*Fotostory* Klaudia - Farben der Sehnsucht

  • JulieSmith


    Schön, dass du einen Kommentar da gelassen hast :) Ich sehe zwar an den Klicks, dass einige Leser hier in den Thread hineinschauen, aber ein direktes Feedback ist natürlich immer noch schöner.


    Ich freue mich zu hören, dass dir die Geschichte um Klaudia gut gefällt und auch, dass dir mein Schreibstil zusagt. Für mich als Autor ist das ein großes Kompliment.

  • Kapitel 18: Beschlossene Sache




    Jamie war Rons Sohn! Ich wollte es Magda sofort sagen, doch ich brachte kein vernünftiges Wort heraus und stammelte nur unverständliches Zeug vor mich hin. Magda verdrehte die Augen. „Claude, manchmal bist du so peinlich.“ Dann wand sie sich an Jamie. „Ich zeige dir am besten erst einmal dein Zimmer“, sie hakte sich bei ihm unter und führte ihn in das Zimmer, welches für unseren dritten Mitbewohner bestimmt war. Auch ich folgte den beiden, immer noch unfähig zu sprechen. Magda präsentierte Jamie inzwischen die Innenausstattung des Raumes. „Wir haben nur ein Bett reingestellt, damit der Neue seine eigenen Sachen mitbringen kann“, erklärte Magda und deutet auf die Schlafstätte. Jamie sah sich um und wirkte durchaus zufrieden mit dem, was er hier vorfand.



    Magda plapperte unaufhörlich, sodass mir keine Möglichkeit blieb, sie darüber aufzuklären, dass sie gerade mit dem Sohn ihres Ex-Freundes sprach. Schließlich entschied ich, dass es ohnehin besser wäre, Magda erst später darüber in Kenntnis zu setzen, da sie sicherlich eine Szene vor Jamie gemacht hätte und das wäre mir doch zu unangenehm. Magda zeigte Jamie noch den Rest vom Haus und dann setzten wir uns hin, um uns zu unterhalten und uns gegenseitig besser kennen zu lernen. „Ihr beiden habt ein echt schönes Haus“, schwärmte Jamie. „Es wäre schon cool, wenn ich hier einziehen könnte. Bei mir Zuhause herrscht zurzeit nämlich mächtig dicke Luft.“



    „Mein alter Herr hat mich bislang allein aufgezogen. Meine Mutter hatte uns schon verlassen, als ich noch in den Windeln steckte. Ich kann mich nicht einmal mehr an sie erinnern. Aber das war auch gar nicht so wichtig, denn mein Alter hat einen verdammt guten Job gemacht und wir kamen auch prima miteinander aus. Doch vor ein paar Wochen hat er plötzlich diese Frau mit nach Hause geschleppt. Erst dachte ich ja noch, die wäre schon ganz in Ordnung. Und mein Vater wirkte zufrieden an ihrer Seite, das war doch die Hauptsache. Doch dann ist sie bei uns eingezogen und seitdem spielt sie sich wie die Hausherrin auf. Und mein Vater lässt sich voll von ihr um den Finger wickeln. Und darauf habe ich keinen Bock mehr. Ich hab meinen Schulabschluss in der Tasche und mit dem Schreiben von Kurzgeschichten verdiene ich mein eigenes Geld. Ich bin auf meinen Vater und seien neue Frau nicht angewiesen.“



    Jamies Geschichte ging mir richtig ans Herz. Irgendwie erinnerte sie mich an die Zeit, als mein Eltern sich trennten und mein Vater ein zweites Mal heiratete. Seine neue Frau Ingrid war zwar immer nett zu mir, aber ich konnte mich nie ganz des Gedankens erwehren, dass sie mich gegen meine Mama aufhetzten wollte. Ich verstand daher nur zu gut, in was für einer Situation Jamie steckte. Und daher konnte ich Magda nicht sagen, dass Jamie Rons Sohn war. Ansonsten hätte sie nicht zugestimmt, dass er bei uns einzog. Und ich fand ihn wirklich sympathisch und wollte ihm unbedingt aus seiner Zwangslage helfen.



    Nachdem Jamie gegangen war, machten Magda und ich es uns auf meinem Bett gemütlich und berieten, wie wir nun wegen unseres neuen Mitbewohners vorgehen sollten. „Seine Geschichte war so traurig“, gestand ich ihr. „Ich weiß, wir haben noch keinen anderen Kandidaten gesehen, aber Jamie scheint sehr nett zu sein und ich glaube, er passt gut zu uns beiden. Gut, es wäre schöner, wenn er einen festen Job hätte und sich nicht nur mit dem Schreiben von Fan-Fiction über Wasser halten würde, aber ich würde ihn trotzdem gerne hier einziehen lassen.“



    Ich hatte erwartet, dass Magda widersprechen würde, doch sie stimmte sofort zu. „Ja, Jamie sollte wirklich hier einziehen. Hast du bemerkt, wie er mich immer wieder angesehen hat?“ Nun, mir waren eigentlich keine besonderen Blicke aufgefallen, aber wenn Magda meinte. „Ich sag dir, er steht auf mich. Und ich finde ihn auch nicht unsüß. Die Vorstellung ihn jeden Tag in meiner Nähe zu haben, ist schon schön. Ich spüre einfach, dass wir gut zusammen passen würden.“ Hoppla, na ob es so eine gute Idee war, eine Beziehung mit dem Mitbewohner anzufangen? Ganz zu schweigen davon, dass dieser auch noch der Sohn des Ex-Freundes war. Aber noch waren Magda und Jamie kein Paar und irgendwie bezweifelte ich, dass es jemals dazu kommen würde. Aber nun war es beschlossene Sache, Jamie würde bei uns einziehen.



    Und so zog Jamie direkt am nächsten Tag bei uns ein. Viel mehr als einen Koffer mit ein paar Klamotten darin brachte er allerdings nicht mit. „Vielen Dank, das ihr euch für mich entschieden habt“, bedankte er sich bei mir. Ich musste ihm ja nicht direkt auf die Nase binden, dass er der einzige Kandidat gewesen war.



    Jamie hatte uns ja erzählt, dass er beabsichtige, mit dem Schreiben von Kurzgeschichten Geld zu verdienen. Ich hatte eine seien Geschichten probehalber gelesen und sie war wirklich gut, doch offenbar ließ sich mit Schreiben doch nicht so leicht Geld verdienen. Aber Jamie hatte auch andere Mittel, um das Geld für die Miete zusammen zu bekommen. Er durchwühlte tatsächlich die Mülltonnen unserer Nachbarn auf der Suche nach Dingen, die sich noch gewinnbringend auf Simbay verkaufen ließen.



    Jamie fand zwar die ein oder andere kaum abgebrannte Kerze, einige Elektroteile, die noch voll funktionsfähig waren und sogar Stofftiere, die nach einer Runde in der Waschmaschine wieder wie neu aussahen, aber das ganz große Geld ließ sich damit nicht verdienen. Es war ein Glücksfall, dass er einen Aushang des wissenschaftlichen Institutes entdeckte. Die Wissenschaftler waren auf der Suche nach Schülern oder Studenten, die im Tropenhaus des Institutes bestimmte Schmetterlinge und andere exotische Tiere einfingen, damit diese von den Forschern katalogisiert und gründlich untersucht werden konnten. Magda schloss sich Jamie ohne zu Zögern an. Eine Gelegenheit, mehr Zeit mit diesem schnuckeligen Jungen zu verbringen würde sie sich nicht entgehen lassen. Zusätzlich von ganzen Schmetterlingsschwärmen umgeben zu sein, war auch nicht übel. Und das wissenschaftliche Institut bezahlte erstaunlich gut für die kleinen Falter.

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  • Kapitel 19: So, so, so schön



    An einem der folgenden Abende traf ich mich wieder einmal mit Gernot. Wir fuhren oft gemeinsam an den Strand, spazierten entlang der Küste, oder spielten, wie heute, auf der Promenade Schach. Ich war eine furchtbare Spielerin, aber Gernot zeigte mir geduldig die wichtigsten Strategien. Gernot war mein bester Freund geworden und eben darin bestand das Problem. Seit unserem beinah Kuss vor über zwei Monaten hat er nie wieder versucht, mich zu küssen. Er war nett zu mir und wir verbrachten viel Zeit miteinander, doch ich wusste nicht, ob er immer noch ein romantisches Interesse an mir hatte. Was wenn ich mir dieses Interesse von vorneherein nur eingebildet hatte und er in mir einfach nur die tollpatschige, pummelige Nachbarin sah?



    Doch ich wollte für diesen Mann so viel mehr sein. „Wollen wir uns noch an den Stand setzen, Gernot?“, nahm ich daher meinen ganzen Mut zusammen und fragte, als wir unsere Partie beendet hatten. Diesmal hatte ich sogar nur äußerst knapp verloren. Irgendwie gab mir das zusätzliches Selbstvertrauen. „Es ist heute Nacht noch so schön warm. Aber die Herbststürme lassen bestimmt nicht mehr lange auf sich warten. Wer weiß, wie oft wir dazu noch die Gelegenheit bekommen.“ Ich wusste Gernot gar nicht weiter überzeugen. Wir suchten uns eine schöne Stelle am Strand mit Blick auf die Bucht und lauschten den Wellen. Eine Wolke schob sich zur Seite und das Mondlicht ergoss sich über die stille Bucht. Ich warf einen Blick auf Gernot, der gedankenverloren aufs Meer hinausblickte. Wie gut dieser Mann doch aussah. Seien schlanke Statur, seine weiches blondes Haar, die wunderbaren Sommersprossen auf seiner Nase. Ich liebte diesen Mann und ich wünschte mir nichts sehnlicher, als dass auch er mich lieben würde.



    Also überwand ich für einen Moment all meine Ängste und Zweifel und legte meine Hand vorsichtig auf seine. Ich traute mich nicht, ihn anzusehen, weil ich mich vor seiner Reaktion fürchtete. Und ich spürte, wie sich seine Hand bei meiner Berührung verkrampfte. Hätte ich in sein Gesicht geblickt, wären mir auch die großen überraschten Augen aufgefallen.



    Mein Herz setzte beinah aus, weil ich befürchtete, dass er seien Hand wegziehen und so schnell wie möglich weglaufen würde. Doch das tat er nicht. „Ich dachte schon, du würdest niemals einen Versuch wagen“, sagte er stattdessen. Ich drehte meinen Kopf in seine Richtung und sah sein glückliches Lächeln. „Klaudia, ich wollte schon so lange deine Hand nehmen. Aber nachdem du das letzte Mal so verstört reagiert hast, wollte ich dir Zeit lassen, so viel, wie du brauchst. Ich wollte dich zu nichts drängen. Ich hoffe, du bist mir deswegen nicht böse.“



    Wie hätte ich ihm denn in diesem Moment böse sein sollen? Ich liebte ihn doch! „Darf ich näher zu dir rücken?“, fragte er ruhig. Mein Herz drohte meine Brust zu sprengen und ein eifriges Nicken war alles, was ich als Antwort zustande brachte. Gernot legte seinen Arm um meine Hüfte und zog mich zu sich heran.



    Noch nie war ich einem Mann so nah gewesen. Ich konnte seien Wärme spüren, seinen Duft riechen, ja, ich bildete mir sogar ein, sein Herz schlagen zu hören. Gernot zeigte auf den Himmel, wo gerade eine Sternschnuppe zu sehen war. Doch ich nahm seien Worte nicht einmal war, noch bemerkte ich die Sternschnuppe. Alles was für mich zählte war, dass ich jetzt hier in seinen Armen lag. Die Sternschnuppe hätte direkt auf uns herunterstürzen können, ich wäre trotzdem als die glücklichste Frau der Welt gestorben.



    Doch ich ahnte nicht einmal, was noch folgen sollte. Gernot und ich hatten gefühlte Stunden eng umschlungen im Sand gesessen. Langsam wurde es doch ziemlich frisch und Zeit, um nach Hause zu gehen. Wir standen auf und ich klopfte mir den Sand von der Hose, als Gernot erneut ganz nah zu mir herantrat. „Klaudia, hättest du etwas dagegen, wenn ich dich heute Abend küssen würde?“, fragte er. Ich blickte schüchtern zu Boden, aber das zarte Nicken meines Kopfes verdeutlichte, dass ich mir nichts sehnlicher als diesen Kuss wünschte.



    Und dann geschah es tatsächlich. Gernot trat noch einen Schritt näher an mich heran, griff meine Hände und dann berührten seien weichen Lippen meinen erwartungsvoll gespitzten Mund. Es war wunderschön. Noch nie hatte ich etwas Vergleichbares gespürt. Wellen des Glücks durchströmten meinen Körper und ich wünschte mir nichts sehnlicher, als das Gernots Lippen sich nie wieder von meinen lösen würden.



    Diesmal erlaubte ich Gernot natürlich, mich nach Hause zu begleiten. Hand in Hand schlenderten wir durch die Altstadt und Gernot brachte mich bis vor meine Haustür, obwohl er dafür einen kleinen Umweg gehen musste. Und zum Abschied küssten wir uns ein weiteres Mal. Ich sah, dass bei Magda im Schlafzimmer noch Licht brannte. Ich musste einfach jemandem erzählen, was heute passiert war und Magda war inzwischen, trotz ihrer Art, meine beste Freundin geworden. Ohne zu klopfen riss ich die Tür auf und stürmte aufgeregt in ihr Zimmer. Magda sah überrascht von ihrem Buch auf.



    „Claude, hast du schon mal was von Anklopfen gehört?“, beschwerte sie sich. “Ich hätte nackt sein können, oder Herrenbesuch haben, oder beides gleichzeitig!“ Ich ignorierte ihr Gemecker einfach und warf mich schwungvoll auf die leere Bettseite neben ihr. „Magda, du wirst nicht glauben, was passiert ist. Gernot und ich haben uns geküsst! Und es war so, so, so wunderschön!“ Ich ließ meinen Blick nach oben schweifen und dachte an den wundervollen Abend an Gernots Seite zurück. Magda konnte es in der Tat nicht glauben….und zwar das ein Kuss von Gernot schön sein konnte.



    Aber auch diese Bemerkung ignorierte ich. Und an Magdas zufriedenem Grinsen konnte ich sehen, dass auch sie sich für mich freute. „Es war dein erster Kuss, oder?“, fragte sie und ich nickte. „Und liebst du ihn?“, hakte sie weiter nach. „Ja“, hauchte ich nur. Zufrieden faltete ich die Hände auf meinem Bauch zusammen und stellte mir Gernots Gesicht vor. Wie er mich anlächelte, wie er mit mir sprach, wie er mich küsste…Ja, ich liebte ihn. Auch wenn ich es ihm noch nicht gesagt hatte, so war es doch wahr. Und ich war mir sicher, dass er mich auch liebte. Nach dem heutigen Abend konnte es keinen Zweifel mehr daran geben.

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  • Kapitel 20: Armors Pfeil



    Unser neuer Mitbewohner hatte die Angewohnheit, gerne mal leicht bekleidet im Haus herum zu laufen. Es störte ihn offenbar kein bisschen, sich vor Magda und mir nur in Boxershorts bekleidet zu zeigen. Das hatte er offenbar mit seinem Vater gemein, der seinen Körper auch zu gerne zur Schau gestellt hatte. Ich verstand ja, dass er keine Lust hatte, sich jedes Mal komplett anzukleiden, wenn er morgens von seinem Zimmer ins Bad ging. Aber spätestens am frühen Nachmittag hätte er sich ruhig anziehen können, statt weiterhin halbnackt zu bleiben und gemütlich im Wohnzimmersessel rumzulungern und Fern zu sehen oder in einem Roman zu schmökern.



    Zum Glück fiel Jamie bald auch, wie unangenehm es mir war, wenn er fast unbekleidet im Haus herumlief. Deshalb achtete er schon bald darauf, sich wenigstens ein Hemd überzuwerfen, wenn er sein Zimmer verließ. Magda hingegen hatte rein gar nichts daran auszusetzen, dass Jamie gerne viel Haut zeigt, zumal er eine sehr schöne Haut hatte, wie sie fand, und einen noch schöneren Körper obendrein. Und wenn er schon nicht mehr oben ohne durch das Wohnzimmer lief, so konnte sie ihn doch wenigstens durch sein Schlafzimmerfenster beobachten.



    Es sollte nun aber nicht der Eindruck entstehen, wir hätten uns mit Jamie ein faules Ei ins Nest gelegt. Es stimmte, Jamie schlief gern lange und wenn er dann einmal aufgewacht war, dann verbrachte er den restlichen Nachmittag gerne faul vor dem Fernseher. Aber am Abend verzog er sich immer in die Bibliothek, um an seinen Kurzgeschichten zu schreiben. Dort arbeitete er dann oft bis tief in die Nacht hinein. Aber es lohnte sich offenbar, denn es fand sich ein Online-Verlag, der bereit war, einige Geschichten von ihm zu veröffentlichen. Reich würde Jamie damit nicht werden, aber es reichte, um pünktlich seine Miete bezahlen zu können.



    Aber mir wäre es vermutlich sogar egal gewesen, wenn Jamie nicht bezahlen könnte und uns sogar noch die Einrichtung aus dem Haus klaute, denn ich schwebte einfach im siebten Himmel. Nie in meinem Leben war ich glücklicher gewesen. Gernot und ich trafen uns fast jeden Abend. Meistens bei uns Zuhause, denn aufgrund der Streitigkeiten mit seiner Familie konnten wir uns bei ihm nicht treffen. Da Magda und Jamie uns aber auch nicht die Privatsphäre ließen, die Gernot und ich uns wünschten, spazierten wir viel im Park.



    Oft brachte Gernot auch seine Hunde mit, die es sichtlich genossen, im Park herumtoben zu können. Und ich genoss es, an Gernot geschmiegt auf der Parkbank zu sitzen und Irina und Talua beim Spielen zu beobachten. Die beiden waren einfach zu niedlich.



    Aber noch viel mehr genoss ich es, Gernots weiche Lippen auch meinen zu spüren. Bei jedem Kuss hatte ich das Gefühl, als ob mich ein Blitz träfe. Es war herrlich. Hätte mir noch vor ein paar Wochen jemand gesagt, dass ich mit einem gutaussehenden, unglaublich netten und intelligenten Mann zusammen sein würde, ich hätte ihn für verrückt erklärt. Aber Gernot war da und er liebte mich. Und das machte mich zur glücklichsten Frau auf der Welt.



    Doch Amors Pfeil traf offenbar nicht nur mich, sondern auch meine Cousine Magda und unseren neuen Mitbewohner. Magda hatte Jamies wohlgeformten Körper in den letzten Tagen ja bereits ausgiebig begutachtet. Und darüber hinaus stellte sie schnell fest, dass man mit ihn in den Clubs der Stadt deutlich mehr Spaß hatte, als mit mir. Nun, ich war ihr nicht böse, dass sie mich nicht mehr länger in jede Bar mitschleppe. Dafür konnte sie jetzt mit Jamie die Tanzflächen unsicher machen.



    Sie teilten auch die Vorliebe für stark alkoholhaltige Cocktails. Und wie man ja weiß…nun ja, ich kannte es eigentlich nur vom Hörensagen…wird man nach dem ein oder andern Drink etwas lockerer. Und so begann Jamie meine Cousine anzuflirten. Eigentlich war Jamie in Magdas Augen etwas zu jung für sie, gerade mal 20, aber er sah gut aus und sie konnte einem Flirt noch nie wiederstehen. Also ließ sie sich von Jamie umgarnen und begann selbst, ihn um den Finger zu wickeln.



    Mit jedem Cocktail wurde das Flirten der beiden heftiger. Vielleicht lag es am Alkohol oder ganz einfach an der stickigen Luft in der Disco, aber beiden wurde immer heißer und so zogen sie sich auf die Terrasse zurück. Hier wehte zwar eine kühle Nachtbrise, aber das Feuer, welches zwischen den beiden entflammt war, konnte diese auch nicht mehr mindern. Und so ließen Magda und Jamie ihrem Verlangen freien Lauf und begannen wild rumzuknutschen.



    Jamie war vielleicht noch jung, aber das was ihm an Erfahrung fehlte, machte er mit seiner Leidenschaft und Ungestümheit mehr als wett. Und er war herrlich durchgeknallt, wie Magda bald feststellt. „Los, zieh dich aus“, flüsterte er ihr zu und Magda machte große Augen, weil sie dachte, er wolle hier und jetzt…Doch dann bemerkte sie, dass Jamie mit seinem Kopf auf den Pool deutete. Und bevor sie noch etwas erwidern konnte, entledigte er sich seiner Kleidung, warf sie achtlos an den Poolrand und sprang völlig unbekleidet in das kühle Nass.



    Im ersten Moment wusste Magda gar nicht, wie sie reagieren sollte. Doch ein Blick in die inzwischen recht leere Disko bestätigte, dass sie wohl nicht zu viel Aufmerksamkeit erregen würde. Und selbst wenn, in diesem Moment war es ihr egal. Also streifte sie ihr High Heels ab, zog sie ihr Kleid aus, warf alle Bedenken über Bord und stieg zu Jamie in den Pool. Was bereits die Nachtbriese nicht geschafft hatte, vermochte auch nicht das kühle Wasser. Und in dieser Nacht tauschten Jamie und Magda noch viel mehr aus, als nur wilde Küsse am Poolrand.



    Und das durfte ich zu allem Überfluss auch mit anhören. Bei dem Umbau des Hauses hätte ich vielleicht darauf bestehen sollen, dass mein Schlafzimmer und das von Magda nicht direkt nebeneinander lagen. Denn meine Cousine war…nun recht laut, wenn sie…Herrenbesuch hatte. Ich hatte fast das Gefühl, direkt in ihrem Bett zu liegen. Die Geräuschkulisse machte mehr als deutlich, dass Magda nun endgültig über Ron hinweg war. Nur wusste ich zu dem Zeitpunkt noch nicht, mit wem sie jetzt das Bett teilte.



    Am Morgen klopfte ich zaghaft an Magdas Tür. Ich wollte ihr unbedingt von meinem Date mit Gernot erzählen. Das brannte mir schon seit gestern Abend auf den Lippen. Ich wollte mein Glück mit jemandem Teilen. „Was ist los?“, hörte ich Magda verschlafen durch die Tür murmeln und ich wagte es, die Tür einen Spalt weit zu öffnen. Magda kramte sich gerade unter ihrer Bettdecke hervor und ich sah ganz deutlich, dass eine andere Person auf der zweiten Betthälfte lag, fest eingerollt in die Decke und für mich nicht zu erkennen.



    „Magda, ich muss dir unbedingt was erzählen“, flüsterte ich und ihren nächtlichen Besuch nicht zu wecken. „Komm bitte raus zu mir in die Küche.“ Magda guckte mich zwar zerknirscht an, aber sie stand auf, kam zu mir raus und schloss leise die Tür hinter sich zu. In der Einsamkeit der Küche erzählte ich ihr alle Details meines Dates mit Gernot. Wie er mich angelächelt hat, wie er über meine Witze lachte, wie ein Schauer durch meinen ganzen Körper fuhr, als er mich küsste. Magda hörte sich brav alles an, doch am liebsten wäre sie sofort wieder in ihr Bett zurück gekehrt. Die letzte Nacht war lang und die vielen Cocktails meldeten sich als dumpfes Brummen in ihrem Kopf zurück.



    Auf einmal schwang die Tür zu Magdas Zimmer auf und ein gut gebauter, junger, blonder Mann kam heraus. Ein Mann, der mir nur zu gut bekannt war. „Guten Morgen, Mädels“, begrüßte uns mein Mitbewohner gutgelaunt. in Türrahmen blieb er stehen um sich ausgiebig zu strecken. Er tat dies, weil er genau wusste, dass dabei seine Muskeln besonders gut zur Geltung kamen. Das leuchten in Magdas Augen verriet, dass er sein Ziel bei ihr auch erreicht hatte. „Ich geh dann erst mal ins Bad“, verkündet er. „Hab ihr beiden Lust auf Rührei zum Frühstück? Ich kann gleich welches vorbereiten, wenn ich mit Duschen fertig bin.“



    „Ich …ähm…hunger“, stammelte ich, zu überrascht, um einen klaren Satz hervor zu bringen. Jamie sah mich belustigt an. „Das fasse ich als ja auf“, erwiderte er und ging breit grinsend an mir vorbei. Der Schock war mir immer noch ins Gesicht geschrieben. „Magda, hast du etwa mit Jamie…geschlafen“, flüsterte ich, als ich hörte, dass die Tür zum Badezimmer zufiel. Magda grinste. „Ja, irgendwie hat sich das gestern so ergeben. Wir waren tanzen, hatten Spaß und dann führte das eine einfach zum anderen. Ja, ich weiß, erst ist noch etwas jung, aber ich kann dir versichern, er weiß ganz genau, was er tut.“ Magda zwinkerte mir vielsagend zu.

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  • Kapitel 21: Donnerwetter



    Ron und Magda? Oh Gott, nein, das durfte einfach nicht sein! Ich schnappte Magda an der Hand und zog meine überraschte Cousine in ihr Schlafzimmer. „Claude, was ist denn heute bloß los mit dir“, fragte sie überrascht und leicht genervt zugleich. „Hast du etwa etwas dagegen, dass Jamie und ich jetzt zusammen sind? Ich dachte du magst ihn!“ Zusammen? War es etwa schon so ernst zwischen den beiden? Aber es nützte nichts. Ich musste Magda die Wahrheit sagen. Ich begann hektisch mit den Händen über meinem Kopf zu fuchteln. „Magda, Jamie ist…er ist…Rons Sohn“, brachte ich die Worte schließlich heraus. So, nun war die Wahrheit auf dem Tisch.



    Magda sah mich an, wie ein Reh, das im Scheinwerferlicht stand. „Jamie ist was?“, fragte sie atemlos. „Er ist Rons Sohn“, wiederholte ich noch einmal ganz deutlich und Magdas Augen weiteten sich noch mehr bei diesen Worten. Ich konnte den Schmerz in ihrem Gesicht deutlich erkennen. So viel dazu, dass sie die Trennung von Ron endgültig überwunden hatte. „Seit wann weißt du das?“, fragte meine Cousine tonlos. „Ich habe ihn damals zusammen mit Ron auf der Straße gesehen. Du weißt schon, an dem Abend an dem ich rausfand, dass Ron einen Sohn hat, den er dir verschwiegen hat“, antwortete ich wahrheitsgemäß.



    Schon während ich die Worte sprach, ahnte ich, dass gleich ein Donnerwetter folgen würde. Und so war es in der Tat. „Du wusstest es also schon die ganze Zeit?“, brüllte Magda mich an. „Und du hast mir nichts gesagt? Dachtest du etwa, es wäre mir Recht, wenn Rons Sohn bei uns einzieht? Du hättest es mir sofort sagen müssen, als Jamie sich bei uns als Mitbewohner vorstellte. Ich hätte dann niemals zugelassen, dass er hier einzieht!“



    „Aber er tat mir so leid, als er sich bei uns vorstellte“, versuchte ich mich zu rechtfertigen. „Rons neue Freundin scheint echt gemein zu ihm zu sein. Ich musste ihm einfach helfen. Und ich wusste genau, dass du ihn nicht hättest einziehen lassen, wenn du wüsstest, wer er ist. Deshalb hab ich nichts gesagt. Aber ich dachte ja nicht, dass du dich gleich in ihn verlieben würdest.“ Doch meine Worte besänftigten Magda in keinster Weise.



    „Soll ich dir jetzt etwas auch noch danken, dass du es Ron und seiner neuen Schickse einfacher gemacht hast, den unliebsamen Sohn los zu werden?“, schrie sie mich. Erschrocken wich ich einige Schritte zurück. „Wahrscheinlich ist das alles sogar von Ron eingefädelt worden“, redete Magda weiter. „Wahrscheinlich hat er seinen Sohn absichtlich hier einquartiert um sich an mir zu rächen. Er sollte mich verführen und mich dann in aller Öffentlichkeit demütigen. Und du hast das alles zugelassen, Claude! Wahrscheinlich steckst du mit denen sogar unter einer Decke. Raus aus meinem Zimmer! Verschwinde hier! Sofort!“



    Das brauchte sie mir nicht zweimal zu sagen. Ich hatte Magda noch nie so aufgebracht erlebt. Nicht einmal, als sie sich damals von Ron trennte. Ich hatte es richtig mit der Angst zu tun bekommen. So schnell es ging flüchtete ich in mein Zimmer und schloss die Tür hinter mir ab. Dann nahm ich meinen Panda an drückte ihn ganz fest an mich. Was hatte ich nur getan? Ich hatte Magda gegen mich aufgebracht. Und sie hatte ja vollkommen Recht. Ich hätte ihr schon viel früher sagen müssen, dass Jamie Rons Sohn war. Sie hätte es von Anfang an wissen müssen. Aber jetzt war es zu spät. Ich könnte die Zeit nicht mehr zurück drehen.





    Als Jamie aus dem Bad kam, erwartete Magda ihn bereits im Wohnzimmer. „Hast du dich mit Klaudia gestritten?“, fragte er. „Ich habe da so etwas durch die Tür gehört. Was war denn…“ Doch Magda schnitt ihm das Wort ab. „Bis du der Sohn von Ron Peterson?“, fragte sie stattdessen ohne weitere Erklärung. „Ja, das bin ich“, antwortete Jamie sichtlich verwirrt. „Was hat mein Vater denn mit der ganzen Sache zu tun?“ Doch eine Antwort erhielt Jamie nicht. Magda schrie stattdessen nur einmal voller Wut auf, drehte sich um und verließ strammen Schrittes das Haus, wobei sie die Haustür laut hinter sich zuknallen ließ.



    Als ich hörte, dass Magda gegangen war, traute auch ich mich wieder aus meinem Zimmer heraus. Jamie erwartete mich bereits. „Klaudia, du erklärst mir sofort, was hier passiert ist!“, forderte er mich auf. „Am besten klären wir das beim Frühstück.“ Jamie hatte bereits ein paar Butterbrote geschmiert, die auf dem Esstisch auf uns warteten. Nachdem wir beide einen Bissen genommen hatten, verlangte Jamie seine Erklärung. „Heute Morgen wache ich noch gut gelaunt neben einer wunderschönen Frau auf und alles ist gut und im nächsten Moment schreit eben diese Frau ihre Cousine und beste Freundin an, die sich daraufhin in ihrem Zimmer einschließt und mir wirft sie vor, der Sohn meines Vaters zu sein. Was wird hier also gespielt?“



    Also erzählte ich Jamie die ganze Geschichte. „Magda war bis vor wenigen Monaten mit deinem Vater zusammen. Doch er hat ihr nie davon erzählt, dass er einen Sohn hat. Als sie das erfuhr, hat sie sich von ihm getrennt.“ Jamie wirkte sichtlich überrascht. „Also mein Vater und Magda? Man, das ist ja ein Ding. Ich wusste, dass mein alter Herr längere Zeit eine Frau gedatet hat, bevor er mit Juanita zusammen kam. Ich hab mich schon gewundert, warum Dad sie mir nie vorstellte. Nun, bei dem Altersunterschied kann ich schon verstehen, dass er mir meine neue Stiefmutter erst einmal vorenthalten hat.“



    „Aber halt, eines verstehe ich noch nicht, warum ist Magda dann eben so ausgerastet?“, fragte er mich. „Ich wusste von Anfang an, dass du Rons Sohn bist und habe ihr nichts gesagt", antwortete ich. „Und jetzt glaubt sie auch noch, dass Ron dich auf sie angesetzt hat. Sie glaubt, du hast nur mit ihren Gefühlen gespielt.“ „Das ist mir jetzt aber echt zu kindisch, dass muss ja selbst ich mit meinen 20 Jahren sagen“, erwiderte Jamie. „Mein Dad hat sich eine neue Frau gesucht und damit ist die Sache für ihn erledigt. Und ich? Nun, ich hatte gestern Spaß mit Magda und vielleicht wäre ja auch mehr daraus geworden. Aber so wie sie sich aufgeführt hat, habe ich erst einmal genug von ihr.“

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  • Kapitel 22: Rache



    Nach diesem Streit mit Magda war ich so froh, dass ich nun einen Menschen an meiner Seite hatte, dem ich mich anvertrauen konnte. Es kam mir so vor, als müsste ich ewig darauf warten, bis Gernot endlich Feierabend hatte und wir uns sehen konnten. Wir trafen uns am großen Springbrunnen im Stadtpark. Schon als Gernot mich begrüßte, merkte er, dass etwas nicht in Ordnung war. „Was ist denn los, mein Schatz“, fragte er besorgt, als er mein betrübtes Gesicht sah und nahm liebevoll meine Hände. Es tat so gut, ihm alles erzählen zu können.



    Gernot versicherte mir, dass Magda mir völlig zu Unrecht vorgeworfen hatte, sie hintergangen zu haben. Er war auch überzeugt, dass meine Cousine sich bald wieder beruhigen würde. Ich sollte mir also nicht so viele Gedanken über den Streit machen. Vermutlich hatte Gernot damit sogar Recht. Er tat mir einfach so gut. „Ich liebe dich“, flüsterte ich daher, als er mich im Arm hielt. Es war das erste Mal, dass ich diese Worte aussprach. Gernot lächelte. „Ich liebe dich auch, mein Schatz“, antwortete er. „Ich dachte das wüsstest du schon längst.“



    Diese Nacht war einfach perfekt um endlich einen Schritt weiter zu gehen. Gernot liebte mich und ich konnte mir keinen Mann vorstellen, mit dem ich lieber mein Erstes Mal verlebt hätte. Aber leider kam es nicht dazu. Ich war bereit dafür und auch Gernot war es, aber es scheiterte daran, dass wir keinen passenden Ort fanden. Im Haus von Gernots Eltern konnte ich nicht mit ihm schlafen und auch in meinem eigenen Haus hätte ich mich nicht wohl gefühlt, da ich wusste, dass Magda im Zimmer nebenan saß und böse auch mich war. Also mussten Gernot und ich unsere erste gemeinsame Nacht verschieben, so schwer uns beiden das auch fiel.



    Was ich nicht wusste war, dass Magda gar nicht in ihrem Bett lag. Denn heute war der Tag ihres ersten richtigen Auftritts als Sängerin. Mit ihrer Band trat sie an diesem Abend in Samys Jazz Bar auf. Magdas Freundin Tammie spielet am Klavier und Lily Lum war die Solosängerin. Magdas Rolle war es nun, Lilys Stimm aus dem Hintergrund zu unterstützen. Es würde sicherlich nicht ihr Durchbruch werden, dass wusste Magda, aber immerhin war ihre Stimme endlich einmal öffentlich zu hören. Vom Zusammenbau der Bühnenkulissen hatte sie nämlich inzwischen mehr als genug. Und ganz ehrlich, so gut wie Lily war sie allemal und mit ihren deutlich über 40 hatte ihre Bandkollegin ihr Haltbarkeitsdatum ohnehin längst überschritten. Es war nur eine Frage der Zeit, bis Magda ihre Rolle einnehmen konnte.



    Aber so recht wollte sich die Freude bei Magda nicht einstellen. Sie hatte seit Tagen auf diesen Abend hin gefiebert. Sie hatte sich darauf gefreut, vor Jamie und mir mit ihrem Erfolg prahlen zu können, darauf, den Neid in unseren Augen zu sehen. Aber sie hatte sich auch darauf gefreut, ihn mit ihren besten Freunden zu verbringen. Und doch war alles anders gekommen. In ihren Augen hatte ich sie aufs schändlichste Hintergangen. Und Jamie hatte nur mit ihr gespielt.



    Der Auftritt brachte der Band viel Jubel ein, auch wenn Magda eingestehen musste, dass der meiste Applaus Lilys Gesang und Tammies Klavierspiel galt. Von ihr hatte kaum jemand Notiz genommen. Steif lächelte sie den applaudierenden Zuschauern zu und verzog sich dann schnell an die Bar um sich einen Drink zu bestellen. Und dann konnte sie die Tränen nicht zurück halten. Sie hatte versucht, nicht daran zu denken, was sie für Jamie eigentlich empfand, doch jetzt wurde ihr klar, wie sehr sie ihn vermisste. Er bedeutete ihr mehr, als sie sich eingestehen wollte. Aber solche Gedanken hatten keinen Sinn. Alles war zerstört.



    Doch schnell hatte sie ihre Gefühle wieder unter Kontrolle. Eine Brodlowska würde nicht in der Öffentlichkeit weinen. Soweit ließ sie sich nicht demütigen. „Und an allem ist nur Claude schuld!“, dachte sie grimmig. „Hätte sie mir von Anfang an reinen Wein eingeschenkt, dann hätte Jamie keine Chance gehabt, mich hereinzulegen. Und sie hat das bestimmt nur gemacht, weil sie neidisch auf mich ist. Neidisch auf meinen Erfolg und meine Schönheit. Claude kann es einfach nicht ertragen, wenn sich nicht alles um sie dreht. Aber ich werde es ihr schon zeigen. Niemand spielt ungestraft ein falsches Spiel mit Magdalena Brodlowska!“ Ihre Augen funkelten wütend und in ihrem Kopf begann sich ein hinterhältiger Plan zu formen, um sich an mir zu rächen.





    Aber Rache ist ein Gericht, das am besten kalt serviert wird, dass wusste Magda nur zu gut. Also gab sie vor, dass alles wieder in bester Ordnung sei. Am nächsten Tag kam sie von sich aus auf mich zu, um sich bei mir zu entschuldigen. „Ich hab mich wie eine dumme Gans aufgeführt, Claude. Ich weiß ja, dass du mir nur deshalb nichts von Jamie erzählt hast, weil du ihm so gerne helfen wolltest. Ist dann wieder alles in Ordnung zwischen uns?“ Da brauche Magda gar nicht weiter nachzufragen. Natürlich verzieh ich ihr sofort und war überglücklich, dass nun wieder Frieden in unsere Wohngemeinschaft einzog.



    Und auch mit Jamie sprach sie sich aus. „Tut mir leid, Jamie, ich war einfach nur geschockt, als ich hörte, dass du Rons Sohn bis. Du musst schon zugeben, es ist schon seltsam, wenn man bedenkt, dass ich mit dem Vater und dem Sohn im Bett war.“ Beide musste anfangen zu lachen. „Wir beiden bleiben dann einfach Freunde?“, fragte Jamie nach und Magda nickte bestätigend. „Ja, das wäre wohl das einfachste. Keine komischen Gefühle und so, du verstehst?“ Jamie tat dies. Er hatte die Nacht mit Magda durchaus genossen. Aber so richtig war er sich über seien Gefühle für sie ohnehin nicht klar gewesen und ganz ehrlich, auf eine Beziehung hatte er momentan auch nicht zu viel Lust. Vielleicht war es so für alle wirklich am besten.



    Ich nahm Magda ihre Entschuldigung vollständig ab. Und auch Jamie dachte nun, dass alles wieder im Lot sei. Aber wir ahnten beide nicht, wie sehr es unter der freundlichen Oberfläche von Magda brodelte. Sie wollte Rache, und diese Rache musste einschlagen wie eine Bombe. Und sie hatte auch schon den perfekten Plan.





    Die nächsten Tage verhielt sie sich ganz ruhig. Sie war freundlich zu mir und freundlich zu Jamie. So freundlich, dass es mir fast schon verdächtig hätte vorkommen müssen, denn selbst die Kommentare zu meiner Kleiderwahl oder meiner Magdas Meinung nach nicht vorhandenen Frisur blieben aus. Und Magda hatte ihren Plan nicht vergessen. Sie hatte nur auf den perfekten Tag gewartet, um ihn in die Tat umzusetzen. Und der war gekommen, als ich meine neuste Ausstellung vorbereiten sollte. Während Jamie und ich meine Bilder zur Galerie brachten, blieb sie zu Hause und setzte die Hebel in Bewegung.



    Ich war so damit beschäftig, keines meiner Bilder zuhause zu vergessen und sie unbeschadet in das Taxi zu befördern, dass ich gar nicht bemerkte, wie Magda mein Handy aus meiner Tasche nahm. Kaum waren Jamie und ich auf dem Weg in die Galerie, zückte sie es und begann eine SMS zu schreibe. „Komm bitte schnell vorbei. Ich habe eine Überraschung für dich. xoxo.“ Und diese SMS schickte sie an Gernot.



    Gernot las die SMS und hatte keinen Zweifel daran, dass sie von mir abgeschickt worden war. Warum hätte er auch daran zweifeln sollen, immerhin hatte Magda mein Handy benutzt? Stattdessen trieb in die Vorfreude auf die Überraschung an, besonders schnell zu meinem Haus zu kommen. „Klaudia, Schatz, wo bist du?“, rief er aufgeregt. Er hatte geklingelt, doch als niemand die Tür öffnete, betrat er einfach das Haus. Unsere Haustür war nie abgeschlossen. „Im Wohnzimmer“, hörte er eine Frauenstimme, die er zunächst für meine hielt. Doch im Wohnzimmer stand nicht ich, sondern meine Cousine Magda. Sie kam gerade von unter der Dusch. Das Licht brach sich in den Wassertropfen auf ihrer Haut und sie war lediglich in ein weißes Handtuch gewickelt.



    „Ich suche Klaudia…“, begann Gernot zu sprechen, doch die Worte erstarben in seinem Mund, als Magda das Handtuch von ihrem Körper löste und es zu Boden fallen ließ. Gernot stand da mit weit geöffneten Augen und starrte geschockt den völlig nackten Körper meiner Cousine an. „Klaudia ist nicht hier“, hauchte sie verführerisch. „Und ich hoffe, sie lässt sich auch noch etwas Zeit damit, bis sie wieder hier auftaucht.“

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  • Kapitel 23: Nur ein Mann



    Ich war mit Jamie in der Galerie und hängte meine Bilder für die Ausstellung auf. In letzter Zeit hatte ich viele kleine Gemälde gemalt, da diese bei den Kunden besonders gut ankamen. Mit fachmännischem Blick überprüfte ich, ob die Bilder auch schön gerade an der der Wand hingen. Inzwischen hatte ich gelernt, wie wichtig es war, die Gemälde richtig zu präsentieren, wenn man sie verkaufen wollte. Da klingelte auf einmal Jamies Handy. „Hi Magda, was gibt es?“, meldete er sich direkt, als er Magdas Nummer im Display las.



    „Klaudia hat ihr Handy zuhause liegen lassen? Warum bringst du es ihr nicht vorbei?...Ah, verstehe, gut, ich sag ihr Bescheid.“ Als ich seine Worte hörte, fasste ich umgehend erschrocken an meine Hosentaschen, aber dort war tatsächlich kein Handy zu spüren. Oh nein, und dabei wollte Melinda mich doch noch anrufen, um die Details der Ausstellung zu besprechen. Wie gut, dass Magda mir Bescheid gegeben hat, sonst hätte ich ihren Anruf womöglich verpasst. Jamie legte wieder auf. „Magda sagt, dass Handy liegt bei ihr auf dem Nachttisch. Sie muss zu einer Bandprobe, daher kann sie es nicht vorbei bringen. Soll ich es holen?“ „Nein“, schüttelte ich den Kopf. „Häng du lieber die restlichen Bilder auf. Du weißt doch, wie unsicher ich mich auf der Leiter fühle. Ich fahre dann schnell nach Hause und bin gleich wieder zurück.“



    Ich nahm mir ein Taxi um fuhr umgehend in die Celia Gade. Ich konnte nur hoffen, dass Magda das Hady gut sichtbar irgendwo hat liegen lassen. Nicht auszudenken, wenn Melinda bereits mehrmals angerufen hätte, ohne mich erreichen zu können. Ich schloss die Haustür auf und betrat die Küche. Nanu? War das das ein Geräusch aus Magdas Zimmer? Aber, nein, das konnte nicht sein. Sie war ja bei der Arbeit. Außerdem wäre die Haustür nicht abgeschlossen, wenn sie noch zuhause wäre. Also marschierte ich zielstrebig auf Magdas Zimmertür zu und drückte die Türklinke herunter.



    Aber ich war nicht im Geringsten auf den Anblick vorbereitet, der sich mir da bot. Magda war vollkommen nackt und sie war nicht allein. Ein Mann lag auf ihrem Bett, ebenfalls unbekleidet und Magda beugte sich über ihn und küsste ihn leidenschaftlich. Dieser Anblick allein wäre schon schlimm genug gewesen, doch bei dem Mann handelte es sich um Gernot. Um meinen Gernot! Meinen Freund! Meinen!



    Entsetzt riss ich die Augen auf. „Was tut ihr denn da“, schrie ich schrill. Die Frage war überflüssig, denn es war eindeutig, was dort auf dem Bett vor sich ging. Aber mein Verstand wollte es einfach nicht begreifen. Es war einfach unmöglich. Meine Cousine würde mir so etwas nie antun. Und auf gar keinen Fall wäre Gernot zu so einem Betrug fähig.



    Bei Klang meiner Stimme riss Gernot sich augenblicklich von Magda los. Er schubste sie regelrecht zur Seite. „Oh mein Gott, Klaudia, Schatz. Was machst du denn hier?“, stammelte er. „Du müsstest doch in der Galerie sein.“ Ohne es zu wollen, bekam ich bei seinen Worten ein schlechtes Gewissen. Wäre ich brav in der Galerie gewesen, wäre weiterhin alles gut. Es war meine Schuld…Doch dann wurde mir schlagartig klar, dass das natürlich Blödsinn war. Ich hatte nichts getan. Gernot war fremd gegangen und ich hatte ihn gewiss nicht dazu gezwungen.



    Aber warum musste es ausgerechnet meine Cousine sein? Ich sah zu Magda hinüber, die ruhig auf der Bettkante saß. Anstatt eines erschreckten oder reumütigen Blickes, zierte ein siegessicheres Lächeln ihre Lippen und ihre Augen waren glühten frostig wie zwei Eiskristalle. Dieser Gesichtsausdruck warf mich erneut vollständig aus der Bahn. Was hatte das bloß zu bedeuten?



    Doch mein Kopf wollte sich drauf keinen Reim machen. Nicht jetzt. Und ich wollte nur noch weg. Raus aus dem Zimmer, weg von Gernot, den ich doch so geliebt hatte und er mich aufs schändlichste hintergangen hatte. Und weg von meiner Cousine und diesem kalten, fiesen Lächeln. Hinter mir hörte ich Gernots Stimme. „Klaudia, warte, ich will es dir erklären.“ Doch ich wollte nichts hören und lief einfach immer weiter, raus in den Garten.



    Dort holte Gernot mich schließlich ein. Er hatte sich hastig seine Boxershort und sein Unterhemd übergezogen, wobei er letzteres auf links trug. „Klaudia, bitte lass es mich erklären“, flehte er mich an. Ich sah ihn mit einem schmerzerfüllten Blick an. „Geh weg von mir“, schluchzte ich und kämpfte darum, meine Tränen zurückzuhalten, was mir allerdings nur mäßig gelang. Doch Gernot ignorierte meine Aufforderung und ging weiter auf mich zu. „Halt!“, rief ich und hob abwehrend meine Hände. „Keinen Schritt weiter.“



    „Klaudia, Schatz, lass es mich doch erklären“, bat er mich erneu. Ich konnte nicht anders, als in seinen Augen zu blicken. Und sie waren so voller Reue. Wie konnte man diesem Blick widerstehen? Langsam ließ ich meine Hände sinken. „Schatz, ich weiß auch nicht, wie es so weit kommen konnte“, begann Gernot umgehend seien Erklärung. „Ich kam zu euch nach Hause, weil ich dachte, du würdest auf mich warten. Und dann stand dort deine Cousine, völlig nackt. Und…und…Klaudia, ich bin doch auch nur ein Mann. Und schau dir doch Magda an. Sie ist eine Frau, von der ich nicht einmal zu träumen wage. Und dann erklärt sie mir, dass sie mich will. Wie konnte ich da nein sagen?“



    „Das ist also deine Entschuldigung, Gernot?“, fragte ich betrübt. „Meine Cousine ist so heiß, dass du ihr nicht widerstehen konntest?“ Gernot zuckte hilflos mit den Schultern. „Aber ich liebe nur dich, Klaudia“, fügte er flüsternd hinzu. „Magda bedeutet mir nichts.“ Oh, ich wollte ihm glauben. Wie sehr wollte ich es. Mein Herz schrie förmlich danach, ihm alles zu verzeihen. Aber mein Kopf ließ dies zum Glück nicht zu.



    Langsam begann ich meinen Kopf zu schütteln. „Nein!“, sagte ich schließlich bestimmt und Gernot blickte mich ehrlich überrascht an. „Klaudia, bitte…“, setzte er an, doch ich unterbrach ihn augenblicklich. „Nein! Ich werde mich von dir nicht an der Nase herumführen lassen. Das werde ich von keinem Mann und schon gar nicht von dir, Gernot!“ Mein ausgestreckter Finger richtete sich einer Lanze gleich auf Gernots verdutztes Gesicht. Erschrocken wich er zurück.



    „Und jetzt verschwinde von meinem Grundstück“, fügte ich in drohendem Tonfall hinzu. Doch Gernot wollte noch nicht aufgeben. „Bitte, Klaudia, ich liebe dich doch.“ Ich ging darauf nicht ein. Stattdessen begann ich zu brüllen. „Hau jetzt endlich ab! Ich will dich Dreckskerl hier nie wieder sehen! Wag es nicht, mir noch einmal unter die Augen zu treten. Wir beide sind fertig miteinander Gernot. Hast du das verstanden? Ich will dich nie, nie wieder sehen!“ Gernot hob abwehrend die Hände. Und schließlich sah er ein, dass er mich nicht umstimmen konnte. „Es tut mir leid“, flüsterte er betrübt, drehte sich um und schritt schnellen Schrittes zum Haus seiner Eltern.

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  • Kapitel 24: Entscheidungen


    Gernot hatte mit meiner Cousine Magda geschlafen und ich hatte sie auf frischer Tat ertappt. Jetzt war er zwar weg, doch hielt ich es trotzdem keine Sekund länger in meinem eigenen Haus aus. Nicht solange Magda noch da war. Ich hatte Gernot davon gejagt, doch das hatte mich all meine Kraft gekostet. Ich hatte nicht auch noch die Kraft, um mich Magda zu stellen. Also stolperte ich zu meinem alten, rostigen Fahrrad und radelte los. Einfach nur gerade aus, immer weiter ohne festes Ziel. Wenn ich einfach nur weit genug fuhr, dann konnte ich meinen Problemen vielleicht davon fahren. Ich fuhr immer weiter und weiter und langsam senkte sich die Dunkelheit über Rodaklippa.



    Auch wenn mein Kopf nicht wusste, wohin er fuhr, so wussten es meine Beine doch ganz genau. Zielstrebig führten sie mich zu dem einzigen Ort, an dem ich mich jetzt sicher und geborgen fühlen konnte, nämlich zum Haus meiner Eltern. Noch bevor ich klingeln konnte, entdeckte mich mein Vater durch das Küchenfenster auf der Veranda. Und mein tränenverschmiertes Gesicht ließ ihn sofort wissen, dass etwas Schlimmes passiert war.



    Hastig öffnete er die Tür und bat mich herein. „Spätzchen, was ist denn passiert?“, fragte er besorgt. Kaum hatte ich den Fuß über die Türschwelle gesetzt, brachen bei mir alle Dämme. „Gernot….er hat…er hat…“, schluchzte ich bitterlich, „…ich bin ja so dumm…wie konnte…wie konnte ich bloß glauben…dass er mich wirklich gerne haben könnte? “ Natürlich wurde mein Vater nicht schlau aus meinem zusammenhanglosen Gebrabbel.



    Doch das brauchte er auch nicht um zu wissen, dass ich jetzt in erster Linie Liebe und Zuwendung bedurfte. Irgendwann würde ich schon in der Lage sein, ihm alles zu erklären. Behutsam strich er mit seinen großen Händen über mein Haar und flüsterte mir beruhigende Worte zu. Mama hatte oben im Schlafzimmer gestrickt, als sie erst Stimmen und dann mein Weinen von unten vernahm. Eilig kam sie die Treppe hinunter und blickte dabei meinen Vater fragend an. Dieser konnte aber nur ratlos mit den Schultern zucken.



    Als sie unten angekommen war, trat Papa einen Schritt zur Seite um meine Mutter an mich heranzulassen. „Klaudi, Pummelchen, was ist passiert? Wir machen uns Sorgen“, redete sie bedächtig auf mich ein und legte ihre Hände auf meine Schultern. Endlich brachte ich einen klaren Satz hervor. „Gernot…er hat mich betrogen.“ Ich konnte hören, wie meine Eltern beide scharf die Luft einzogen. Dabei hatte ich ihnen das schlimmste noch gar nicht gesagt: „Ich hab ihn eben erwischt…und zwar mit Magda.“



    Sofort schloss Mama mich in ihre Arme. „Mein armes Pummelchen“, flüsterte sie und küsste dabei meine Haare. „Ein Mann wie dieser Gernot ist es nicht wert, dass du auch nur eine Träne für ihn verschwendest.“ Dann nahm sie meine Hand und führte mich zum Esstisch in der Küche. „Ich mache dir erst einmal einen schönen Tee, Pummelchen.“ Während Mama das Wasser aufsetzte und den Tee aufbrühte, erzählte ich den beiden die ganze Geschichte. Papa lief während meiner Erzählung wie ein Tiger im Käfig in der Küche auf und ab. Als ich zu Ende erzählt hatte und vorsichtig an meinem Tee nippte, konnte er nicht länger an sich halten. „Ich werde ihn windelweich prügeln!“, rief er wütend und ballte die Hände zu Fäusten. „Wie konnte er das meinem kleinen Mädchen antun? Und wie konnte Magda dir das antun? Sie werde ich auch versohlen, dass sie sich eine Woche lang nicht mehr wird hinsetzten können. Dieses hinterlistige, heimtückische Biest!“



    „Dominik, beruhig dich“, beschwichtigte Mama ihn. „Du machst unserem Pummelchen ja noch Angst…und mir übrigens auch.“ Mama erkannte sofort, dass Papas Wort nicht nur so dahingesagt waren. Mein Vater war kurz davor, aus dem Haus zu stürmen. „Außerdem wird niemandem damit geholfen, wenn du Gernot oder gar Magda angreifst. Gott weiß, sie hätten es verdient. Aber dafür riskierst du nicht, womöglich noch von der Polizei verhaftet zu werden. Unser Mädchen braucht jetzt ihre Eltern, und zwar beide. Es ist ja klar, dass sie nicht zurück in ihr Haus kann, solange Magda dort ist. Und dieser Gernot wohnt ja auch gleich nebenan.“



    Damit hatte Mama natürlich vollkommen Recht. Ich konnte Magda nicht gegenübertreten. Ich wusste, dass ich dafür nicht die Kraft haben würde. Ein Blick von ihr würde genügen, und ich würde weinend wie ein Häufchen Elend zusammenbrechen. Und Gernot wollte ich erst Recht nicht sehen. Allein an ihn zu denken zerriss mir schon das Herz. Als stimmte ich sofort zu, als Mama mir anbot, für ein paar Tage bei ihr und Papa zu bleiben. Ich durfte zu Mama ins Bett, während Papa es sich in einem Schlafsack so bequem machte, wie es auf dem harten Dielenboden eben möglich war. Und kaum hatte mein Kopf das Kissen berührt, war ich auch schon eingeschlafen. Liebevoll streichelte mir meine Mutter noch über das Haar, bevor sie das Nachtlicht löschte und sich zu mir ins Bett legte.





    Während ich tief wie ein Stein schlief, bekam meine Mutter in dieser Nacht kaum ein Auge zu. Schon lange vor Sonnenuntergang lag sie wach im Bett, blieb aber so lange liegen, bis der Wecker auf dem Nachttisch sieben Uhr anzeigte. Hastig warf sie sich ihren Schlafrock über und verließ leise das Schlafzimmer. Ihr Ziel war das Telefon unten im Flur und sie wählte die Nummer meiner Tante Joanna. Obwohl es früh war, klang ihr Schwester bereits hellwach, als sie sich am anderen Ende der Leitung meldete. „Jojo, deine Tochter hat etwas furchtbares angestellt“, begann meine Mutter unvermittelt das Gespräch und erzählte ihrer Schwester, was gestern vorgefallen war. Meine Tante hörte ihr geduldig zu.



    Doch leider erhielt meine Mutter nicht die Unterstützung, die sie sich von ihrer Zwillingsschwester erhofft hatte. „Und was soll ich deiner Meinung nach jetzt unternehmen, Xana?“, fragte sie meine Mutter, nachdem diese geendet hatte. „Meine Magda und deine Klaudia sind beide erwachsene Frauen. Sie müssen das unter sich regeln und ich werde mich da nicht einmischen.“ „Aber du weißt doch ganz genau, wie sensibel Klaudia ist“, entgegnete meine Mutter scharf. „Und Magda ist dieses Mal wirklich zu weit gegangen. Ich hab nichts gesagt, als deine Tochter sich einfach bei Klaudia eingenistet hat und du es zugelassen hast. Aber jetzt verlange ich von dir, dass du deine Tochter wieder zurück nach SimCity beorderst. Klaudia muss vor ihr geschützt werden.“ Meine Mutter hatte sich regelrecht in Rage geredet. Doch meine Tante war nicht so entschlossen zu handeln, wie meine Mutter es sich gewünscht hätte. „Ich werde mir deinen Vorschlag durch den Kopf gehen lassen“, antwortete sie lediglich und verabschiede sich anschließend.



    Ich schlief tief und fest und verbrachte eine traumlose Nacht. Doch kaum schlug ich meine Augen auf, kehrten die Bilder von Gernot und zurück. Ich konnte sie einfach nicht verdrängen und sie quälten mich. Ich kam mir so dumm vor und ich schämte mich, weil ich mich so hab hintergehen lassen. Deshalb wollte ich auch niemanden sehen. Meine Eltern hatten sich gestern zwar rührend um mich gekümmert, aber ich hätte das Mitleid in ihren Augen nicht länger ertragen können. Also schlich ich mich leise aus dem Haus und ging in den Pferdestall. Als junges Mädchen war ich oft hier gewesen, wenn ich allein sein wollte.



    Lediglich eines der Pferde stand in seiner Box, Trixi, das Lieblingspferd meiner Mutter. Die übrigen Pferde waren draußen auf der Koppel, doch Trixi wartete noch darauf, dass meine Mutter in den Stall kam, um ihren morgendlichen Kontrollausritt hinaus in die Apfelplantagen zu machen. Als die Stute hörte, wie ich das Tor zum Stall öffnete, kam sie zur Öffnung ihrer Box getrabt und streckte den Kopf hinaus. Ich kam auf sie zu und streckte ihr eine Karotte entgegen, die ich auf dem Weg zum Stall aus dem Gemüsegarten geholt hatte. Mit ihren Weichen Lippen fraß sie das Gemüse aus meiner Hand. Die Berührung kitzelte meine Haut und für eine Sekunde huschte ein Lächeln über mein Gesicht. Doch im gleichen Moment kamen auch die Tränen wieder. Wieso war die Welt bloß so ungerecht? „Sei froh, dass du dich nicht mit so fiesen Leuten wie meiner Cousine und diesem Gernot herumplagen musst“, sagte ich zu Trixi und streichelte ihre Stirn. Allein ihr weiches Fell zu spüren, tröstete mich in ungeahnter Weise.



    Ich verbrachte fast den ganzen Vormittag im Stall. Ich erzählte Trixie was vorgefallen war und auch wenn mir klar war, dass sie natürlich nichts von meinen Problemen begriff, fühlte ich mich erleichtert. Anders als bei meinen Eltern, hatte ich das Gefühl, dass ich mir alles von der Seele reden konnte, dafür aber in keinster Weise bemitleidet oder gar verurteilt wurde. Dennoch wollten die Tränen nicht so recht aufhören zu fließen, denn ein Problem blieb ja immer noch: Magda wohnte zusammen mit mir in einem Haus und ich musste nicht, wie ich es ertragen sollet, sie jemals wieder zu sehen. Ich wurde aus meinen Gedanken gerissen, als die Tür des Stalls zur Seite gerollt wurde und Papa eintrat. „Ich hab mir schon gedacht, dass du hier bist, Spätzchen“, sagte er liebevoll, auch wenn ich den Kummer in seiner Stimme heraushören konnte.



    „Im Haus wartet Besuch auf dich“, setzte er fort. Ich drehte mich um und sah ihn erschrocken an. Mein Vater erriet auf Anhieb meine Gedanken. „Keine Angst, Spatz. Wären Gernot oder Magda hier aufgetaucht, ich hätte sie längst zum Teufel gejagt, verlass dich darauf.“ Erleichtert atmete ich aus. „Nein, es ist dein anderer Mitbewohner, Jamie. Ich hab gesagt, ich werde fragen, ob du ihn sehen willst. Er scheint wirklich besorgt um dich zu sein. Vielleicht solltest du mit ihm sprechen.“



    Am liebsten hätte ich meinen Vater zurück ins Haus geschickt, um Jamie wieder weg zu schicken. Es war eine Sache vor meinen Eltern zuzugeben, betrogen worden zu sein. Es aber auch noch vor dem eignen Mitbewohner einzugestehen, war etwas ganz anderes. Ich wusste nicht, ob ich die Kraft dazu haben würde. Aber auf der anderen Seite war Jamie auch ein guter Freund…mein bester sogar, wenn man bedachte, wie sehr ich mich in Magda und Gernot getäuscht hatte. Vielleicht war es also gar nicht so verkehrt, mit Jamie zu sprechen. Ich ging ins Haus meiner Eltern und fand Jaime im Wohnzimmer vor, wo er mit meinem jüngeren Bruder gerade an der Konsole spielte.



    Als er mich sah, legte er das Game-Pad sogleich zur Seite und entschuldigte sich bei meinem Bruder. Damit wir uns in Ruhe unterhalten konnten gingen wir hinaus in den Obsthain neben dem Haus. Ein Blick in mein Gesicht genügt um zu bestätigen, dass Magda ihm die Wahrheit gesagt hatte. „Sie hat also wirklich mit deinem Freund geschlafen. Ich wollte es erst nicht glauben als sie es mir gesagt hat.“ Traurig schüttelte er den Kopf. „Es tut mir sehr leid für dich, Klaudia.“



    Wieder drohten mich die Tränen zu übermannen, die eben erst getrocknet waren. Ich musste mich zusammenreißen, um nicht vor Jamie zu weinen. Doch dann wurde mir bewusst, was er gesagt hatte. „Magda hat dir also einfach so erzählt, was sie getan hat? Liebst du sie denn nicht immer noch?“ Jamie zuckte mit den Schultern. „Wir hatten Spaß zusammen. Vielleicht wäre auch mehr draus geworden, aber offenbar war es nicht das, was Magda wollte. Ich kann damit leben, aber was sie dir angetan hat, war echt böse. Was ich nur nicht verstehe ist, warum sie es getan hat.“



    Nun, darüber hatte ich mir inzwischen auch meinen Kopf zerbrochen und war nur zu einem Schluss gekommen. „Sie wollte sich dafür rächen, dass wir sie nicht darüber aufgeklärt haben, dass du der Sohn ihres Ex-Freundes bist. Indem sie meinen Freund verführt hat, konnte sie sich mit einem Schlag an uns beiden rächen.“ „So ein Verhalten ist doch echt kindisch“, schnaubte Ron. „Und das sage ich, wo ich doch der jüngste von uns allen bin. Durch dieses Spielchen hat sich doch nichts gewonnen, aber dich und mich als ihre Freunde verloren…und vielleicht noch mehr. Wie gedenkst du, jetzt mit ihr zu verfahren? Wirst du sie auf die Straße setzten?“



    Der Gedanke war mir bislang gar nicht gekommen. Aber konnte ich das überhaupt? Immerhin hatten wir beide für den Umbau des Hauses zusammengelegt. Es war nicht mehr nur mein Haus, sondern auch Magdas. Ich hatte nicht das Recht, sie hinaus zu werfen. Ich äußerte meine Bedenken Jamie gegenüber. Doch dieser legte seien Stirn in Falten und sah mich fragend an. „Ist es wirklich euer gemeinsames Haus? Ich meine, du hast es gekauft und du bist im Rathaus als Besitzerin eingetragen. Es ist schön, dass Magda dich finanziell unterstützt hat, aber habt ihr nach dem Umbau etwas an den Besitzverhältnissen verändern lassen?“ Ich schüttelte den Kopf, was Jamie ein Lächeln entlockte. „Na, dann würde ich mal behaupten, du kannst Magdas verräterischen Hintern jeder Zeit auf die Straße setzten. Es ist dein Haus, du kannst also machen, was du willst.“ Unsicher sah ich Jamie an. Er hatte Recht. Ein Wort genügte und ich konnte Magda los sein. Aber war ich wirklich stark genug um das auch zu tun?


    Gedanken


    Ich war ja so dumm. So dumm! Wie konnte ich jemals glauben, dass mich ein Mann wirklich lieben könnte? Mich! Mir hätte von Anfang an klar sein müssen, dass Gernot es nicht ernst meinen könnte. Denn wer würde eine so graue Maus wie mich schon lieben wollen? Aber trotz meiner inneren Zweifel hatte ich mich auf ihn eingelassen und bin total auf die Schnauze geflogen. Gernots Betrug schmerzte ungemein, aber noch viel schlimmer traf mich Magdas Betrug. Ja, sie hat mich immer und immer wieder mit ihren Sticheleien geärgert. Aber in meinem innersten war ich immer überzeugt gewesen, dass sie es gar nicht so meint, dass diese Bemerkungen nur ihre verdreht Art waren mir zu zeigen, dass sie sich um mich sorgt und dass ich ihr wichtig war. Aber da hatte ich mich gehörig in ihr getäuscht. Und dabei schienen wir uns doch so gut zu verstehen. Wir haben uns gemeinsam ein schönes Zuhause aufgebaut und beide hart dafür gearbeitet, es uns auch leisten zu können.


    Das Geld für den Umbau zusammen zu bekommen war nicht einfach. Magda musste fast ihr gesamtes Gehalt dafür aufbringen. Zusätzlich verdiente sie noch Geld mit gelegentlichen Auftritten in den Discos und Clubs der Gegend. Und ich stand Tag und Nacht an der Leinwand und malte. Aufgrund der turbulenten Ereignisse am Tag meiner Ausstellung verpasste ich diese leider, aber Melinda versicherte mir, dass meine Bilder wieder einmal sehr gut ankamen und sich bereits am ersten Tag viele Käufer fanden. Und auch Jamie half uns, den Umbau zu finanzieren. Er bezahlte seine Miete immer regelmäßig. Das Geld dafür verdiente er sich mit Schreiben und dem Verkauf von Insekten an das wissenschaftliche Institut.


    Ich gebe zu, dass ich einen Fehler begangen hatte, als ich Magda nichts davon erzählte, dass Jamie der Sohn von Ron war. Es war unfair ihr gegenüber. Aber wie konnte ich ahnen, dass sie sich so kurz nach der Trennung von Ron schon wieder auf eine neue Beziehung einlassen würde? Und zudem war Jamie doch auch noch so viel jünger als wir. Ich war überzeugt gewesen, dass es zu keinen Schwierigkeiten kommen würde. Und wenn sich Magda erst einmal mit Jamie angefreundet hätte, dann wäre es ihr auch egal gewesen, dass er Rons Sohn ist. Aber da hatte ich mich gewaltig getäuscht. Und auch wenn ich mich ihr gegenüber unfair verhalten hatte, eine solche Rache hatte ich doch nicht verdient. Zumal meine Absichten gut waren, als ich zuließ, dass Jamie bei uns einzog. In meiner Kindheit musste ich am eigenen Leib miterleben, wie sehr ein Kind darunter leidet, wenn der Haussegen schief hängt. Auch heute noch, nach so vielen Jahren hörte ich die Streitgespräche zwischen meiner Mutter und meiner Schwester Kinga. Damals hatte ich mir nichts sehnlicher gewünscht, als diesen ewigen Streitereien entfliehen zu können. Und Jamie hatte sich in einer ganz ähnlichen Situation befunden. Die neue Frau an der Seite seines Vaters sorgte dafür, dass er sich in seinem eigenen Zuhause nicht mehr wohl fühlte. Ich könnte also nicht anders, als ihm zu helfen.


    Und ich hatte ihn inzwischen wirklich in Herz geschlossen. Auch wenn er nicht so schüchtern war wie ich, so vermied Jamie doch gerne große Menschenmassen und im Gegensatz zu Magda konnte man gut einen Abend mit ihm einfach auf der Couch vor dem Fernseher verbringen. Ich gebe zu, dass er manchmal etwas mürrisch und aufbrausend war, insbesondere, wenn er am frühen Morgen das Bett verlassen musste. Aber dann verzog er sich meist einfach in sein Zimmer und gut war‘s. Und er war schlau! Manchmal kam ich mir fast schon dumm neben ihm vor, und dabei war er vier Jahre jünger als ich. Er hätte auf die Uni gehen sollen, nicht ich, aber daran schien er kein Interesse zu haben. Dieses galt nämlich vorrangig der Umwelt. Magda und ich mussten uns des Öfteren eine Standpauke darüber anhören, dass mir zu viel Wasser verbrauchten oder wieder einmal das Licht in der Küche brennen ließen. Und er hatte ja Recht damit, wir sollten wirklich mehr an unsere Umwelt denken.
    Und jetzt stand ich vor der Schwierigen Entscheidung, was ich mit Magda machen sollte. Sollte ich sie wirklich auf die Straße setzten? Dafür dass sie mit meinem Freund geschlafen hat, hätte sie es verdient. Aber ich musste auch eingestehen, dass ich nicht ganz unschuldig daran war, dass sie sich dazu gedrängt fühlte, sich an mir zu rächen. Und sie hatte Geld, Ideen und Mühen in den Umbau unseres Hauses gesteckt. Und nicht zuletzt war sie meine Cousine. Konnte ich wirklich ein Familienmitglied auf die Straße setzen? Ich wusste es nicht.

  • Was bisher geschah:
    (Zusammenfassung der voherigen Kapitel)


    Nachdem ich durch die Abschussprüfung meines Mathematikstudiums gefallen war, kehrte ich ohne Abschluss in der Tasche nach Rodaklippa, der Stadt in der meine Eltern lebten und in der ich meine Jugendjahre verbracht hatte, zurück. Ich kaufte mir von meinem Ersparten ein kleines, baufälliges Häuschen und versteckte mich darin. Ich schämte mich zu sehr, als dass ich mein Versagen vor meinen Eltern eingestehen konnte. Natürlich fanden sie es dennoch heraus und anders als ich es befürchtet hatte, reagierten sie sehr verständnisvoll.


    Eines Tages stand plötzlich meine Cousine Magda vor der Tür. Auch sie hatte ihr Studium abgebrochen. Nicht etwa, weil sie überfordert gewesen wäre, sondern einfach, weil sie keine Lust mehr darauf hatte. Ihre Eltern waren nicht so verständnisvoll wie meine und drehten ihrer Tochter kurzerhand den Geldhahn zu, bis diese sich wieder dazu entschließen würde, an die Uni zurück zu kehren und ihren Abschluss zu machen.


    Doch Magda wollte davon nichts hören und so blieb sie bei mir wohnen. Sie nahm sich vor, ein Star zu werden und begann im örtlichen Konzerthaus zu jobben. Man konnte über Magda sage, was man wollte, aber sie konnte gut Klavier und Gitarre spielen, hatte eine schöne Stimme und ein unglaubliches Aussehen. Und schon bald durfte sie als Backgroundsängerin anfangen.
    Ich versuchte mich indes als freie Künstlerin. Mit der Unterstützung meiner Galeristin Melinda konnte ich meine ersten Bilder verkaufen und schon bald folgten die ersten größeren Ausstellungen. Auf einer dieser Ausstellungen lernte ich Gernot kennen, einen gutaussehenden jungen Mann, der offenkundig sein Interesse an mir bekundete. Aber ich hatte mit Männern nur wenig Erfahrung und so kamen wir uns nur sehr langsam näher, aber schließlich wurden wir ein richtiges Paar.


    Magda hatte da weniger Probleme mit Männern. Schon bald nach ihrer Ankunft lernte sie Ron, einen deutlich älteren Mann, kennen und lieben. Doch Ron verbarg ein Geheimnis vor ihr und hielt sie immer auf Abstand. Das Geheimnis entpuppte sich schließlich als Rons erwachsener Sohn, der nur wenige Jahre jünger war als Magda. Da Ron ihr so etwas Wichtiges verschwiegen hatte, trennte Magda sich von ihm, ohne ihm die Chance einer Erklärung zu bieten.


    Richtig kompliziert wurde es, als Rons Sohn, Jaime, schließlich zu uns in die Celia Gade zog. Magda und ich hatten das Haus renovieren lassen, aber um diese Arbeiten bezahlen zu können, waren wir auf einen zusätzlichen Untermieter angewiesen. Mir war von Anfang an klar, dass es sich bei Jamie um Rons Sohn handelte, aber ich verschwieg dies vor Magda, da Jamie dringend eine neue Unterkunft brauchte und ich sicher war, dass Magda niemals zustimmen würde, ihn bei uns wohnen zu lassen, wenn sie wüsste, wer er ist. Dummerweise kamen sich Jamie und Magda schnell näher und landeten im Bett. Als ich dann mit der Wahrheit rausrückte, war Magda richtig sauer. Sie beschuldigte Jamie und mich, mit ihrem Ex-Freund Ron unter einer Decke zu stecken um sie weiter zu erniedrigen, und so beschloss sie sich an uns beiden zu rächen. Dafür verführte sie meinen Freund Gernot und ich erwischte die beiden auf frischer Tat. Verletzt floh ich zu meinen Eltern, bis schließlich Jamie bei mir auftaucht und mich bat, bezüglich Magda eine Entscheidung zu treffen.



    Kapitel 25: Ein Häufchen Elend



    Hatte ich eine Wahl? Konnte ich wirklich weiterhin mit der Frau unter einem Dach leben, die mit meinem Freunde geschlafen hatte? Nein, ich konnte es nicht. Jeder Blick, jedes Wort von Magda würde mich quälen. Und ihr selbstzufriedenes Auftreten würde ich nicht aushalten. Jamie hatte Recht, ich musste sie aus dem Haus werfen. „Du begleitest mich doch?“, bat ich meinen Mitbewohner, weil ich ahnte, dass mich ansonsten der Mut verlassen würde. Jamie stimmte natürlich sofort zu. Und so standen wir kurze Zeit später in der Celia Gade vor meinem Haus. Ich atmete noch einmal tief durch und legte ein grimmiges Gesicht auf. Es hatte keinen Sinn mehr, es noch länger hinauszuzögern, was getan werden musste, musste getan werden. „Du schaffst das schon“, sprach Jamie mir ein letztes Mal Mut zu.



    Die Tür war nicht abgeschlossen, also musste meine Cousine im Haus sein. „Magda, wo bist du?“, rief ich laut, erhielt aber keine Antwort auf meine Frage. Jamie ging zu Magdas Zimmer und schaute hinein, doch dort war sie nicht. Nun, so groß war das Haus nicht, wir würden sie schon finden.



    Doch lange brauchte ich nicht zu suchen. Schon als ich auf das Wohnzimmer zuging, vernahm ich das leise Schluchzen. Und als ich den Raum dann betrat, sah ich meine Cousine, die zusammengekauert auf dem Boden hockte und bitterlich weinte. Nun…nun, das hatte sie auch verdient, immerhin hat sie mir sehr weh getan. Auch ich hatte mich in den Schlaf weinen müssen. Ich versuchte das aufkommende Mitgefühl im Keim zu ersticken. „Magda“, sagte ich mit fester Stimme, „ich will dass du deine Sachen packst und noch heute das Haus verlässt.“



    Als Reaktion auf meine Worte sank Magda noch mehr in sich zusammen und begann heftig zu schluchzen. Ansonsten erhielt ich keine Reaktion von ihr. Und damit hatte ich nicht gerechnet. Ich hatte erwartet, dass sie wütend werden würde. Dass sie sich sich mit Leibeskräften dagegen wehren würde, von mir auf die Straße gesetzt zu werden. Darauf, sie so aufgelöst vorzufinden, war ich nicht vorbereitet.



    Und auf einmal ließ sich mein Mitgefühl nicht mehr unterdrücken. „Magda, so…so schlimm ist das doch auch nicht“, stotterte ich. „Du findest bestimmt ganz schnell ein neues Zuhause. Ich bin mir sicher, dass meine Eltern dich vorrübergehend aufnehmen würden. Oder du könntest zu deinen Eltern nach SimCity fahren.“ Doch alles was ich sagte half nicht, Magda zu beruhigen. „Wenn…wenn du noch ein paar Tage zur Vorbereitung brauchst, dann ist das auch ok. Ich kann auch noch ein Weilchen länger bei meinen Eltern bleiben.“ Aus dem Hintergrund hörte ich, wie Jamie bei meinen Worten scharf die Luft einsog.



    Auf einmal setzte sich Magda auf ihre Knie auf und hob ihren Kopf. Ihr Gesicht war tränennass und der Mascara lief ihr in dicken schwarzen Strömen die Wangen hinab. Mit ihren großen blauen Augen sah sie mich flehend an. „Es tut mir so leid, Claude. Es tut mir so leid“, flüstert sie so leise, dass ich Mühe hatte, sie zu verstehen. „Bitte, bitte wirf mich nicht hinaus. Ich hab sonst keinen Platz an den ich gehen könnte. Ich flehe dich an, Claude, bitte lass mich hier bleiben.“



    Ungeschickt erhob sie sich vom Boden. „Es tut mir leid“, sagte sie noch einmal, diesmal mit festerer Stimme. „Ich hätte niemals…ich hätte niemals mit Gernot schlafen dürfen. Das wurde mir sofort klar, als du aus dem Haus geflüchtet bist. Ich bin zu weit gegangen, viel zu weit. Ja, ich wollte mich an dir rächen, dafür, dass du mir die Wahrheit über Jamie verschwiegen hast. Aber durch meine Aktion habe ich nichts gewonnen. Ich hatte einen kurzen Moment der Genugtuung um dann sofort zu erkennen, dass ich ganz alleine dastehe. Du hast immer zu mir gehalten, Claude. Du hast mich bei dir aufgenommen, als ich einen Unterschlupf brauchte und ich tue dir so was an. Ja, ich verdiene es, dass du mich vor die Tür setzt, aber ich bitte dich innständig, dass du mir noch eine Chance gibst. Ich habe sie nicht verdient, aber ich bitte dich trotzdem darum.“



    In meinem Kopf herrschte ein großes Chaos und ich blickte unsicher auf meine Füße. Bis vor wenigen Minuten war ich überzeugt gewesen, dass es richtig wäre, Magda auf die Straße zu setzen. Aber jetzt? Sie hatte sich bei mir entschuldigt. Und ihre Entschuldigung klang in meinen Ohren vollkommen aufrichtig. Konnte nicht jeder Mensch einen Fehler begehen? Und sollte ich nicht bereit sein, meiner Cousine zu verzeihen? „Bitte“, hörte ich sie erneut flüster. Und langsam begann ich mit meinem Kopf zu nicken. „In Ordnung Magda“, sagte ich mit belegter Stimme. „Du darfst hier wohnen bleiben.“ Aus dem Hintergrund vernahm ich Jamies verächtliches Schnauben.



    Magda sah mich überrascht an und ein vorsichtiges Lächeln zeichnete sich auf ihren Lippen ab. „Meinst du das wirklich ernst, Claude?“ Nach kurzem Zögern nickte ich erneut mit dem Kopf. Ich konnte sehen, wie eine schwere Last von Magda abfiel. „Dank, Claude, vielen Dank!“ Sie wollte auf mich zukommen und mich umarmen, doch das ließ ich dann doch nicht zu. „Nein, Magda, nicht. Ich…es ist noch lange nicht wieder alles gut zwischen uns. Du darfst hier wohnen bleiben, aber ob ich dir wirklich verzeihen kann, da bin ich mir noch nicht ganz sicher.“ Die Freude schwand aus Magdas Gesicht, aber sie nickte zum Zeichen, das sie verstanden hatte.



    Länger hielt ich es mit Magda in einem Raum nicht mehr aus. Ich brauchte dringend frische Luft. Also ging ich in den Garten hinaus und entdeckte dort Jamie, der mit dem Rücken zum Haus stand. An seiner angespannten Körperhaltung konnte ich erkennen, dass er nicht glücklich über den Verlauf meines Gespräches mit Magda war. Ich ging langsam auf ihn zu und legte behutsam meine Hand auf seine Schulter. Bei der Berührung zuckte er kurz zusammen. „Ich verstehe nicht, wie du ihr das durchgehen lassen konntest“, sagte er zwischen zusammengebissenen Zähnen hindurch. „Ihr Frauen seid doch echt unmöglich!“



    Er drehte sich zu mir um. „Nach allem, was sie dir angetan hat, was sie uns angetan hat! Wie kannst du sie dann hier weiter wohnen lassen? Wie soll Magda je aus ihren Fehlern lernen, wenn ihr jeder alles durchgehen lässt?“ Jamie hatte sich richtig in Rage geredet. „Aber ich lasse ihr nicht alles durchgehen“, wehrte ich mich. „Sie weiß, dass sie einen Fehler gemacht hat. Und sie hat sich entschuldigt. Und außerdem, sie ist doch meine Cousine. Sie gehört zur Familie. Und als Familie muss man zusammenhalten, gerade dann, wenn es schwierig wird.“ Jamie wischte meine Worte mit einer Handbewegung beiseite. „Du glaubst doch selbst nicht, was du da redest“, entgegnete er zornig.



    Wütend marschierte er wieder in das Haus und ließ mich alleine im Garten stehen. Oh nein, jetzt hatte ich es mir auch noch mit Jamie verscherzt. Aber alles, was ich gesagt hatte, entsprach der Wahrheit. Als Familie musste man zusammen halten. Das war mir jetzt klar. Aber dadurch wurde die Situation nicht leichter. Ich war immer noch tief verletzt. Und auch wenn Magda sich entschuldigt hatte, würde es doch nie wieder wie früher werden.



    Auch Jamie hatte mit seinen Gefühlen zu kämpfen. Vor allen anderen, auch vor mir, hatte er immer so getan, als ob ihm Magdas Betrug ihm gegenüber nicht viel ausgemacht hätte. Doch das stimmte nicht. Es war eine Sache, dass Magda sich von ihm trennte, als sie erfuhr, dass er Rons Sohn war. Immerhin waren sie anschließend immer noch befreundet gewesen und irgendwie hatte Jamie immer das Gefühl, dass sie doch noch zusammen kommen könnten. Aber zu erfahren, dass die Frau die er sehr gerne mochte, mit einem anderem schlief, um ihm weh zu tun, das war eine ganz andere Sache. Bislang hatte er sich mit dem Gedanken getröstet, dass Magda für ihren Fehler büßen müsste, doch nicht einmal das schien jetzt noch der Fall zu sein.

  • Kapitel 26: Hässliche, dicke Kuh



    In den kommenden Tagen verkroch sich jeder von uns in seinem eigenen Zimmer. Die Stimmung im Haus war auf einem Tiefpunkt angelangt. Selbst auf Toilette wollte ich nicht gehen, wenn es sich nicht so eben noch verhindern ließ, aus Angst, dabei Magda oder Jamie zu begegnen. Das einzig Gute an der Situation war lediglich, dass ich endlich Zeit hatte, ganz in Ruhe in dem Buch zu lesen, was ich mir schon vor Wochen von meiner Mutter ausgeliehen hatte. Ich machte es mir also in meinem Schlafanzug bequem und las, als es zaghaft an meiner Tür klopfte.



    „Claude, bist du noch wach?“ Leise drang Magdas Stimme durch die geschlossene Tür. „Ich würde gerne mit dir reden. Bitte.“ Ich war mir nicht sicher, ob ich mir anhören wollte, was sie zu sagen hatte. Andererseits hatte mir die letzten Tage deutlich gemacht, wie belastend es für uns alle sein konnte, wenn wir nicht endlich reinen Tisch machten. Also legte ich schweren Herzens mein Buch beiseite und öffnete die Tür. „Danke, Claude“, hauchte Magda.



    Ich bat sie in mein Zimmer hinein und schloss die Tür hinter ihr. Da ich nicht wusste, was Magda genau von mir wollte, blickte ich sie einfach nur fragend an. Sie begann aber gleich von selbst zu sprechen. „Claude, du hattest wirklich keinen Grund mich hier noch weiter wohnen zu lassen. Ich weiß gar nicht wie ich dir jemals dafür danken soll, dass du es doch getan hast. Du bist gütiger zu mir, als ich es verdient habe. Und dafür möchte ich mich bei dir bedanken. Ich weiß nur nicht wie. Wenn du also irgendetwas weißt, was ich tun oder machen könnte, dann sag es. Ich würde wirklich alles tun.“



    Ich hatte Magda noch nie so reumütig…und so aufrichtig erlebt. Sie meinte es wirklich ernst. Sie hatte all die Worte nicht nur gesagt, weil sie hier wohnen bleiben wollte. Ihr tat wirklich leid, was sie getan hatte. Aber sie hatte mir dennoch weh getan und mir fiel nichts ein, was sie tun könnte, damit ich mich wieder besser fühle. Aber sie konnte mir wenigstens die ganze Wahrheit über den Vorfall sagen, das war sie mir schuldig. „War es schwer Gernot dazu zu bekommen, mit dir zu schlafen?“, fragte ich und fürchtete mich doch vor der Antwort.



    „Willst du das wirklich wissen, Claude?“, fragte sie und legte dabei ihre Stirn in Falten. Mein Herz hämmerte wie wild, doch ich nickte. „Ok, wenn es das ist, was du willst, dann“, antwortet Magda, „nein, es war nicht schwer. Ich wusste lediglich mein Handtuch fallen lassen und meine Arme um ihn legen. Mehr war nicht nötig. Er…er hat nicht mal einen Moment gezögert. Hätte er das getan…vielleicht hätte ich dann von meinem Vorhaben abgesehen. Aber alles lief dann noch leichter ab, als ich es geplant hatte.“ Bei diesen Worten füllten sich meine Augen mit Tränen. Gernots Liebe zu mir war also nicht einmal so stark gewesen, dass er kurz gezögert hätte.



    Ich drehte mich weg, damit Magda meine Tränen nicht sehen konnte. Doch dafür war es natürlich längst zu spät. „Wenn ich es nur rückgängig machen könnte, ich würde es sofort tun“, beteuerte sie. Doch wir beide wussten, dass das nicht möglich war. Und vielleicht war es auch besser so. „Wenn es leicht für dich war, Gernot ins Bett zu kriegen, dann ist es doch nur eine Frage der Zeit gewesen, bis er mich mit einer anderen Frau betrogen hätte“, schluchzte ich. „Auf der Welt laufen so viele schöne Frauen herum, wie konnte ich also ernsthaft glauben, dass er sich in eine hässlich, dicke Kuh wie mich verlieben könnte?“



    Blitzschnell kam Magda um mich herum geeilt. „Claude, hör auf damit!“, sagte sie bestimmt. „Du bist nicht hässlich.“ Bei jedem Wort pikste sie mit ihrem Finger in meine Rippen. „Ich weiß, ich habe in der Vergangenheit öfter das Gegenteil behauptet, aber davon war kein Wort wahr. Du bist klug und fröhlich und begabt und ja, verdammt, du bist auch schön. Aber du traust dich nicht der Welt zu zeigen, wie schön du bist. Es stimmt, du hast ein paar Kilo zu viel auf den Rippen, aber das lässt sich schnell ändern. Und du versteckst dich immer hinter diesen langweiligen Kleidern und deiner nichtssagenden Frisur. Wie soll ein Mann da deine wahre Schönheit entdecken? Aber...aber ich werde dir dabei helfen, das zu ändern Claude. Wenn du mich lässt, dann werde ich dir helfen, deine verborgene Schönheit ans Tageslicht zu fördern. Und dann wird die ganze Welt entdecken, wie schön du bist und kein Mann wird dich je wieder verletzten. Und schon gar nicht dieser Vollidiot Gernot.“


    Bis zu diesem Moment war mir nicht klar gewesen, dass ich viel mehr über Gernots Betrug enttäuscht war, als über Magdas. Ja, sie hatte etwas Schlimmes getan, aber niemand hatte Gernot gezwungen, auf ihr Angebot einzugehen. Und das warf natürlich die Frage auf, warum Gernot sich so leicht von ihr verführen ließ. Lag es vielleicht wirklich an mir? Tat ich zu wenig, um Männern zu gefallen? Magda legte behutsam ihre Hand auf meine Schulter. „Und Claude, möchtest du, dass ich dir dabei helfe, eine wunderschöne Frau zu werden? Das ist das Mindeste, was ich für dich tun kann.“ „Ja“, flüsterte ich benommen, ehe ich es mir noch anders überlegen konnte. Magda lächelte glücklich. Ich spürte, dass sie mich erneut umarmen wollte, doch diesmal hielt sie sich selbst zurück. Wir waren noch nicht wieder Freundinnen, aber ich spürte, dass es in Zukunft leichter werden würde.





    Damit aber wirklich Frieden in die Celia Gade einkehren konnte, musste Magda sich auch mit Jamie aussprechen. Den ganzen Morgen wartete sie in ihrem Zimmer darauf, dass Jamie aufstand und sich zum Joggen fertig machte. Gerade als er das Haus verließ, fing sie ihn ab. „Jamie, ich möchte dir alles erklären“, begann sie, „und mich bei dir entschuldigen.“ Doch daran hatte Jamie wenig Interesse. „Was gibt es da noch zu reden?“, fauchte er sie an. „Du kommst ja offensichtlich mit allem durch. Du schläfst mit Gernot, weinst ein paar Tränen, und schon hat Klaudia dir verziehen. Bei mir wirst du es nicht so leicht haben. Ich hab erkannt was für ein hinterlistiges Biest du bist.“



    Jamies Worte trafen Magda sehr. „So denkst du also von mir?“, fragte sie flüsternd und berührte unsicher die Lippen mit der einen Hand, während sie sich die andere schützende um den Bauch legte. Jamie nickte eifrig. „Das wollte ich nicht“, sagte sie schließlich. „Als ich erfuhr, dass du Rons Sohn bis, da sind mir die Sicherungen durchgebrannt. Du verstehst das vielleicht nicht, und vielleicht willst du es gar nicht hören, aber ich habe deinen Vater wirklich geliebt. Und zu erfahren, dass er mir so etwas Wichtiges wie seinen eigenen Sohn - dich - verschweigt, hat mir deutlich gezeigt…“



    „…dass er nicht dasselbe für dich empfindet wie du für ihn“, beendete Jamie ihren Satz. Die Wut war plötzlich aus seiner Stimme verschwunden. Beschämt legte Magda ihre Hand vors Gesicht. „Hat…hat er je von mir gesprochen? Dir gegenüber meine ich?“, fragte sie. Doch Jamie musste ihre Frage verneinen. „Ich wusste zwar, dass er sich regelmäßig mit einer Frau traf, aber er hat nie von dir gesprochen. Er…er hat vermutlich keine Zukunft für euch beide gesehen.“ Magda schluckte schwer. „Das hab ich mir schon gedacht. Und ich war wütend, enttäuscht und beschämt. Und dann tauchst plötzlich du auf. Ein gutaussehender, junger Mann. Und ich dachte, ich könnte Ron endlich vergessen. Und dann stellte sich raus, dass du sein Sohn bist. Das war einfach zu viel für mich.“



    „Ich weiß, das ist keine Entschuldigung dafür, was ich Klaudia angetan habe. Ich habe mich kindisch verhalten. Mit diesem kindischen Verhalten habe ich schon deinen Vater verprellt. Hätte ich anders darauf reagiert, dass er mir seinen Sohn verheimlicht hatte, vielleicht wären wir dann noch zusammen. Aber wenn ich deine Erzählung so höre, dann bestand da wenig Hoffnung. Und auch dich habe ich durch mein kindisches Verhalten verloren. Du kannst ja nichts dafür, dass du sein Sohn bist. Und dadurch bist du ja auch kein anderer Mensch als vorher geworden. Und trotzdem wollte ich dich so weit wie möglich von mir stoßen und dich genau so leiden lassen, wie ich gelitten habe. Aber mit Gernot zu schlafen, das hat eigentlich mich am meisten verletzt. Wie konnte ich nur so tief sinken und Sex als Rachemittel einsetzen? Ich ekle mich noch heute vor mir selbst wegen dieser Tat.“



    „Oh nein, jetzt rede ich ja doch wieder nur über mich. Das wollte ich nicht, Jamie, ehrlich nicht. Du sollst wissen, dass es mir leid tut, dich verletzt zu haben. Ich weiß, wir waren nicht mehr zusammen, aber ich wollte dich trotzdem damit verletzten, dass ich so schnell mit einem anderen schlafe. Und das war dir gegenüber nicht fair. Ich kann dich nicht bitten, den Vorfall zu vergessen. Und ich kann ihn auch nicht ungeschehen machen. Aber ich bitte dich, dass wir wenigstens versuchen, gut miteinander auszukommen. Ich kann verstehen, dass du das nicht für mich machen willst. Aber mach es wenigstens für Klaudia. Ich hab ihr schon genug weh getan. Ich will nicht, dass sie auch noch unter der angespannten Situation bei uns in der WG leidet. Und bevor du fragst, ja, ich habe schon überlegt auszuziehen und Klaudia somit von mir zu befreien. Aber sie ist alles, was ich habe. Sie ist meine Familie, mehr als meine richtige Familie es jemals für mich war. Ich möchte das nicht verlieren.“



    Jamie seufzte schwer und richtete den Blick in den wolkenverhangenen Himmel. „Oh man, du machst es einem ja wirklich nicht leicht, dich zu hassen. Vielleicht hat Klaudia ja doch nicht komplett den Verstand verloren, als sie dir erlaubte, bei uns wohnen zu bleiben. Gut, ich werde mich zügeln. Und ich werde versuchen zu vergessen, was du Klaudia und mir angetan hast. Aber ich bin nicht so naiv wie deine Cousine. Wenn ich entdecke, dass du ein falsches Spiel mit uns treibst, dann fliegst du schneller aus der WG, als du gucken kannst.“

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  • Kapitel 27: Unerwarteter Besuch



    In der Celia Gade herrschte Waffenstillstand und alles deutete darauf hin, dass auch der Frieden nicht mehr weit war. Umso überraschter war ich, als am folgenden Tag ein Taxi vor unserem Haus hielt und meine Tante Joanna hinausstieg. Durch den strömenden Regen lief sie die wenigen Meter auf das Haus zu. Da ich sie schon durchs Küchenfenster gesehen hatte, wartete ich in der geöffneten Tür auf sie. „So ein Mistwetter“, fluchte sie leise und fuhr sich mit den Fingern durch das feuchte Haar, um ihre Frisur wieder zu richten. „Das ist ja eine Überraschung“, stotterte ich. Meine Tante lächelte freundlich und reichte mir die Hand. „Deine Mutter hat mich angerufen, damit ich mal nach dem Rechten schaue“, erklärte sie. Sie wusste also, was vorgefallen war.



    „Wie geht es dir, Klaudia?“, fragte sie sichtlich besorgt. „Es geht schon“, antwortete ich, klang wohl aber nicht sehr überzeugend. „Deine Mutter bat mich, etwas wegen Magda zu unternehmen. Ich muss gestehen, dass ich erst abwarten wollte, wie du mit der Situation umgehst, Klaudia. Hättest du meine verwöhnte Tochter auf die Straße gesetzt, dann wäre mein Eingreifen nicht nötig. Aber mir ist zu Ohren gekommen, dass sie immer noch unter deinem Dach wohnt. Also bin ich hier, um die Sache für dich zu erledigen. Sag mir wo Magda ist und du musst sie nie wieder sehen.“



    Erschrocken sah ich meine Tante an. „Nein, Tante Joanna, das ist nicht nötig“, beteuerte ich. „Ich habe mich mit ihr ausgesprochen. Ja, ich wollte erst, dass sie auszieht. Aber jetzt ist es anders. Ich glaube wirklich, dass sie sich geändert hat. Sie hat begriffen, dass sie einen Fehler gemacht hat und ihr tut es wirklich leid. Ich möchte, dass sie hier bleibt. Das möchte ich wirklich, Tante.“



    Meine Tante wirkte überrascht. Und doch meinte ich auch so etwas wie den Anflug eines spöttischen Lächelns in ihrem Gesicht zu erkennen. „Nun gut“, sagte sie schließlich. „Wo versteckt sich denn mein süßes Töchterchen?“ Ich wies meine Tante ins Wohnzimmer, wo Magda gerade am Esstisch saß und ein Butterbrot verspeiste. Dabei hörte sie Musik von ihrem MP3-Player, was dazu führte, dass sie das Kommen ihrer Mutter bislang nicht bemerkt hatte. Doch das änderte sich schlagartig, als Tante Joanna sich leise an sie heranschlich um sich dann mit einem lauten und zuckersüßen „Hallo Magdalein, Mami ist zu Besuch“ bemerkbar zu machen. Magda verschluckte sich heftig, als sie die Stimme ihrer Mutter erkannte, und hustete wild.



    Hastig sprang sie vom Stuhl auf. „Mutter, was willst du denn hier?“, fragte sie entsetzt. Doch sie hatte ihre Frage noch kaum beendet, als eine saftige Ohrfeige ihre Wange traf. Magda hatte noch nicht einmal genug Zeit, um den Kopf zur Seite zu reißen.



    Entsetzt drückte sie ihre Hand gegen die heftig pulsierende Wange. Doch dann ließ sie kraftlos ihre Arme an ihrem Körper herunter gleiten und schaute bekümmert zu Boden. „Das habe ich wohl verdient“, flüsterte sie leise. „Ja, das hast du“, erwiderte ihre Mutter energisch. „Und noch viel mehr. Ich an Klaudia Stelle hätte dich nicht so einfach davon kommen lassen.“



    Doch mit einem Mal änderte sich ihre Stimme. „Ich habe gehört, dass du nun als Sängerin in einer Band arbeitest?“, fragte meine Tante so freundlich, wie es ihr möglich war. Doch nicht nur ihre Stimme veränderte sich. Ihr ganzer Körper schien sich sichtlich zu entspannen und sie stützte ihren Arm locker an der Hüfte ab. Magda war jetzt umso mehr verwirrt, aber sie begann bereitwillig von ihrer Arbeit zu erzählen. Plötzlich lachte ihre Mutter sogar. „Ich bin wirklich überrascht, Magda. Ich hätte es nie für möglich gehalten, dass du so lange durchhältst. Ich hatte erwartet, dass du schon vor Wochen bettelnd bei deinem Vater und mir angekrochen kämest, nachdem wir dir den Geldhahn zugedreht hatten. Aber schau dich an, du hast es tatsächlich ohne unsere Hilfe geschafft.“



    Magda wusste gar nicht, wie sie reagieren sollte. Solch freundliche Worte hatte sie von ihrer Mutter schon seit Jahren nicht mehr gehört. Und sie taten so unheimlich gut. Die beiden setzten sich auf Sofa und redeten miteinander. Tante Joanna war endlich dazu beriet zu akzeptieren, dass Magda ihren eigenen Weg gewählt hatte. Vom Studium wurde nicht mehr gesprochen. Offenbar war das einfach nicht Magdas Weg. Aber die Arbeit in der Band schien sie zu erfüllen und sie weckte Magdas Ehrgeiz. Und nichts anderes hatte Tante Joanna von ihrer Tochter gefordert.


    *****



    Tante Joanne blieb noch für einige Stunden, ehe sie wieder nach SimCity zurück kehrte. Und gleich am nächsten Tag hielt Magda die Zeit für gekommen, ihr Versprechen einzulösen und mir zu helfen, mehr aus meinem Äußeren zu machen. Und für den Anfang schlug sie vor…nun befehlen wäre eher das richtige Wort…dass wir uns um meine überschüssigen Pfunde kümmern sollten. Also begann ich, täglich mit meiner Cousine zu joggen.



    Nur joggte Magda schon jahrelang täglich, während meine sportlichen Aktivitäten damit geendet hatten, dass ich mir schon vor Jahren Laufschuhe gekauft hatte, die seitdem aber unbenutzt in meinem Kleiderschrank lagen. Die ersten Meter konnte ich noch gut mithalten, doch kaum hatten wir die Cilia Gade hinter uns gelassen und waren in den Grünstreifen abgebogen, blieb ich mehr und mehr hinter Magda zurück. „Hey, Claude, nicht schlapp machen!“, rief diese mir zu, als sie sich nach mir umdrehte und mich in weiter Ferne entdeckte. „Wir haben doch noch nicht mal die Hälfte der Strecke geschafft!“



    Was!? Noch nicht mal die Hälfte? Ich war stehen geblieben und versuchte irgendwie wieder Luft zu bekommen. Der Gedanke keimte in mir auf, dass Magda gar nicht vor hatte mir zu helfen, sondern mich mit diesem Sportprogramm umbringen wollte. Aber natürlich wusste ich, dass dem nicht so war.



    Sie meinte es nur gut mit mir und Sport war nun einmal kein Zuckerschlecken. Aber ich gab nicht auf, nicht zuletzt deswegen, weil Magda mir dafür gar keine Möglichkeit ließ. Und mit jeder Woche wurde ich fitter. Als die Bäume schließlich begannen ihrer roten und gelben Blätter abzuwerfen und der Boden morgens ganz weiß vom Nachtfrost war, konnte ich bereits gut Schritt halten mit Magda. Manchmal schaffte ich es sogar, schnelle zu laufen als sie.

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  • Wow! Das erste Mal seit langem lese ich mir eine FS durch und ich muss sagen, sie gefällt mir sehr gut :) Ganz schön spannend, was Klaudia so alles erlebt! Es tut mir leid, dass Magda ihr so etwas Schreckliches angetan hat und wie Jamie kann ich es nicht wirklich verstehen, wie sie ihr so schnell verzeihen konnte. Aber Klaudia ist einfach so gutherzig, man wünscht ihr einfach das Beste. Ich hoffe aber, dass Gernot doch noch eine Rolle bekommt. Irgendwie kann ich einfach nicht nachvollziehen, dass er sie so leicht hintergehen konnte, wo er doch auch so verliebt in sie war! Ich finde, er sollte auch eine Chance auf Wiedergutmachung bekommen.
    Magdas Verhalten ist ja oft einfach nur unmöglich! Ihr fehlt noch eine Menge Reife, mehr noch als Klaudia, die immerhin ihren eigenen Weg geht ohne andere gegeneinander aufzuspielen oder immer einen Mann an ihrer Seite zu brauchen.
    Jamie ist aber mein Favorit. Der hatte es ja echt nicht einfach und ist so ein fairer junger Mann! Ein richtig guter Freund an Klaudias Seite, der ihr die Realität vor Augen hält und sie unterstützt. Ich hoffe aber, dass Klaudia und Magda seinen Schmerz erkennen.
    Und ich bin schon gespannt, wie es weiter gehen wird :)

    [CENTER][SIZE="1"][COLOR="#a0522d"]life is what happens when you're busy making other plans.[/COLOR][/SIZE][/CENTER]

  • Kapitel 28: Geburtstag mit Überraschung



    Mit dem Herbst rückte auch mein Geburtstag näher. Ich fand, dass Geburtstage etwas Tolles waren und gefeiert werden mussten. Also lud ich zu meinem 25. Geburtstag meine Familie und gute Bekannte wie meine Galeristin Melinda oder Jennifer Ramirez ein, die Frau, die mich erst auf die Idee gebracht hatte, Malerin zu werden. Als ich die Kerzen auf der Geburtstagstorte ausblies, hatte ich nur einen Wunsch: Ich wollte endlich vergessen, wie sehr Gernot mich mit seinem Betrug verletzt hatte.



    Und ich glaubte, auf einem guten Weg zu sein. Ich dachte nur noch selten an ihn und an diesem besonderen Tag war für solch trübe Gedanken kein Platz. Heute sollte gefeierte werden. Daher gönnte ich mir auch ein großes Stück Torte und ignorierte die vorwurfsvollen Blicke von Magda, die mir zu verstehen geben sollten, dass diese Kalorienbombe aus Fett und Zucker meinen Bemühungen abzunehmen ganz sicher nicht zuträglich war. Damit auch alle Gäste im Haus Platz hatten, hatten wir die Musikinstrumente in Jamies Zimmer gestellt und die Gartenmöbel ins Wohnzimmer geholt.



    Ich hatte viel Spaß und meine Gäste offensichtlich auch. Und es war besonders schön zu sehen, dass wie gut sich mein Mitbewohner Jamie mit meinen Eltern verstand. Papa und er blödelten den ganzen Abend miteinander herum und Mama konnte sich bei dem Anblick das Lachen kaum verkneifen.



    Und ich nahm die Gelegenheit wahr, mich mit Sky zu unterhalten. Mein jüngerer Bruder und ich sahen uns einfach viel zu selten, obwohl meine Eltern nur wenige Kilometer entfernt wohnten. Ich versuchte gerade aus ihm herauszukitzeln, ob er denn schon eine Freundin hätte, als Jamie mir auf die Schulter tippte. „Klaudia, vor dem Haus steht eine Frau, die gerne mit dir sprechen möchte. Ich hab sie herein gebeten, doch sie besteht darauf, dass du zu ihr hinauskommst.“ „Hat sie ihren Namen genannt?“, fragte ich verwundert, doch Jamie schüttelte nur mit dem Kopf. Nun denn, dann musste ich wohl nachschauen, war da auf mich wartete.



    Kurz kam mir der Gedanke, dass sich Jamie einen Scherz mit mir erlaubte. Doch als ich in die frostige Nacht hinaustrat, stand dort tatsächlich eine Frau. Sie war dunkel gekleidet und eindeutig nicht mehr warm genug für dieses kalte Wetter. Ihre Haare waren kurz geschnitten und sie hatte offenbar eine Vorliebe für ein sehr starkes Makeup. Das konnte ich selbst in dem fahlen Licht der Gartenlaternen erkennen. Irgendwie erinnerte sie mich damit an…



    „Kinga!“ Konnte das sein, konnte das wirklich meine ältere Schwester sein? Ich lief auf sie zu und schloss sie fest in meine Arme. Und diese Frau erwiderte meine Umarmung ohne zu zögern. Ja, jetzt gab es keinen Zweifel mehr. Das war meine ältere Schwester Kinga. „Alles Gute zum Geburtstag, kleine Schwester“, begrüßte sie mich und strich mir sanft über das Haar. „Ich habe dich vermisst.“



    Wir umarmten uns eine halbe Ewigkeit. Es war nun 13 Jahre her, dass ich meine Schwester das letzte Mal gesehen hatte. Und jetzt stand sie plötzlich vor mir. Damals, vor 13 Jahren, steckte sie in ernsten Schwierigkeiten. Kinga hatte erfahren, dass unser Vater, Dominik, gar nicht ihr leiblicher Vater war. Und das hat sie so wütend gemacht, dass sie fortan alle in ihrer Umgebung terrorisiert, insbesondere unsere Mutter. Aber auch an mir hatte sie oft genug ihren Frust ausgelassen. Als wäre das nicht schlimm genug, schloss sie auch noch Bekanntschaft mit den falschen Leuten und begann Drogen zu nehmen. Meine Eltern sahen keinen anderen Ausweg mehr, als Kinga in die Obhut meiner Tante Joanna zu geben. Meine Tante half ihr, doch war jeder Kontakt zwischen meiner Schwester und dem Rest unserer Familie abgebrochen. Kinga wollte nichts mehr mit uns zu tun haben…bis zu diesem Augenblick.



    Langsam lösten wir uns aus der Umarmung und ich sah meine Schwester freudestrahlend an. Tausend Fragen lagen mir auf der Zunge. Wo war Kinga die ganze Zeit gewesen? Was hat sie getan? Doch das konnte warten. Erst einmal mussten unsere Eltern wissen, dass Kinga wieder da war. „Mama und Papa sind im Haus. Du musst unbedingt mit hinein kommen. Sie werden sich so freuen, dich zu sehen!“, sprudelte es aus mir heraus.



    Doch Kinga blockte ab. „Halt, Klaudia, nein. Ich bin nicht hier, um Mutter oder Dominik zu sehen. Ich bin nur wegen dir hier.“ Die Art wie sie Mama „Mutter“ nannte und Papa kalt als „Dominik“ bezeichnete, ließ keinen Zweifel daran, dass sie sich nicht würde umstimmen lassen. Selbst nach 13 Jahren brodelte noch die Wut in ihr. „Klaudia, was auch immer zwischen mir, Mutter und Dominik vorgefallen ist, war eine Sache zwischen uns dreien. Es tut mir daher leid, wie ich dich damals behandelt habe. Du bist meine kleine Schwester. Ich hab lange gebraucht um das zu begreifen, aber ich liebe dich.“



    „Und deshalb möchte ich dich gerne besser kennenlernen. Wir haben so viele Jahre verpasst. Du warst noch ein halbes Kind, als ich euch verließ. Ich habe ein Ferienwohnung in der Stadt gemietet, in der Marine Parade 14. Es wäre schön, wenn du mich dort besuchen könntest. Dann können wir in Ruhe reden, schließlich will ich dich nicht von deinen Gästen fernhalten. Aber ich bitte dich, sag niemanden, dass ich hier bin, ganz besonders nicht Mutter und Dominik. Versprichst du es mir?“ Ich tat es. Ich war zwar davon überzeugt, dass es ein Fehler war, dass sich Kinga weiterhin vor unseren Eltern versteckte, aber wenn es ihr Wunsch war, dann würde ich ihn akzeptieren. Vorerst.



    Kinga verabschiedete sich. Ich beobachtete, wie sie die Straße überquerte und dann die Treppe zur U-Bahn hinunterstieg. Dann ging auch ich wieder ins Haus. Erst jetzt bemerkte ich, wie sehr ich doch ohne Jacke gefroren hatte. Zitternd stand ich ihm Wohnzimmer. Mama bemerkte sofort, dass etwas mit mir nicht stimmte. Wie gerne hätte ich ihr alles gesagt. Doch ich hatte Kinga ein Versprechen gegeben und so beteuerte ich, dass alles in Ordnung sei. Meine Mutter war zwar nicht überzeugt, aber sie hakte nicht weiter nach und wir feierten vergnügt weiter.

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  • Kapitel 29: Zeit heilt alle Wunden



    Ich verbrachte eine unruhige Nacht. Ständig musste ich an meine Schwester denken und so war ich froh, als endlich die Sonne aufging und ich mich zu der Adresse begeben konnte, die sie mir genannt hat. Aber als ich dann vor dem Haus stand, konnte ich mich doch nicht so recht überwinden, anzuklopfen. Mir waren in der Nacht all die schlimmen Dinge wieder eingefallen, die meine Schwester mir und unserer Mama angetan hatte. Wie viele Nächte hatte ich zu Tode erschrocken und weinend eingeschlossen in meinem Zimmer verbracht, während sie im Nebenzimmer mit ihren Freunden Drogen nahm und sich anschließend sexuell mit ihnen vergnügte. Wollte ich sie wirklich wieder in mein Leben lassen?



    Doch diese Entscheidung nach Kinga mir ab, als sie selbst auf die Veranda hinaustrat. Und auf ihrem Arm hielt sie einen kleinen Jungen. „Wir haben dich schon eine Weile durch das Fenster beobachtet, Klaudia“, sagte sie zur Begrüßung. „Ich bin froh, dass du meiner Einladung gefolgt bist. Ich war mir nicht sicher, ob du wirklich kommen würdest. Aber es gibt so viele Dinge, die ich dir erzählen möchte.“



    „Und das Wichtigste siehst du hier auf meinem Arm.“ Langsam stieg ich die Stufen der Veranda hoch, fasziniert von dem kleinen Jungen, den meine Schwester hielt. „Das ist mein Sohn David“, stellte Kinga ihn mir vor, als ich vor ihr stand und küsste ihren Sohn auf den Kopf. „Und das ist deine Tante Klaudia“, flüsterte sie dem kleinen Jungen zu, der mich verschüchtert aus großen, dunklen Augen musterte.



    Ich war sprachlos. Meine Schwester hatte also bereits ein Kind und ich war ohne es zu wissen Tante. „Willst du auf den Arm deiner Tante?“, fragte Kinga ihren Sohn und drückte ihn mir umgehend in die Arme, als dieser nicht protestierte. Er war so klein und süß. Ich war sofort verliebt. Und offenbar gefiel es auch dem kleinen David von mir auf dem Arm gehalten zu werden, denn er lachte vergnügt.



    Dann führte Kinga mich in das Innere des Hauses und auch dort wartete schon die nächste Überraschung auf mich. Ein Mann im roten T-Shirt stand im Wohnzimmer und reichte mir die Hand. „Und das ist mein Mann, Olek“, stellte meine Schwester mir den Unbekannten vor und gab ihm einen Kuss auf die Wange. Ich war überwältigt. Kinga hatte sich also in all den Jahren eine richtige Familie aufgebaut. Sie war verheiratet und hatte einen Sohn. Ich hatte in den vergangenen 13 Jahren oft an Kinga gedacht und mich gefragt, wie ihr Leben wohl aussehen mochte, aber ein Mann und Kinder kamen darin nie vor. Und das überraschendste war, dass meine Schwester mit ihrer kleinen Familie richtig glücklich wirkte.



    Mein Schwager Olek nahm uns David ab, damit Kinga und ich uns in Ruhe unterhalten konnten. Wir setzten uns auf das Sofa und meine Schwester begann das Gespräch mit einer Entschuldigung. „Es tut mir so leid, wie ich dich vor meinem Weggang behandelt habe. Ich war blind vor Wut…und die Drogen haben die Sache auch nicht besser gemacht. Du bist meine kleine Schwester und ich hätte dich beschützen müssen, statt dich zu verängstigen und dich zu terrorisieren. Kannst du mir verzeihen, Klaudia?“ Natürlich konnte ich das. Alle Zweifel, die mich heute Morgen noch geplagt hatten, waren mit einem Mal wie weggeblasen. Kinga war meine Schwester und ich erkannte mit einem Blick, dass sie sich geändert hatte.



    Meine Schwester war sehr erleichtert über meine Antwort. Und ich war neugierig geworden. Ich wollte wissen, wie es ihr in den letzten 13 Jahren ergangen war. „Die ersten Wochen und Monate, nachdem ich von Zuhause fort musste, waren wirklich hart. Der Entzug…und erst die Zeit danach.“ Der Blick meiner Schwester schweifte für einen Moment in weite Ferne, doch sie fing sich schnell wieder. „Du kannst dir nicht vorstellen, wie oft ich Mutter verflucht habe, dass sie mich in die Obhut von Tante Joanna gegeben hat. Aber im Rückblick kann ich sagen, dass es die richtige Entscheidung war. Ich habe selbst Angst davor mir vorzustellen was aus mir geworden wäre, wenn keiner eingegriffen hätte. Und vermutlich hätte ich dann auch Olek nie kennengelernt. Er hat in der Einrichtung gearbeitet, in die ich gebracht wurde. Und je näher ich ihn kennenlernte, desto mehr verliebte ich mich in ihn.“ Bei den letzten Worten blickte sie verliebt zu ihren Mann, der mit David auf dem Boden spielte.



    Dann erhob sie sich vom Sofa und holte ein Fotoalbum aus dem Bücherregal. „Vor drei Jahren haben wir geheiratet.“ Sie öffnete die Seite mit den Hochzeitsfotos. „Es war nur eine kleine Feier, bei uns im Garten. Olek und ich sind schon seit 11 Jahren ein Paar. Und in Twinbrook haben mir uns ein richtiges Heim aufgebaut. Wir leben nicht im Luxus und Twinbrook ist ein verschlafenes, sumpfiges Nest, aber ich bin glücklich dort. Wir sind dort hingezogen, als Olek einen Job bei der Lama-GmbH angeboten bekommen hat. Dafür musste ich zwar meinen Job als Flugbegleiterin aufgeben…schau nicht so überrascht, Klaudia, ich hatte Tante Joanna als Vorbild, als hab ich ihr nachgeeifert…aber in Twinbrook habe ich dann bei der Feuerwehr angefangen.“ Jetzt machte ich noch größere Augen, als bei der Verkündung, dass meine rebellische Schwester eine freundlich lächelnde Stewardess geworden war. „Der neue Job erfüllt mich. Ich kann mich körperlich austoben und habe das Gefühl, gebraucht zu werden. Als Olek mir an unserem Jahrestag vor zwei Jahren einen Antrag machte, musste ich nicht lange überlegen ob ich seien Frau werden wollte.“ Kinga strahle, während sie mir die Geschichte erzählte.



    „Und bald darauf wurde David geboren. Er war nicht geplant. Wie du dir vielleicht vorstellen kannst, wollte ich nie Mutter werden. Ich wusste, dass ich eine furchtbare Mutter werden würde. Und nach all den schlechten Erfahrungen mit unserer eigenen Mutter, wollte ich das einem kleinen, unschuldigen Kind nicht antun. Und ich wollte in meinem Beruf voran kommen. Ein Kind passte nicht in meine Lebensplanung. Als ich merkte, dass ich schwanger war, musste ich lange überlegen, ob ich das Kind behalten wollte. Olek hätte mich bei jeder Entscheidung unterstützt. Und die Zweifel blieben, bis…bis ich Davids ersten Tritt spürte. Und als ich ihn in den Armen hielt, wollte ich mich nie wieder von ihm trennen. David ist mein ein und alles.“



    „Seine Geburt hat mir deutlich gemacht, wie viel einem die Familie bedeuten kann. Ich hab meine verloren. Aber ich möchte nicht, dass es meinem Sohn auch so ergeht. Deshalb bin ich jetzt zu dir gekommen. Olek hat keine Familie mehr. Seine Eltern sind beide schon vor langer Zeit gestorben und er hatte keine Geschwister. Aber ich habe eine Schwester. Dich. Und mein Sohn soll eine Tante haben.“



    „David könnte aber auch noch einen Onkel und zwei liebende Großeltern haben“, warf ich vorsichtig ein. Ich war immer noch der Meinung, dass Kinga auch zu unseren Eltern gehen sollte. Es gab sogar noch viele weiter Onkel und Tanten für David, wenn Kinga auf ihre vier Halbgeschwister Miranda, Hans, Desdemona und Elvira zugehen würde. Doch diesen Gedanken behielt ich erst einmal für mich. Ich biss schon mit dem ersten Vorschlag auf Granit. „Nein Klaudia. Dazu bin ich nicht bereit. Dein Bruder Sky ist nicht mein Bruder. Er ist ein Fremder für mich und ich bin eine Fremde für ihn. Und Dominik…er ist einfach nicht mein Vater. Er hat mich aufgezogen und dennoch. Ich fühle nichts für ihn. Es tut mir sehr leid, dir das sagen zu müssen aber es ist so.“ Dieses Geständnis meiner Schwester machte mich sehr traurig, insbesondere wenn ich daran zurückdachte, wie sie Papa als Kind vergöttert hatte.



    „Und Mutter? Nun, man sagt, die Zeit würde alle Wunden heilen, aber das stimmt nicht. Manche Wunden heilen einfach nicht. Sie hat mir den einen Vater genommen und mir den anderen vorenthalten. Ich kann ihr nicht verzeihen. Ich kann es einfach nicht. Ich bin inzwischen so weit, dass ich sie nicht mehr verabscheu. Und manchmal denke ich sogar an die schönen Momente zurück, die wir gemeinsam hatten, so selten diese Momente auch waren. Mutter war einfach immer kalt mir gegenüber. Ich verstehe heute besser, wieso sie so war, aber verzeihen kann ich ihr dennoch nicht. Und daran wirst du auch nichts ändern können, kleine Schwester.“



    Ich sah ein, dass ich meine Schwester nicht umstimmen würde können…zumindest jetzt noch nicht. Vielleicht war Zeit doch in der Lage, alle Wunden zu heilen. Und wenn Kinga und ich wieder ein gutes Verhältnis zueinander aufbauen würden, dann würde vielleicht auch in ihr der Wunsch aufkeimen, sich unseren Eltern wieder zu nähern. In der Zwischenzeit genoss ich die gemeinsame Zeit mit meine Schwester und meinem Neffen David. Kinga und Olek würden noch heute Abend nach Twinbrook zurückkehren. Aber wir schworen uns, den Kontakt nicht mehr abbrechen zu lassen.

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  • Fast Forward


    Ui, vielen, vielen Dank für deinen Kommentar. Du kannst dir gar nicht vorstellen, wie sehr ich mich darüber gefreut habe, dass hier jemand mal eine Rückmeldung dalässt. Um so mehr tut es mir leid, dass ich dir erst so spät antworte.


    Wow! Das erste Mal seit langem lese ich mir eine FS durch und ich muss sagen, sie gefällt mir sehr gut


    Vielen Dank :)


    Zitat

    Ich hoffe aber, dass Gernot doch noch eine Rolle bekommt. Irgendwie kann ich einfach nicht nachvollziehen, dass er sie so leicht hintergehen konnte, wo er doch auch so verliebt in sie war! Ich finde, er sollte auch eine Chance auf Wiedergutmachung bekommen.


    Klaudia ist erst einmal durch mit ihm. Aber wer weiß, wenn er dann doch plötzlich vor ihr stehen sollte, mit einer ehrlichen Entschuldigung auf den Lippen, wer weiß ob Klaudia nicht doch dazu bereit wäre, ihm noch eine zweite Chance zu geben.


    Zitat

    Magdas Verhalten ist ja oft einfach nur unmöglich! Ihr fehlt noch eine Menge Reife, mehr noch als Klaudia, die immerhin ihren eigenen Weg geht ohne andere gegeneinander aufzuspielen oder immer einen Mann an ihrer Seite zu brauchen.


    Ja, in gewisser Weise hast du da Recht. Magdas Verhalten ist oft sehr kindisch. Aber auch sie lernt aus ihren Fehlern. Auch Magda entwickelt sich weiter.


    Noch mals vielen Dank:) Ich würde mich über weiter Kommentare sehr freuen.

  • Hallo Stev!
    Dann lass ich Dir auch mal einen Kommi da - damit Du was zu freuen hast. Ich habe ja schon Deine anderen beiden Geschichten gelesen, die mir (wie schon da als Kommi geschrieben) sehr gut gefallen haben. Vor allem die Oxana Geschichte. Vielleicht auch weil ich immer noch ein Sims II Fan bin und mich noch immer nicht an Sims III gewöhnen kann. Obwohl ich das Spiel + Adons besitze habe ich es so gut wie nicht gespielt - aber zurück zu Deiner Geschichte.
    Es ist schön wieder etwas über die vertrauten Charaktere (auch wenn sie jetzt durch Sims III komplett anders aussehen) zu lesen und zu erfahren wie es ihnen so ergangen ist.
    Gernot kann ich nicht verstehen, dass er sich so leicht verführen lässt. Da sind ihm die 3 Gehirnzellen wohl komplett in die Hose gerutscht. Ich könnte ihm das niemals vergessen und somit auch nicht verzeihen. Auch Magda wäre bei mir hochkant raus geflogen - Entschuldigung hin oder her. Ich finde, es aber dennoch blöde, Magdas Mutter auf den Plan zu rufen. Wenn Klaudias Mutter schon meint sich einmischen zu müssen, hätte sie es doch auch persönlich machen können/sollen. Aber so sind die beiden Mädels erwachsen und müssen das auch so klären. Da sollte man sich als Eltern nicht einmischen, außer mal beratend zur Seite stehen *aus Erfahrung sprech*
    Natürlich freue ich mich sehr über die positive Wendung in Kingas Leben und hoffe zum einen, dass es so bleibt und zum anderen, dass sie wirklich wieder mehr Kontakt mit ihrer Schwester hat und wir somit wieder mehr über sie erfahren werden.
    Ich freu mich schon auf die nächste Fortsetzung

    Liebe Grüße Tabatha
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  • Hi Stev84 =)


    Ich kann mich Fast Forward nur anschließen - mir gefällt deine Fotostory über Klaudia auch richtig gut! Ich habe ja auch deine andere Story Oxana - Wege des Gewissens von Anfang an mit Begeisterung gelesen, du schreibst einfach so realisitisch und es ist so spannend zu sehen wie sich das Leben deiner Hauptfiguren im Laufe der Zeit entwickelt! Es passieren einfach immer wieder so viele unvorhergesehene Dinge und die Story ist auch wieder so fesselnd wie die andere =)
    Es ist auch toll dass du so regelmäßig weiter schreibst, ich hoffe du machst weiter so!


    Zur Story - ich habe mich schon die ganze Zeit gefragt, ob und wann Kinga mal wieder auftauchen würde und siehe da =D
    Sie sieht gut aus und hat endlich ihr Leben im Griff und hat auch noch eine tolle Familie! Der kleine David ist so süß =)
    Nur hoffe ich dass sie irgendwann auch wieder dazu bereit ist, ihre Eltern in ihr Leben zu lassen.


    Über Gernots Betrug brauch ich ja wohl nichts zu sagen... Ich kann mich nur nicht entscheiden ob ich ihn in der Story noch mal wiedersehen möchte :P Klar jeder macht mal Fehler und so, aber... naja ich gespannt ob du/ Klaudia ihm noch eine zweite Chance gibt... =)


    Ich kann es auch kaum abwarten zu sehen wie Magda Klaudia dabei helfen will etwas mehr aus sich zu machen. Mit dem Sport klappt es ja schon mal ziemlich gut =)


    Ich bin sehr gespannt wie das alles weitergeht!

  • Ui, gleich zwei weiter Kommentare *freu*


    @FastForward


    Ja, ich kenn viel Leute, die mit Sims3 nicht so recht war geworden sind. Die Standard-3er Sims gefallen mir auch nicht so gut. Aber mit den richtigen Slider-Hacks lassen sich damit tolle Sims erstellen. Und ich finde die Landschaft und Grafik der 3er so schön, dass ich auch minutenlang nur die Nachbarschaft anstarren kann :lol:


    Tja, Gernots Gefühle für Klaudia gingen dann leider doch nicht so tief, wie sie es sich erhofft hatte. Aber besser, sie findet das jetzt heraus, als erst in einigen Monaten, wenn die beiden sich schon ein gemeinsames Leben aufgebaut haben.
    Tja, ich hätte Magda wohl auch nicht verziehen. Aber Klaudia ist da anders. Sie ist in der Regel bereit, jedem eine zweite Chance zu geben.
    Oxana wollte ihr kleines Mädchen beschützen. Und da sie geahnt hat, dass sie nicht viel Einfluss auf ihre Nichte haben würde, hat sie ihre Schwester um Hilfe gebeten. Oxana war ja von Anfang an nicht begeistert darüber, dass Magda sich bei Klaudia eingenisstet hat.


    JulieSmith


    Schön, dass du dich über das Wiedersehen mit Kinga freust. Ich wollte sie einfach nicht sang- und klanglos verschwinden lassen. Ursprünglich hatte ich die Idee, ihr eine eigene Story zu widmen. Aber die Umsetzung meiner Ideen hat sich als zu ambitioniert erwiesen :lol: Daher erfahren wir jetzt bei Klaudia, was auch Kinga so geworden ist.
    Tja, ich hab ja schon zu FastForward geschrieben, dass Klaudia bereit ist, jedem eine zweite Chance zu geben. Das könnte also auch Gernot einschließen, wenn er es denn richtig anstellt. Ob das nun wiederum gut für Klaudia wäre, steht auf einem anderen Stern ;)


    Danke für eure Kommis :)

  • Kapitel 30: An die Pfunde, fertig, los!



    Kinga bat mich unseren Eltern zumindest so lange nichts über ihr Auftauchen zu erzählen, bis Olek und sie wieder zurück in Twinbrook wären. Zum Glück bat sie mich nicht darum, den beiden dauerhaft verschweigen zu müssen, dass ihre Tochter sich bei mir gemeldet hatte. Einen Tag nach Kingas Abreise besuchte ich Mama. Ich hätte mir gewünscht, dass auch Papa da wäre, aber er musste arbeitet und ich konnte das Geheimnis nicht länger für mich behalten. Wir setzten uns an den Esstisch im Wohnzimmer und ich erzählte ihr geradeheraus, was vorgefallen war.



    „Kinga war bei mir, hier in Rodaklippa“, verkündete ich. „Sie hat mich besucht. Und sie war nicht allein. Sie hat geheiratet, Mama, und sie hat einen kleinen Sohn.“ Der Gesichtsausdruck meiner Mutter wechselte von belustigtem Erstaunen, über Verständnislosigkeit zu einer Mine der Verzweiflung. „Kinga hat dich besuch? Sie war hier in der Stadt? Und sie ist Mutter geworden“, fragte sie immer und immer wieder. „Wo ist sie jetzt? Warum hast du uns denn nichts gesagt, Spätzchen? Mein Mädchen war hier. Nach 13 Jahren war ich ihr so nah wie nie zuvor. Du hättest uns Bescheid geben müssen!“



    „Das wollte ich doch, Mama“, versicherte ich ihr und versuchte das schlechte Gewissen zu unterdrücken, welches sich beim Klang der vorwurfsvollen Stimme meiner Mutter in mir ausbreitete. „Aber Kinga…sie wollte euch nicht sehen. Ich hab versucht sie zu überzeugen, aber sie ließ sich einfach nicht umstimmen.“ Die Hände meiner Mutter auf dem Tisch begannen bei diesen Worten zu zittern und ihre Augen füllten sich mit Tränen. Hastig stand sie auf und versuchte die Tränen vor mir zu verbergen. Aber dafür war es zu spät.



    Ich folgte Mama, die schluchzend mit dem Rücken zu mir in der Mitte des Wohnzimmers stehen geblieben war. „Sie war so ein süßes Baby“, sprach sie mehr zu sich selbst, als zu mir. „Als ich sie das erste Mal in den Armen hielt, war sie so wunderschön. Selbst die Krankenschwestern meinten, sie hätten noch nie so ein perfektes Baby gesehen. Doch ich, ich hielt sie in den Händen, sah sie an und…ich empfand gar nichts. Ich hätte sie lieben müssen, sie war doch mein kleines hübsches Mädchen. Aber ich konnte es nicht. Ich konnte deine Schwester einfach nicht so lieben, wie sie es verdient hatte. Ich blickte sie an und sah in ihr den Fehler, den ich begangen hatte.“ Damit sprach Mama auf ihre Affäre mit einem verheirateten Mann an, aus der Kinga hervorgegangen war. „Ja, ich verdiene es, dass sie nichts mehr mit mir zu tun haben will. Aber es tut dennoch so weh, Klaudia. Und ich habe ein Enkelkind, das ich vermutlich nie kennenlernen werde. Das tut so weh, Spätzchen, so unheimlich weh.“



    Ich ging auf meine Mutter zu und schlang meine Arme kräftig um sie. „Du wirst David ganz sicher kennenlernen. Dafür werde ich sorgen, ich verspreche es dir, Mama. Und es stimmt nicht, dass du Kinga nie geliebt hast. Keine Mutter, die ihr Kind nicht liebt, würde sich solche Vorwürfe machen. Und sie würde nicht so trauern, wie du es tust. Kinga hat mir versichert, dass es die richtige Entscheidung war, sie in die Obhut von Tante Joanna zu geben. Sie macht dir deswegen keine Vorwürfe. Und ich hab in ihren Augen gesehen, dass sie dir verzeihen möchte, dass du sie wegen ihres Vaters belogen hast. Sie bemüht sich, aber sie braucht noch Zeit. Aber dass sie überhaupt nach Rodaklippa gekommen ist, ist ein erster Schritt. Glaub mir, Mama, es wird sich alles zum Guten wenden. Versprochen.“


    *****



    Ich wollte gerne zwischen meinen Eltern und Kinga vermitteln, aber ich hatte Angst, King zu sehr unter Druck zu setzen und sie so wieder ganz zu verschrecken. Daher unternahm ich vorerst keine Versuche, die drei zusammenzuführen. Dafür trieb mich in den nächsten Wochen Magda immer wieder dazu an, Sport zu treiben. Und ich musste zugeben, dass es durchaus seinen Reiz hatte, durch die herbstliche Landschaft zu joggen. Obwohl ich seit meinem sechzehnten Lebensjahr im Norden der SimNation lebte, faszinierte mich der Wechsel der Jahreszeiten immer noch, den ich aus meiner Wüstenheimat, der Sierra Simlone, nicht kannte.



    Das Joggen bereitete mir inzwischen zum Glück keine Schwierigkeiten mehr. Was nicht heißen sollte, dass es mir plötzlich Spaß gemacht hätte. Es war nur nicht mehr ganz so anstrengend wie zu Beginn. Zum Glück hatte Magda aber auch die Idee zu der ein oder anderen sportlichen Aktivität, die wirklich Spaß machte. Trampolinspringen zum Beispiel. Aber Magda wäre nicht Magda, wenn sie einem sogar das madig gemacht hätte. „Ich habe gesagt, du sollst elegant springen, Claude! Elegant! Nicht wie ein Elefant!“ Wäre es ein Verbrechen, wenn ich jetzt einfach auf sie drauf spräng und sie unter mir begrübe?



    Irgendwann meinte Magda dann, dass wir mit ein wenig durch die Gegend laufen und Rumgehoppse bei mir nicht mehr weiter kämen. Da müssten härtere Mittel ran. Als verbrachten wir von nun an unsere freien Stunden im Fitnessstudio. Alleine hätte ich mich in so eine Muckibude vermutlich nie hineingewagt. Und im Inneren stellte ich dann fest, dass es gar nicht sooo schlimm war. Zum Glück trainierten hier nicht nur muskelbepackte Adonisse, sondern ganz normale Menschen, die wie ich ein paar Kilos zu viel auf den Rippen hatten.



    Auch wenn Magda nach wie vor mit Seitenhieben bezüglich meines Aussehens und Auftretens nicht hinterm Berg hielt, so unterstützte sie mich doch tatkräftig bei meinem Versuch abzunehmen, indem sie wirklich immer mitmachte. Nun gut, fast immer. „Höher die Beine schwingen, Claude“, kommandierte sie mich herum, als ich auf dem Trainingsgerät saß und etwas für meine Beinmuskulatur tat. „Leicht wie ein Vögelchen, Claude, leicht wie ein Vögelchen.“ Ich würde ihr gleich Vögelchen geben! Ich schaffte es ja kaum gleichzeitig meine Beine zu heben und dabei nicht das Atmen zu vergessen. Und was war mit Madame? Die wurde doch tatsächlich von den anderen Fitnessstudio-Besuchern dafür bewundert, was für eine großartige Trainerin sie war. Und mich beachtete keiner. Die Welt konnte echt unfair sein!



    Als dann der Winter Einzug hielt, hoffte ich, dass Magda es nun etwas ruhiger angehen lassen würde. Im tiefen Schnee konnte man beim besten Willen nicht mehr joggen und der Weg zum Fitnessstudio war uns bei dieser Wetterlage ebenfalls zu gefährlich. Doch ausruhen durfte ich mich dennoch nicht. Magda bestand darauf, dass wir regelmäßig Übungen auf der Terrasse hinter dem Haus machten. Das Freischaufeln war schon mal ein gutes Aufwärmtraining. Und auch die Kälte war für sie kein Argument, denn beim Sport wurde einem so richtig warm und man konnte sich ja zusätzlich dick einpacken.


    ------------------


    Tut mir leid, dass das Update erst jetzt kommt. Ich hatte (wieder einmal) Probleme mit meinem Hoster. Die haben sie zum Glück wieder erledigt, aber für den Notfall habe ich mir schon einen Ersatzhoster gesucht.


    Als kleine Entschädigung gibt es dafür das nächste Kapitel schon an diesem Wochenende :)

    Einmal editiert, zuletzt von Stev84 ()

  • Kapitel 31: Verwandlung


    Dank Magdas unermüdlichem Ansporn schmolzen meine Pfunde weiter dahin. Doch leider wurde ich in den kommenden Tagen nicht nur mein Gewicht los, sondern auch einige meiner Wertsachen. Eines Abends kam ich nach Hause und wunderte mich darüber, dass Licht im Wohnzimmer brannte. Denn Magda sollte bei der Arbeit sein und Jamie war mit Freunden unterwegs. Als ich dann verdächtige Geräusche hörte, wurde mir klar, dass ich einen Einbrecher auf frischer Tat ertappte. Vielleicht hätte ich mich dem Dieb entgegenstellen sollen. Der Figur nach zu urteilen war es eine Frau und ich hätte sie vielleicht verjagen können. Aber ich hätte zu viel Angst. Stattdessen rief ich die Polizei.



    Diese rückte auch sofort an, aber die Diebin hätte mein Telefongespräch wohl mitgehört und hatte sich schleunigst mit ihrer Beute davongemacht. Der nette Polizist könnte nur noch die Spuren sicher. Das Schloss der Terrassentür war aufgebrochen und die Schubladen in unseren Zimmern waren durchwühlt. Zum Glück wurde nur etwas Bargeld, Jamies iPod und ein paar von Magdas Schmuckstücken geklaut. Und leider sahen wir von unserem Geld und den Wertsachen nie wieder etwas.



    Um uns in Zukunft vor weiteren Einbrüchen zu schützen, immerhin war es schon der zweite in diesem Haus, tauschte Jamie unsere Schlosser gegen solche aus, die sich nicht ganz so leicht knacken ließen und installierte auch noch eine Alarmanlage, die direkt mit der Polizei verbunden war. Hoffentlich würde der nächste Dieb dann nicht wieder einfach entkommen können.



    Zum Glück gab es aber auch Freudiges zu berichten. Zu Beginn des Neuen Jahres erhielt ich einen Brief von der Stadtverwaltung, in dem ich dazu aufgefordert wurde, zum Rathaus zu kommen. In der Vorweihnachtszeit hatten sich meine Bilder sehr gut verkauft. Offenbare waren echte Gemälde dieses Jahr ein beliebtes Weihnachtsgeschenk. Und einer meiner besten Kunden arbeitete zufällig für die Stadt. Insgesamt hatte er vier Bilder von mir gekauft und eines davon hing sogar in seinem Büro, wie ich mich persönlich überzeugen konnte. Da ich den Ruf Rodaklippas mit meinen Bildern auch über die Grenzen dieser schönen Stadt hinaustrüge, wurde mir die „Gemalte Schärpe für Künstler“ verliehen.



    Ich war wirklich stolz auf diesen Preis, auch wenn ich dafür auf den Fahrrad durch das Schneegestöber zum Rathaus und wieder zurück fahren musste. Die Auszeichnung fand anschließend einen schönen Platz an der Wand über meiner Kommode.

    *****



    Die Monate vergingen und die dicke Schneedecke, die Rodaklippa über Wochen bedeckt hatte, verschwand. Der Frühling hielt Einzug und das erste zarte Grün war an den Bäumen zu erkennen. Nach unserem morgendlichen Joggingritual nahm mich Magda zur Seite. „Claude, es ist so weit. Deine Figur ist perfekt. Du bist jetzt fast so schlank wie ich…aber nur fast. Jetzt wird es Zeit, diese Raupe endgültig in einen Schmetterling zu verwandeln.“ Zusammen machen wir uns auf den Weg zu einem Stylisten in der Innenstadt. „Meine Cousine hier braucht eine komplette Umgestalltung“, erklärte Magda der Stylistin. „Neue Klammotten, Haare, Make-Up, das volle Programm.“ Bei diesen Worten wurde mir doch etwas mulmig zumute. Andererseits, wenn ich mich so im Spiegel anschaute, dann könnten neue Klamotten wirklich nicht schaden. Seitdem ich abgenommen hatte, hingen alle meine alten Sachen nur noch schlaff an mir herunter. Selbst ein Kartoffelsack hätte mir da besser gepasst.



    Ich wurde in einen Nebenraum geführt, wo die Stylistin und Magda eine neue Garderobe für mich aussuchen. Durch das Fenster konnte ich sehen, wie der Himmel sich rot färbt und die Straßen sich langsam in Dunkelheit hüllten. Nachdem die beiden sich auf ein Outfit geeinigt hatten, waren meine Haare und das Make-up an der Reihe. Ich hatte bei all diesen Entscheidungen nichts mitzureden und bekam das Resultat vorerst auch nicht zu sehen. Und als ich schließlich nicht mehr daran glaubte, erklärte die Stylistin, dass das Werk vollbracht sei. Magda forderte mich auf, die Augen zu schließen und führte mich zu dem großen Spiegle im Hauptraum des Salons. „Und jetzt darfst du deine Augen öffnen“, flüstert sie und klang dabei genauso aufgeregt, wie ich mich selbst fühlte.



    Natürlich war ich neugierig. Aber gleichzeitig hatte ich furchtbare Angst. Was, wenn es mir nicht gefiele, was ich im Spiegel sah? Aber es gab nur eine Möglichkeit das herauszufinden. Langsam öffnete ich meine Augen und blickte eine unbekannte Frau im Spiegle an. War…war das wirklich ich?



    „Und, was sagst du, Claude?“, fragte Magda und blickte mich erwartungsvoll an. Ich konnte weiterhin nur staunen. Durch die eng anliegende Hose und ein ebensolches Oberteil konnte ich zum ersten Mal richtig erkennen, wie schlank ich jetzt war. Aber das unglaublichste war mein Gesicht. Ich sah eine wunderschöne Frau im Spiegel. Das Make-up war so dezent, dass ich es erst kaum bemerkte. Aber die Wirkung war unbeschreiblich. Und erst die Haare! Magda hatte mich schon seit Monaten dazu angehalten, sie nicht mehr zu schneiden. Doch ich hatte mir angewöhnt, sie unter einer Mütze zu verstecken, weil sie mir ständig im Gesicht herumhingen. Doch so, wie sie jetzt hergerichtet waren, sahen meine Haare nur wunderschön aus. Überglücklich klatschte ich in die Hände. „Ich liebe es, Magda“, antworte ich meiner Cousine.



    Vor Glück schwankend stieg ich vom Podest herunter und drückte meine Cousine fest an mich, die im ersten Moment sichtlich überrascht wirkte. „Danke Magda“, hauchte ich. „Ohne dich hätte ich mich nie dazu entschlossen, abzunehmen. Und ich hätte mich nie getraut, mich so zu verändern.“ „Das war das Mindeste, was ich für dich tun konnte“, antwortete Magda und eine Träne lief ihre Wange hinunter.