran zu erinnern, ob es in dem Krankenhaus, in dem sie gebärt hatte, Bilder hatte. Es kam ihr nicht in den Sinn. Hier gab es jedenfalls keine. War man der Meinung, Erwachsene brauchten keine Bilder? Keine Hoffnung, keinen Mut? Dass er bereits da sein sollte? Bei Kathrin war er nicht da. Sie hatte Angst vor dem, was kommen würde. Dass sie drankommen würde, dass der Arzt ihr etwas sagte, was ihr nicht gefiel. Sie nahm einen Prospekt zur Hand. Ein Ratgeber, wie man Krebs am besten behandelte. Kathrin blätterte darin, las allerdings nichts, starrte die Bilder an. Sie zeugten lachende, fröhliche Leute. Konnte man denn mit so einer Krankheit überhaupt fröhlich sein? Musste man dann nicht täglich um sein Leben bangen, Angst haben? Sie wusste es nicht. Schliesslich hatte sie keinen Krebs und wollte auch keinen, wer konnte ihr denn das verdenken. Kathrin legte den Prospekt weg, verschränkte die Arme und starrte die Uhr an. Es vergingen genau zwölf Minuten und siebenunddreissig Sekunden, bis man sie aufrief. Sofort wandte sie ihren Blick vor der Uhr ab und folgte der Krankenschwester. Ein Lächeln hatte diese für Kathrin nicht übrig, sie achtete aber nicht darauf. Die junge Frau war zu sehr damit beschäftigt, nicht in Panik auszubrechen. Sie wollte nicht hier sein. Auf gar keinen Fall wollte sie hier sein! Sie wollte flüchten, bevor man ihr das sagte, dass sie nicht hören wollte. Und doch tat sie das nicht und folgte der offensichtlich schlecht gelaunten Krankenschwester, bis sie anhielt und sie in ein Zimmer wies.





    Es war beinahe leer, nur ein Schreibtisch mit Stuhl deutete darauf hin, dass es sich um ein Büro handelte. Am Schreibtisch sass ein Mann, weiss bekleidet und nett lächelnd. Zweifellos wollte er Kathrin Mut machen, schreckte sie aber ungewollt noch mehr zurück. Er benahm sich so überfreundlich, dass sie sich bewusst war, es war schlimmer als vermutet. Ein Kaninchen gefangen im Käfig, von einer Seite zur anderen gehetzt, ruhelos, so kam sie sich vor. Sie hörte ihm kaum zu, als er sie begrüsste, sie bat ihm gegenüber Platz zu nehmen. Höflich – überhöflich, alles an ihm erschien ihr übertrieben – erkundigte er sich nach ihrem Befinden, wie es denn ihr ginge, fragte sie sogar nach ihrer Tochter. Er hätte auch zwei Söhne, seine Frau sei schwanger. Kathrin fragte sich, wann er endlich zur Sache kommen würde. Diese Art Vorbereitung war unerträglich, sie hasste ihn dafür und war ihm gleichzeitig dankbar, dass er ihr auf diese eigene Art Zeit zum Nachdenken verschaffte. Er redete einfach weiter und irgendwann war er ernst. Aus seinem Mund kamen wieder Wörter, Sätze, aber Kathrin hörte nicht zu, schnappte nur einige Fetzen auf. „Krankheit“ hörte sie. Wieso Krankheit? Kathrin war doch gesund. Fast ganz gesund. Nur diese… kleinen Probleme. Die waren doch unwichtig. Oder etwa nicht? Sie bemühte sich, genau zuzuhören.





    „- er ist zwar fortgeschritten, aber das ist –“ Wer war er? Er, eine Krankheit? Wieso nur hatte sie nicht zugehört? Kathrin dachte an den Prospekt. Ihr wurde übel. Konnte es möglich sein, dass sie… dass sie… Krebs hatte? Schon nur das Wort zu denken tat ihr weh. Konnte das sein? Kathrin war doch noch jung. Kathrin war doch erst achtundzwanzig! „- ich würde Ihnen eine Chemotherapie anraten, falls Sie es aber nicht wollen –“ Wollte sie eine Chemotherapie? Kathrin wusste nicht um was es genau handelte, aber sie wusste, diese Therapie linderte den Schmerz und half gegen den… Krebs. Kathrin wollte nicht leiden. „Ja. Ja, ich mache sie.“ Ihre Kehle fühlte sich merkwürdig rau an, als sie es sagte. Der Doktor, dessen Namen Salzmann oder Frostig hiess – sie wusste es nicht mehr – schaute sie überrascht an. Einen so schnellen Entschluss hatte er wohl nicht erwartet. Kathrin wusste nicht, ob der Entschluss gut war. Nach dieser Therapie war man doch sehr geschwächt, hiess es. Sie dachte an ihre Tochter, die nichtsahnend in der Schule sass und sich mit ihren Mitschülern quälte. Sie dachte an ihren verstorbenen Mann, der so etwas nicht erleben musste.





    Was hätte sie dafür gegeben, so zu sterben wie er. Autounfälle waren ja nicht selten. Ihre Gedanken wanderten wieder zurück zu Emily. Wenn Kathrin tatsächlich sterben würde, wäre sie alleine. Nein, sie sollte nicht alleine sein. Kathrin hatte den Entschluss gefasst. Sie würde kämpfen. Dafür, dass sie ihre Tochter nicht alleine lassen würde. Frostig – Kathrin tippte auf diesen Namen - schaute sie erwartungsvoll an. Musste sie noch etwas sagen? War das nicht genug? „Was ist?“ brachte sie schliesslich unter Tränen hervor. Ihre Augen waren langsam, ohne dass sie es bemerkt hatte, wässerig geworden.
    Die Tränen rannten nur so hinunter, doch sie schluchzte nicht. Salzmann-Frostig sagte irgendetwas, doch es kam nicht an ihren Ohren an. Wahrscheinlich waren es beruhigende Worte, die ihr helfen sollten. Sie konnte sich doch auch selber helfen! „Vielleicht sollten sie erst einmal eine berufliche Pause einlegen, das kann nicht schaden.“ Vielleicht sollte sie das wirklich. Dann könnte sie sich auch mehr um Emily kümmern. „Ja.“ Antwortete sie schlicht. „Ja, das werde ich wohl tun.“ Müde vor dem seelischen Kraftaufwand, den sie nun hinter sich hatte, schloss Kathrin die Augen, um dem helfendem, für sie drängendem Blick des Arztes zu entgehen.





    Wie jeden Morgen in letzter Zeit öffnete Kathrin ihre Augen noch vor dem Klingeln des Weckers. Noch ganz verstört vor dem Traum, den sie seit Wochen immer wieder träumte, stand sie auf und nahm ihre Morgenpillen. Sie wusste nicht, wieso sie diesen Traum immer wieder hatte. Sie wusste nur eines: sie kämpfte und würde auch weiterkämpfen. Eine Art grimmige Entschlossenheit machte sich in ihr breit, die ihr merkwürdigerweise half.


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  • Eien Rückblende wohl oder ein Traum, wie es sich nicht abgespielt hat, als sie von dem Krebs erfuhr? Sehr berührend die schlimme Nachricht, die das ganze Leben verändert mit so schlichten minimalistischen Bildern zu verbinden.Aber ich würde gerade in so einer Situation weiterarbeiten wollen, wenn es denn geht gesundheitlich, denn dies lenkt doch wenigstens etwas ab,zuhause sitzt man doch nur rum und grübelt.Eine Chemo nimmt den Körper allerdings fürchterlich mit.

  • Oh man das ist hart.
    Hallo Divya :knuddel.


    Zu Kapitel 5:


    Oh, Nicole ist also lesbisch. Oder besser gesagt, war es. Vielleicht ist sie ja auch...naja. Und dann war sie auch noch in diese Zicke verliebt. Sie ist schön, ja, aber wie Emily wohl befürchtete ist mit ihr nicht gut Kirschen essen. Mal sehen wie das weitergeht.


    Zu Kapitel 6:


    Aus dem letzten Bild schließe ich auch einmal heraus, dass es wohl ein Traum, eine Erinnerung an die Nachricht war an der hathrin erfuhr das sie Krebs hat. Ich kann verstehen das sie es nicht glauben wollte, Krebs ist echt eine schlimme Krankheit.


    Ich hoff es geht bald weiter.
    :knuddel und einen schönen Nachmittag weiterhin.

  • Toll dass es weiter geht! :)

    Du hast wieder mit sehr viel Gefühl geschrieben, der Text ist einfach klasse.
    Die Bilder auch, die Gesichtsaudrücke sind dir sehr gut gelungen!

    Auch wenn es ein Traum war, es ist doch so gewesen oder?

    Weiter so, Divi!
    Chrissili :knuddel

  • @Shoshana: Ich hab eigentlich gedacht das wär klar: Es war ein Traum, den Kathrin immer wieder träumt - wie sie von dem Krebs erfährt. ;) Danke für den Kommi!
    @Radiosocke: Danke für deinen Kommi <3 Ich mag deine, die sind irgendwie immer so... toll.
    Chrissili: jep, es war ein Traum, aber es hat sich genau so abgespielt. Danke!

    Jetzt möchte ich auf eine "Aktion" hinweisen:
    Ich plane eine art Interview mit Jana, Kathrin, Emily und Nicole zu veranstalten. Ich stelle Fragen - ich antworte, aber als die entsprechende Person. ;) Das ist eine Herausforderung für den Autor, die ich gerne 'antreten' möchte.
    Deshalb bitte ich euch, mir eine PNzu schicken, sofern ihr Fragen an die Personen habt. Würde mich sehr freuen. (:


    Kapitel 7



    Wer an der Küste bleibt,
    kann keine neuen
    Ozeane entdecken
    Ferdinand Magellan






    Mama hatte Emily losgeschickt um die Einkäufe zu erledigen, die ihre Mutter während dem Tag nicht erledigt hatte. Es war halt Dienstag. Schliesslich ging es Dienstag nie gut, der Tag nach der Chemotherapie. Wenn Emily so darüber nachdachte war ihr Leben in Wochentagen gegliedert. Montag, der mit Abstand schlimmster Tag von allen. Andere Jugendliche in ihrem Alter hatten geantwortet, Montag sei ein schlechter Tag weil da die Schule anfängt. Emily ging es nicht so. Jetzt wo sie Nicole hatte, ging sie - natürlich – lieber zur Schule als in ihrer alten. Wie sollte man auch gerne zur Schule gehen wenn man gemobbt wird und anscheinend keiner, weder Schüler noch Lehrer, einen mochte? Es war immer noch wie ein Stich im Herz als Emily an das dachte. Hatte sie etwas falsch gemacht? War sie so verschieden als die anderen? Die Anderen. Das war der Fall gewesen. Es gab die Anderen und es gab Emily. So erschien es auch Nicole zu ergehen. Bis Emily kam. Jetzt war doch alles besser, nicht? Irgendwie schon, die Wochentage bestammen aber immer noch ihr Leben. Der Montag, an dem die Chemotherapie durchgeführt wurde – Montag, an dem Mama immer müde nach Hause kam und die Stufen nur mit Mühe schaffte. Emily versuchte dann nicht hinzuschauen, ging stur vor. Sie wollte nicht ihre geschwächte Mutter sehen, wie sie an ihrer Krankheit litt. Sie wollte nichts davon sehen, dass es Kathrin nicht besser ging. Und dann kam der Dienstag. Dieser verdammte Tag, beinahe so verdammt wie Montag. Dienstag, an dem Kathrin immer noch völlig geschwächt war. Mittwoch, Donnerstag, Freitag, Samstag – die Tage flogen vorbei und es war schon wieder Montag. Und das Ganze fing wieder von vorne an.
    Aber ihre Mutter war heute nicht in Form. War sie jemals in Form? Emily wollte die Frage nicht beantworten. Sie hatte Angst vor der womöglich schmerzenden Antwort.
    Und so lief sie ohne Murren in den nächsten Supermarkt um die Einkäufe zu erledigen.





    Völlig in Gedanken versunken betrat sie den Laden, packte sich einen nahe an der Kasse gelegenen Korb und suchte die Nahrungsmittel auf der Einkaufsliste ab. Einige Punkte konnte Emily nur schlecht lesen, Mamas Schrift war ganz verwackelt. Ein weiterer Nebeneffekt: ständiges Zittern. Er war nicht der Einzige. Emily zwang sich, an etwas anderes zu denken. Aber es stimmt doch! Mama wurde sterben. Irgendwann. Vielleicht nicht heute oder morgen, aber ob in einer Woche oder in zehn Jahren, machte das einen Unterschied? Mama war dann weg. Und Emily war ganz alleine. Noch mehr als jetzt. Zu wem würde sie dann ziehen? Zu den Grosseltern? Das wollte Emily nicht. Nein, auf keinen Fall. Jana würde sie vielleicht aufnehmen, aber ob sie sich auch um Emily kümmern könnte war fraglich. Jana war doch mehr Kind als Emily es je war. Emily schüttelte den Kopf, als wolle sie so diese Gedanken vertreiben, die ihr seit einiger Zeit durch den Kopf spukten. Es gelang ihr halbwegs, indem sie sich auf Heidelbeermarmelade und Fladenbrot, was unter anderem auf der Liste stand, konzentrierte.
    Die Marmelade war ganz unten im Regal. Emily musste sich bücken um zwei davon in ihren Korb zu befördern. Sobald sie wieder aufgestanden war, suchte sie den Laden nach dem Fladenbrot ab. Ihr Blick schwankte zu den Tiefkühlartikeln, die gleich neben ihr waren und –
    im selben Augenblick war es um Emily Anne Wing geschehen.





    Als sie ihn erblickte. Sie starrte ihn an, starrte in seine kristallklaren blauen Augen, starrte auf diese verstrubbelten schwarzen Haare, die aussahen als wären sie nicht genug gekämmt worden. Sie starrte auf die kleinen Pickel auf seiner Stirn. Sie registrierte jedes Detail seines Gesichts – wie als hätte sie einen Schnappschuss von ihm gemacht. Er hatte ein Nasenloch, das offenbar grösser war als das andere und eine Nase, die etwas krumm war. Es störte sie nicht, dass er offenbar keine Kenntnis von ihr nahm, sie starrte einfach weiter. In dieses Gesicht, dass ihr perfekt schien. Nun ja, nicht perfekt. Sie fand, es hatte einfach seinen bestimmten Wiedererkennungswert. Ausserdem sah der Typ sehr sympathisch aus, sobald sie ihren Blick von den Nasenlöchern entfernte und sein ganzes Gesicht anschaute. Anstarrte. Er schien sie zu bemerken, als er von einem Gurkenglas aufschaute – offenbar war er gerade daran das Etikett zu lesen. Erstaunt schaute er Emily an und lächelte schliesslich etwas verlegen, anscheinend war ihm das peinlich.





    Emily lächelte zurück und verschwand rasch um das Regal, als ihr klar wurde wie lange sie ihn angestarrt hatte. Aus irgendeinem Grund musste sie jetzt an ihre Mutter und eine Sache denken, die sie gesagt hatte. Dass es zwei Arten des Verliebens gab. Die erste war die langsame Art. wenn man eine Person schon lange kennt und man sich erst später in sie verliebt. und da war die zweite: wenn man sich urplötzlich in jemanden verliebte. Emily blieb erst einmal eine Weile dort wo sie war und versuchte danach ganz ruhig die Einkäufe zu erledigen, wie zufällig neben ihm etwas zu suchen und ihn dann anzusprechen. Das war doch machbar. Was machte sie sich eigentlich vor? Sie würde es nie schaffen. Oder? Einen Versuch war es wert! Emily übte ein wenig - man konnte wirklich sagen übte! - aufrecht zu gehen. Schliesslich wollte sie einen guten Eindruck machen. Ob die Kochlöffel davon beeindruckt waren konnte man nur schwer sagen, aber Emily fand das noch ganz ordentlich. Schliesslich war sie nicht unbedingt hässlich. Oder?





    Emily stürzte sich, auf eine Art lebensmüde, in die Höhle des Löwen und ging in die Tiefkühlabteilung, wo er vorher ihr begegnet war. Sie würde es schaffen. Sie würde es schaffen. Sie würde es schaffen. Sie würde es schaffen. Sie ging aufrecht und lächelte, bis sie ihn sah. Oder eben nicht sah. Vielleicht hätte sie es geschafft. Wenn er an dieser Stelle geblieben wäre. War er nicht. Das Gurkenglas war wieder an seiner Stelle und er war nicht da. Einfach weg.
    Emily starrte zu Boden. Was hatte sie sich denn davon versprochen? Es war klar dass das nicht klappen würde. Sie hätte nie den Mut aufgebracht, selbst wenn er da gewesen wäre. Aber das war er nicht mehr. War er etwa von ihr geflüchtet? Hatte sie ihm mit dem ganzen Starren in solche Verlegenheit gebracht, dass er schnell abgehauen war? Nachdenklich packte sie die bereits erledigten Einkäufe zusammen und vergas die Hälfte. Erst als sie an der Kasse bezahlt halte und hinaus trat, kam ihr die Erkenntnis. Es war als hätte die kühle Abendluft ihr die Gedanken in die richtige Richtung und Reihenfolge gepustet.
    Es traf Emily wie ein Schlag mitten ins Gesicht. Sie war zum ersten Mal richtig verliebt. Auf die zweite Art. Und sie würde ihn nie wiedersehen.

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    Einmal editiert, zuletzt von Divya ()

  • Jetzt hat Emily also die Liebe erwischt, ganz unerwartet im Supermarkt.Aber ich denke, dass sie ihn bestimmt wieder trifft,sonst hättest du ihn als Figur in deiner Geschichte nicht eingeführt.Ein bisschen Ablenkung von ihrem nicht einfachen Leben mit der Mutter täte ihr gut.Wie wohl Nicole reagieren wird, wenn Emiliy einen Freund hätte,eifersüchtig,eingeschnappt?

  • WIE SÜÜÜß!!! Das ist aber eine schöne Wendung von Emily. Auch wenn es für sie in nächster Zeit schwer wird... Aber naja. Hoffentlich wirds was!!!! Sie hat es nämlich verdient! Ob sie es für sich behalten wird? oder erfährt es Nicole? Wir werden es seh.. lesen. :D
    Bis dann!

    † 08/22/12

    and I know it's hard when you're falling down
    but it's a long way up once you've hit the ground
    get up now, get up