Zwischen Himmel und Hölle

  • Hello hello!


    Da es nun tatsächlich ein Storyboard gibt und die Regeln nun online sind, möchte ich nicht mehr länger warten und euch meine Story präsentieren. *GanzAufgeregtIst* ^^ Die Story geistert schon seit Jahren in meinem Kopf rum, ließ sich als Fotostory aber nicht unbedingt umsetzen.


    Bevor ich beginne, noch einige Hinweise:


    1. Die Geschichte ist rein fiktiv und basiert weder auf eine wahren Begebenheit noch auf real existierenden Personen. Es ist ALLES von mir frei erfunden, daher liegt das Copyright für sämliche Inhalte und die Charaktere einzig und alleine bei mir.


    2. Ihr werdet schnell feststellen, dass sämtliche Gegebenheiten ebenfalls nicht der Realität entsprechen. Auch hier habe ich mich an KEINE realen Vorlagen gehalten, sondern es ist alles meiner freien Fantasie entsprungen. Die Dinge, die in der Realität so nicht stimmen, sind nicht falsch recherchiert, sondern gewollt und bewusst beabsichtigt! Das musste zudem so sein, da ich sonst nicht alles unter einen Hut bekommen hätte oder auf Umstände hätte ausweichen müssen, die mir nicht gefallen haben. Das ganze wird dann unter künsterlicher Freiheit verbucht! :D


    3. Bezüglich der Kommentare möchte ich nur anmerken, dass ich mich über konstruktive Kritik sehr freuen würde. Dazu gehört eben vor allem, auch negative Kritik anzusprechen. Das nehme ich sehr gerne entgegen, solange es sachlich bleibt!


    So. Dann gehts auch schon los! Ich wünsche euch viel Spaß beim lesen! :)



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    Kapitel 1



    Aufgeregt standen die neuen Azubis auf dem Flur des Bundeswehramtes im Tokioter Bezirk Shibuya und warteten darauf, dass man ihnen den Raum aufschließen würde, in dem sie sich versammeln sollten. Es war ihr erster Tag. Die meisten Mädchen würden eine kaufmännische Ausbildung im Büro beginnen. Nur zwei von ihnen wollten Soldatinnen werden und haben diese Ausbildungsstelle bekommen. Ein ähnliches Verhältnis gab es bei den Jungs. Die meisten wollten Soldaten werden, waren aber gezwungen, die Büroarbeit zumindest zum Teil mitzunehmen. 4 der Jungs hatten sich allerdings ebenfalls für die kaufmännische Ausbildung entschieden. Die meisten Azubis waren noch sehr jung. Hatten gerade die Oberschule abgeschlossen. Waren 17, 18 oder 19 Jahre alt. Nur wenige hatten bereits eine 2 vorne stehen. Sie unterhielten sich aufgeregt über das, was ihnen bevorstehen würde. Stellten Spekulationen an. Wie die Ausbildung werden würde. Was sie alles lernen würden. Wie die Kollegen wären. Und vor allem aber: Wie wohl der Ausbildungsleiter sein würde. In den Vorstellungsgesprächen hatte man ihnen verkündet, dass der Ausbildungsleiter derzeit auf Dienstreise wäre und aus diesem Grund nicht selbst an den Gesprächen teilnehmen konnte. Lediglich den stellvertretenden Ausbildungsleiter, einen gewissen Hattori, hatten sie bereits in den Gesprächen kennen gelernt. „Ich wette, unser Ausbildungsleiter ist ein alter, stinkiger Kerl, der nur am rummotzen ist“, lästerte eins der Mädchen. 2 andere gaben ihr da recht. „Das ist bestimmt ein alter, dicker Bürohengst“. Der lange Flur mit seinen hellen Wänden und dem dunkelblauen Teppichboden wurde von leicht unterdrücktem Gekicher erfüllt. Das einzige, was sie ernsthaft von ihrem Ausbildungsleiter wussten, war, dass sein Name Sato war und er den Rang eines Generals inne hatte. Ein hohes Tier bei der Bundeswehr also.

    „Entschuldigung, darf ich mal durch?“. Das Gekicher wurde jäh unterbrochen, als ein hoch gewachsener Japaner mit kurzen, schwarzen Haaren und dunkelbraunen Augen sich durch die Massen quetschte. Er schien noch sehr jung zu sein, sah aber in jedem Fall nicht schlecht aus. Sicher, er war nicht die Art Mann, die man als Model engagierte, aber er hatte etwas an sich, das ihn sympathisch wirken ließ. Er wurde von einer jungen Frau begleitet, die nicht älter zu sein schien als er selbst. Ihre langen, schwarzen Haare reichten ihr bis zum Hintern. Sie trug sie offen und es war deutlich zu sehen, dass sie ihr Haar aufwendig pflegte. Viele Mädchen waren sofort erstaunt und fast schon ein wenig neidisch auf die schönen Haare der jungen Frau. Und überhaupt war sie eine echte Schönheit. Eine frauliche Figur. Zwar ein wenig dünn, aber nicht zu dünn. Ihr hübsches, gerades und sehr weibliches Gesicht betonte ihre hellbraunen Augen sehr gut. Eindeutig eine Frau, die viele Verehrer haben dürfte.

    Der junge Mann steuerte die Tür an, vor der die Azubis seit geraumer Zeit warteten, schloss diese auf und bat das junge Gemüse herein. Der Raum selbst war von stattlicher Größe. Direkt gegenüber der Tür erstreckte sich eine riesige Fensterfront, die fast die ganze Wand ausfüllte und mehr als genug Licht in den Raum ließ. An der Wand links der Tür befand sich eine riesige Tafel und davor ein Beamer. Die hellen Wände boten auch hier einen angenehmen Kontrast zu dem ebenfalls dunkelblauen Teppichboden. Die Tische im Raum waren in Viereck-Form aufgestellt. Die Stühle verteilten sich auf der Außenseite um das gesamte Viereck herum. Auf jedem Platz stand ein Namensschild. Die Plätze waren also genau vorbestimmt. Es war nicht schwer zu erraten, dass sie alphabetisch sortiert waren und jeder sich auf den Platz zu setzen hatte, der ihm durch das Schildchen zugewiesen worden war.

    Nachdem alle Azubis ihren Platz eingenommen hatten, schloss der Japaner die Tür und setzte sich auf seinen Platz an der Seite des Tisches, der direkt vor der großen Tafel stand, so dass er die Tafel im Rücken hatte. Auf der Seite, die nur 3 Plätze umfasste, setzte er sich links außen hin. Das Namensschild auf diesem Platz verriet, dass sein Name Hattori war und er demnach der stellvertretende Ausbildungsleiter sein musste. Die Azubis hatten ihn zwar schon in den Vorstellungsgesprächen kennen gelernt, dieses lag allerdings schon 5 Monate zurück und die meisten hatten sein Gesicht in der Zeit schon längst wieder vergessen. Die junge Frau setzte sich hingegen auf den Platz rechts außen. Auch hier verriet das Namensschild zumindest ihren Nachnamen. Shiratori. „Sind wir soweit komplett?“, erkundigte sich Hattori und blickte in die Runde. Einzig der Platz zwischen ihm und Shiratori war noch frei. Das Namensschild auf dem freien Platz ließ keine Zweifel offen, dass dieser Platz für den General höchstpersönlich reserviert war. „Okay, wie ich sehe, sind alle da. General Sato befindet sich noch in einer Besprechung und lässt sich demnach entschuldigen. Es dürfte allerdings nicht lange dauern, bis die Besprechung zuende ist. Er wird dann später nachkommen. Ich denke, wir fangen dann einfach schon mal an.“ Hattori übernahm also die Führung, solange der eigentliche Ausbildungsleiter noch nicht anwesend war. Er startete mit einer Vorstellungsrunde, in der jeder Azubi kurz etwas zu sich sagen sollte. Da die Runde aus insgesamt 28 Azubis bestand, dauerte das Prozedere durchaus etwas länger. Als die Runde rum war, ergriff die junge Frau das Wort. „So, dann möchte ich mich auch kurz vorstellen. Mein Name ist Shiratori und ich arbeite hier im Personalreferat. Ich bin neben Sato und Hattori ebenfalls für die Ausbildung zuständig, allerdings nur dann, wenn es Probleme geben sollte. Sie können sich also in jedem Fall gerne an mich wenden, falls sie Fragen oder Probleme haben sollten.“ Sie lächelte freundlich, was sie nur noch schöner wirken ließ.

    In diesem Moment klopfte es kurz an der Tür und ein junger Mann trat ein. Eindeutig ein Anblick für die anwesenden weiblichen Azubis. Groß, kurze blonde Haare, leuchtend himmelblaue Augen. Definitiv kein Japaner. Eher ein Europäer. Vielleicht auch Amerikaner. Seine markant männlichen Gesichtszüge machten ihn unheimlich attraktiv. Eine gerade Nase, schmale Lippen. 1,80m groß. Sein schwarzer Anzug mit dem blütenreinen weißen Hemd und der hellblauen Krawatte machte dieses ohnehin schon hübsche Gesicht noch hübscher. „Ein echter Traummann“, ging es den Mädels durch den Kopf. Niemand sagte ein Wort, aber die meisten konnten ahnen, dass sie wohl alle das gleiche dachten. Ein Mann zum verlieben. Stellte sich nur die Frage, wer das jetzt war.

    „Sorry für die Verspätung.“, entschuldigte er sich plump und hob dabei die Hand. Die Stimme passte unheimlich gut zu ihm. Männlich, tief, aber nicht zu tief. Kein tiefes brummen, sondern hell und klar. Zielgerichtet steuerte er den Platz zwischen Hattori und Shiratori an und setzte sich. Jetzt dämmerte es wohl auch so ziemlich dem Letzten. Dieser unheimlich gut aussehende, attraktive Blondie war ER. Der Ausbildungsleiter, von dem die Mädels gerade noch geglaubt hatten, sie würden es mit einem dicken, alten, griesgrämigen Sesselpupser zu tun bekommen. Verwirrt, fast schon entsetzt und erstaunt schauten sich die Mädchen an und konnten gar nicht so recht fassen, was sie da sahen. DER entsprach definitiv NICHT ihren Vorstellungen von einem General. „Hab ich viel verpasst?“, erkundigte sich der General bei seinem Stellvertreter. „Nö, hast nur die Vorstellungsrunde nicht mitgenommen. Wenn du willst, mach du gleich weiter. Shiratori war gerade dran“. „Okay.“ Er blickte in die Runde, musterte kurz seine neuen Schützlinge und legte dann los. „Zuerst noch mal sorry wegen der Verspätung. Mein Name ist Sato. Ich bin General und hier für die Ausbildung zuständig!“.

    Stille im Raum. Damit hatte nun wirklich keiner gerechnet, dass der SO jung sein würde. Einer der männlichen Azubis hob seine Hand und wurde prompt nach seinem Anliegen gefragt. „Verzeihen Sie, General Sato. Ich möchte nicht unhöflich sein, aber darf ich Sie nach Ihrem Alter fragen?“. General Sato schaute kurz auf den Tisch, spielte mit einem Kugelschreiber herum und konnte sich ein Grinsen einfach nicht verkneifen. „Was schätzen Sie denn?“, fragte er und grinste den Azubi dabei auffordernd an. „Ähm.... nun ja... also....“, stotterte er. „Vielleicht.... ähm.... 26?“. Sato platzte mit einem kurzer Lacher heraus. „Seh ich wirklich schon so alt aus? Ich bin 21.“ Staunen in der Runde. Fragende Gesichter. Wie konnte SO ein junger Typ schon General sein? Die meisten Azubis waren gut genug informiert, um zu wissen, dass man bei der japanischen Bundeswehr aufstieg, wenn man die vorausgesetzten Fähigkeiten und Kenntnisse erfüllte und eine umfassende Prüfung abgelegt hatte. Das Alter spielte dabei keine Rolle. Wichtig war nur, dass der Prüfling das konnte, was man von ihm verlangte. Die meisten wussten aber auch ganz genau, dass es ein jahrelanges hartes Training und viel lernen voraussetzte, um die Prüfung zum General zu bestehen. Und DER sollte mit seinen gerade mal 21 Jahren schon diese Fähigkeiten und Kenntnisse besitzen? Das war schier unglaublich. „Aber.... aber....“, fuhr der Azubi fort: „Dann bin ich ja älter als Sie! Ich bin 23.“. Schon im nächsten Moment bereute er diese Aussage, denn Sato war davon mit Sicherheit gar nicht beeindruckt. „Gut, Sie sind vielleicht älter, aber ICH hab hier den Befehl“, war seine prompte Reaktion auf die Anspielung. Der Azubi entschuldigte sich vielmals für diese Bemerkung und blickte sichtlich verlegen zum Boden. Bei diesem Blondie musste man offensichtlich vorsichtig sein. Das war wohl nicht der Typ Mensch, der sich auf der Nase rumtanzen ließ. „Sonst noch irgendwelche Fragen?“. Nach einer kurzen Minute des Schweigens traute sich eine Azubine, noch eine Frage zu stellen. Sie war sichtlich nervös, offensichtlich aus Angst vor einer ähnlichen Reaktion. „Darf ich fragen, woher Sie kommen?“. „Ja, dürfen Sie. Ich komme aus Deutschland“. Das war definitiv eine interessante Information für die meisten Mädchen, die inzwischen schon echt ein Auge auf ihn geworfen hatten. Ein Europäer also. Ein Deutscher. Das war wirklich etwas besonderes für die meisten, die bisher nur eigenen Staatsangehörigen in Kontakt waren. Mit jedem Wort, das er sagte, wirkte er nur noch attraktiver. Okay, er war vielleicht ein wenig sehr dünn. Dünn, aber ungeheuer sexy. Nachdem keine weiteren Fragen mehr kamen, war Hattori nun dran, sich vorzustellen. Viel zu sagen hatte er nicht. Im Prinzip nur das, was alle schon wussten. Dass er stellvertretender Ausbildungsleiter war und die Azubis demnach auch viel mit ihm zu tun haben würden.

    Nachdem dann auch noch alle Formalitäten erledigt waren, folgte eine Führung durch das Gebäude. Hier hätte man eigentlich Karte und Kompass gebrauchen können. Das Gebäude war so riesig und so verwinkelt, dass es wohl eine Weile dauern würde, eher man sich zurecht fand. Hier drinnen konnte man sich ernsthaft verlaufen und würde wahrscheinlich nie wieder aus der Versenkung auftauchen, wenn man erst einmal vom richtigen Weg abgekommen war. Die Hinweisschilder hätten eigentlich Aufschluss geben sollen, aber selbst die waren zur Orientierung nur dann geeignet, wenn man wusste, wie man das komplizierte Papier zu lesen hatte.

    [FONT=&quot]Der erste Tag beinhaltete eigentlich nur eine Einführung in die Bundeswehr und deren Verwaltung. Ziemlich trocken, langweilig. Als der Tag sich so langsam dem Ende neigte und alle in den Feierabend entlassen wurden, war sich jeder sicher, dass die kommenden Jahre definitiv diejenigen sein würden, die sich wohl am meisten ins Langzeitgedächtnis einprägen würden.[/FONT]



    - Ende Kapitel 1 -

    [center][SIZE=3][FONT=&amp]ずっと忘れないよ[/FONT]
    [/SIZE]Ich werde es niemals vergessen

    Den blauen Himmel und dich

    [SIZE=3][FONT=&amp]青い空と君のこと[/FONT][/SIZE]
    [/center]

  • So. Dann mache ich mal gleich weiter mit Kapitel 2!


    Ich hoffe, es stört keinen, dass die Kapitel immer etwas länger sind. Ich kann mich einfach nie kurz fassen! ^^


    In Kapitel 2 wird auch deutlicher, worum es in der Geschichte geht. Das erste Kapitel brauchte ich, um erstmal die Personen vorzustellen, um die es gehen wird.


    Viel Spaß beim 2. Kapitel. ^^


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    „Habt ihr heute noch was vor?“, erkundigte sich Shiratori bei Sato und Hattori. „Nö, eigentlich nicht“, war die Antwort von Sato. „Ich auch nicht.“, fügte Hattori hinzu. „Wieso? Hast du denn heute noch was vor?“. Shiratori verneinte dies, schlug aber im selben Satz vor, dass man ja noch zu dritt etwas unternehmen könnte. Beide waren einverstanden.

    Hattori und Shiratori kannten sich bereits seit der Vorschule und waren von Beginn an beste Freunde. Das hatte sich auch bis heute nicht geändert. Der einzige Unterschied war der, dass Hattori bereits seit der Oberschule ein Auge auf seine beste Freundin geworfen hatte, sich allerdings bis heute nie getraut hatte, ihr seine Gefühle zu gestehen. Shiratori hingegen hatte sich unsterblich in Sato verliebt, als der im Alter von 17 Jahren, vor 4 Jahren also, mit seinen Adoptiveltern von Deutschland nach Japan umgezogen war. Das führte unweigerlich zu Spannungen zwischen Sato und Hattori, so dass man damals eigentlich nie davon ausgegangen wäre, dass die beiden ebenfalls mal beste Freunde werden würden. Die Situation entspannte sich erst, als Sato eindeutig klar gestellt hatte, dass er an Shiratori kein weitergehendes Interesse hatte und dieses auch immer wieder deutlich gemacht hatte.

    Zudem erwiesen sich sowohl Shiratori als auch Hattori als wirklich gute Freunde. Als Sato nach Japan zog, stand sein Leben durchaus an einem schwierigen Punkt. Sein Leben in Deutschland war nicht unbedingt das gewesen, was man von einem normalen Leben erwarten würde. Er war das Kind eines Deutschen und seiner japanischen Lebensgefährtin. Da die beiden nie verheiratet waren, hatte er nach deutschem Recht den Nachnamen seiner Mutter – Sato – bekommen. Sein Vater, der ja Deutscher war, wünschte sich jedoch einen europäischen Vornamen und im Einverständnis mit seiner Lebensgefährtin entschieden sie sich für den Namen Enrico.

    Sein Kindheit war jäh zuende, als er gerade mal 3 Jahre alt war. Sein Vater, der niemand anderes war als der Polizeichef von Berlin höchstpersönlich, begann scheinbar aus heiterem Himmel mit dem Trinken und neigte fortan zu Gewaltexzessen. Niemand wusste so genau, warum es plötzlich dazu kam, aber man vermutete, dass er mit seinem Beruf nicht mehr zurecht kam. Als es wieder einmal so weit war und er in völlig betrunkenem Zustand auf seinen inzwischen 7 Jahre alten Sohn los ging, geschah das Familiendrama. Sakura, Enrico’s Mutter, versuchte verzweifelt, ihren Sohn zu schützen und zerrte wie wild am Ärmel ihres Lebensgefährten. In dem entstehenden Gefecht schubste Dominic seine Frau, welche nach hinten taumelte und die hinter sich befindende Treppe rückwärts runter fiel. Sie bleib regungslos am unteren Treppenabsatz liegen. Im Gegensatz zu Enrico, der in völliger Panik zu seiner Mutter rannte und sie weinend darum anflehte, wieder aufzustehen, begriff Dominik sofort das Ausmaß der Katastrophe, die er soeben angerichtet hatte. In seinem Kopf ratterte es unaufhörlich. Er sah schon die Schlagzeilen, das Gefängnis, sein Leben den Bach hinunter laufen. In einer Kurzschlussreaktion entschied er sich dazu, hier, jetzt und sofort seinem Leben ein Ende zu bereiten.

    Für Enrico, der das alles mit ansehen musste, begannen fortan die Höllenqualen. Zu sehr nagten die Erinnerungen und die Schuldgefühle an seinem Gewissen, als dass er mit sich selbst hätte Frieden schließen können. Sein Vater bezeichnete ihn oftmals als „nutzlose Heulsuse, die zu nichts zu gebrauchen war“. Er hielt jahrelang diese Aussage für den Grund des Familiendramas. Es war alles seine Schuld. Diese Annahme, nein, er war sich sicher, dass es so gewesen sein muss, stürzten ihn schlussendlich in schwere Depressionen. Da es außer seinem Onkel, dem Bruder seiner Mutter, und dessen Frau keine weiteren Familienangehörigen gab, nahmen die beiden sich ihres Neffen an und adoptierten ihn. Wataru, sein Onkel, arbeitete für die Japanische Botschaft in Berlin. Als Enrico 17 Jahre alt war, endete Watarus Amtszeit in Deutschland und er wurde zurück nach Japan versetzt. Da Enrico zu dem Zeitpunkt noch nicht volljährig war und in Deutschland keine anderen Angehörigen hatte, musste er wohl oder übel mit nach Japan. Das bedeutete konkret, seine gewohnte Umgebung, seine Heimat, seine Freunde, und vor allem SIE zurück lassen zu müssen. Das nagte schwer an seiner Psyche. Zu groß war der Verlust, den er hinnehmen musste, zumal er davon ausgehen musste, nie wieder auch nur einen Fuß auf deutschen Boden zu setzen.

    Der Leidensdruck war damals unendlich hoch. Er war einfach viel zu schnell erwachsen geworden und das rächte sich nun, wo er älter war, bitter. Er konnte auch nicht gerade von sich behaupten, nach dem Familiendrama ein halbwegs normales Leben geführt zu haben. Er geriet schnell auf die schiefe Bahn. Begann früh zu rauchen, machte auch früh Erfahrungen mit Drogen und Mädchen. Aber am schlimmsten waren immer noch die Erinnerungen an das, was sein Vater getan hatte. Und dass er SIE wohl nie wieder sehen würde. SIE. Seine langjährig beste Freundin, die er so sehr liebte. Sie war auch der Grund, warum er alle Annäherungsversuche von Shiratori abblockte und keinerlei Interesse an ihr zeigte. Sicher, er mochte Shiratori. Und dass er sie bei ihrem Vornamen, Misaki, nannte, war in Japan ein deutliches Zeichen von Zuneigung. Aber dennoch gingen seine Gefühle für sie nie über Freundschaft hinaus. Zwar hätte er sich auf sie einlassen können. Dass sich nicht abgeneigt war, wusste er. Aber sie wäre schlussendlich doch nur Ablenkung für ihn gewesen und das hätte ihr weitaus mehr weh getan als sie von vorneherein abblitzen zu lassen. Zumal er ja wusste, dass Hattori unsterblich in sie verliebt war. Noch ein Drama konnte Enrico beim besten Willen nicht gebrauchen. Die Erinnerungen an das, was in Deutschland war, reichten völlig aus, um ihn zu einem vollendeten psychischen Wrack zu machen.

    Schlussendlich waren es dennoch Misaki und Hattori, die ihn unterstützt und ihm geholfen haben, aus dieser seit Jahren andauernden Krise raus zu kommen. Sie waren Freunde, die ihre Freundschaft nicht dadurch unter Beweis stellten, dass sie ihn mit Drogen und Zigaretten versorgten, sondern sie waren die Art Freunde, die ein offenes Ohr hatten, sich Gedanken machten und immer wieder zeigten, dass sie ihn akzeptierten, ihn mochten und für ihn da waren. Eben ECHTE Freunde. Genau so wie SIE. Seine beste Freundin. Seine große Liebe. Sie war auch eine echte Freundin. Diejenige, die ihm Halt gab, die ihn davon abhielt, eine ernsthafte Dummheit zu begehen. Diejenige, die seinem Leben einen Sinn gab. Misaki und Hattori waren in den 4 Jahren, seit er nach Japan gekommen war, zwar unentbehrliche Freunde geworden, aber dennoch konnten sie seine große Liebe einfach nicht ersetzen. Niemand konnte sie ersetzen. Dieses Mädchen war einmalig. Ein Engel auf Erden. Und er liebte sie noch immer. Obwohl er sie schon seit 4 Jahren nicht mehr gesehen und keinen Kontakt mehr zu ihr hatte. In seinem ganzen Leben hatte er nie jemanden so sehr geliebt und er war sich sicher, dass es auch niemanden geben würde, den er auch nur ansatzweise so sehr lieben würde wie sie.

    Die 3 Freunde machten sich auf den Weg in ihr Lieblingscafé im Stadtteil Minato. Der Bezirk war nicht ganz so bekannt wie Shibuya, obwohl hier der weltberühmte Tokio-Tower seinen Platz hat. Das Café war hübsch eingerichtet. Nicht ganz billig, aber bei dem Gehalt, welches die 3 verdienten, war das durchaus nicht der Rede wert. Zudem war es nicht weit weg vom Wohnort. Alle 3 wohnten im selben Stadtteil und sind auch in Minato zur Schule gegangen. Zwar waren sie in der Zwischenzeit alle in eine eigene Wohnung gezogen, nie aber ihrem Stadtteil untreu geworden.

    „Und? Was haltet ihr von den neuen Azubis?“, erkundigte sich Hattori. „Also, wenn die alle so nervig sind, wird das echt n Spaß die nächsten 3 Jahre“, lästerte Enrico. Misaki musste lachen. „Am coolsten war ja echt deine Reaktion auf die Aussage, dass der eine Azubi älter ist als du!“ „Was denkt der denn auch? Dass ich beeindruckt bin, nur weil der 2 Jahre älter ist? Eher im Gegenteil. Der ist 2 Jahre älter und fängt JETZT erst mit ner Ausbildung an! Sowas beeindruckt mich wohl kaum“. Wo er Recht hatte, hatte er Recht. Enrico war zwar 2 Jahre jünger, aber beruflich schon um einiges weiter.

    Die 3 setzten sich in die hinterste Ecke des Cafés. Hier konnte man ungestört reden und war vor neugierigen Blicken geschützt. Das rote Ecksofa war wie immer gemütlich und bequem und auch der blank geputzte Marmortisch ließ eindeutig erahnen, in welcher Preisklasse man sich hier befand. Wenn die 3 es nicht genauer gewusst hätten, hätten sie wohl vermutet, dass ein Kaffee hier wahrscheinlich so viel kostete wie ein Kleinwagen – wohlwissend, dass dieser Vergleich natürlich ganz schön überzogen war. Aber warum nicht mal auch ein wenig übertreiben? Finanziell war es definitiv kein Problem, dieses Café zu besuchen. Gerade als General verdiente man ein Gehalt, von dem andere nur träumen konnten. Allerdings musste man dafür auch EINIGES an Arbeit leisten, bei denen viele schon längst das Handtuch geworfen hätten. Wenn man wusste, wie stressig so ein Arbeitsalltag war und was man da teilweise zu Gesicht bekam, verstand man auch sehr schnell, warum so ein Gehalt gerechtfertigt war.

    „Also, ihr könnt sagen, was ihr wollt“, fuhr Hattori fort, „Ich habe das Gefühl, dass es nicht lange dauern wird, bis der erste Azubi bei Misaki angerannt kommt und sich über irgendein Problem ausheult“. „Das war doch schon immer so“, fügte Enrico hinzu. „Ja, das stimmt schon, aber mich stört das nicht. Dazu bin ich ja da und ich helfe den Azubis gern, wenn ich’s kann“. Misaki war einfach ein Engel. Immer freundlich, immer hilfsbereit, aufopferungsvoll. Und noch dazu wunderschön. Kein Wunder also, dass so viele Männer ein Auge auf sie geworfen hatten. Kein Wunder, dass Hattori sie schon seit Jahren so sehr liebte.“ Er saß ihr direkt gegenüber und schaute sie an. Sie war einfach wunderschön. Aber sie war auch immer noch in Enrico verliebt. Das wusste Hattori nur zu gut. Und das tat heute noch genau so weh wie damals. Warum bemerkte sie nicht seine Zuneigung? Bei jedem anderen merkte sie sofort, wenn jemand Zuneigung für einen anderen empfand. Aber dass man ihr selbst jede Menge Zuneigung entgegen brachte, merkte sie scheinbar nicht. Ob sein bester Freund selbst davon wusste, war Hattori nicht klar und irgendwie war er sich auch nicht mal sicher, ob er es wissen wollte. Natürlich, er vertraute seinem Freund. Schließlich hatte der mehr als oft genug beteuert, keine tiefergreifenden Gefühle für die junge Schönheit zu empfinden und er hatte es auch oft genug bewiesen. Zudem wusste Hattori sehr wohl davon, dass Sato seit Jahren eine andere liebte und schon alleine deshalb nichts von Misaki wollte. Aber die Angst, sein bester Freund könnte ihm seine große Liebe irgendwann doch noch ausspannen, blieb unterschwellig bestehen.


    [FONT=&quot]- Ende Kapitel 2 -[/FONT]

    [center][SIZE=3][FONT=&amp]ずっと忘れないよ[/FONT]
    [/SIZE]Ich werde es niemals vergessen

    Den blauen Himmel und dich

    [SIZE=3][FONT=&amp]青い空と君のこと[/FONT][/SIZE]
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  • Was für ein langweiliger Sonntag. -.-' Aber genug Zeit, um weiter zu schreiben. Das dritte Kapitel ist etwas länger geworden. Waren halt viele Erklärungen notwendig.


    Trotzdem viel Spaß beim lesen! :)


    Edit: Mal eine Frage! Der letzte Absatz ist immer total klein geschrieben, obwohl er hier im Textfenster ganz normal angezeigt wird. Weiß jemand, woran das liegt und wie man das geändert kriegt? Das nervt und ist schwer zu lesen, weils so klein ist! Weiß aber nicht, wie ich das geändert kriege! :(


    Edit 2: Mir ist nach Ewigkeiten gerade ein gravierender Tippfehler aufgefallen. Der erste Satz im zweiten Absatz muss natürlich lauten "Nur 8 Monate, NACHDEM...."! Da stand die ganze Zeit "bevor". Das war natürlich falsch! Sorry! >.< Das ist mir erst jetzt aufgefallen. Habs geändert.



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    Kapitel 3


    Es war bereits dunkel, als Enrico seinen schwarzen BMW auf einem freien Parkplatz vor seiner Wohnanlage parkte, das Hochhaus betrat und mit dem Fahrstuhl in den 21. Stock hinauf fuhr. Von hier oben hatte man einen wunderbaren Blick über ganz Tokio. Wenn man aus dem Fenster schaute, hatte man das Gefühl, über allem zu schweben. Ja, fast schon zu fliegen. Frei wie ein Vogel zu sein. Das Gefühl hatte einen enorm hohen seelischen Wert und genau deshalb fühlte er sich auch so wohl in dieser Wohnung, die so weit oben über der Stadt zu schweben schien. Er betrat die geräumige 3-Raum-Wohnung, zog seine Schuhe aus und ging dann ins Wohnzimmer, welches direkt gegenüber vom Eingang lag. Das Wohnzimmer war in elegant-sterilem weiß gehalten. Hier und da setzten ein paar schwarze Geräte, wie z. B. der große LCD-Fernseher, der Computer oder die Stereoanlage schwarze Akzente. Das bildete einen guten Kontrast zu dem vielen weiß. Viele Pflanzen und einige Bilder an der Wand sorgten für die nötigen Farbtupfer. „Hallo Bruderherz! Wie wars auf Arbeit?“. Ein Mädchen mit blonden, langen Haaren hatte es sich auf der Couch gemütlich gemacht und schaute im Fernsehen gerade eine Zeichentrickserie. Anime, wie es in Japan genannt wurde. „War soweit okay. Wenigstens mal nicht ganz so stressig wie sonst!“, entgegnete er seiner Schwester. „Und wie wars bei dir in der Schule?“. „Wir haben heute eine Schulaufgabe zurück bekommen. 84 Punkte“. Das freute den großen Bruder.

    Nur 8 Monate, nachdem Enrico mit seinem Onkel und seiner Tante nach Japan gekommen war, starben sie bei einem Verkehrsunfall. Ein harter Schicksalsschlag, der seiner Psyche bei weitem nicht gut tat. Serenity, seine kleine Schwester, war nun das einzige Familienmitglied, das ihm noch geblieben war. Enrico war kurz vor dem Unfall gerade 18 Jahre alt geworden. Serenity war ganze 7 Jahre jünger als er, so dass er die Verantwortung für seine Schwester übernehmen musste, was zu Beginn eine harte Herausforderung darstellte. Wie sollte man sich auch um ein Kind kümmern, wenn man so sehr mit sich selbst zu kämpfen hatte? Aber sie war ein Grund, am Leben zu bleiben. Sein Leben hatte damals jeglichen Sinn verloren. Was sollte er in einem fremden Land anfangen, wo er kaum jemanden kannte? Seine Eltern waren tot, sein Onkel und seine Tante waren tot. Er war weit weg von seiner eigentlichen Heimat. Er war sich sicher, dass er heute nicht mehr leben würde, wenn es nicht Serenity gegeben hätte. Und es wäre durchaus bald soweit gekommen, dass es Serenity niemals gegeben hätte. Als sich damals das Familiendrama ereignete, war Enrico’s Mutter gerade mit dem zweiten Kind schwanger. 7. Monat. Im Krankenhaus konnten die Ärzte der Mutter nicht mehr helfen. Zu schwer waren die Kopfverletzungen, die sie sich beim Sturz von der Treppe zugezogen hatte. Lediglich das Baby konnten die Ärzte retten. Und Enrico war froh und dankbar, dass sie überlebte. Okay, sie trug auch SEINE Gene in sich. Die Gene desjenigen, der diese Familie zerstört hatte. Und Enrico wäre es lieber gewesen, diese Gene auszurotten. Zu groß war die Angst davor, selbst einmal genau so zu werden wie sein Vater. Oder ein Kind in die Welt zu setzen, das später mal so werden würde. Das war auch der Grund, warum er sich geschworen hatte, niemals Vater zu werden. Serenity hingegen war da anders. Sie träumte von einer großen Hochzeit, am liebsten wollte sie mit einer Kutsche abgeholt werden. Und sie wollte eine große, glückliche Familie mit vielen Kindern. Was damals wirklich zum Tod ihrer Eltern geführt hatte, hatte ihr großer Bruder ihr nie erzählt. Er hielt es für das Beste, ihr die Wahrheit zu verschweigen. Es reichte durchaus, dass er selbst noch heute darunter zu leiden hatte. Selbst heute noch, wo er doch inzwischen 21 Jahre alt war. Erwachsen. Die Alpträume ließen ihn einfach nicht los. Immer und immer wieder träumte er davon. Träumte davon, dass seine Mutter doch noch leben würde. Dass die Ärzte ihn damals nur angelogen hätten und sie auf einmal vor ihm stehen und ihn anlächeln würde. Er wusste ganz genau, dass das niemals passieren würde.


    Serenity war inzwischen 14 Jahre alt. Kam also so langsam in das Alter, wo Mädchen begannen, sich für Jungs zu interessieren, vielleicht sogar schon den ersten Freund hatten. Das machte Angst. Um nicht zu sagen löste es fast schon Panik aus. Was wäre, wenn ihr das gleiche Schicksal wiederfahren würde wie ihrer Mutter? Enrico wusste ganz genau, dass er noch einen Verlust eines geliebten Menschen nicht verkraften würde. Und Männer konnten unberechenbar sein. Serenity war hübsch. Sehr hübsch. Und das wusste Enrico nur zu gut. Sie sahen sich ähnlich. Sie hatten beide blonde Haare. Beide diese leuchtend himmelblauen Augen. Dass sie zur Hälfte japanischer Abstammung waren, sah man beiden optisch gar nicht an. In diesem Fall hatten sie eindeutig die Gene dieses Monsters geerbt und besonders Enrico hasste diese Gene. Denn je älter er wurde, umso ähnlicher wurde er seinem Erzeuger. Und das machte zusätzlich Angst. Angst davor, dass er seinem Vater nicht nur optisch ähnlich war, sondern auch charakterlich. Er konnte leicht an die Decke gehen. Sehr leicht. Aggressionen waren eine Zeit lang ein gutes Mittel, um mit dem inneren Druck klar zu kommen, der sich in ihm aufgebaut hatte. Aber er richtete seine Aggressionen nie gegen Menschen. Niemals. Das hatte er sich auf ewig geschworen. Dass er niemals, und zwar wirklich niemals, einen Menschen angreifen würde. Denn dann wäre er auch nicht besser als die Person, die er am meisten hasste. Der einzige Mensch, gegen den er seine Aggressionen ernsthaft gerichtet hatte, lebte schon lange nicht mehr. Schlussendlich richtete er seine Aggressionen also entweder gegen Gegenstände, oder auch gegen sich selbst. Im Prinzip hatte er damit gegen seine eigenen Vorsätze verstoßen, denn er war ja selber auch ein Mensch. Aber was er mit seinem eigenen Körper anstellte, war seine Sache. Das war niemand anderes, sondern er selbst. Das war etwas anderes. Zumindest war das die Entschuldigung, mit der er sich vor sich selbst dafür rechtfertigte, was er tat. Und sich selbst Schmerzen zuzufügen hatte schlussendlich den gleichen Effekt, als wenn er auf jemand anderes los gegangen wäre. Er empfand es sogar als eine noch größere Erleichterung. Er hasste sich selbst abgrundtief. Eigentlich hatte er es ja auch nicht anders verdient, als für das bestraft zu werden, was er getan hatte. Immerhin war er doch der Grund für die häufigen Ausraster seines Vaters. Und der Grund für das, was schlussendlich die Familie zerstört hatte. Er hatte es nicht anders verdient. Da war er sich sicher. Und dennoch, obwohl das eine enorme Erleichterung verschaffte, wusste er irgendwo doch, dass es falsch war. Es erlöste ihn zwar von seinen inneren Qualen, aber immer nur kurzfristig. Früher oder später kam der Druck zurück. Und dass es ihn nur selbst zerstörte, wurde ihm mit der Zeit auch klar. Was anfangs als das Allheilmittel gegen Depressionen, Selbsthass und inneren Druck galt, entpuppte sich sehr bald als ein Teufelskreis, der nur noch mehr Leid mit sich brachte und aus dem man so einfach nicht wieder heraus kam. Im Prinzip war es also nichts weiter als Suchtverlagerung. Wegen von den Drogen, hin zur Selbstverletzung. Eigentlich hätte er wohl dringend eine Therapie gebraucht. Im Kindesalter war er zwar oft bei Kinder- und Jugendtherapeuten – gezwungen durch seinen Onkel und seine Tante – aber gebracht hatte es ihm nichts. Eher im Gegenteil. Das Leid schien heute noch größer zu sein als damals. Immer wieder die quälende Frage nach dem „Warum“, auf die er schlussendlich doch keine andere Antwort fand, als die Schuld bei sich selbst zu suchen. Und er war sich sicher, dass kein Therapeut dieser Welt ihm seine Fragen beantworten konnte. Es gab einfach gewisse Dinge, die man nicht erklären konnte. Die kein Mensch der Welt erklären konnte. Warum also eine Therapie beginnen, wenn es von Anfang an klar war, dass er nicht das bekommen würde, was er wollte?

    Enrico öffnete die Balkontür, setzte sich auf einen der Stühle und zündete sich erst mal eine Zigarette an. Das half auch ein bisschen. Hinsetzen, rauchen, dabei tief ein- und ausatmen, sich voll und ganz aufs Rauchen konzentrieren. Das lenkte zumindest ein paar Minuten vom Kopfkino ab.

    „Ich will morgen nach der Schule noch mit ein paar Freundinnen shoppen gehen“, rief Serenity ihrem Bruder aus dem Wohnzimmer zu. Enrico musste unweigerlich lachen. „Lass mich raten. Du brauchst Geld?“. „Nein. Ich wollte nur wissen, ob du was dagegen hast!“, war ihre Antwort. „Was sollte ich denn dagegen haben? Wenn du mit den Hausaufgaben hinterher kommst, ist das okay“. Enrico ließ seiner Schwester viele Freiheiten. Er wusste, dass sie vernünftig war und keine Dummheiten anstellte. Und außerdem war er, obwohl er die Verantwortung für sie hatte, nicht ihr Vater, sondern immer noch der Bruder. Warum sich also wie ein strenger Vater aufführen, wenn er diese Rolle gar nicht inne hatte? „Dann mach aber nicht mehr so lange, okay?“. „Nein, mach ich nicht. Ich guck das nur noch zuende und geh dann schlafen“.

    Der nächste Morgen verlief ziemlich stressig. Verschlafen hatte er zwar nicht, aber sein Vorgesetzter hatte ihn schon eine Stunde zu früh aus dem Bett geklingelt, weil es einen Mordfall gab, in dem er die Ermittlungen leiten sollte. Er war immerhin General und hatte damit einen hohen Posten, der viel Verantwortung verlangte. Das war zwar eigentlich Aufgabe der Polizei, aber seit es vor einem Jahr zu Streit in der Politik wegen mangelnder Anzahl an Polizeibeamten kam, hatte man sich dazu entschieden, einen Teil der Soldaten, die im Innland blieben, unterstützt zur Polizei einzusetzen. Das sparte immerhin eine Menge Geld, weil man so nicht die Anzahl an freien Stellen bei der Polizei aufstocken musste. Eine neu ausgeschriebene Stelle bedeutete auch zeitgleich immer eine höhere Ausgabe des Staates. Und Geld war weltweit etwas, das gerne mal als Mangelware bezeichnet wurde. Die meisten Soldaten hatten sich tierisch darüber aufgeregt. Immerhin waren sie Soldaten und keine Polizisten. Viele der Soldaten, die ihren Arbeitstag eigentlich mal auf Schießanlagen, in Wäldern und auf extra eingerichteten Übungsplätzen verbrachten, wurden ins Büro verdonnert und hatten plötzlich Aufgaben zu erledigen, für die sich nie ausgebildet worden waren. Zudem hatten sie auf einmal viel mehr Arbeit zu erledigen als vorher, denn die Arbeit, die sie in ihrer Funktion als Soldaten erledigten, hatten sie auch weiterhin zu erledigen. Sie bekamen zwar mehr Geld dafür, aber schlussendlich war es dennoch Vatter Staat, der sich gierig die Hände rieb, weil es so mehr Einsparungen gab. Hier und da gab es zwar Schulungen, in denen den murrenden Herrschaften alles nahe gelegt wurde, was sie wissen mussten, aber die meisten erledigten ihre neue Aufgabe nur mit Widerwillen. Enrico war auch einer von denen, die mit der neuen Regelung überhaupt nicht einverstanden waren. Zumal er einer von denen war, die das große Los gezogen hatten und fortan zusätzlich zur alten Aufgabe auch noch Polizeiarbeit zu erledigen hatten. In störte dabei jedoch weniger die Arbeit als die Tatsache, dass er nun die gleiche Tätigkeit ausübte wie auch sein Erzeuger. Alternativ zur Bundeswehr hätte er sich grundsätzlich zwar auch von vornherein für den Polizeidienst zur Verfügung gestellt, aber das bedeutete zeitgleich wieder, dem Monster ähnlicher zu sein, als er wollte.

    [FONT=&quot]Solche Tatorte boten in der Regel einen Anblick, der mit Sicherheit nichts für schwache Nerven war. Trotz seiner psychischen Instabilität gelang es Enrico jedoch erstaunlich gut, die Anblicke, die sich ihm boten und die dazu gehörigen Geschichten von seiner eigenen Vergangenheit zu trennen. Kaum hatte der Chef das Gespräch beendet, wählte Enrico die Nummer seines besten Freundes Hattori. Er war nicht nur in Ausbildungsangelegenheiten sein Stellvertreter, sondern auch bei allen anderen Tätigkeiten. Die beiden waren ein eingespieltes Team und jeder wusste, dass er sich auf den anderen blind verlassen konnte. „Meine Fresse, können die sich nicht mal nen besseren Zeitpunkt aussuchen?“, war Hattoris genervte und zudem makabere Antwort auf das, was Enrico ihm am Telefon erzählte. „Wenns nach mir ginge, könnte man so was komplett abschaffen. Ich hab auch keinen Bock darauf, so früh schon gleich an einen Tatort gerufen zu werden. Aber was hilfts? Los, raff dich auf! Wir treffen uns dort!“. Er gab seinem Freund noch kurz die genaue Fundstelle mit, legte dann auf, zog sich im Eilverfahren an und war auch schon zur Tür verschwunden. So ganz wohl war ihm dabei jedoch nicht, wenn er daran dachte, was ihn wohl heute wieder erwarten würde.[/FONT]


    - Ende Kapitel 3 -

    [center][SIZE=3][FONT=&amp]&#12378;&#12387;&#12392;&#24536;&#12428;&#12394;&#12356;&#12424;[/FONT]
    [/SIZE]Ich werde es niemals vergessen

    Den blauen Himmel und dich

    [SIZE=3][FONT=&amp]&#38738;&#12356;&#31354;&#12392;&#21531;&#12398;&#12371;&#12392;[/FONT][/SIZE]
    [/center]

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  • Und noch gleich eins hinterher. Ich bin grad voll im Schreibwahn und werde das 5. Kapitel auch gleich noch anfangen. ^^


    Das Kapitel umfasst stolze 5 Word-Seiten. Ist somit also das bisher Längste.


    Ich würde mich nach wie vor über ein Feedback freuen! ;)


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    Kapitel 4


    „Guuuuten Morgeeeeeeen“, rief Hattori fröhlich, als er sich mit Enrico am Einsatzort traf. „Wie kannst du so früh am Morgen schon so gute Laune haben?“, fragte Enrico genervt. „Wie kannst du bitte ständig so schlecht gelaunt sein?“, war die Gegenfrage dazu. Eigentlich war es makaber, fast schon unwürdig und eine Frechheit, dass Hattori hier an diesem Ort so gut gelaunt war, obwohl er ganz genau wusste, was hier geschehen war. Nun gut, sooo genau wusste er es nun auch nicht. Aber zumindest wusste er, dass man hier einen Menschen tot aufgefunden hatte. Jemand, der scheinbar einem Verbrechen zum Opfer gefallen war. Das war definitiv kein Grund, um gute Laune zu haben.

    Das Prozedere war eigentlich immer das selbe. Opfer ansehen, sich ein Bild vom Tatort machen, nach dem aktuellen Ermittlungsstand fragen, erste Spuren auswerten, anschließend ins Büro, einen Bericht verfassen, zur Gerichtsmedizin fahren, sobald der Anruf kam, dass man dort mit der Obduktion fertig war, auf weitere Ermittlungsergebnisse und verwertbare Spuren warten, wieder einen Bericht schreiben und so weiter. Japan war nicht unbedingt für eine hohe Kriminalität bekannt. Aber Verbrechen gab es auch hier, wenn auch zum Glück nicht so viele wie in anderen Teilen der Erde. Wenn man so etwas aber sah, kam man in den meisten Fällen gar nicht drum, sich zu fragen „Was wäre, wenn ich die Person kennen würde?“. Ein schrecklicher Gedanke.

    Nachdem am Tatort alles erledigt war, was man zu diesem Zeitpunkt erledigen konnte, fuhren Sato und Hattori nach Shibuya ins Büro. Dort angekommen setzten sie sich erst mal zu Sato ins Büro. Nur kurz einen Moment abschalten. Das, was sie gerade gesehen hatten, sacken lassen. Ein bisschen Distanz gewinnen. Konkret hieß das „Beamtenfrühstück“. Kaffee, ne Zigarette und Zeitung lesen. In den meisten Fällen gesellte sich auch Misaki dazu. Die Glückliche hatte nichts mit dem ganzen Polizeikram zu tun, den die Jungs zu erledigen hatten, da sie keine Soldatin war, sondern eine kaufmännische Ausbildung bei der Bundeswehrverwaltung absolviert hatte. Ihre beruflichen Feinde waren Akten, Diktiergeräte, die mit besprochenen Bändern gefüllt waren und jegliche andere Art an Papier. Das klang im ersten Moment zwar nach einer einfachen Tätigkeit, aber wenn sich die Aufgaben häuften, konnte auch das zu echtem Stress werden. Heute saß sie jedoch in einer Besprechung. Es war Dienstag. Der Tag, an dem sich das ganze Referat im Besprechungsraum traf und über alles das sprach, was gerade aktuell war. Sato und Hattori hätten daran eigentlich ebenso teilnehmen müssen, allerdings kam ihnen ja nun ein Fall dazwischen und die Besprechung war eh in 5 Minuten zuende. Da gerade das neue Ausbildungsjahr begonnen hatte, wurde auch besprochen, wohin die Übungsfahrt, wie sie es nannten, dieses Jahr gehen sollte. Bei dieser Fahrt kamen nur die Azubis des dritten Lehrjahres mit. Es ging grundsätzlich ins Ausland. Dort tat man sich mit anderen Soldaten zusammen und übte gemeinsam für den Ernstfall. Hier mussten auch die Frauen mit, die eigentlich eine kaufmännische Ausbildung absolvierten. Das war einfach Pflicht für jeden. Die Frauen würden zwar die meiste Zeit ihres Lebens im Büro verbringen, aber es war gut möglich, dass sie auch mal mit ins Ausland versetzt wurden, um dort Schreibarbeiten zu erledigen und mit der Behörde in Japan in Verbindung bleiben mussten. Dazu war es wichtig, sehr wichtig sogar, dass sie wussten, wie sie sich im Ernstfall zu verhalten hatten und wie sie sich gegen feindliche Übergriffe wehren konnten. Für viele Frauen war das die anstrengenste Zeit in der ganzen Ausbildung, obwohl sie von Beginn an wussten, was sie erwarten würde.

    Es dauerte auch nicht lange, bis es an der Tür klopfte und Misaki vorsichtig den Kopf zur Tür rein steckte, um sich erst mal davon zu überzeugen, dass sie nicht gerade störte. Dem war nicht so, also trat sie ein und begrüßte „ihre Jungs“ freundlich. „Hab schon gehört, dass es wohl wieder einen Mordfall gegeben hat. War’s denn sehr schlimm?“, erkundigte sie sich und klang sichtlich besorgt. „Nee, war halbwegs erträglich. Gab schon schlimmere Fälle“, war Hattoris Antwort. Das bedeutete zwar nicht, dass das, was sie gesehen hatten, ein schöner Anblick gewesen war, aber es hätte eben auch schlimmer kommen können. „Wie war’s denn in der Besprechung? War was interessantes dabei?“. Misaki lächelte. Es war ihr deutlich anzusehen, dass es scheinbar eine große Neuigkeit gegeben hätte und dass es ihr regelrecht unter den Nägeln brannte, diese Neuigkeit an die Jungs weiter zu tragen. „Ja, es war tatsächlich sehr interessant. Unser werter Referatsleiter hat verkündet, wohin wir dieses Jahr mit den Azubis vom dritten Jahr fahren werden.“ Sie machte eine Pause, um den Moment noch spannender zu machen. Es war immerhin für alle Beteiligten sehr spannend zu erfahren, welches Land sie in diesem Jahr kennen lernen würden. „Das dürfte vor allem für dich interessant werden, Enrico!“, strahlte sie ihren blonden Freund an und konnte es kaum erwarten, es ihm endlich zu sagen. Sato hingegen dämmerte es schon und wenn er an Gott geglaubt hätte, hätte er ihn in diesem Moment darum angefleht, dass Misaki nicht das sagen würde, was er glaubte. „Halt dich fest! Wir fliegen nach Deutschland! Nach Berlin! Ist das nicht toll???“. „Ähm... ja.... das ist toll“, entgegnete er ihr und versuchte gequält zu lächeln und sich nicht anmerken zu lassen, was ihm wirklich durch den Kopf ging. „Das muss doch unheimlich spannend sein, nach 4 Jahren da wieder hin zu fahren. Du bist doch in Berlin geboren und hast dort gewohnt, stimmt’s?“. Er musste ihr unweigerlich Recht geben. Damit war das Gespräch für ihn auch sogleich wieder beendet und er lenkte sofort wieder zu dem aktuellen Fall, den er mit Hattori zusammen übernommen hatte. „Wir müssen noch den Bericht schreiben. Wir sollten uns so langsam wohl doch mal ran halten!“, sagte er und wandte sich dabei an Hattori, der ihm zustimmte. „Okay, dann will ich euch mal auch nicht weiter aufhalten. Wollt euch nur die frohe Botschaft überbringen.“. Misaki setzte ihr schönstes Lächeln auf, verabredete sich noch mit ihren beiden Freunden zum Mittagessen und verließ das Büro. Sato machte sich sofort an den Bericht, den er zu schreiben hatte. Das war gerade eine gute Ablenkung von dem, was er gerade erfahren hatte. „Deutschland. Berlin. Bloß nicht Berlin“, ging es ihm durch den Kopf. Aber er behielt seine Gedanken für sich. Hattori hätte mit Sicherheit nachgefragt und das war nach dem, was Sato heute morgen schon gesehen hatte, gerade so ziemlich das Letzte, was er gebrauchen konnte.

    Der Hunger führte Misaki und Hattori in der Mittagspause in eine Sushi-Bar. Als Japaner musste man das Zeug einfach lieben. Sato hatte sich einfach mitschleifen lassen, obwohl Hunger so ziemlich das Letzte war, was er empfand. Überhaupt war essen nicht gerade seine Hauptbeschäftigung. Neben dem Stress, den er hatte, was das in jedem Fall der Hauptgrund dafür, dass er so dünn war. Während Misaki und Hattori es sich schmecken ließen, saß er nur so da und starrte auf die in Algen gerollten Reiskörner, die sich vor ihm auf einem viereckigen Teller befanden. „Was ist los mit dir? Willst du gar nichts essen?“, fragte Misaki und klang wie immer sehr besorgt. „Hab keinen Hunger“, war die kurze und knappe Antwort darauf. „Aber du musst doch was essen.“. Misaki klang manchmal wirklich mehr so, als wäre sie seine Mutter und nicht eine Freundin. „Ja, Mami“. Er hasste es, wenn sie ihn so bemutterte. Ihm war selbst klar, dass sein Essverhalten nicht gerade das Gesündeste war, aber er hasste es dennoch, wenn Misaki so mit ihm redete. Als ob er ein kleines Kind wäre. Er war kein Kind mehr. Und er war verdammt froh drum. Widerwillig kaute er auf dem Sushi rum. Etwas zu essen, wenn man überhaupt keinen Hunger hatte, war so ziemlich das abartigste, was er sich vorstellen konnte. Es fiel ihm unheimlich schwer, das Zeug runter zu schlucken. Aber das war trotzdem immer noch einfacher, als von den Gedanken los zu kommen, die in seinem Kopf rumgeisterten, seit Misaki ihm heute morgen diese Nachricht überbracht hatte.

    „Wir fliegen nach Deutschland! Nach Berlin!“. Immer wieder dieser Satz in seinen Ohren. Immer wieder ihr fröhliches Lächeln dazu. Das war kein Grund, fröhlich zu sein. Das war es bei weitem nicht. Er hatte Angst. Pure Angst. Angst davor, wieder an dem Ort zu sein, der mit Sicherheit wieder Erinnerungen in ihm wach rufen würden, die er nicht haben wollte. Es war hier in Japan schon schlimm genug, wenn sich die Erinnerungen heimlich, still und leise wie ein Dieb in sein Gehirn schlichen und dort seinen Verstand ausraubten. Aber wenn er nun wieder dort sein würde, an dem Ort, an dem das alles passiert war – das würde um Längen schlimmer werden.

    Der Tag verging scheinbar überhaupt nicht. Sato musste sich zusammen reißen, um seine Arbeit erledigen zu können und nicht immer wieder von seinen Gedanken abgelenkt zu werden. Er war heilfroh, als er endlich Feierabend machen und nach Hause fahren konnte. Das Angebot, nach der Arbeit noch gemeinsam was mit seinen Freunden zu unternehmen, lehnte er ab. Er wollte alleine sein. Er musste alleine sein. Brauchte Zeit zum nachdenken. Zeit, seine Gedanken zu sortieren.

    Kaum, dass er zuhause die Wohnungstür hinter sich schloss, piepste sein Handy und meldete den Eingang einer SMS. „Hallo Bruderherz, darf ich heute bei Emi übernachten?“. Er antwortete kurz und knapp mit „Ja“. Das passte gut. Sehr gut sogar. So konnte er sich in Ruhe mit sich selbst beschäftigen. Das war nach wie vor dringend notwendig. Er betrat das Wohnzimmer und ging die Treppe hinauf, die sich in der hintersten Ecke des Wohnzimmers befand. Die Treppe führte zu einer Art Atelier. Hier oben befand sich nichts weiter als ein Bett und ein paar Schränke. Der ideale Ort, um Besuch zu verstauen, der über Nacht bleiben wollte. Die Fenster reichten von der Decke fast bis runter zum Boden. Die Fensterbretter, die breit genug waren, um bequem drauf sitzen zu können, waren auf Kniehöhe angebracht. Nun gut, ein Fensterbrett war eigentlich nicht zum drauf sitzen gedacht, aber wen störte das schon? Enrico setzte sich auf eins der Fensterbretter, zog die Knie zum Kinn und lehnte sich gegen die Wand. Kalt war sie. Aber das störte ihn herzlich wenig. Er blickte auf ganz Tokio hinab. Bis zum Horizont schien es ewig weit zu sein. Ein schöner Anblick. Der Abendhimmel, der sich in seinen schönsten Rot-, Gelb- und Orangetönen präsentierte, machte den Anblick noch viel schöner. Es hätte sogar richtig romantisch sein können. Hätte. Wenn da nicht diese Gedanken im Kopf gewesen wären. Er stellte sich ständig die Frage, wie er es schaffen sollte, nicht durch zu drehen. Und wenn doch, wie er es schaffen sollte, das vor Misaki und Hattori, vor allem aber vor den Azubis des dritten Lehrjahres geheim zu halten. Denn die würden ihn auf Schritt und Tritt begleiten, so wie es immer war, wenn sie zum Training im Ausland waren.

    Er galt als ein sehr kompetenter Mitarbeiter. Und das war er auch. Das war er wirklich. Er wurde oftmals für seine schnelle Auffassungsgabe, seine logischen Schlussfolgerungen und für seinen kompetenten Umgang mit Problemfällen gelobt. Er war ein unentbehrlicher Mitarbeiter für die Bundeswehr – und auch für die Polizei – geworden. Und genau so unentbehrlich war die Arbeit auch für ihn. Er hatte eine Aufgabe. Eine sinnvolle Aufgabe. Er half vielen Menschen, die in Not waren. Und wenn es für die in Not geratenen Menschen keine Hilfe mehr gab, sorgte er dafür, dass der Schuldige dafür zur Rechenschaft gezogen wurde. Sein Leben hatte einen neuen Sinn, seit er diesen Beruf ausübte. Und das hatte er sich alles ganz alleine aufgebaut. Er war ganz alleine so weit gekommen. Ohne fremde Hilfe. Er hat es aus eigener Kraft geschafft. Und das tat gut. Das tat verdammt gut. Sein Job war ihm unheimlich wichtig und umso wichtiger war es demnach auch, dass niemand etwas mitbekommen würde. Nun gut, seine beiden besten Freunde wussten natürlich Bescheid und er brauchte sich auch keine Gedanken zu machen, dass sie ihn verpetzen würden und ihn unterstützen würden, wenn er es brauchte. Aber er wusste auch, dass es sie belasten würde. Vor allem Misaki. Und er wollte sich auch nicht wieder die Blöße geben und zugeben, dass er nach wie vor mit seiner Psyche zu kämpfen hatte. Zwar nicht mehr so schlimm wie noch vor 4 Jahren, aber trotzdem noch schlimm genug, um ordentlich darunter zu leiden. Auf andere wirkte er immer wie der coole Typ, dem man nichts anhaben konnte. Jemand, auf den man bauen konnte. Jemand, der stark war und mit beiden Beinen im Leben stand. Im Prinzip traf das ja auch zu – wenn da nur nicht die Psyche wäre. Die konnte ihn den Kopf kosten. Oder, konkreter gesagt, seinen Job. Seinen Lebensinhalt. Er stand mächtig unter Druck. War nun eindeutig gezwungen, seine Vergangenheit vom Beruflichen zu trennen. Er würde doch immerhin aus beruflichen Gründen nach Deutschland fliegen. Irgendwas musste er sich einfallen lassen. Und zwar dringend. Nur noch 2 Monate, dann würde es schon los gehen. Und dann würde er ganze 4 Wochen in der Heimat sein. Ein komisches Gefühl. Ein Gefühl, das Angst machte. Sehr viel Angst. Es hing so viel davon ab. Er musste sich einfach zusammen reißen. Nur wie? Und was, wenn es nicht klappte? Am liebsten hätte er sich davor gedrückt, mit in den Flieger Richtung Europa zu steigen. Aber mit welcher Begründung hätte er sagen sollen, dass er nicht mitfliegen würde? Sollte er sich krank melden? Das wäre feige.

    Wie er es auch drehte und wendete – er sah sich eindeutig in der Zwickmühle. Das trieb die innere Anspannung nur noch mehr in die Höhe. Seine ganze berufliche Zukunft konnte davon abhängen. Ein falsches Wort, eine falsche Reaktion. Es könnte alles zerstören. Dann wäre alles das, wofür er gekämpft hatte, umsonst gewesen. Die ganze Mühe, die ganze Arbeit.

    Dann kam ihm ein anderer Gedanke. SIE. Seine langjährig beste Freundin. Diese eine, die er immer noch so sehr liebte und die er schon seit 4 Jahren nicht mehr gesprochen, geschweige denn sogar gesehen hatte. Er brauchte nicht groß zu rechnen, um raus zu kriegen, dass sie jetzt 17 war. 4 Jahre jünger als er. Sie wohnte auch in Berlin. Und er wusste auch noch ganz genau, wo! Vorausgesetzt, sie wohnte dort noch immer. Möglich, dass sie inzwischen umgezogen war. Ihm kam der Gedanke, eventuell mal dort vorbei zu schauen. Wenn er schon mal in Berlin war, musste er sie einfach sehen. Oder es zumindest versuchen. Vielleicht wohnte sie ja auch schon in einer ganz anderen Stadt? Woher sollte er das wissen? Was wäre denn überhaupt, wenn er sie wirklich treffen würde? Was sollte er ihr dann sagen? „Hey, bin mal grad zufällig in der Gegend und wollte nur mal gucken, wie’s dir geht“??? Das war idiotisch. Eigentlich wusste er ganz genau, was er ihr sagen wollte. Dass er sie liebte. Mehr als alles andere auf der Welt. Und dass er mit ihr zusammen sein wollte. Dass er sich nach ihr sehnte und sie vermisste. Jeden Tag an sie dachte. Ja. Das hätte er ihr gerne gesagt. Aber war das richtig? Wohl kaum. Inzwischen hatte sie bestimmt einen Freund und war glücklich mit ihm. Immerhin war sie längst alt genug. Und sie war wirklich süß. Er war mit Sicherheit nicht der Einzige, der sie süß fand. Da gab es bestimmt noch viele andere. Und einen davon hatte sie jetzt bestimmt. Mit welcher Begründung hätte sie sich auf keinen Freund nehmen sollen? Und selbst WENN sie keinen Freund hätte, wäre es idiotisch, ihr was von Liebe zu erzählen. Sie wohnte in Deutschland. Und sein Leben spielte sich seit 4 Jahren hier ab. In Japan. Etliche 1000 Kilometer weit entfernt. Selbst WENN sie also keinen Freund hätte und selbst WENN sie seine Gefühle erwidern SOLLTE... eine Beziehung auf diese Entfernung hatte definitiv keine Zukunft. Was hätte er also davon gehabt, es ihr zu sagen? Okay, sie hätte es gewusst. Aber was hätte das geändert? NICHTS. Er hätte es ihr auch schon damals sagen können, als sie sich am Flughafen voneinander abschieden mussten und sie bitterlich geweint hat. Aber er konnte es nicht. Und er hielt es auch nicht gerade für die beste Idee, ihr seine Liebe zu gestehen, wo beide ganz genau wussten, dass sie sich wohl nie wieder sehen würden. Und die Situation war heute auch nicht anders als damals. Er wusste ganz genau, dass er nur 4 Wochen in Berlin sein würde. 4 Wochen, die erst wie eine Ewigkeit klingen, dann aber wie im Flug vergehen.

    Da war er wieder. Der Konflikt zwischen Verstand und Herz, in dem keiner von beiden nachgeben wollte. Das Herz brüllte regelrecht danach, sie aufzusuchen. Ihr von seinen Gefühlen zu erzählen. Sie im Arm zu halten, zu streicheln und zu küssen (und noch ganz andere Sachen mit ihr zu machen). Der Verstand hingegen ermahnte ihn zur Vernunft. Seine Gefühle im Griff zu behalten. Das Leid wäre nur vorprogrammiert. Spätestens dann, wenn es wieder hieß, Abschied zu nehmen. Er hatte im Prinzip die Wahl der Qual. Versuchen, sie zu finden und, wenn es so werden würde, wie er hoffte, ein paar schöne Tage miteinander zu verbringen, hinterher aber wieder unter der Trennung zu leiden oder aber es gar nicht erst zu versuchen und weiterhin unter der Sehnsucht nach ihr zu leiden. Er ging schon davon aus, dass sie noch in Berlin wohnte. Dass sie vielleicht zwar umgezogen war, aber nur innerhalb der Stadt. Alleine der Gedanke daran, in der selben Stadt zu sein wie sie war in Anbetracht der Situation schon quälend genug. Ihm bot sich gerade eine Gelegenheit, die er so schnell nicht wieder bekommen würde. Aber in Anbetracht der Situation war das eher schlecht, obwohl es, wenn man die Umstände mal außen vor lässt, eigentlich sogar ein erfreuliches Ereignis sein könnte. Aber er konnte sich nicht freuen. Er konnte sich überhaupt nicht freuen. Er schwankte zwischen Wut, Verzweiflung und Traurigkeit. Was verdammt noch mal hatte er eigentlich getan, dass ihm das Schicksal immer wieder so übel mitspielte?

    Das Gefühlschaos war, gepaart mit den Gedanken, die sich daraus ergaben, kaum noch zu ertragen. Es reichte. Es reichte einfach. Irgendwann musste diese verdammte Scheiße doch mal aufhören. Wie lange sollte das noch so weiter gehen? Wut machte sich breit. Endlose Wut. Er verfluchte alles. Einfach alles. Alles, was seiner Meinung nach dazu beigetragen hatte, dass er sich jetzt in dieser Situation befand. Und alles, was daran überhaupt keine Schuld hatte, auch. Er verfluchte sich. Er verfluchte sein Leben. Er verfluchte sich dafür, dass er diese Gedanken und die Gefühle nicht einfach unterbrechen konnte. Er hasste sich und sein Leben. In seiner Wut ballte er die Hände zur Faust zusammen. Schlug mit der rechten Faust immer und immer wieder gegen die Wand. So lange, bis der Schmerz endlich im Gehirn ankam und die Gedanken und Gefühle bei Seite drängte. Seine Hand tat weh. So weh, dass er die Finger kaum noch bewegen konnte. Es dauerte nicht lange, bis die Knöchel grün und blau wurden und seine schmalen Finger immer dicker wurden. Aber es tat gut. Es tat so verdammt gut. Die Gedanken waren weg. Ganz plötzlich. Das Gehirn war nur noch damit beschäftigt, Schmerzen zu melden. Er spürte nichts mehr. Keine quälenden Gedanken. Keine Gefühle, die er nicht im Griff hatte. Da war nur noch Leere in ihm. Leere, die so verdammt gut tat.

    In diesem Moment zählte nichts weiter, als die Gedanken und Gefühle los zu werden. Dass er diese Tat sehr bald bereuen würde, daran dachte er im Moment noch nicht.


    [FONT=&quot]- Ende Kapitel 4 -[/FONT]

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    Den blauen Himmel und dich

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  • Kapitel 5


    Seine Hand sah am nächsten Morgen noch viel schlimmer aus als am Abend zuvor. Finger und Knöchel waren völlig angeschwollen und waren sich scheinbar nicht einig, welche Farbe sie nun annehmen sollten. Die Knöchel zeigten sich in den verschiedensten Farben, die man sich nur denken konnte. Das würde definitiv auffallen. Eigentlich müsste er damit zum Arzt. Die Finger konnte er keinen Millimeter mehr rühren, ohne dass es ihm höllische Schmerzen bereiteten. Das müsste eigentlich dringend geröntgt werden. Er war zwar kein Mediziner, aber man musste auch nicht Jahre lang Medizin studiert haben, um ahnen zu können, dass die Hand wahrscheinlich gebrochen war. Nun stand er also vor einem Problem. Er musste zur Arbeit. Und er fuhr jeden Tag mit dem Auto. Auto fahren war so aber kaum möglich, denn bekanntermaßen brauchte man dazu beide Hände. Spätestens dann, wenn man einen Gang höher oder tiefer schalten musste. Und wie sollte er nun seine Arbeit bewerkstelligen? Zum tippen am Computer brauchte man ebenfalls beide Hände. Eigentlich eher die Finger. Und schreiben konnte er so auch nicht. „Selber Schuld, wenn man sich als Rechtshänder die rechte Hand kaputt haut“, sagte er in Gedanken zu sich selbst. Es war ja auch seine eigene Schuld. Er hatte sich wieder einmal mehr nicht im Griff. Er war wieder einmal mehr ausgetickt und hatte seine Wut gegen sich selbst gerichtet. Jetzt musste er auch die Konsequenzen dafür tragen. Stellte sich bloß die Frage, was er sagen sollte. Er würde definitiv darauf angesprochen werden. Na gut, darüber konnte er sich Gedanken machen, wenn er erst mal im Auto saß.

    Das Autofahren gestaltete sich wie erwartet sehr schwierig. Er fuhr einen Importwagen. Also einen, bei dem sich das Lenkrad auf der linken Seite befand. Das bedeutete unweigerlich, dass er mit rechts schalten musste. Das tat zwar ziemlich weh und er fluchte bei jedem Gang, den er wechseln musste, aber mit dem Handballen ließ sich das mehr oder weniger gut hinkriegen. Als er seinen Wagen endlich auf dem Parkplatz des Bürogebäudes geparkt hatte, betrachtete er noch mal eingehend das Drama, das er gestern angerichtet hatte. „Scheiße“. Sah wirklich übel aus. Er hatte ganze Arbeit geleistet. Er stieg aus, drückte auf den Zündschlüssel, der die Zentralverrieglung aktivierte und das Auto komplett verriegelte, versteckte seine Hand in der Jackentasche und machte sich auf den Weg ins Büro. Heute würden wahrscheinlich die ersten Ergebnisse aus der Pathologie kommen. Er würde heute wahrscheinlich erfahren, woran der Mann genau gestorben war, den sie gestern aufgefunden hatten. Er würde wieder Berichte schreiben müssen, jemanden engagieren, der den Hinterbliebenen die Nachricht überbrachte. Und dann waren da auch noch die Azubis aus dem ersten Lehrjahr, um die er sich kümmern musste. Das würde ein harter Tag werden.

    Fast schon wie ein Dieb schlich er in sein Büro. Je länger ihm keiner begegnete, umso länger musste er sich nicht auf Fragen gefasst machen. Es würde zwar zwangsläufig früher oder später so weit kommen, aber lieber später als früher. Er schaltete den Computer ein und überprüfte erst mal seine Mails. Wieder haufenweise Müll dabei. Unwichtiges Zeugs. Ein Einladung zu einer Abschiedsfeier von irgendeiner Kollegin, die er nicht kannte und die bald in Rente gehen würde, die aktuellen Nachrichten, die von der hausinternen Nachrichtenzentrale jeden Morgen in einer E-Mail zusammen gefasst wurden und an den Mailverteiler versandt wurden, hier und da ein paar Spam-Mails. Nichts wirklich wichtiges dabei. Ein Wunder. Sonst gab es eigentlich immer irgendwelche Mails, die mit „Vertraulich“ gekennzeichnet waren und deren Inhalt sehr wichtig war. Oder haufenweise Mails, die SOFORT (am besten gleich gestern) erledigt werden wollten. Heute nichts. War aber auch gut so. Wenigstens nicht gleich wieder so viel Stress.

    Eigentlich wäre er heute viel lieber zuhause geblieben. Das hätte viel Stress erspart, obwohl er schon davon ausgehen musste, dass seine Hand morgen auch nicht besser aussehen würde. Aber so hätte er vor allem wenigstens mal wieder ausschlafen können. Die Arbeit schlauchte ganz schön. Morgens früh raus. Wenn etwas passiert war und er zu einem Einsatzort gerufen wurde, konnte es auch locker mal 22 oder 23 Uhr werden, eher er nach Hause konnte. Für die vielen Überstunden, die er u. a. auch am Wochenende leistete, bekam er zwar Ausgleichstage, aber die reichten kaum zur Erholung aus. Eigentlich hätte er mal Urlaub gebrauchen können. Seit er in diesem Beruf arbeitete, hatte er noch nie richtig Urlaub gehabt. Nur hier und da eben mal ein paar freie Tage. Aber wann sollte er den Urlaub auch nehmen? Ein Mensch, der einem anderen das Leben nahm, nahm für gewöhnlich keine Rücksicht darauf, ob es Wochenende war oder nicht. In diesem Beruf musste man immer damit rechnen, dass man selbst am Wochenende mitten in der Nacht aus dem Bett geklingelt und zu einem Tatort gerufen wurde. Und so ein psychischer Ausnahmezustand wie gestern Abend tat sein übriges. Enrico fühlte sich furchtbar schlapp und müde und wäre am liebsten gleich vor seinem Schreibtisch eingeschlafen. Aber der neue Tag hatte gerade erst begonnen und selbst wenn nichts dazwischen kam, dauerte es mindestens noch 9 Stunden, eher er wieder zuhause war. 8 Stunden Arbeit + mindestens eine Stunde nach Hause. Durch Tokio zu fahren war zu jeder Tages- und Nachtzeit ein echtes Abenteuer. Die Straßen waren gerappelt voll und gerade der Berufsverkehr machte die Sache bei weitem nicht besser. Erfahrungsgemäß war die Fahrt mit den öffentlichen Verkehrsmitteln ähnlich. Man kam sich vor wie einem Viehzuchttransport. Die Menschen standen dicht an dicht gedrängelt und von draußen quetschte ein Bahnbediensteter für gewöhnlich die Mitreisenden so lange in den Zug, bis die Türen zu gingen. Atmen wurde hier eindeutig zum Luxus. Dann doch lieber der Berufsverkehr. Im Auto hatte man sehr viel mehr Platz als in den Bahnen und schneller ginge es mit der Bahn auch nicht.

    Hattori klopfte kurz an und stürmte nur einen Bruchteil der Sekunde später ins Büro. „Guuuuten Morgeeeeeeeeeeeeeeen!“. So viel gute Laune war gerade eher nervig als erheiternd. „Wie schön, dass du auch schon da bist“, entgegnete Enrico mit einem leicht ironischen Unterton. „Oh man, haben wir aber heute wieder gute Laune!“. Hattori grinste seinen Freund an. Es war für ihn schon echt verblüffend, wie ein einzelner Mensch jeden Tag so mies drauf sein konnte. „Was’n los? Haste schlecht geschlafen oder was?“. Er ahnte nicht mal ansatzweise, wie Recht er damit hatte. Die Nacht war für Enrico fast zum Horror geworden. Er brauchte Stunden zum einschlafen und kaum war er mal kurz im Land der Träume, begannen die Alpträume, von denen er sofort wieder aufwachte. Kein Wunder also, dass er so müde war. „Was gibt’s?“. Er war wirklich genervt. Er mochte Hattori eigentlich wirklich gerne. Nicht umsonst waren sie beste Freunde. Aber heute hatte er definitiv keine Lust auf Gesellschaft. „Nichts ist los. Bin grad gekommen und wollte mal horchen, was es bei dir so gibt.“ Hattori flegelte sich auf einen der freien Stühle, zündete sich eine Zigarette an und starrte seinen Freund erwartungsvoll an. „Bei mir gibt’s auch nichts Besonderes“. Das war gelogen. Aber die Wahrheit würde noch früh genug ans Licht kommen. „Willst du keine rauchen?“, wollte Hattori wissen und forderte seinen Freund mit dieser Aussage auch gleichzeitig dazu auf, zu rauchen. Das machten sie jeden Morgen. Sie trafen sich in Enrico’s Büro, besprachen den Tag, rauchten und tranken Kaffee. Enrico zog seine Zigarettenschachtel aus der Jackentasche. Vorsorglich hatte er die Schachtel und das Feuerzeug links verstaut. Er öffnete die Schachtel mit der linken Hand und zog eine Zigarette mit dem Mund raus. Das machte er sonst eigentlich nie. Er verstaute die Schachtel auf dem Schreibtisch und benutzte das Feuerzeug ebenfalls mit der linken Hand. „Seit wann rauchst denn mit links?“. Diese Ungewöhnlichkeit war Hattori nicht entgangen und stellte Enrico nun genau vor das Problem, das er schon auf sich zukommen gesehen hatte. „Einfach so“. Das klang unglaubwürdig. Hattori musterte seinen Freund eingehend. Er ahnte, dass etwas nicht stimmte. „Okay, was ist los?“, fragte er mit eindringlichem Unterton. „Nichts, was soll schon sein?“ „Ach komm. Verarsch mich nicht. Ich kenn dich gut genug. Zeig her!“. Enrico weigerte sich einen Moment, gab dann aber doch nach und zeigte seine Hand, ohne Hattori dabei anzusehen. Früher oder später hätte er es ja doch mitbekommen. „Autsch! Das sieht ja ganz schön übel aus. Was hast du gemacht?“. Er ahnte zwar, was passiert war, wollte die Antwort aber eigentlich von Enrico selbst hören. Als dieser nicht auf die Frage antwortete, hakte er gezielt nach. „Warst du das selber?“. „Sieht so aus, oder?“. Enrico wusste zwar, dass ihn so ein Gespräch erwarten würde, aber dass er darauf keine Lust hatte, hatte sich nach wie vor nicht geändert. „Und was war los?“, fragte Hattori weiter. „Müssen wir dieses Gespräch weiter führen? Ich hab da keine Lust drauf“. „Ja, müssen wir. Warst du damit schon beim Arzt?“. Er konnte sich denken, wie die Antwort ausfallen würde. „Lass das lieber untersuchen. Wenn das gebrochen ist und schief zusammen wächst, hast du n viel größeres Problem“. „Ach was. Das sieht viel schlimmer aus als es ist!“. Damit gab sich Hattori natürlich nicht zufrieden. Im Haus gab es einen Arzt, der ausschließlich für medizinische Fälle der Soldaten und Verwaltungsangestellten zuständig war. Hattori huschte kurz zu Misaki ins Büro. Er erklärte nicht, was los war, sondern entschuldigte sich selbst und Enrico nur für eine gewisse Zeit. Um sicher zu stellen, dass er die Hand auch wirklich untersuchen ließ, hatte er entschieden, ihn höchstpersönlich zum Arzt zu schleifen. Ob Enrico das wollte oder nicht, interessierte ihn dabei herzlich wenig.

    Der hausinterne Arzt musterte die Hand eingehend, stellte dann aber fest, dass er nicht über die nötigen Mittel verfügte, um die Hand anständig behandeln zu können. Das bedeutete unweigerlich, dass Enrico damit in ein Krankenhaus fahren musste. Schöne Scheiße. Hattori parkte seinen Freund auf dem Beifahrersitz seines silbernen Toyota und fuhr selbst. Enrico starrte aus dem Fenster und sagte kein Wort. „Ist es wegen Deutschland?“, unterbrach Hattori schlussendlich die Stille. Er wusste zwar, dass er damit nervte, aber wissen wollte er es trotzdem. Immerhin waren sie Freunde und er machte sich Sorgen. Das war wohl verständlich. „Was spielt das für eine Rolle?“, antwortete Enrico, dabei geistig nur halb anwesend. „Das spielt eine große Rolle. Du weißt selbst, was in zwei Monaten ansteht.“. Keine Reaktion. „Ich weiß ehrlich gesagt nicht, was ich machen soll. Wie kann ich dir helfen?“. Verzweiflung lag in seiner Stimme. „Du brauchst mir nicht zu helfen. Ich komm klar!“. „Ja, das sehe ich!“. Das war eindeutig eine Anspielung auf die Hand. „Hast du darüber nachgedacht, ob du dich vielleicht mit ihr treffen willst?“. Enrico musste gar nicht nachfragen, wen er meinte. „Ja, habe ich.“ „Und?“. Hattori schaute kurz zu seinem Freund rüber, der immer noch aus dem Fenster schaute und nur halb anwesend zu sein schien. „Ich lass es. Ist besser so.“ Hattori wusste nur zu gut, was Enrico für dieses Mädchen empfand. Er kannte sie zwar nicht persönlich, sondern nur aus Erzählungen, aber er wusste nur zu gut, wie es sich anfühlte, wenn man die beste Freundin liebte und sie doch nicht haben konnte. „Warum ist das besser so?“. „Weil’s sowieso keinen Sinn hat. Wie stellst du dir das vor? Sie wohnt in Berlin und ich bin gerade mal 4 Wochen da. Mein Leben spielt sich hier in Japan ab und nicht mehr in Berlin. Ist doch Schwachsinn!“. Er versuchte, möglichst kühl und gelassen zu wirken, aber Hattori kannte ihn inzwischen gut genug um zu wissen, wie belastend das für Enrico war. Und er konnte es verstehen. Er liebte zwar auch eine Frau, die er nicht haben konnte, aber er konnte sie wenigstens jeden Tag sehen. Wenn er nur daran dachte, Misaki nicht mehr sehen zu können, zog sich bei ihm alles zusammen. Eine schreckliche Vorstellung. So sehr er seinen Freund auch mochte – tauschen wollte er nicht mit ihm. „Heißt, du willst dich überhaupt nicht mit ihr treffen?“. „Du hast es erfasst!“. „Warum nicht? Zumindest treffen kannst du dich doch mit ihr. Ihr habt euch so lange nicht gesehen und das ist deine Chance. Wenn du mal ehrlich zu dir selbst bist, würdest du doch am liebsten sofort zu ihr fahren, sofern wir in Berlin gelandet sind, oder?“. Wie Recht er hatte. Er hatte so verdammt Recht. Aber er hatte auch leicht reden. Immerhin konnte er seine große Liebe ja jeden Tag sehen. „Vergiss es einfach. Ich lass es. Mir geht’s so oder so scheiße mit der Situation. Und wenn ich mich jetzt mir ihr treffen würde, würde ich es wohl eher schlimmer als besser machen.“ Hattori verstand sehr gut, warum Enrico so handelte. Aber er blieb dabei, dass Enrico sich wenigstens einmal mit ihr treffen sollte.

    Der Arzt schaute sich das Röntgenbild genau an und stellte dann fest, dass alles heil war. „Ist nur verstaucht. Nicht gebrochen!“. Er rückte seine Brille zurecht, um das Bild noch mal genauestens zu betrachten und zugucken, ob er auch nichts übersehen hatte. Aber er blieb bei seiner Diagnose. „Das sieht wirklich schlimm aus. Wie ist denn das passiert?“, wollte auch er wissen. „Arbeitsunfall“. Das war zwar genau so gelogen wie „Es ist nichts“, aber das klang auf jeden Fall plausibler und der Arzt schöpfte auch keinen Verdacht, dass er gerade angelogen wurde. Möglich war auch, dass er es sehr wohl merkte, aber nichts weiter dazu sagte, weil es nicht sein Metier war. Wie auch immer. Enrico war froh, dass ihm ein zweites Kreuzverhör erspart geblieben war. Der Arzt verpackte die verletzte Hand in stabile Verbände und ordnete an, die Hand zu schonen. „Wird ein paar Tage dauern, bis das heilt.“ Eine Bemerkung, die höchst überflüssig war. Das konnte Enrico sich wohl selbst denken. „Sie sehen müde aus. Sollten sich mal ein paar Tage frei nehmen.“ Der Rat war zwar gut gemeint und Enrico hätte nur zu gerne gesagt, dass er das machen würde, aber umsetzbar war der Plan, so gut er sich auch anhörte, wohl kaum. Er bedankte sich dafür, dass der Arzt sich Zeit genommen und die Hand verarztet hatte und verließ dann das Behandlungszimmer.

    Die Fahrt zurück ins Büro verlief eher schweigend. Keiner sagte ein Wort und Enrico war froh, dass er seine Ruhe hatte. Er lehnte sich auf dem Beifahrersitz zurück und schloss die Augen. Die Müdigkeit war kaum auszuhalten. Nur ein paar Minuten Ruhe. Das tat gut. Seine Augen brannten und sein ganzer Körper fühlte sich an, als wäre er aus Blei. „Du solltest dir echt ein paar Tage frei nehmen!“. Hattori unterbrach die Stille. Sehr zum Ärger seines Freundes. Aber er hatte Recht. Der Zustand seines Beifahrers war ihm aufgefallen. Wie hätte das auch an ihm vorbei gehen können? „Und wann bitte?“. Die Antwort war pampig und Enrico machte sich nicht mal die Mühe, die Augen zu öffnen. Musste Hattori den Mund aufmachen, wo es gerade so schön ruhig war? „Wie wärs denn mit heute?“. „Sehr witzig“. „Ich schaff das auch alleine. In deinem Zustand bist du mir sowieso keine große Hilfe! Ruh dich lieber mal n Tag aus!“. Schön wärs. Enrico lehnte das Angebot ab. Mit ein paar Tassen Kaffee würde das schon hinhauen.

    Tatsächlich zeigte die schwarze Brühe seine Wirkung. Enrico sah zwar immer noch aus wie der Tod auf Latschen höchstpersönlich, aber zumindest wurde es mit der Müdigkeit ein bisschen besser. Und auch das Kopfkino war endlich weniger geworden. Fragte sich nur, wie lange dieser Zustand anhielt. Wahrscheinlich war er einfach nur zu müde, als dass er noch dazu in der Lage gewesen wäre, länger über das nachzudenken, was in 2 Monaten sein würde. Aber im Moment war das gut so. Alles war besser als wieder von Gedanken und Gefühlen überrollt zu werden.

    Der Tag verlief ansonsten soweit ruhig. Ein Anruf aus der Pathologie kam nicht. Dauerte wohl doch etwas länger. Umso besser. Und auch sonst gab es keine weiteren Vorkommnisse. Enrico war froh, als er endlich wieder zuhause war. Der Tag hatte doch ganz schön geschlaucht. Serenity war von der Schule noch nicht wieder nach Hause gekommen. Er erkundigte sich mit einem kurzen Anruf bei seiner Schwester, wo sie denn wäre. Er war beruhigt, als er erfuhr, dass sie noch bei einer Freundin war und bald nach Hause kommen würde. Er steuerte direkt sein Zimmer an, schloss die Tür hinter sich und warf sich aufs Bett. Er schlief sofort ein.

    [FONT=&quot]- Ende Kapitel 5 -[/FONT]

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    [/SIZE]Ich werde es niemals vergessen

    Den blauen Himmel und dich

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    [/center]

  • Edit: Hab nochmal die Rechtschreibung und Grammatik korrigiert. Da waren mir dann doch zu viele Fehler drin. ^^





    Kapitel 6


    Der Flughafen Tokio-Narita befand sich in der Präfektur Chiba, etwa 60km nordöstlich von Tokio. Die meisten Azubis des dritten Lehrjahres waren schon vor dem Abflug-Gate versammelt, als Enrico, Misaki und Hattori dort ankamen. Die 2 Monate waren wie im Flug vergangen und nun war der Tag gekommen, an dem sich nach Deutschland fliegen würden. Enrico hatte Zeit genug, sich an den Gedanken zu gewöhnen, dass er bald wieder Fuß auf deutschen Boden setzen würde. Aber ein komisches Gefühl war es trotzdem. Was würde ihn dort erwarten?

    Es war bereits Juni und die Sonne brannte heiß vom Himmel. Wie das Wetter in Deutschland wohl im Moment war? Nachdem alle ihr Gepäck abgegeben und im Gegenzug dazu ihre Bordkarte erhalten hatten, warteten sie darauf, dass sie in den Flieger durften. Einen Direktflug nach Berlin-Tegel gab nicht, also mussten sie erst mal nach Paris fliegen und dort dann umsteigen. Von Paris aus war es, zumindest relativ gesehen, nur noch ein Katzensprung bis nach Berlin. Aber erst mal musste man nach Paris kommen. Wenn man so auf den Flugplan guckte, sah das ganze eigentlich ganz angenehm aus. Um Punkt 11:05 Uhr war Abflug in Tokio und um 20:40 Uhr sollte der Flieger schon in Tegel landen. Allerdings sah das nur dann gut aus, wenn man die Zeitverschiebung nicht berücksichtigte. Alleine der Flug von Tokio nach Paris dauerte 12 Stunden und 35 Minuten. In Paris mussten sie dann geschlagene 2 Stunden und 20 Minuten auf den Anschlussflieger nach Berlin warten. Und der würde noch mal eine Stunde und 40 Minuten brauchen, eher er die Landebahn des Berliner Flughafens Tegel ansteuern würde. Insgesamt dauerte es also 16 Stunden und 35 Minuten, eher man wirklich in Berlin war und diese Rechnung sah schon bei weitem nicht mehr so toll aus wie jene, in der man die Zeitverschiebung nicht berücksichtigte. Ganz zu schweigen von den Kosten alleine für diesen Flug.

    Als endlich der Aufruf kam, dass die Passagiere nun den Flieger betreten durften, wurde es Enrico plötzlich ganz anders. Er dachte zwar nicht daran, einen Rückzieher zu machen, aber so ganz wohl war ihm dabei nicht. Wieder geisterten so viele Fragen in seinem Kopf herum, dass er aufpassen musste. Im Flugzeug war er einer der Glücklichen, die einen Fensterplatz erwischt hatten. Ein Platz am Gang war im Flieger in den meisten Fällen nicht sonderlich beliebt. Der Ausblick, den man aus 10.000m Höhe hatte, war einfach unglaublich. Besonders dann, wenn keine Wolken am Himmel waren. Und nur die wenigsten wollten auf diesen Anblick verzichten. Misaki hatte sich dazu bereit erklärt, den Platz am Gang zu nehmen, so dass Hattori in der Mitte saß. „Und? Schon nervös?“, fragte er seinen blonden Freund und grinste ihn dabei an. „Sehr witzig, Hattori!“. Ja. Er war nervös. Natürlich war er das. Immerhin würde er in etwas mehr als 16 Stunden wieder in Deutschland sein. Nach 4 Jahren. Und selbst WENN die Erinnerungen nicht da wären, wäre er trotzdem nervös. Was hatte sich in den 4 Jahren in Berlin getan? Wie sah es inzwischen in der Gegend aus, in der er gewohnt hatte? Vielleicht hatte sich dort eine Menge verändert. Vielleicht sah aber auch alles noch genau so aus wie früher. Er hatte keine Ahnung. Und natürlich war es aufregend, nach 4 Jahren wieder dort zu sein, wo man die ersten 17 Jahre seines Lebens verbracht hatte. Wieder an dem Ort zu sein, den man trotz allem als seine Heimat bezeichnete. Und vor allem an dem Ort, an dem SIE mit großer Wahrscheinlichkeit noch immer lebte. Bald würde er wieder ganz in ihrer Nähe sein. Das war durchaus ein besonderes Ereignis, das nervös machte. Aber er wollte nicht darüber reden. Schon gar nicht, wenn um ihn rum haufenweise Azubis saßen, die im schlimmsten Fall mithören konnten. Bei der Buchung des Fluges wurden auch gleichzeitig genügend Sitzplätze reserviert. Das dritte Lehrjahr bestand immerhin aus ganzen 36 Azubis und da sie nun mal alle zusammen gehörten, sollten sie auch Sitzplätze einnehmen, die dicht aneinander waren.

    Das Flugzeug rollte langsam zur Startbahn. Als der Pilot die Maschine in Startposition gebracht hatte, wartete er auf die Starterlaubnis. Das dauerte noch mal einige Minuten. Als er endlich die Erlaubnis hatte, setzte er die Maschine Bewegung. Das Flugzeug beschleunigte innerhalb von Sekunden und raste mit atemberaubender Geschwindigkeit über die Startbahn. Die Passagiere wurden regelrecht in ihre Sitze gedrückt. Enrico schaute aus dem Fenster und sah das Flughafengelände nur so an sich vorbei sausen. Er war gerade dabei, Japan zu verlassen und zurück nach Deutschland zu fliegen. Das Flugzeug hob ab und entfernte sich immer mehr von der Erde. Innerhalb weniger Sekunden schwebte es weit über Tokio. Die Passagiere, die einen Fensterplatz ergattert hatten, schauten auf Tokio hinab und staunten. Tokio aus der Luft war einfach ein atemberaubender Anblick. Der Tokio-Tower war nicht zu verwechseln. Er galt als ein Wahrzeichen der Stadt. Genau so wie der Fernsehturm in Berlin, wobei die Kugel des Berliner Fernsehturms wohl um einiges markanter war als das rot-weiße Gittergerüst des Tokio-Towers. Besonders gut war auch der Bezirk Shinjuku zu sehen, der sich durch seine vielen Wolkenkratzer hervor hob.

    Je höher das Flugzeug stieg, umso deutlicher war der unterschiedliche Luftdruck zu merken. Es knackte in den Ohren und man hörte sämtliche Geräusche nur noch gedämpft. Misaki hatte damit immer ziemlich große Probleme. Gerade bei der Landung hatte sie heftige Schmerzen in den Ohren, als sie zum ersten Mal geflogen war. Sie hatte von Enrico den Tipp bekommen, sich ein Nasenspray zu kaufen und dieses kurz vor dem Start zu benutzen. Und tatsächlich zeigte es Wirkung. Sie merkte von dem Druckunterschied gar nichts. Den Tipp musste sie sich unbedingt merken und vor allem musste sich daran denken, das Nasenspray kurz vor dem Landeanflug noch einmal zu verwenden. 12 Stunden würde die Wirkung wohl nicht anhalten. Unter ihnen erstreckten sich die Weiten des Japanischen Meeres. Es war ein wolkenloser Sommertag und obwohl sie auf dem Boden bei 30° geschwitzt hatten, herrschten draußen bitterkalte Minusgerade, als sie endlich die Flughöhe erreicht hatten. Ein kleiner Monitor, der über den Sitzen angebracht war, gab neben der Außentemperatur auch Informationen zur Reisehöhe und Geschwindigkeit an. Außerdem konnte man dort ablesen, wie weit es noch bis zum Ziel war, wie weit man vom Abflugort schon entfernt war, wie lange der Flug noch dauern würde und wie spät es am Ziel- und Startort war. Ächzendes Stöhnen unter den meisten Azubis, als sie die Zahl lasen, wie weit sie noch von Paris entfernt waren. Sie waren gerade mal eine halbe Stunde unterwegs, hatten also noch 12 Stunden Flug vor sich. „Was machen wir eigentlich, wenn der Tank nicht reicht?“, scherzte Hattori. „Sag so was nicht! Daran will ich gar nicht denken!“, entgegnete Misaki und fand das gar nicht lustig. So einen Flugzeugabsturz KONNTE man zwar überleben, aber die Chancen waren verschwindend gering. Sie erinnerte sich an das Flugzeugunglück vom 12. August 1985, bei dem eine Maschine der Gesellschaft Japan Airlines auf einem Inlandsflug von Tokio - Haneda nach Osaka abstürzte und bei dem von 524 Mitreisenden nur 4 überlebten. Dieses Unglück galt bis heute als das Schwerste in der Geschichte und hatte bis heute die meisten Toten zu beklagen. Und heute flogen sie mit keiner anderen Gesellschaft als Japan Airlines. Misaki hatte zwar eigentlich keine Flugangst und obwohl das Wissen und die technischen Möglichkeiten heute für noch mehr Sicherheit im Flugverkehr sorgten als noch vor 20 Jahren, war ihr aber dennoch klar, dass ein Absturz auch heutzutage noch möglich war. Das war kein schöner Gedanke. Überhaupt nicht. „Das wird uns schon nicht passieren!“, versuchte sie sich selbst zu beruhigen. „Das sagen sie alle. Aber irgendwen trifft es dann doch immer.“ „SEIJI!!!! JETZT HÖR ENDLICH AUF MIT DEINER SCHWARZMALEREI!!! DAS IST NICHT LUSTIG!!!“, schimpfte sie mit ihrem besten Freund, den sie stets beim Vornamen nannte! Und sie hatte Recht. Über so was machte man nun wirklich keine Witze. Seiji Hattori neigte zwar immer wieder zu makaberen Scherzen und das war sie auch von ihm gewohnt – immerhin kannten sie sich lange genug. Aber DAS ging eindeutig zu weit. „Wollt ihr vielleicht noch aufeinander los gehen?“, unterbrach Enrico den Streit und war sichtlich genervt von dieser Panikmache. Er betrachtete die Situation eher neutral. Natürlich konnte auch bei diesem Flug etwas schiefen gehen, aber das war eben nur eine KANN - Regelung. Und selbst wenn, war ihm das ziemlich egal. „Meinetwegen schlagt euch die Köpfe ein, aber dann heult hinterher nicht rum, wenn sie die Notausgänge auf machen und euch raus schmeißen!“. Natürlich war allen dreien bewusst, dass DAS nicht passieren würde, sondern dass es nur eine Aufforderung dazu war, endlich die Klappe zu halten. Und es zeigte Wirkung. Hattori unterließ seine bösen Scherze und Misaki hatte dadurch ihren Willen. „Endlich Ruhe!“, dachte Enrico und schloss die Augen, um vielleicht ein bisschen Schlaf zu finden. Schlafen hatte in diesem Fall genau 3 Vorteile. Erstens verging der Flug viel schneller, wenn man die meiste Zeit verschlief und kaum etwas davon mitbekam. Zweitens bekam er außerdem nicht mit, wenn seine beiden Freunde wieder anfangen würden zu streiten und drittens war er so von den Gedanken und der Angst verschont, mit denen er bereits seit gestern Abend ziemlich zu kämpfen hatte.

    Als er wieder aufwachte, war es nur noch drei Stunde bis zur Landung. Er hatte fast 9 Stunden geschlafen. Aber das war auch dringend notwendig. Mit dem Schlafen hatte er schon seit Jahren seine Probleme und jetzt endlich hatte er mal die Gelegenheit, ein bisschen von dem, was er verpasst hatte, nachzuholen. Sonderlich bequem war es allerdings nicht, auf einem engen Flugzeugsitz zu schlafen und kaum Beinfreiheit zu haben. Aber immerhin hatte er geschlafen. Das war ja schon mal was. Die restliche Zeit verging im wahrsten Sinne des Wortes wie im Flug. Als der Flieger pünktlich um 16:40 Uhr auf dem Pariser Flughafen Charles de Gaulle landete, waren die meisten Passagiere fix und fertig. Enrico und Hattori jammerten, dass sie dringend eine Zigarette brauchten. 12 ½ Stunden ohne Zigarette waren echte Folter gewesen. Was musste der Chef auch einen Nichtraucherflug buchen? Es dauerte gefühlte Stunden, bis endlich alle ihre Gepäck hatten und das Flughafengebäude verließen. Unweit des Flughafens fanden sie eine Art Minipark, der genügend Platz zum sitzen bot. Wer keine Bank erwischte, machte es sich eben im Gras gemütlich. Konkret bedeutete Minipark eine etwas größere Rasenfläche, hier und da ein paar Bäume, hübsch angelegte Blumenbeete und Bänke zum sitzen. Wirklich nicht groß, aber hübsch. Zum Glück war Sommer. Und durch die Zeitverschiebung war es in Paris auch noch hell, während in Japan schon dunkelste Nacht herrschte. Eine digitale Uhr im Park zeigte Datum, Uhrzeit und die Temperatur. 26°. Enrico und sein japanischer Freund beschlagnahmten eine der Bänke. Während Hattori sich, wie es eine Bank ja nun mal vorsieht, auf die Sitzfläche setzte, zog Enrico es vor, sich auf die Lehne zu setzen, die Füße auf der eigentlichen Sitzfläche geparkt. Fast synchron zogen beide ihr Schachtel Zigaretten aus der Tasche, nahmen sich eine davon, zündeten diese an und nahmen erst mal einen tiefen Zug. Einige der Azubis taten es ihnen gleich. „Endlich ne Kippe!“, seufzte Enrico zufrieden und nahm noch einen Zug. „Du sagst es. Ich hab schon Entzugserscheinungen bekommen.“, stimmte Hattori ihm zu und nahm ebenfalls den nächsten Zug. Misaki stand vor den beiden Jungs und fragte sich, wie sie nach so einem langen Flug noch sitzen konnten. Sie war selber ziemlich erschöpft, hatte aber lange genug gesessen und wollte jetzt erst mal stehen, um sich ausgiebig die Beine zu vertreten. Sie starrte Enrico an und war sich nicht sicher, ob sie überhaupt wollte, dass er es bemerkt. Er hatte eine dunkelgraue, fast schon schwarze Jeans an und dazu ein schwarzes Hemd, bei dem er die Ärmel bis zu den Armbeugen hoch gekrempelt hatte. Dieses Outfit stand ihm unheimlich gut und er sah darin sehr sexy aus. Sein dünnes Handgelenk zierte eine schwarze Armbanduhr. Sie war immer noch in ihn verliebt, obwohl er ihr schon vor 4 Jahren gesagt hatte, dass aus den beiden nichts werden würde. Und das hatte er bis heute konsequent durchgezogen. Er hatte ihr nie gesagt, dass er eine Andere liebte, weil er glaubte, dass sie das wahrscheinlich verletzen könnte. Demnach dachte sie, dass er Single wäre, was er so gesehen ja auch war, und bisher einfach kein Mädchen gefunden hatte, das ihm zusagte. Vielleicht waren Japaner auch gar nicht sein Fall? Er war immerhin Europäer und hatte somit ein ganz anderes Gesicht als seine japanischen Freunde. Aber auch das wusste sie nicht. Er hatte ihr nie gesagt, auf welchen Typ Frau er stand. Das Einzige, was sie wusste, war, dass er unheimlich sexy aussah und sie ihn nach wie vor vergötterte. Die dünnen Narben auf seinen Unterarmen fielen kaum auf. Sie waren völlig verblasst und man musste schon zweimal hinsehen, um sie zu erkennen. Misaki wusste, woher er die Narben hatte. Und das war auch okay für ihn, dass sie die Wahrheit kannte. Jeder andere bekam als Antwort, dass so was nun mal passieren konnte, wenn man in einem Job wie seinen arbeitete und dass man eben nicht als Soldat arbeiten sollte, wenn man Angst vor Narben hatte. Er tarnte die Narben also stets als Arbeitsunfall. Jeder, mit dem er nicht eng befreundet war, hatte nun mal nicht das Recht, die Wahrheit zu erfahren. Fremde ging das rein gar nichts an. Es war eine absolut private Angelegenheit und zudem musste er fürchten, dass die Wahrheit irgendwann mal in falsche Ohren gelangen könnte, je mehr Leute davon wussten.

    Zu gerne hätte Misaki sich jetzt zu ihm gesetzt, sich bei ihm angelehnt. Einfach seine Nähe spüren. Er war ihr so nah und doch so fern. Das war ein Stich ins Herz. Schon als sie ihm damals ihre Gefühle gestanden hatte, wusste sie ganz genau, dass das keine einfache Teenie - Schwärmerei war, sondern dass sie ihn ernsthaft und aufrichtig liebte. Und das war bis heute noch so. Sie liebte einfach alles an ihm. Sein hübsches Gesicht, die blonden Haare, seine himmelblauen Augen. Wie er lachte, wie er redete, wie er sich bewegte. Einfach alles. Sie war einfach viel zu sehr auf ihn fixiert, um zu bemerken, dass sie von Hattori beobachtet wurde er alles andere als glücklich aussah.

    Die Wartezeit in Paris verging relativ schnell. Eher sie sich versahen, saßen sie schon in einer Maschine der Gesellschaft Air Berlin und rasten über die Startbahn. Jetzt dauerte es nicht mal mehr 2 Stunden, bis sie in Berlin landen würden. So langsam wurde Enrico sichtlich nervös. Seine Hände schwitzten und sein Magen hatte offensichtlich Spaß an Achterbahnfahrten gefunden. Das gefiel ihm ganz und gar nicht. Er hatte seine Hände auf seinen Beinen verstaut. Krallte sich schon regelrecht an sich selbst fest, damit niemandem auffiel, dass seine Hände zitterten wie Wackelpudding. Er kannte diese ganze Flugstrecke bereits. Als er vor 4 Jahren nach Tokio gekommen war, führte sie der Weg auch über Paris. Damals waren sie ebenfalls mit Air Berlin nach Paris geflogen und von Paris dann mit Japan Airlines nach Tokio. Es gab jede Menge Parallelen zu damals. Der größte Unterschied war aber immer noch der, dass er jetzt nicht auf dem Weg nach Tokio war, sondern von dort kaum und auf direktem Kurs nach Berlin war. Immer und immer wieder starrte er auf den kleinen Monitor, der 2 Reihen vor ihm an der Decke hing.

    Noch eine Stunde.
    Noch 50 Minuten.
    Noch 40 Minuten.
    Nur noch eine halbe Stunde.
    20 Minuten.

    Je näher der Flieger seinem Ziel kam, umso nervöser wurde er. Sein Herz raste. Er fühlte seinen Puls deutlich an der Halsschlagader rasen. Ihm war schlecht und er musste sich zusammen reißen, dass er nicht in Panik verfiel und anfing zu hyperventilieren. Er hatte das Gefühl, dass sein Herz gleich explodieren würde. Dass er eine so hohe Herzfrequenz erreichen würde, dass es ihn gleich umhauen würde, würde er nicht ohnehin schon sitzen.

    Er schaute aus dem Fenster, damit bloß niemand sein bleiches Gesicht sehen konnte. Und dann sah er ihn. Den Fernsehturm von Berlin. Er konnte gar nicht so recht glauben, was er sah. Da stand tatsächlich der Fernsehturm. Das wirkte so surreal. Wie ein Traum. Gar nicht real. Direkt daneben sah er das Park Inn. Ein großes Gebäude mit über 20 Stockwerken. Unverwechselbar. Und da – dieser Fluss. Das war die Spree. Er erkannte so vieles wieder. Hatte es so oft gesehen und es für normal gehalten. Der Fernsehturm war nie etwas Besonderes für ihn gewesen. Der gehörte halt einfach mit dazu. Genau so wie das Park Inn, die Spree, das Brandenburger Tor, die Siegessäule, das Reichtagsgebäude und alles andere, wofür Berlin sonst noch so berühmt war. Das war eigentlich mal normal gewesen. Gar nicht mal der Rede wert. Und jetzt auf einmal war es etwas Besonderes. Etwas Außergewöhnliches. Nicht mehr normal. Nicht mehr selbstverständlich. Es wollte einfach nicht in seinen Kopf rein, dass er das, was er da unten sah, wirklich real war. Dass es kein Traum war. Dass er wirklich gerade über seine Geburts- und Heimatstadt flog und in wenigen Minuten landen würde.

    Der Flieger senkte seine Flughöhe immer weiter. Sie flogen dicht über die Häuser der Stadt und er erkannte sogar den Kurt-Schumacher-Platz wieder, der ganz in der Nähe des Flughafens war. Der Flughafen Berlin-Tegel befand sich im Bezirk Reinickendorf. Das weckte unweigerlich so viele Erinnerungen. Wie oft war er am Kurt-Schumacher-Platz gewesen und hatte sich dort mit Freunden getroffen? Wie oft waren sie zusammen durch die Stadt gefahren, trieben sich nachts am Alex rum. Er verband so viele Erinnerungen mit Reinickendorf. Denn genau in diesem Bezirk hatte er gewohnt. Hier war alles das passiert, was ihm sein Leben so sehr zur Hölle gemacht hatte. Hier hatte er die meiste Zeit seines Lebens verbracht. Ging hier zur Schule. Schwänzte hier die Schule, um sich stattdessen lieber mit seinen Freunden in der Stadt rum zu treiben und Blödsinn zu machen. Und hier hatte er auch SIE kennen gelernt. Sie wohnte damals auch in Reinickendorf. Nur 2 Querstraßen weiter. Und vielleicht, ganz vielleicht, wohnte sie ja immer noch hier. Er sah bekannte Häuser. Immer mehr Erinnerungen kamen in ihm hoch. Am liebsten wäre er jetzt aufs Klo gerannt und hätte sich übergeben. Ihm war schlecht. Richtig schlecht. Und jetzt landete er buchstäblich in dem Bezirk, in dem er so vieles erlebt hatte.

    [FONT=&quot]- Ende Kapitel 6 -[/FONT]
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    Den blauen Himmel und dich

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  • Soooo. Nach etwas längerer Pause hier nun Kapitel 7. Ich hatte in den letzten Tagen so eine Phase, in der ich mir nicht sicher war, ob das hier überhaupt gut ist, was ich verzapfe oder ob ich nur Müll schreibe. Würde mich daher weiterhin über konstruktive Kritik und Meinungen freuen, damit ich weiß, wie die Geschichte bei den Lesern ankommt. Ich bin im Moment irgendwie ziemlich unsicher! :(


    Ich hoffe, ihr habt trotzdem viel Spaß beim lesen.


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    Kapitel 7



    Als endlich alle ihre Koffer hatten, verließen die das Flughafengebäude. Was für ein unbeschreibliches Gefühl, wieder auf deutschem Boden zu laufen. Etliche Gedanken gingen Enrico durch den Kopf und so wirklich angekommen war es bei ihm immer noch nicht, dass das kein Traum war. „Und? Wie fühlt sich das so an, nach 4 Jahren wieder in der Heimat zu sein?“. Hattori piekste seinem Freund mit dem Ellenbogen in die Seite und war wie immer gut drauf. „Komisch!“. „Wieso komisch?“, fragte Hattori weiter. „Keine Ahnung. Ich hab irgendwie das Gefühl, dass das gar nicht real ist. Wie ein Traum in etwa. Muss wohl erst noch in meinem Kopf ankommen.“. Er schaute sich um. Hier sah immer noch alles genau so aus wie damals. Die Bushaltestellen waren immer noch genau neben dem Eingang. Und sogar die Buslinien waren immer noch die gleichen wie damals. Keine neue Linie kam hinzu. Gestrichen wurde auch keine. Hier am Flughafen war alles noch genau so, wie er es in Erinnerung hatte.


    Vorm Flughafengebäude wartete ein Bus auf die jungen Soldaten. Der Bus wurde extra bestellt, dabei wäre das gar nicht notwendig gewesen. Sie wussten, dass sie in der Julius-Leber-Kaserne unterkommen würden. Und die war vom Flughafen nur einen Katzensprung weit entfernt. Mit dem Bus brauchte man keine 10 Minuten dort hin. Und die Kaserne lag zudem ganz in der Nähe vom Kurt-Schumacher-Platz. Enrico wusste ganz genau, wie er von dort zu seinem alten Zuhause kommen würde. Er musste nur in den Bus einsteigen und einmal umsteigen. Das war nicht weit. Und er wusste auch, dass es zu IHR nicht weit war. Unweigerlich kam der Gedanke in ihm hoch, eventuell doch mal vorbei zu fahren, wenn er Zeit hatte. Er hatte im Flugzeug zwar geschlafen, war aber trotzdem hundemüde. Eigentlich wusste er auch ganz genau, dass es heute keinen Sinn mehr hatte. Es war mitten in der Woche und bereits kurz vor 21 Uhr Ortszeit. Sie war erst 17 und besuchte das Gymnasium. Das wusste er, da sie bereits aufs Gymnasium gewechselt hatte, als er noch in Deutschland wohnte. Das bedeutete, dass sie noch zur Schule ging und demnach auch früh an der Matratze horchte. Im selben Moment kamen ihm aber wieder die Gedanken, die ihn in Japan noch dazu veranlassten, es besser sein zu lassen. Und er war sich auch jetzt noch nicht sicher, ob er wirklich zu ihrer Wohnung fahren sollte. Jetzt, wo er in Berlin war, war die Versuchung doch größer als noch vor einigen Stunden in Tokio. Allerdings waren die Zweifel mindestens genau so groß.


    Während der kurzen Fahrt zur Kaserne unterhielt er sich mit dem Busfahrer – auf deutsch. Das war komisch. So verdammt komisch. In Japan hatte er sich zwar auch immer mit seiner Schwester auf deutsch unterhalten, wenn beide alleine zuhause waren, aber trotzdem war es im Moment einfach anders als sonst. Er war in Deutschland. Unterhielt mit einem anderen Deutschen in seiner Muttersprache. Wie lange hatte er das schon nicht mehr getan?! Aber er fühlte sich gut dabei. So langsam kam es in seinem Kopf an, dass er wirklich in Deutschland war. Und auf einmal freute er sich sogar darüber. Er war wieder hier. In seiner Heimat. War ganz in IHRER Nähe. Er wusste zwar immer noch nicht, wie die nächsten 4 Wochen verlaufen würden und die Unsicherheit war nach wie vor da – aber ein bisschen Freude, ein ganz kleines bisschen Freude machte sich nun doch breit. Und das fühlte sich gut an.


    In der Kaserne angekommen ging es nach einer kurzen Begrüßung sofort an die Zimmerverteilung. Enrico, Misaki und Hattori würden sich eine Stube, wie es in den Kasernen genannt wurde, teilen, auch wenn das bedeutete, dass Misaki sich das winzige Zimmer mit zwei Jungs teilte. Aber es waren immerhin ihre besten Freunde. Kein Problem also. Das Zimmer war wirklich klein und eng. Direkt gegenüber der Tür befand sich ein Fenster. Nicht zu klein, aber auch nicht sonderlich groß. Links und rechts an den Wänden befand sich jeweils ein Doppelstockbett. Am Kopfende der Betten, welches zum Fenster gerichtet war, quetschten sich auf beiden Seiten jeweils zwei schmale Schränke zwischen Bett und Wand. Das war alles. Mehr gab es hier drinnen nicht. Aber das reichte auch aus. Von einer Kaserne waren sie nichts anderes gewohnt. Das war schon okay so.


    Nachdem sich jeder grob häuslich eingerichtet hatte, fand noch ein kurzes Treffen in einem der Aufenthaltsräume statt. Dort wurde alles für den nächsten Tag besprochen. Das Treffen mit den deutschen Soldaten, eine Begrüßungsfeier, die Besichtung des Geländes... erst mal nichts aufregendes. Aber für den ersten Tag war das auch eine ganz gute Planung. Um 22 Uhr war in der Kaserne Nachruhe angesagt. Das bedeutete, dass jeder zumindest auf seinem Zimmer zu sein hatte. Zumindest heute kein Problem. Die meisten waren sowieso froh und dankbar, dass sie endlich ein ordentliches Bett zum schlafen hatten.


    Enrico lag noch lange wach. Drehte sich von links nach rechts, von rechts nach links, von links auf den Bauch, vom Bauch auf rechts, von rechts auf den Rücken. Wieder kreisten so viele Gedanken in seinem Kopf. Und vor allem dachte er an diese eine Person. Wo sie jetzt wohl war? Was sie jetzt wohl gerade machte? Ob sie auch schon im Bett lag? Oder vielleicht war sie auch noch mit Freunden unterwegs? Oder saß vor dem Fernseher? Oder machte Hausaufgaben? Er hätte es gerne gewusst. So gerne.


    Am nächsten Morgen hieß es schon um 6 Uhr aufstehen. War grundsätzlich eigentlich nicht das Problem. In Japan stand man für gewöhnlich zur selben Zeit, manchmal sogar noch früher auf, wenn man zur Arbeit wollte. Die Nacht war ziemlich kurz, so dass die meisten total erschöpft aus ihren Betten krochen und den Eindruck erweckten, sie würden gleich im Stehen einschlafen. Selbst der sonst so gut gelaunte Hattori sagte kein Wort. Kein nerviges „Guuuuuten Moooorgeeeeeen“, wie sonst immer. Ihm war die Müdigkeit deutlich anzusehen und er hatte Mühe, seinen Augen offen zu halten. Misaki ging es da nicht anders. Ihre hübschen Augen waren gerötet und angeschwollen. Sie hatte dicke Augenringe. Das würde einiges an Make-up benötigen, um ihr hübsches Gesicht zumindest halbwegs zu restaurieren. Enrico hingegen war hellwach. Er hatte die Nacht kaum geschlafen, aber von Müdigkeit keine Spur. Heute war er es, der Hattori mit einem übertrieben fröhlichen „Guuuuuten Mooooorgeeeen“ nervte. Das war eigentlich überhaupt nicht seine Art und unter normalen Umständen hätte er das auch nie so gesagt – aber Hattori sah aus wie der Tod auf Latschen und das war einfach die perfekte Gelegenheit, sich für diese nervigen Guten – Morgen - Sprüche zu rächen. Er grinste in sich hinein, als Hattori wie erwartet genervt reagierte und heute endlich mal seine eigene Medizin zu schlucken bekam. Okay, gemein war das ja schon, aber Hattori würde den Spaß schon verstehen.


    Das Treffen mit den deutschen Soldaten verlief vor allem für Enrico sehr interessant. Die Gespräche fanden auf englisch statt, da die Japaner kein deutsch konnten und die Deutschen kein japanisch. Zwischen den ganzen Japanern wirkte er sowieso viel eher wie das schwarze Schaf. Na gut, genau genommen eher wie das blonde Schaf. Schwarzhaarig waren ja immerhin die Japaner. Irgendwie war es schon ein beklemmendes Gefühl, auf der japanischen Seite zu stehen, obwohl er doch eigentlich Deutscher war. Aber es tat trotzdem gut, dass er sich mit ihnen auch auf deutsch unterhalten konnte. In einigen Fällen spielte er den Dolmetscher, wenn jemandem ein englisches Wort fehlte. Ihm wurde dann das japanische bzw. deutsche Wort – je nachdem, wer gerade sprach - gesagt und er übersetzte es in die jeweils andere Sprache. Das war auf jeden Fall ein großer Vorteil für das Verständnis zwischen den beiden Parteien.


    Die Besichtigung des Kasernengeländes glich schon fast einem Marathon. Das Gelände war riesig und wenn man von A nach B wollte, musste man oftmals einen langen Weg zurück legen. Das schlauchte ganz schön, wo die Nacht für die meisten doch nicht gerade erholsam war. Besonders die weiblichen Azubis stöhnten schon nach kurzer Zeit und wollten am liebsten eine Pause einlegen. Enrico betrachtete alles, was er sah, ganz genau. Er kannte die Kaserne zwar, immerhin war er hier schon oft genug vorbei gefahren, aber betreten hatte er sie gestern Abend zum ersten Mal. Seine Gedanken schweiften immer wieder ab. Es waren nicht mal die Erinnerungen an das, was vor 14 Jahren hier in Reinickendorf passiert war, sondern viel eher war er in Gedanken immer wieder bei ihr. Fragte sich immer wieder, wo sie jetzt gerade war, was sie gerade machte, was sie heute noch vor hatte. Er zügelte seine Gedanken. Er wusste ganz genau, dass es zu weit führen würde, wenn er weiter darüber nachdachte. Irgendwann würde die Sehnsucht nach ihr unerträglich werden und er würde innerlich fast wahnsinnig werden, weil er nicht einfach abhauen und zu ihr fahren konnte. Und er hätte sich auch immer wieder gefragt, ob sie immer noch dort wohnen würde, wo sie vor 4 Jahren noch gewohnt hatte. Ihr damaliger Wohnort war neben der Schule, die sie damals besuchte, der einzige Anhaltspunkt, den er hatte, wenn er sie wirklich treffen wollte. Aber jetzt war einfach nicht der richtige Zeitpunkt, um darüber nachzudenken. Also konzentrierte er sich weiter auf das, was er sah und was der Deutsche darüber zu berichten hatte. Er war ebenso General, aber um einiges älter als Enrico. Ihm wäre es auch lieber gewesen, wenn der Deutsche, der sich mit dem Namen Wendt vorgestellt hatte, seine Führung auf deutsch gehalten hätte, aber er wusste, dass er dann in seiner Gruppe der Einzige wäre, der die Worte verstehen würde.


    Es war bereits Mittwoch und die restlichen beiden Tage der Arbeitswoche gingen mehr oder weniger schnell vorbei. Er war jetzt schon seit 4 Tagen in Deutschland, hatte diese 4 Tage aber konsequent auf dem Kasernengelände verbracht. Die beiden verbleibenden Tage der Woche waren überwiegend mit Schieß- und Geschicklichkeitsübungen vollgestopft. Hier und da Theorie, die ebenfalls auf englisch abgehalten wurde und für die meisten ziemlich anstrengend waren, weil sie bestenfalls die Hälfte verstanden und immer wieder nachfragen mussten. Englisch wurde in den Ausbildungen zwar ausgiebig unterrichtet, aber es war für die meisten trotzdem sehr schwierig, stundenlang einem Vortrag zuzuhören, der nicht in der eigenen Muttersprache abgehalten wurde, zumal der deutsche Akzent, mit dem die meisten Dozenten sprachen, die Sache nicht unbedingt einfacher machte.


    Der Tag endete heute schon früher als sonst, eben weil Freitag war. Das bedeutete, dass heute noch viel Zeit war. Dass man die Kaserne locker verlassen konnte und auch nicht gezwungen war, um 22 Uhr schon wieder da zu sein. Im Prinzip konnte man am Wochenende tun und lassen, was man wollte. Es war nicht mal Pflicht, über Nacht in der Kaserne zu bleiben. „Wollen wir heute Abend was zusammen unternehmen?“, fragte Misaki mit voller Vorfreude aufs Wochenende. Sie wollte unbedingt Berlin kennen lernen. Die ganzen Sehenswürdigkeiten begutachten. Vor allem wollte sie unbedingt zum Fernsehturm und Berlin von oben sehen. Wenn sie schon mal hier war, musste sie doch alles das live gesehen und erlebt haben, was sie so oft in den Medien hörte und was Enrico ihr auf Nachfrage immer wieder erzählt hatte. Hattori war sofort einverstanden. „Ich hab schon was anderes vor“, war Enrico’s Antwort auf die Frage. Auf Misaki’s Frage, was genau er vor hätte, meinte er nur, er müsste etwas erledigen und würde das lieber alleine machen wollen. Damit musste sie sich zufrieden geben. Hattori ahnte, was sein Freund damit meinte, fragte aber nicht weiter nach. Also beschlossen die beiden, alle los zu ziehen.


    Als Enrico zur Bushaltestelle ging, wusste er insgeheim ganz genau, welches Ziel er hatte. Er redete sich immer wieder ein, dass er ja gar nicht zu ihr wollte, weil das schlussendlich doch nur nach hinten gehen würde. Aber er wusste auch ganz genau, dass er sich damit selbst belog. Dass er sehr wohl zu ihr wollte. Zu dem Haus, in dem sie vor 4 Jahren gewohnt hatte. Sein Verstand riet ihm nach wie vor davon ab, das zu tun, was er gerade in Begriff war, ernsthaft zu tun. Und er wusste auch, dass der Verstand IMMER Recht behielt. Der Verstand war schlau genug, auch die Nachteile abzuwägen, die ein Vorhaben mit sich brachte. Das Herz hingegen war dumm und egoistisch. Das Herz machte nur das, was es wollte. Dem Herz war es völlig egal, ob es hinterher leiden würde oder nicht. Für das Herz zählte nur eins: Die Befriedigung der Bedürfnisse, die es hatte – und zwar SOFORT. Das war dumm. Sehr dumm. Und Enrico war gerade dumm genug, auf das dumme Herz zu hören. Das wusste er ganz genau. Er wusste ganz genau, wie dumm das eigentlich war, was er gerade vor hatte. Und trotzdem musste es einfach sein. Er war jetzt seit 4 Tagen hier. 4 Tage, die er (vermutlich) schon ganz in ihrer Nähe war. Und die Sehnsucht nach ihr war inzwischen unerträglich geworden. Als er sich damals in diesem psychischen Ausnahmezustand die Hand kaputt gehauen hatte und Hattori zu ihm meinte, dass er diese einmalige Chance, die sich ihm hier gerade bot, unbedingt nutzen sollte, hatte er ihn innerlich noch ausgelacht und war der Meinung, dass Hattori einfach keine Ahnung hatte. Jetzt, wo er wirklich in Berlin war, betrachtete er die Sache selbst ganz anders. Jetzt glaubte er, dass er es ernsthaft bereuen würde, wenn er diese Chance nicht nutzen würde. Selbst wenn es hinterher weh tun würde.... das nahm er im Moment sehr wohl in Kauf. Verdammt, er liebte sie doch immer noch so sehr. Und er hatte JETZT die Chance, sie nach 4 endlos scheinenden Jahren endlich wieder zu sehen. Sie wenigstens sehen. Ihre Stimme hören. Sehen, wie sehr sie sich in den 4 Jahren verändert hatte. Mehr wollte er im Moment gar nicht. Die Sehnsucht war einfach größer geworden als die Mahnung, mit der ihm sein Verstand immer wieder drohte.


    Im Bus setzte er sich nicht mal hin, sondern stellte sich auf den freien Platz, der eigentlich für Rollstuhlfahrer reserviert war und schaute aus dem Fenster. Der Bus war gerappelt voll. Es hatte sich also zumindest in der Hinsicht nichts verändert. Auch damals stand man in dieser Buslinie schon immer dicht an dicht gedrängelt, weil die meisten entweder am Kurt-Schumacher-Platz arbeiteten oder dort in die U-Bahn umstiegen. Das hieß aber auch, dass der Bus ab dann etwas leerer werden würde. Und bis zum Kurt-Schumacher-Platz waren es nun wirklich nicht weit. Enrico betrachtete eingehend alles, was er sah. Vieles, was er sah, kam ihm bekannt vor. An einiges konnte er sich noch ganz genau erinnern, an wieder anderes erinnerte er sich überhaupt nicht mehr. Möglich, dass einige der Gebäude auch neu waren oder zumindest die Fassade neu gemacht wurde. Als der Bus am Kurt-Schumacher-Platz hielt, donnerte ein Flugzeug nur knapp über den Dächern der Stadt hinweg und zielte auf die Landebahn des Flughafens. Wie hatte er das vermisst. Das mochte er immerhin unheimlich gern, wenn die Flugzeuge so dicht über ihm flogen und man sich schon duckte und reflexartig die Hände vors Gesicht hielt, wenn ein Flugzeug hinter den Häusern auftauchte, weil man im ersten Moment ernsthaft dachte, der Flieger würde gleich in einen rein krachen. Früher hatte er sich immer über die Leute lustig gemacht, die sich so erschreckten, weil sie es nicht kannten und demnach nicht darauf vorbereitet waren, das jeden Moment so ein Riesenvogel über ihren Köpfen hinweg fliegen und einen Höllenlärm verursachen würde. Der Bus fuhr weiter und schlängelte sich durch die Straßen von Reinickendorf. Enrico wusste ganz genau, an welcher Kreuzung der Bus links oder rechts abbiegen oder gerade aus fahren würde. Am „Kutschi“, wie der Kurt-Schumacher-Platz von vielen Berlinern genannt wurde, nach rechts. Dann an der nächsten Kreuzung nach links. Dann wieder nach rechts. Dann immer gerade aus und er musste bald umsteigen. Als er den Bus verließ und an der Kreuzung um die Ecke bog, um zu der Bushaltestelle zu gelangen, an der sein Anschlussbus abfahren würde, wusste er ganz genau, dass es nun nicht mehr weit war. Er kannte diese Gegend wie seine Westentasche. „Was mach ich hier eigentlich?“, fragte er sich in Gedanken und war schon wieder drauf und dran, auf dem Hacken kehrt zu machen. Es war nun wirklich nicht mehr weit. Als er den Bus kommen sah, merkte er, wie er so langsam wirklich nervös wurde. War es wirklich richtig, was er hier tat? Der Bus hielt an und der Fahrer öffnete die Tür. „Scheiß drauf. Jetzt bist du schon fast da. Das ziehst du jetzt auch durch“, sagte Enrico in Gedanken zu sich selbst. Dann stieg er ein.


    Von der Bushaltestelle waren es nur noch 100, vielleicht auch 200m bis zur ihr. Er konnte das 11-stöckige Gebäude schon sehen. Er kannte es so gut. So verdammt gut. Er war so oft hier. Hatte sie besucht oder sie von zuhause abgeholt, wenn sie verabredet waren. Auch das war normal damals. Er hätte sich damals nie im Leben träumen lassen, dass das einmal ein ganz besonderes Ereignis werden würde, diesen Weg entlang zu gehen und genau dieses eine Haus mit der weißen Fassade anzusteuern. Er ging von der Hauptstraße runter und folge einem kleinen, gepflasterten Weg. Die Büsche, die man links und rechts vom Weg gepflanzt hatte, waren in den vergangenen 4 Jahren scheinbar deutlich gewachsen. Er hatte sie viel kleiner in Erinnerung. Es waren vielleicht 30m, dann wurde die Eingangstür sichtbar. Sie war immer noch so strahlend weiß wie damals. Und die 6 kleinen Fenster in der Tür, die in 2 Spalten und 3 Zeilen angeordnet waren, waren immer noch frei von irgendwelchen Kratzern. Eigentlich schon fast ein Wunder. Eigentlich waren so ziemlich alle Scheiben ständig von Jugendlichen zerkratzt worden. Diese hier nicht. Er blieb ein Stück weit von der Tür stehen und überlegte noch mal, ob er wirklich näher ran gehen sollte. Noch immer wusste er nicht wirklich, was er hier eigentlich wollte und was er überhaupt erwartete. Okay, er wollte sie sehen. Deshalb war er hier. Soweit war die Sache ja klar. Aber was genau sollte er ihr sagen, wenn er sie wirklich treffen würde? „Nayru, ich liebe dich und will mit dir zusammen sein?“ etwa? Das war ihm selber klar, dass das ziemlich idiotisch war. Und eigentlich war er auch wirklich nicht der Typ dafür, der Frauen solche Sätze an den Kopf knallte. Er hatte in seinem ganzen Leben zwar schon mehrere Frauen gehabt, aber noch nie hatte er auch nur zu einer von ihnen diese berühmten drei Worte gesagt. Damals war das sowieso nichts ernstes. Er war gerade mal erst 14, als er sein erstes Mal mit einem Mädchen hatte. Eigentlich viel zu früh – auch für den deutschen Durchschnitt, selbst wenn die Jugendlichen immer früher das erste Mal erlebten. Und für ihn war es damals sowieso mehr Ablenkung als etwas ernstes. Die Momente, in denen er mit einem Mädchen intimer wurde, waren gut geeignet, um sich voll und ganz auf etwas ANDERES konzentrieren zu können. Wenigstens ein paar Minuten nicht den psychischen Druck spüren. Und außerdem – er war immerhin auch nur ein Mann. Nun gut, damals vielleicht noch nicht so wirklich. Mit 14 war man noch kein Mann. Aber die männlichen Vorlieben waren auch damals schon die gleichen wie heute. Als er dann hingegen aber merkte, dass er für seine beste Freundin mehr empfand als nur Freundschaft, hörte das ganze auch schlagartig auf. Da waren alle anderen Mädchen auf einmal völlig uninteressant geworden. Da gab es nur noch diese EINE. Und die gab es bis heute noch. Und nun stand er tatsächlich wieder vor ihrer Tür und überlegte ernsthaft, was er tun sollte. Aber okay, zumindest einen Blick auf die Klingelschilder konnte er werfen, wo er schon mal hier war. Er ging näher und peilte ein ganz bestimmtes Schild an. Er wusste noch ganz genau, welches zu ihrer Familie gehörte. Ganz rechts außen, das zweite von oben. Das zeigte, dass sie auch ganz oben wohnte, im 11. Stock. Je näher er kam, umso deutlicher sah er den Namen auf dem Klingelschild, das er suchte. „Falk“ stand drauf. Er stand lange vor dem Schild und starrte es an. Sie wohnte tatsächlich noch hier. Und nun? Was nun? Sollte er klingeln? Er schaute auf die Uhr. Gerade mal erst 19 Uhr. Um die Zeit konnte man durchaus noch seinen Besuch ankündigen. Sollte er wirklich? Er wusste immer noch nicht, was er hätte sagen sollen. Und er wusste auch immer noch nicht, was auf ihn zu kam. Was, wenn sie inzwischen wirklich einen Freund hatte? Er überlegte lange hin und her. Lehnte sich gegen die Hauswand, rauchte erst mal eine Zigarette. Entfernte sich ein Stück weit von der Wand, nur um sich anschließend wieder dagegen zu lehnen. Okay, es war einfach besser, es sein zu lassen. Er hätte nicht her kommen sollen. Da war er sich jetzt sicher. Er hatte einen Fehler begangen, auch wenn er sie so gerne sehen wollte. Er war gerade dabei, wieder gehen zu wollen, da ging die Haustür auf...


    - Ende Kapitel 7 -


    Edit: Noch ein paar Tippfehler korrigiert.

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    [/SIZE]Ich werde es niemals vergessen

    Den blauen Himmel und dich

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  • Sooo. Hier nun Kapitel 8. Hab wieder etwas mehr Mut gefasst. :'->



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    Kapitel 8


    Die Haustür ging auf. Ein junges Mädchen blieb völlig perplex in der Tür stehen und starrte ihn an. Sicher hatte sie nicht erwartet, jemanden vor der Tür anzutreffen, der sich fast schon wie ein Dieb aufführte, der gerade beim Einbruch erwischt wurde. Sie hatte kurze, schwarze Haare, die vorne etwas länger waren als hinten. Ein paar Strähnen fielen ihr ins Gesicht. Ihre grünen Augen waren besonders auffallend. Er starrte sie an und wusste nicht, was er sagen sollte. Andersrum war deutlich zu merken, dass es ihr nicht anders ging.

    „E..... Enrico?“, fragte sie ungläubig und mit zögernder Stimme und bereute im selben Moment schon wieder, gefragt zu haben. Sie wusste doch, dass er in Japan war. Für ihn bestand nun überhaupt kein Zweifel mehr.

    SIE stand ihm direkt gegenüber.

    „Ähm... ja...“, war das einzige, was ihm gerade einfiel. Was hätte er auch anderes sagen sollen?

    Sie stand völlig regungslos in der Tür und starrte ihn an. Es war ihr deutlich anzusehen, dass es in ihrem Kopf ratterte und sie ihn innerlich mit Fragen überhäufte. Dann überkam sie plötzlich eine Welle von Emotionen. Sie stürmte auf ihn zu, fiel ihm um den Hals, krallte sich schon regelrecht an ihm fest und fing an zu weinen. Sie wusste in diesem Moment selber nicht, warum sie nun eigentlich weinte. Und sie wusste wohl auch kaum, wie eiskalt sie ihn gerade folterte. Sicher, das war bestimmt keine Absicht von ihr, schließlich wusste sie nichts von seinen Gefühlen für sie... demnach wusste sie mit Sicherheit auch nicht, wie schwer es ihm gerade fiel, distanziert zu bleiben. Seine große Liebe stand nach endlosen 4 Jahren plötzlich wieder vor ihm... krallte sich gerade an ihm fest, weinte. Wie gern hätte er sie jetzt einfach geküsst. So nah war er ihr seit gefühlten Jahrhunderten schon nicht mehr. Und die ganze Sehnsucht, die er verspürt hatte, entlud sich gerade in dem Wunsch, sie einfach zu küssen und anschließend noch ganz andere Sachen mit ihr zu machen. Aber die Idee war schlecht. Sehr schlecht. Immerhin war der Verstand unterschwellig auch noch vorhanden und krächzte aus der hintersten Ecke seines Gehirns, kaum noch verständlich „TU’S NICHT!!!“. Das Herz hatte sich mit seinen Gefühlen so weit in den Vordergrund gedrängelt, dass der Verstand jämmerlich unterzugehen drohte. Das würde noch ein harter und schonungsloser Kampf zwischen Herz und Verstand werden. Warum konnten die beiden sich auch nie vertragen?

    „Wie kommst du hier her?“, fragte sie und schaute ihn dabei an, ohne ihn los zu lassen. „Mit dem Flieger?!“, antwortete er mit einem leicht ironischen Unterton und lächelte sie dabei an. Er wusste ganz genau, was sie eigentlich meinte, aber er nahm die schon damals gerne auf die Schippe. Das machte unheimlich Spaß und sie war einfach zu süß, wenn sie hinterher schmollte. Und das tat sie auch jetzt. „Ach mennoooo. Du weißt ganz genau, was ich meine!“. „Ja, weiß ich! Lass mich dich doch ein bisschen ärgern!“. Er grinste sie breit an. Es war genau so wie früher. Wie oft hatten sie diesen Wortwechsel früher schon gehabt? Das war im Prinzip eine Art Running Gag zwischen den beiden. „Ich wollte noch gerade nach Tegel. Bisschen am Hafen sitzen und aufs Wasser gucken. Magst du nicht mitkommen?“. Noch bevor sie seine Antwort abgewartet hatte, hatte sie ihn schon an der Hand gepackt und schleifte ihn hinter sich zu einer Bushaltestelle, die etwas weiter weg lag. Von dort fuhr ein Bus direkt nach Tegel.

    In Tegel angekommen steuerten sie direkt auf den Hafen zu. Der Weg war immer noch der selbe und auch hier hatte sich nicht viel verändert. Am Hafen angekommen steuerte Nayru eine der Bänke an, die direkt am Wasser standen. Von hier hatte man einen tollen Ausblick auf den Tegeler Hafen. Die Bänke standen direkt am Rand eines Weges. Im Sommer gingen hier noch viele Leute abends spazieren. Es war angenehm warm, aber nicht zu heiß. Eben das perfekte Wetter für einen Spaziergang. Enrico setzte sich wie immer auf die Lehne der Bank und stellte die Füße auf der Sitzfläche ab. Das war eine Angewohnheit von ihm und das machte er schon seit etlichen Jahren so. Zeit für die nächste Zigarette.

    Nayru löcherte ihn regelrecht mit Fragen. Wollte wissen, wie es in Japan so war. Was er dort alles erlebt hatte, wie sein Leben dort war, was er inzwischen beruflich alles erreicht hatte... einfach alles. Das Interesse seinerseits war mindestens genau so groß, also stellte er zwischendurch immer mal wieder die selbe Frage, die ihm gerade gestellt wurde und hörte ganz genau zu, was sie antwortete. Einerseits wollte er es natürlich unbedingt wissen, aber andererseits war es auch einfach nur eine Faszination, hier in Tegel am Hafen zu sitzen, neben IHR und ihre Stimme zu hören. Als er vor knapp 2 Stunden in den Bus eingestiegen und zu ihr gefahren war, wollte er sie eigentlich nur kurz sehen. Nur einmal kurz ihre Stimme hören. Nun gut, genau genommen wollte das Herz es so. Und jetzt, wo das Herz hatte, was es wollte, wurde es gieriger. Wollte mehr. Es war wieder einer dieser inneren Kämpfe, die Enrico so oft mit sich selbst auszufechten hatte. Einerseits war es unheimlich schön, hier zu sitzen... fast schon zu schön, um wahr zu sein... andererseits war es aber auch gefährlich. Denn der Verstand war immer noch da. Ließ sich nicht unterkriegen und mahnte immer und immer wieder, dass das Herz bescheidener sein soll, da es sonst hinterher heulend in der Ecke liegen würde, weil es zu gierig war und dann vom Schicksal einen ordentlichen Dämpfer bekommen hat. Nun gut, aber den Moment genießen war doch erlaubt, oder? Darauf hatte er so lange gewartet. Und jetzt, wo dieser Moment tatsächlich da war, wollte er wenigstens ein paar Minuten Ruhe von dem inneren Chaos, den Herz und Verstand da veranstalteten. Sollen die beiden doch einfach mal die Klappe halten, ansonsten würde er schon dafür sorgen, dass endlich mal Ruhe herrschte – und zwar auf SEINE Art.

    Er stützte den Kopf auf die Hand und sah sie an. Sie war wirklich süß. Immer noch. Keine elegante, wunderschöne Lady mit Topmodelqualitäten, aber schön auf ihre ganz eigene Weise. Sie hatte ein hübsches Gesicht. Das auf jeden Fall. Aber sie war eigentlich mehr süß als hübsch. Zumindest war das seine Sicht der Dinge. Sie war süß. Einfach nur süß. Quasi eine kleine süße Maus, die in jedem Mann den Beschützerinstinkt weckte. Hübsch und süß. Dazu eine zierliche Figur. Er war sich sicher, dass es genug andere Männer gab, die Interesse an ihr hatten.

    Der Abend hätte so schön sein können, wäre da nicht die Frage aufgekommen, wie lange Enrico in Deutschland bleiben würde. Was hätte er großartig antworten sollen, außer die Wahrheit? Von insgesamt 4 Wochen war er nun schon fast eine Woche hier. Was wiederum bedeutete, dass es nur noch knapp 3 Wochen waren, die er hier sein würde. Nicht viel Zeit. Zumal beide unter der Woche keine Zeit hatten. Nayru hatte ihre Zeit in der Schule abzusitzen, während Enrico in der Kaserne irgendwelche Übungen mitmachte oder sich von irgendwelchen Dozenten auf englisch voll labern ließ. Im Prinzip blieben also nur die Wochenenden. Oder noch ein paar Stunden nach der Arbeit bzw. Schule.

    „Wann musst du denn heute wieder in der Kaserne sein?“, fragte Nayru mit einem Unterton, der eindeutig erahnen ließ, welche Antwort sie hören wollte. „Genau genommen gar nicht. Ist halt Wochenende“. „Die Antwort war richtig“, lachte sie und äffte dabei Otto Waalkes nach. „Wie siehts aus? Soll ich noch die anderen anrufen und fragen, ob die noch Lust auf ein Treffen haben?“. Sie hatte ihr Handy schon in der Hand und wartete seine Antwort eigentlich gar nicht wirklich ab. Sie wusste, dass er mit ja antworten würde. Mit „die anderen“ war die alte Clique gemeint. Offensichtlich bestand diese noch immer. Das war eindeutig ein Highlight, die ganzen Leute wieder zu sehen. Diese Zeiten vermisste Enrico wirklich. Mit den Freunden abends in der Stadt rumhängen, rauchen, n bisschen was trinken. Wen störte das schon, dass sie damals eigentlich noch gar nicht alt genug waren für das Zeug, was sie da tranken? Niemanden. Und in so ziemlich jedem Laden bekamen sie auch Hochprozentiges, ohne nach einem Ausweis gefragt zu werden. Gleiches galt für Zigaretten. Nun gut, einige wenige waren auch heute noch nicht alt genug dafür. Nayru war mit ihrem 17 Jahren eine davon, die eigentlich noch nicht alles bekam, was sie wollte. Allerdings war Nayru auch eine der wenigen, die vernünftig waren und dafür sorgten, dass die Treffen nicht in reinen Saufgelagen endeten. Ein bisschen angeheitert war sie des öfteren zwar auch mal, aber sie hatte sich nie richtig abgeschossen. Das sprach eindeutig für sie.

    Keine 20 Minuten später war fast die ganze alte Clique am Tegeler Hafen versammelt. Und jedem, der ankam, fielen fast die Augen raus, als sie sahen, in wessen Begleitung sich Nayru befand. Ungläubige Blicke, immer wieder die selbe Frage: „Was machst du denn hier?“. Immer wieder die gleiche Geschichte erzählen. Aber die Wiedersehensfreude war riesig. Es war damals schon üblich, sich in einem Kreis auf den Boden zu setzen, zu quatschen, zu rauchen und zu picheln. Auch etwas, was sich bis heute nicht verändert hatte. Es war im Prinzip fast so, als hätte jemand die Zeit um 4 Jahre zurück gedreht. Enrico und Nayru saßen sich in dem Kreis, den sie gebildet hatten, gegenüber und tauschten immer wieder Blicke aus. Nur ganz kurz. Das blieb auch von Nayrus Freundinnen nicht unentdeckt. „Nayru, Süße, komm mal mit!“, sagte die eine und grinste ihre Freundin breit an. Die beiden standen auf, packten Nayru am Arm und schleiften sie ein Stück weiter weg von der Gruppe. Niemand wusste so genau, was das jetzt zu bedeuten hatte, aber jeder hörte Nayru laut fluchen. „Maaaaan. Was soll das denn jetzt???? Lasst mich los??? Aua!!! Ihr tut mir weh!!!!“.

    Als die 3 weit genug von der Gruppe weg waren, ließen sie Nayru los und noch eher sie wusste, was das überhaupt sollte, kamen auch schon die ersten Fragen. „Was soll denn das, Nayru? Looos! Schmeiß dich ran da!“. „Hääääää? Wo ran???“. Nayru verstand nur Bahnhof. „Na an Enrico!“ Okay, so langsam dämmerte es ihr. „Was wird das hier? Ein Verkupplungsversuch? Spart euch das!“. Sie war drauf und dran, sich wieder zur Gruppe zu setzen, als sie von ihren beiden Freundinnen am Arm festgehalten wurde. „Aber du kannst die Chance doch nicht verstreichen lassen! Das ist DIE Chance für dich!“. Nayru war da ganz anderer Meinung und eigentlich hatte sie auch gar keine Lust auf so ein Gespräch. „Schau ihn dir doch mal an. Der sieht doch heute noch besser aus als damals schon. Und du stehst doch auf ihn! Den kannst du doch nicht einfach laufen lassen! Den schnappt dir sonst noch ne andere weg und dann bist du traurig! Loooos! Nutz deine Chance. Wer weiß, wann du die das nächste Mal kriegst!“. Das war genau der Punkt, um den es ging. Nayru verstand überhaupt nicht, warum ihre Freundinnen sie zu so was überreden wollten, wenn sie das Problem doch kannten. Aber scheinbar waren wohl Erklärungen notwendig. „Ja, du sagst es, Mia! Wer weiß, wann ich die nächste Chance kriege. Genau DAS ist doch das Problem!“. Ihre beiden Freundinnen wussten offensichtlich überhaupt nicht, was das Problem war, also musste Nayru wohl oder übel noch deutlicher werden, was konkret bedeutete, die Fakten aufzuzählen, die sie eigentlich lieber sofort wieder aus ihrem Kopf gelöscht hätte. „Er ist gerade mal noch 3 Wochen in Deutschland und fliegt dann zurück nach Japan. Wie stellt ihr euch das denn vor, wie das funktionieren soll? Das ist doch Schwachsinn, sich an ihn ran zu schmeißen. Außerdem wisst ihr doch gar nicht, ob er nicht vielleicht auch ne Freundin hat.“ „Ach man! Nayru! Du musst es doch wenigstens mal versucht haben! Sonst weißt du doch nie, woran du bei ihm bist! Frag ihn doch einfach mal!“. Nayru hatte nun eindeutig die Nase voll. Von Verkupplungsaktionen war sie ohnehin nie begeistert gewesen und ihre Freundinnen waren berühmt dafür, dass sie immer und immer wieder versuchten, Nayru unter die Haube zu bringen. Enrico war für sie durchaus mehr als einfach nur ihr bester Freund. Und ihre beiden besten Freundinnen wussten natürlich davon. Aber Nayru hielt es trotzdem für besser, ihre Gefühle für sich zu behalten und ihm nichts davon zu erzählen.

    Sie ging wieder zur Gruppe zurück. Wenn Enrico zuhören konnte, würden Mia und Diana schon die Klappe halten. Die beiden folgten Nayru und setzten sich wieder dort hin, wo sie zuvor auch gesessen hatten. „Enrico, saaaage mal....“, unterbrach Diana das Gespräch der 4 anwesenden Jungs: „Hast du eigentlich inzwischen ne Freundin?”. Nayru wäre in diesem Moment am liebsten auf Diana los gegangen. War die eigentlich total wahnsinnig, ihn so was zu fragen? Das war erstens viel zu auffällig und zweitens hatte sie doch gerade noch versucht zu erklären, warum es besser wäre, Enrico nichts von irgendwelchen Gefühlen zu erzählen. Während Nayru innerlich kochte und sich beherrschen musste, um Diana nicht sofort einen Kopf kürzer zu machen, war Enrico sichtlich verwundert über diese Frage und antwortete mit einem einfachen „Nein, wieso?“. „Hat mich einfach nur interessiert!“, log Diana und grinste. Nayru war stinksauer, aber zumindest wusste sie nun, dass er Single war und sie THEORETISCH nirgendwo zwischen funken würde. Trotzdem war das keine gute Idee, ihn so was zu fragen. Das war überhaupt nicht gut.

    Der Abend verging wie im Flug. Es wurde 23 Uhr, 0 Uhr, 1 Uhr, 2 Uhr. So langsam kam die erste Müdigkeit durch und es wurde Zeit, die Veranstaltung aufzulösen. Aber es war immerhin Wochenende, beste Zeit also, um sich morgen gleich wieder zusammen zu setzen und weiter zu quatschen, zu rauchen und zu picheln.

    An der Berliner Straße trennten sich die Wege auch schon. Die einen gingen zur U-Bahn, andere zum Bus, wieder andere konnten zu Fuß nach Hause laufen. Enrico und Nayru standen an der Bushaltestelle und warteten darauf, dass der Bus kommen würde. Um diese Zeit fuhr nur noch der Nachtbus und der fuhr auch nur alle halbe Stunde. Auch etwas, das sich in den letzten 4 Jahren in Berlin nicht verändert hatte. Ein Blick auf den Plan verriet, dass es gerade mal 8 Minuten dauerte, bis der Bus kam. Glück gehabt. Inzwischen war es auch ziemlich kalt geworden. Es war zwar Sommer, aber die Nacht war meist doch etwas kühl. „Zum Glück ist es nicht so weit bis nach Hause“, meinte Nayru und verschränkte die Arme vor der Brust. „Ja, stimmt“, war die leicht geistesabwesende Antwort von Enrico. „Was machst du denn jetzt eigentlich? Fährst du wieder zurück in die Kaserne?“. „Ja, ich denke schon.“. Enrico schaute die ganze Zeit in die Richtung, aus der der Bus kommen würde. Hier mitten in der Nacht alleine in Tegel zu stehen – mit IHR zusammen – war gefährlich. Das wusste er. Die Nacht war bekanntlich ehrlicher als der Tag. Und wenn das Herz nicht irgendwann heulend in der Ecke liegen wollte, war JETZT die Gelegenheit, dagegen zu steuern. Konkret hieß das, so distanziert wie möglich zu bleiben. Das war zugegebenermaßen leichter gesagt als getan, aber eindeutig besser.

    „Musst du morgen auch arbeiten?“, war Nayrus nächste Frage. „Nein“. „Cool. Was hältst du denn davon, wenn wir noch ein bisschen zu mir gehen und da weiter quatschen? Draußen wird’s langsam echt zu kalt!“. In seinem Kopf fing es sofort an zu rattern. Mit zu ihr gehen??? Das war gefährlich. Sogar sehr gefährlich. Als sie vorhin am Tegeler Hafen gesessen hatten, hatte sie beiläufig erwähnt, dass sie derzeit alleine zuhause wäre, weil ihre Eltern beide aus dienstlichen Gründen verreist waren. Ob sie wusste, dass sie gerade dabei war, ihr eigenes Zimmer in die Höhle des Löwen zu verwandeln? Wohl kaum. Der Verstand hätte fast gesiegt und Enrico war drauf und dran, mit Nein zu antworten. Er setzte sogar schon zur Antwort an, sagte dann aber urplötzlich doch Ja. Im nächsten Moment hätte er sich dafür schon wieder auf die Zunge beißen können. Wieso hatte er jetzt Ja gesagt, wenn er Nein sagen wollte? Er war sich selber nicht mal sicher, ob das jetzt ein Versehen war, eine Unachtsamkeit, oder ob er insgeheim doch nur der Sehnsucht nachgegeben hat. Ihm war gerade nur eins klar: Dass er sich soeben in eine Situation rein manövriert hatte, die er eigentlich unbedingt verhindern wollte.


    [FONT=&quot]- Ende Kapitel 8 -[/FONT]

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    [/SIZE]Ich werde es niemals vergessen

    Den blauen Himmel und dich

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  • Sooo. Weiter gehts mit Kapitel 9. Im Moment komm ich nur eher selten zum schreiben, weil mein Freund gerade da ist. Und entweder ist ständig mein Rechner besetzt (Mitleid bitte! :D) oder ich komm aus anderen Gründen nicht dazu.


    Ich hoffe, es ist nicht zu kitschig geworden! >.<


    Kommentare wie immer erwünscht!


    Und wie immer viel Spaß beim lesen! :)


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    Kapitel 9


    Die Busfahrt dauerte nicht lange und von der Bushaltestelle, an der der Bus halten würde, war es bis zu Nayru’s Wohnung auch nicht so weit. Für eine Zigarette reichte es gerade so. Und die brauchte Enrico gerade dringend. Nayru hatte ihm nicht nur angeboten, noch mit zu ihr zu kommen. Auf der Fahrt zu ihr nach Hause hatte sie sogar noch eins drauf gesetzt und ihm angeboten, dass er ja bei ihr übernachten könnte. Genau genommen war das alles ja total harmlos. Früher hatte er auch immer bei ihr übernachtet. Oder sie bei ihm. Da hatten sie beide auch immer im selben Bett geschlafen und das war auch niemals ein Problem gewesen. Und jetzt sah die Situation immerhin so aus, dass sie sich seit 4 Jahren nicht mehr gesehen hatten und sich natürlich eine Menge zu erzählen hatten. So viel, dass man das in einem Tag gar nicht alles erzählen konnte. Die Frage, ob er bei ihr übernachten wollte, war also eigentlich total harmlos. Völlig ungefährlich. Sie hatte bestimmt keine Hintergedanken – ganz im Gegensatz zu ihm. Okay, er würde mit Sicherheit nicht über sie herfallen wie der böse Wolf über das arme Schaf, aber wenn er ehrlich zu sich selbst war, wusste er ganz genau, dass er mehr wollte als einfach nur quatschen. Er wollte sie in den Arm nehmen, sie fest halten, sie küssen. Eben das mit ihr machen, was man halt gerne mit einem Menschen machen wollte, den man liebte.

    Als sie endlich in dem Haus angekommen waren, in dem Nayru wohnte, fuhren sie mit dem Aufzug in den 11. Stock. Der Flur sah ein wenig aus wie in einem Hotel. Ein langer Gang, am Ende des Ganges ein Fenster und links und rechts jeweils 3 Türen. Die Wände waren in hellem mintgrün gestrichen. Der Teppichboden hingegen war dunkelgrün. Nayru steuerte die Tür ganz hinten links an. Wie damals schon. In der Wohnung selbst hatte sich auch nicht viel verändert. Im großen und ganzen sah immer noch alles genau so aus, wie Enrico es in Erinnerung hatte. Am Ende des Flures befand sich in einer kleinen Nische nach wie vor eine Wendeltreppe. Das war immer ziemlich umständlich, die schmalen Stufen rauf und runter zu klettern – und das auch noch ständig im Kreis. Aber was sein musste, musste nun mal sein. Oben angekommen standen sie auf einem winzig kleinen Flur. Direkt gegenüber befand sich die erste Tür. Dahinter befand sich (wahrscheinlich immer noch) ein kleines Bad mit Toilette und Badewanne. Die Tür rechts führte direkt in Nayru’s Zimmer. Sie hatte ihr Zimmer direkt unter dem Dach. Die vielen Schrägen und Balken machten das Zimmer unheimlich attraktiv.

    Die Einrichtung hatte sich ein klein wenig verändert. Nicht mehr dieses typische Kinderzimmer, denn ein Kind zwar sie ja nun wirklich nicht mehr. Das Zimmer hatte sich in ein elegantes Jugendzimmer verwandelt. Links neben der Tür, direkt an der schrägen Wand, stand das Bett. Das stand vor 4 Jahren noch in einer anderen Ecke. An der linken Wand, so ziemlich in der Mitte des Raumes stand der ordentlich aufgeräumte und saubere Schreibtisch samt Computer. Direkt neben dem Schreibtisch befand sich ein halb hohes Regal, in dem Bücher, CDs und DVDs ordentlich einsortiert waren. An der gegenüberliegenden Wand, vom Eingang aus rechts gesehen also, fanden ein großer Kleiderschrank und ein Klavier ihren Platz. Das Klavier liebte Nayru abgöttisch. Und sie konnte schon damals unglaublich gut darauf spielen. Sie war einfach das geborene Naturtalent. Enrico wusste bis heute nicht, wie sie es damals geschafft hatten, das sperrige Stück in dieses Zimmer zu transportieren – es galt immerhin eine Wendeltreppe zu überwinden – aber wie auch immer sie es geschafft hatten, es muss ein riesiger Aufwand gewesen sein. Highlight des Zimmers war vor allem auch der Balkon direkt gegenüber vom Eingang. Die Balkontür befand sich direkt gegenüber von der Eingangstür und vom 11. Stock aus hatte man eine tolle Aussicht. Die vielen Pflanzen im Zimmer sorgten dafür, dass man sich hier eindeutig wohl fühlen konnte. Nayru war schon immer sehr ordnungsliebend gewesen. Bei ihr hätte man auch problemlos vom Boden essen können, ohne Angst haben zu müssen, dass man sich irgendeine komische Krankheit einfing.

    „Sieht gut aus!“, bemerkte Enrico, als er sich im Zimmer umgesehen hatte. „Ganz anders als vor 4 Jahren noch!“. Nayru war schon ein bisschen stolz, dass es ihm gefiel. Sie hatte auch lange überlegt, welche Möbelstücke sie haben wollte und wo sie platziert werden sollten. Und sie fand selber, dass es gut gelungen war. „Setz dich doch“. Sie deutete auf das Bett und wies ihn an, sich dort hin zu setzen. Sie selbst setzte sich auf den Stuhl vom Schreibtisch.

    „Und? Wie ist es für dich, jetzt wieder in Deutschland zu sein?“. „Komisch irgendwie. Das kommt mir alles ziemlich fremd vor, obwohl ich es alles ganz genau kenne. Weiß nicht, wie ich das beschreiben soll.“ Nayru glaubte, sich in etwa vorstellen zu können, was er meinte. Sie konnte zwar nicht aus Erfahrung sprechen, aber so eine gewisse Vorstellung hatte sie von dem, was ihr bester Freund fühlen musste. „Ich würde gerne mal nach Japan kommen und dich da besuchen.“, fuhr sie fort und schaute ein wenig verlegen zu Boden. „Rein theoretisch nicht das Problem, wenn ich gnädigerweise dann auch Urlaub einschieben dürfte. Ansonsten dürften meine Arbeitszeiten wohl eher ein Problem werden. Du wärst die meiste Zeit alleine.“ Das war wohl ein Argument. „Naja, aber wovon sollte ich so was auch bezahlen? Die Flüge kosten ja ein Vermögen!“. Das war wiederum ein Argument, das nur für Nayru zählte. „Darüber mach dir mal keine Gedanken. Den Flug kann ich auch bezahlen.“ Nayru wusste sofort, dass das wohl die einzige Möglichkeit wäre, wenn sie ihn wirklich mal im Land der aufgehenden Sonne besuchen wollte, aber ihn den Flug bezahlen lassen? „Das kommt gar nicht in Frage! Da geh ich lieber neben der Schule noch arbeiten und bezahl das selber!“. Enrico musste lachen. „Klar. Du müsstest doch bald Abiturprüfungen haben, oder? Wie willst du denn Schule, lernen und Arbeit unter einen Hut kriegen? Außerdem kriegst du mit nem Aushilfsjob im Leben nicht genug Kohle zusammen, um dir nen Flug leisten zu können und in Japan über die Runden zu kommen. Tokio ist nicht gerade billig.“ Dagegen konnte sie nichts sagen. Im Gegensatz zu ihr, die sie ihr Leben noch nicht in Japan war, wusste er es natürlich besser. „Sag mir einfach, wann, und ich kümmer mich um den Rest!“ Er lächelte sie an und sie merkte ganz genau, dass es ihm ernst war und das ein Angebot war, das er nicht einfach so daher sagte, sondern wirklich so meinte. „Hm.... okay. Aber dann musst du mir alles ganz genau zeigen und mir vorher japanisch beibringen!“. „Gar kein Problem. Das lernst du ganz schnell!“ Jetzt musste sie auch grinsen.

    Irgendwie wusste jetzt keiner so recht, was er sagen sollte. Diese Schweigeminute war fast schon peinlich. Nayru schaute immer wieder kurz zu Enrico rüber. Und sie musste feststellen, dass Mia und Diana recht hatten. Er sah wirklich gut aus. Er hatte ihr schon damals gefallen. Aber jetzt, wo er 4 Jahre älter war, hatte er sich auch optisch verändert. Er wirkte erwachsener. Das gefiel ihr unheimlich gut. „Ähm.... magst du vielleicht noch was trinken?“, unterbrach sie die Stille. „Nee, lass mal. War genug heute.”. Wieder musste sie grinsen. „Ich meinte ja auch was nicht-alkoholisches.“. „Das meinte ich auch!“. Die Situation war irgendwie schon lustig. Sie hatten oft die gleichen Gedanken, verstanden sich blind. Und scheinbar war das nach den 4 Jahren, in denen sie keinen Kontakt mehr hatten, nicht anders geworden. Sie waren fast wie Seelenverwandte. Ein Blick des einen reichte aus und der andere wusste sofort, was passiert war.

    „Spielst du eigentlich noch auf dem Klavier?“, wollte Enrico wissen und schaute zu dem Instrument rüber. „Na klar. Was glaubst du, was ich in den letzten Jahren alles gelernt habe! Da wirst du staunen!“, antwortete sie ihm voller Stolz und schien fast schon glücklich darüber zu sein, dass er sie auf ihr liebstes Hobby ansprach. „Ich würde dir ja gerne was vorspielen, aber ich fürchte, es ist schon zu spät. Wenn ich jetzt noch darauf spiele, regen sich die Nachbarn wieder auf!“. Dafür hatte er durchaus Verständnis, auch wenn das schon schade war. Klassik war zwar eigentlich überhaupt nicht seine Musik, aber wenn Nayru selbst spielte, war das immerhin etwas anderes. Das war nicht Klassik, sondern Nayru. Was anderes halt.

    Nayru stand auf, ging auf das Bett zu und setzte sich neben Enrico. „Ich finds schön, dass du wieder da bist.“, sagte sie leise und schaute dabei zum Boden, lächelte leicht. „Wäre schön, wenn du länger bleiben könntest.“ Er stimmte ihr zu, in dem er nur nickte. Er genoss es im Moment einfach, sie reden zu hören. Ihre Stimme zu hören. „Weißt du....“, fuhr Nayru weiter fort: „Als wir uns damals am Flughafen voneinander verabschiedet haben, bin ich wirklich nicht davon ausgegangen, dass wir uns noch mal wieder sehen würden. Und jetzt auf einmal bist du wieder hier. Das kommt mir irgendwie alles immer noch vor wie ein Traum.“ Enrico musste ein bisschen lachen. Nayru schaute ihn verwundert an und wollte wissen, was daran jetzt so lustig war. „Naja, als wir in Tegel gelandet waren und gerade das Flughafengebäude verlassen hatten, hat mich ein Kollege gefragt, wie’s für mich ist, jetzt wieder in Deutschland zu sein. Und ich hab genau das gleiche gesagt, was du gerade auch gesagt hast.“ Das war in gewisser Weise schon echt lustig. Enrico und Nayru hatten schon damals immer sehr ähnliche Gedanken und wenn man beiden die gleiche Frage stellte, hatten sie oftmals auch unabhängig voneinander die gleiche Antwort gegeben. Die Beziehung zwischen den beiden war damals schon immer etwas besonderes gewesen. Sie waren einfach unzertrennlich und sie verstanden sich immer wortlos. Einige von ihren Freunden waren damals sogar schon neidisch darauf, dass die beiden sich so gut verstanden.

    „Warum hat Diana mich vorhin eigentlich gefragt, ob ich ne Freundin habe?“. Nayru schreckte hoch. Auf diese Frage war sie nun überhaupt nicht vorbereitet. „Wie kommst du jetzt darauf?“, fragte sie und hoffte dabei, um eine Antwort drum rum zu kommen. „Weiß ich ehrlich gesagt auch nicht. Fiel mir nur gerade irgendwie wieder ein.“. Nayru überlegte kurz. Suchte krampfhaft nach einer Antwort, die sie ihm sagen konnte und die plausibel klang. Schlussendlich fiel ihr aber nicht anderes ein, also sah sie sich gezwungen, die Ahnungslose zu spielen und mit „Keine Ahnung“ zu antworten. Eigentlich wollte sie ihm schon gerne die Wahrheit sagen. Aber für eine gute Idee hielt sie es nicht. Sie wusste zwar nun, dass er Single war, aber das bedeutete ja noch lange nicht, dass er ihre Gefühle erwidern würde. Und vor einer Abfuhr hatte sie große Angst. Nicht mal wegen dem gebrochenen Herzen, das sie hinterher sicher haben würde, sondern viel eher hatte sie Angst davor, dass es die Freundschaft zerstören könnte. Und das wollte sie auf gar keinen Fall. Lieber war sie ihm ganz nah und irgendwie doch ganz fern, als ihm nur ganz fern zu sein – sowohl körperlich als auch emotional.

    „Und wie siehts bei dir aus? Hast du nen Freund?“, fragte Enrico weiter. „Ähm... nein. Nein, habe ich nicht.“, antwortete sie ehrlich und fragte sich innerlich, warum er das wissen wollte. „Warum nicht?“, bohrte er weiter. „Gegenfrage: Warum hast du denn keine Freundin?“. Eine Frage mit einer Gegenfrage zu beantworten schien ihr im Moment die beste Lösung zu sein. „War nicht die Richtige dabei?“, ergänzte sie ihre Frage. „Hm... na ja, wie man’s nimmt.“ Eigentlich hätte er seinen Satz gerne noch ergänzt. „NATÜRLICH war die Richtige schon dabei und sie sitzt sogar zufällig gerade neben mir!!! Aber leider gibt’s da das Problem, dass sie immer noch in Deutschland wohnt und sich mein Leben inzwischen ein paar 1000 km weit weg in Japan abspielt“. Aber diesen Gedanken behielt er lieber für sich.

    Wieder entwickelte sich diese fast peinliche Stille zwischen den beiden. Sie waren beste Freunde, Seelenverwandte sozusagen und sie hatten sich seit 4 Jahren nicht gesehen. Eigentlich hätten sie sich doch also schon fast drum streiten müssen, wer zuerst erzählen darf, was alles in den vergangenen Jahren vorgefallen war. Aber der Umgang zwischen den beiden war ziemlich befangen. Jeder wusste für sich natürlich, woran das lag, nicht aber, welche Beweggründe der jeweils andere hatte. Dabei war die Lösung doch so einfach. Aber wenn es um Gefühle ging, war das immer so eine Sache. Der eine hatte Angst, verletzt zu werden, der nächste hatte Angst, eine Freundschaft zu ruinieren, einem noch ganz anderen war es einfach unangenehm, zu seinen Gefühlen zu stehen. Es gab die unterschiedlichsten Beweggründe, warum manche Menschen nicht offen und ehrlich zu ihren Gefühlen stehen konnten oder wollten.

    „Kennst du das, wenn man jemanden liebt, obwohl man diese Person nicht haben kann?“, fragte Nayru und unterbrach damit die Stille, die sich über den Raum gelegt hatte. „Hm... ja, kenn ich.“, gab ihr bester Freund zu. „Bei mir ist das genau so ein Fall.“, fuhr Nayru weiter fort. „Eigentlich gibt es jemanden, den ich sehr mag, aber ich glaube, es wäre sinnlos, es zu versuchen.“ Eigentlich brannte es ihr auf der Zunge, ihm zu sagen, von wem sie gerade sprach. Sie kämpfte innerlich mit sich, denn sie hatte immerhin gute Gründe, es eigentlich besser sein zu lassen. Sie sah die Freundschaft zu ihm schon zerbrechen, wenn sie ihm die Wahrheit sagen würde – und davor hatte sie große Angst. Auf gar keinen Fall wollte sie ihren absolut besten Freund verlieren. Lieber würde sie ihm ewig hinterher trauern und leiden, wenn sie in seiner Nähe war und gleichzeitig so weit von ihm entfernt. Aber andersrum wollte sie auch, dass er es wusste. Beide waren immer ehrlich zueinander und sie haben wirklich über ALLES gesprochen. Und sie wollte ihm auch dieses nicht gerade unwichtige Detail eigentlich unbedingt erzählen. In gewisser Weise war es doch sein gutes Recht, so was zu wissen. „Warum glaubst du, dass es sinnlos ist?“, hakte Enrico nach. „Naja, er wohnt nicht in Berlin.“ Jetzt merkte sie, wie ihr das Blut in den Kopf schoss und es in ihrem Kopf richtig heiß wurde. Ihr Herz fing an zu rasen und sie wurde unruhig und nervös. Eigentlich war das mehr als ausreichend, damit er drauf kommen konnte, dass er selbst gemeint war. Ob sie das nun wirklich wollte, war allerdings wieder eine ganz andere Sache. Sie wusste selbst nicht so genau, was sie nun eigentlich wollte. Aber der Hinweis war eigentlich mehr als eindeutig gewesen.

    „Warum zitterst du?“, fragte Enrico und schaute auf ihre Hände, die wie Wackelpudding zitterten. „Weil... ähm....“, fing sie an zu stottern und wusste nicht, was sie nun sagen sollte. Jetzt saß sie in der Zwickmühle. Eigentlich sollte spätestens jetzt auch dem letzten Vollidioten klar geworden sein, was in ihr vorging und auch an Enrico war das natürlich nicht vorbei gegangen. „Deine Hände sind ganz kalt!“, bemerkte er, als er Nayru’s Hand nahm und versuchte, ihr damit ein wenig das Zittern zu nehmen. „Irgendwie ist mir auch kalt“, gab Nayru zu. Enrico legte vorsichtig einen Arm um sie und zog sie näher an sich heran. Das Herz hatte sich jetzt eindeutig in den Vordergrund gedrängelt. Was eigentlich bei einem derartigen Gespräch schon vorprogrammiert war. Und wenn er ehrlich zu sich selbst war, wollte er eigentlich auch, dass es so kommt. Hattori hatte damals Recht gehabt. Es war eine einmalige Chance und er würde sich vermutlich sein Leben lang in den Allerwertesten beißen, wenn er diese Chance nicht nutzen würde.

    Nayru war wirklich eiskalt. Ihre ziemlich dünnen Arme fühlten sich an wie ein Eiszapfen. Die Frage, ob sie eine Decke haben wollte, beantwortete sie mit nein und kuschelte sich stattdessen noch enger an. Sie genoss den Moment einfach. Sie schaute ihm direkt ins Gesicht, ohne sich dabei aus der Umarmung zu lösen. Ihr Gesicht war jetzt ganz nah an seinem dran und sie konnte das Muster in seinen himmelblauen Augen ganz genau sehen. Einen Moment lang schaute sie ihn so an. Dann überkamen sie die Gefühle und küsste ihn. Nur kurz. Ganz kurz. Seine Reaktion war nicht so, wie sie es erwartet hatte. Sie hatte erwartet, dass er überrascht sein würde. Dass er sie vielleicht auch von sich weg schubsen würde. Dann er sauer sein würde. Aber das war er nicht. Stattdessen fing er an zu grinsen. „Also, wenn du mich schon küsst, dann aber auch richtig.“ Sein Grinsen wurde immer breiter. Dann berührte er ihre Wange, zog sie wieder näher an sich heran und küsste sie richtig.

    [FONT=&quot]- Ende Kapitel 9 -[/FONT]

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    Den blauen Himmel und dich

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  • Sooo. Nach längerer Pause mal wieder ein neues Kapitel. Allerdings in gekürzter Fassung. Die Stellen, an denen ich Sätze bzw. ganze Absätze raus genommen habe, sind mit (...) gekennzeichnet. Die Langfassung ist zwar eigentlich auch nicht unbedingt krass, aber aufgrund der Regeln war es mir dann doch lieber, die entsprechenden Stellen raus zu nehmen.




    Wer die Langfassung lesen möchte, kann das unter http://www.fanfiktion.de/s/4aa4dd66000103500c903a98 tun!



    Ich hoffe, das Kapitel ist nicht kitschig geworden! >.< Ich wollte so gut es geht Nayru's Gefühle darstellen. Hoffe, das ist mir zumindest halbwegs gelungen! °~°




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    Kapitel 10


    Der Kuss war lang uns intensiv. Irgendwie ein komisches Gefühl, seine langjährig beste Freundin so zu küssen. Mal ein Küsschen auf die Wange oder auf die Stirn war normal. Aber dieser Kuss war einfach anders. Zuerst vorsichtig. Zärtlich. Dann immer fordernder. Eigentlich wollte Enrico sich zurück halten. Aber nachdem Nayru ihn geküsst hatte, waren die ganzen Vorsätze vergessen. Er wollte sie. Hier und jetzt. Jetzt gleich. Seine Hand machte sich quasi selbstständig und erforschte ihren Körper. Dass sie ihn nicht davon abhielt, war wohl ein eindeutiges Zeichen.

    Es war schon ziemlich lange her, dass er das letzte Mal mit einem Mädchen intim wurde. Sicher, Angebote hätte er genug gehabt, aber da war nie eine dabei, die ihn ernsthaft interessierte. Keine, die auch nur annähernd an Nayru heran kam. Aber das war sowieso unmöglich. Keine konnte so sein wie Nayru. Und Nayru war für ihn einfach etwas besonderes. Jemand, der einfach nicht ersetzbar war.

    (...)

    Sie hatte sich in seinen Arm gekuschelt und beobachtete ihn. Er lag auf dem Rücken, hatte das Gesicht aber zu ihr gedreht und die Augen geschlossen. Sie beobachtete ihn, wusste aber ganz genau, dass er wach war. (...) Und so langsam kamen die vielen Fragen. So langsam realisierte sie, dass das gerade kein Traum war, sondern wirklich passiert war. Sie hätte gerne gewusst, woran er gerade dachte. „War das jetzt okay für dich?“, fragte er sie, ohne dabei die Augen zu öffnen. Er riss sie damit aus ihren Gedanken und sie wusste im ersten Moment nicht, was sie darauf antworten sollte. In diesem Fall war es nicht schwer, eine ehrliche mit einer netten Antwort zu verbinden, aber sie wusste auch ganz genau, dass die Entfernung, die bald wieder zwischen ihnen liegen würde, ein großes Problem werden würde. „Ähm.... ja“, antwortete sie kurz und knapp. Eigentlich wollte sie ihm haufenweise Fragen hinterher werfen. Es gab so vieles, was sie jetzt wissen wollte. Dass es für ihn auch okay war, schien irgendwie logisch zu sein. Aber sie wusste nicht, wie viel Bedeutung sie dem jetzt beimessen konnte. War das jetzt nur so eine Sache für eine Nacht? Oder doch mehr? Die Frage brannte ihr auf der Zunge, aber sie entschied sich dazu, besser nicht zu fragen. Sie musste immerhin schon damit rechnen, dass die Antwort auch negativ ausfallen konnte und jetzt wollte sie eigentlich nur dem Moment genießen. Mit ihrer Frage hätte sie immerhin alles zerstören können und das war im Moment das Letzte, was sie wollte. (...) Außerdem war es mitten in der Nacht und sie war müde. Und was konnte es schöneres geben, als bei seiner großen Liebe im Arm einzuschlafen? Sie ließ es also bleiben und schlief bald darauf ein.

    Es war bereits nach 10 Uhr, als Nayru wieder aufwachte. Sie lag immer noch bei Enrico im Arm. Keiner hatte sich in der Nacht auch nur einen Zentimeter gerührt. „Na, bist du auch endlich wach?“, fragte er und grinste sie dabei an. Offensichtlich hatte er sie wohl beim schlafen beobachtet. „Wie lange bist du schon wach?“. „Schon eine ganze Weile.“

    Nayru setzte sich auf. Und plötzlich fiel ihr wieder ein, was gestern Nacht passiert war. Damit war auch die Unsicherheit zurück. Und die vielen Fragen. Sollte sie ihn jetzt gleich damit überfallen? Oder doch erst später? Oder vielleicht auch lieber gar nicht? „Wie sieht deine Tagesplanung heute aus?“. Ganz anderes Thema. Aber auch das interessierte sie. „Ich glaub, ich werd gleich erst mal in die Kaserne fahren. Duschen, andere Klamotten anziehen, gucken, ob die noch alle leben... das übliche eben.“ „Und dann?“, fragte sie weiter. „Dann is nix weiter. Am Wochenende ist da nichts los. Hast du denn was vor?“. Die Frage war berechtigt. Nayru hatte eigentlich nichts vor. Aber sie konnte sich gut vorstellen, wie sie den Tag heute verbringen könnte. „Hast du denn Lust, irgendwas zu machen?“. Die Antwort war natürlich positiv, allerdings wusste keiner von beiden so genau, was man unternehmen könnte.

    Enrico sammelte seine Klamotten vom Boden auf, zog sich an und machte sich erst mal auf den Weg zur Kaserne. Nayru begleitete ihn noch bis zur Haustür. Es war zwar nur ein Abschied für wenige Stunden, aber irgendwie war auch das eine seltsame Situation, in der keiner so recht wusste, was er oder sie jetzt sagen oder tun sollte. Enrico verabschiedete sich schlussendlich von ihr, in dem er ihr ein Küsschen auf die Stirn gab. Das hatte er früher auch immer gemacht. So rein freundschaftlich natürlich. Aber spätestens seit letzter Nacht war das keine rein freundschaftliche Beziehung mehr. Beide wussten natürlich, was passiert war, aber keiner sprach das Thema an. Nayru war sich allerdings sicher, dass sie es unbedingt noch ansprechen würde. Irgendwann. Wenn der Moment günstig war.

    Als er weg war, verschwand sie kurz in ihr Zimmer, fischte ein paar saubere Klamotten aus dem Schrank und hüpfte unter die Dusche. Sie wusste gar nicht genau warum, aber unter der Dusche konnte sie immer am besten nachdenken. Und jetzt musste sie auf jeden Fall eine ganze Menge nachdenken.

    Enrico ging es nicht anders. Er versuchte, sich nichts anmerken zu lassen, aber das, was letzte Nacht passiert war, beschäftigte ihn natürlich genau so. Er war sich absolut nicht sicher, ob das nun wirklich so eine gute Idee war. Er hatte sich fest vorgenommen, es sein zu lassen. Aber nach dem Kuss waren die ganzen guten Vorsätze hinüber. Und auch wenn es mit sehr hoher Wahrscheinlichkeit ein Fehler war, war’s schön. Verdammt schön sogar. Vielleicht war es wohl aber auch ganz gut, wenn man nicht weiter darüber sprach. Es heißt zwar, nur redenden Menschen wäre zu helfen, aber in diesem Fall erschien es einfach sinnvoller, den Mund zu halten. Die vielen offenen Fragen, die im Raum umher schwebten, waren alles andere als angenehm, aber wenn man reden würde, wäre das Ergebnis wahrscheinlich sogar noch unangenehmer. Im Prinzip war ihm ja selber klar, dass eine Beziehung zur ihr eigentlich unmöglich war. Seine verbleibende Zeit in Deutschland würde definitiv wie im Flug vergehen und wenn er erst mal wieder in Japan war, sah es verdammt schlecht aus, irgendwann noch mal nach Deutschland zu kommen. Und Nayru konnte auch bestenfalls in den Ferien nach Tokio fliegen. Die paar Male, die sie sich also sehen würden, konnte man an einer Hand abzählen. Und das war eine verdammt schlechte Grundlage für eine Beziehung.

    In der Kaserne angekommen wurde er prompt von Misaki und Hattori über den Haufen gerannt. „WO WARST DU????“, brüllte Misaki ihn völlig hysterisch an. „Wir haben uns solche Sorgen gemacht!!!“. Das hatte ihm gerade noch gefehlt. Eine hysterische Henne, die ein riesen Spektakel veranstaltete, weil sie ihre Küken in Gefahr glaubte. „Du brauchst nicht so zu schreien. Ich bin nicht taub!“, entgegnete er ihr genervt. Hattori hingegen grinste ihn breit an. „Ich kann mir schon denken, wo du warst!“. Hattori wusste selbst nicht mal, wie recht er mit seiner Vermutung hatte. Enrico ging an den beiden vorbei. Auf Rechtfertigungen hatte er nun wirklich keine Lust. Der Tag fing super an und er würde auch super weiter laufen und enden. Außerdem war das eine Angelegenheit, die nur ihn etwas anging. Misaki und Hattori mögen vielleicht wirklich gute Freunde sein, aber was er letzte Nacht gemacht hat, ging die beiden nun wirklich nichts an. Das war immer SEHR privat.

    Enrico steuerte die Stube an, die er sich mit seinen beiden hysterischen und zudem neugierigen Freunden teilte. Er sammelte ein paar Klamotten zusammen und wollte dann sofort unter die Dusche. Aber eigentlich hätte ihm von vorneherein klar sein müssen, dass Hattori ihn nicht einfach so davon kommen ließ. „Erzähl! Wie war’s?“, fragte er neugierig und setzte sich auf das Bett an der linken Wand. Hier saß er seinem Freund direkt gegenüber und konnte ihn gut beobachten. „Wie war was?“, fragte Enrico und spielte den völlig Ahnungslosen. „Ach komm schon! Ich seh’s dir doch an, dass du bei ihr warst! Wie hieß sie noch gleich?“. „Nayru!“. „Ja, genau. Die meine ich.“. Enrico wühlte in seinem Schrank herum und beachtete Hattori kaum. „Maaaaaaaaan. Jetzt erzähl schon!“. Hattori drängelte immer so, wenn er etwas wissen wollte und seine Antwort nicht sofort bekam. „Hattori, glaub mir! Du willst es gar nicht wissen!“. Im Gesicht des Japaners zeichnete sich ein deutliches Fragezeichen ab. Er verstand nur Bahnhof und hakte weiter nach. „Hör zu!“, sagte Enrico mit eindeutig genervtem Unterton und knallte die Schranktür zu: „Ich hab keine Lust, jetzt irgendwas zu berichten! Gibt sowieso nichts interessantes zu erzählen. Ich war unterwegs und hab n paar Freunde getroffen. Mehr nicht.“ Das war zwar durchaus nur die halbe Wahrheit – na gut, genau genommen nur die viertel Wahrheit – aber alles andere ging Hattori einfach nichts an. Vielleicht würde Enrico es irgendwann mal erzählen, aber im Moment hatte er einfach keine Lust dazu. Er verschwand im Bad und damit war das Gespräch beendet.

    „VERFLUUUUUUUUUUUUCHT!“. Nayru warf das Oberteil in eine Ecke und fluchte laut hörbar rum. Sie stand nur mit Unterwäsche bekleidet in ihrem Zimmer vorm Spiegel. Auf dem Bett breitete sich bereits der gesamte Inhalt ihres Kleiderschrankes aus und sie probierte so ziemlich alles an, was ihr Repertoire her gab. Eigentlich hatte sie sich ja vorm Duschengehen ein paar Sachen raus gepickt, aber als sie sich darin im Spiegel betrachtete, stellte sie fest, dass es ihr irgendwie nicht gefiel. „Verdammt! Warum wird es Frauen bloß immer so schwer gemacht?“. Sie kämpfte regelrecht mit ihren Klamotten und wusste einfach nicht, was sie anziehen sollte. Ein Kleid? Oder doch lieber einen Rock und ein T-Shirt? Oder eine Hose? Kurz oder lang? Sie musste unbedingt etwas passendes finden. Sie wollte hübsch aussehen. Keine Frage. Aber es sollte auch nicht zu stark auffallen, dass sie sich extra für ihn hübsch machte. Er sollte ja immerhin nicht denken, dass sie ihn verführen wollte. Aber das war leichter gesagt als getan, irgendetwas zu finden. Sie schnappte sich ein knielanges Jeanskleid. „Oh Gott, darin seh ich ja total fett aus!“. Fiel also weg. Also probierte sie es mit einem Rock. Die längeren waren ihr zu lang, die kurzen zu kurz. Eine lange Hose war zu warm, eine kurze Hose passte nicht zum Oberteil. So langsam war sie der Verzweiflung nahe. Eigentlich fand sie immer etwas, das sie anziehen konnte. Und sie hatte unheimlich viele Klamotten im Schrank, die sie gerne trug und die gut an ihr aussahen. Aber wenn sie sich nur mit Freunden traf, war das ja auch was anderes. Da musste sie sich nicht extra hübsch machen. Na gut, für Enrico musste sie das wahrscheinlich auch nicht. Als er gestern plötzlich vor ihrer Haustür stand, hatte sie ja auch nicht gerade ihr bestes Outfit angezogen. Aber dieses Mal wollte sie einfach hübsch aussehen. Etwas besonderes anziehen. In gewisser Weise war das ja auch ein besonderer Anlass. Wenigstens hatte sie sich schon mal für eine hübsche Unterwäsche entschieden. Ein schwarzer BH mit winzigen Handschellen und Schlüsseln an den Trägern und dazu das passende Höschen. Das war sexy, aber nicht zu krass. Sie wusste ja nicht, wie der Abend diesmal enden würde, also musste bis ins kleinste Detail geplant werden, welche Klamotten sie tragen würde. Sollte sie eine Hose anziehen? Und wenn ja, welche? Lang? Kurz? Knielang? Oder doch ¾? 7/8? Oder doch keine Hose? Lieber einen Rock? Auch hier wieder die Frage, welche Länge. Zu lang durfte er nicht sein. Lange Röcken sahen meist aus, wie aus Oma’s Schrank geklaut. Aber zu kurz durfte er auch nicht sein. In so einem verlängerten Gürtel sah Frau immerhin aus, als käme sie gerade von ihrem nächtlichen „Job“ nach Hause. Oder vielleicht doch lieber ein Kleid? Mit Ärmel? Ohne? Wie viel Ausschnitt war okay?

    Schlussendlich entschied sie sich für eine kurze, schwarze Hose und ein hellblaues, längeres Oberteil ohne Ärmel, das an den Seiten von der Brust abwärts nur von Schnüren zusammen gehalten wurde. Viel Haut zeigte man damit nicht, aber ein bisschen. Das reichte aus. Zu krass wollte sie ja auch nicht aussehen. Jetzt war sie endlich zufrieden. Fehlten nur noch die passenden Strümpfe – oder lieber doch keine? – und ein passendes Make-up. Und die Haare musste sie sich auch noch zurecht machen. Und welche Schuhe zog sie dazu an? Frau zu sein war manchmal ganz schön anstrengend.

    Enrico hatte es dagegen einfacher. Einfach ne blaue Jeans, dazu n schwarzes Hemd zum zuknöpfen und Schuhe waren bei Männern ja sowieso fast immer die gleichen. Kein Thema also. Schminken musste Mann sich auch nicht, Socken interessierten unter der Hose sowieso niemanden und die Haare waren meist so kurz, dass man sie nicht mal kämmen brauchte. Und wenn doch, ging Mann einmal mit der flachen Hand drüber und dann war das Thema auch gegessen. Das ging alles locker über die Bühne. Kein Wunder also, dass er nie Verständnis dafür hatte, warum Frauen im Bad immer so lange brauchten und das Thema Klamotten immer so ein Drama war.

    Auf dem Weg zur Bushaltestelle wurde er noch in der Kaserne mal wieder von Hattori aufgehalten. „Na? Triffst du dich wieder mit ihr?“. Hattori grinste bis über beide Ohren. „Ja, was dagegen?“. „Nö nö. Mach du mal. Viel Spaß, Alter!“. Enrico wunderte sich ja irgendwie schon über dieses Verhalten. Das war eigentlich nicht gerade die typische Hattori-Art. Was aber plötzlich in ihn gefahren war, konnte er sich nicht erklären. War aber auch egal.

    Als er dann wieder vor Nayrus Tür stand und sie von zuhause abholte, fühlte er sich fast in alte Zeiten zurück versetzt. Früher hatte er sie auch oft von zuhause abgeholt. Sie entschieden spontan, was sie machen wollten und er brachte sie abends dann auch wieder nach Hause. Und jetzt war es wieder so. Schon seltsam. „Hübsch“. Das war sein Kommentar zu ihrem Outfit, nachdem er sie eingehend gemustert hatte. Und er meinte das ehrlich und ernst. Sie sah wirklich hübsch aus. Und das Outfit war... gut, das war wohl weder der richtige Zeitpunkt, noch der richtige Ort, um weiter das zu denken, was er dachte. Sie sah einfach heiß aus. „Und? Was wollen wir jetzt machen?“. Nayru stand vor ihm und schaute ihn an. „Gute Frage, nächste Frage!“. Wie immer hatte keiner von beiden einen Plan, obwohl beide eigentlich genug Zeit hatten, sich Gedanken zu machen. Aber keiner von beiden hat’s auch wirklich gemacht. Auch etwas, das schon damals so war und sich wohl nie ändern würde.

    Schlussendlich landeten sie doch wieder in Tegel. Nayru schleppte ihren besten Freund in ein Einkaufscenter. Er ließ es stillschweigend über sich ergehen. Shoppen war immerhin Frauensache und nicht gerade das liebste Hobby eines Mannes. Sie klapperten die verschiedensten Läden ab, aber schlussendlich gingen beide mit leeren Händen wieder raus. Sie verbrachten noch eine ganze Zeit in einem Café. Das gab es schon seit 12 Jahren und der Kaffee dort war super lecker. Sie waren auch früher oft gemeinsam und mit anderen Freunden dort gewesen.

    Inzwischen zeigte die Uhr schon wieder 18 Uhr an. Sie waren jetzt seit etwas mehr als 4 Stunden unterwegs. Aber es war Sommer und wurde demnach noch lange nicht dunkel. Am Ende landeten sie wieder am Hafen. Gerade im Sommer war es hier wirklich schön. Die vielen Bäume spendeten Schatten und man konnte gemütlich im Gras oder auf einer Bank sitzen, aufs Wasser schauen und die Schiffe, Tretboote, Schwäne und Enten beobachten.

    Nayru steuerte einen Platz an, an dem nicht viele Menschen vorbei kamen. Sie könnte jetzt immerhin Gelegenheit bekommen, ihn das zu fragen, was sie die ganze Zeit schon wissen wollte. Und da störte es ungemein, wenn andauernd fremde Menschen an einem vorbei liefen. Zumal es ja auch ein durchaus intimeres Gespräch werden würde. Sie wählte ein ruhiges Plätzchen im Gras. Man hatte perfekten Blick aufs Wasser und war durch Bäume und Büsche auch ein wenig vor den Blicken vorbeigehender Menschen geschützt.

    Beide saßen nebeneinander und während Enrico sich eine Zigarette anzündete, haderte Nayru mit sich, ob sie das Gespräch nun wirklich beginnen sollte, und wenn ja, wie sie anfangen sollte, oder ob sie es nicht doch lieber sein lassen sollte. Sie hasste es, ständig zwischen zwei Stühlen zu sitzen und nicht zu wissen, auf welchen sie sich setzen sollte. Würde sie das Gespräch anfangen, musste sie damit rechnen, dass es negativ verlaufen und alles kaputt machen könnte. Die ganze Freundschaft konnte daran zerbrechen, wenn man gewisse Themen ausdiskutierte. Aber andererseits wollte und musste sie einfach wissen, was das gestern zu bedeuten hatte. Sie wollte einfach wissen, woran sie bei ihm war. Das würde er sicher auch verstehen, dass sie Klarheit wollte. Beide hatten bisher kein einziges Wort mehr über das verloren, was in der Nacht passiert war, obwohl es für ihn wohl auch eine Menge Gesprächsbedarf geben musste. Aber so ganz sicher war sie sich dann trotzdem nicht. In Momenten wie diesen wünschte sie, sie könnte keine Gedanken lesen. Oder so ein Moment würde einfach so vorüber gehen oder gar nicht erst passieren. Solche Momente waren unangenehm. Sehr unangenehm.

    Sie merkte, wie sie immer nervöser wurde und zu zittern begann. Sie stützte sich mit den Händen im Gras ab, um besser verbergen zu können, dass sie zitterte. Sie fühlte einen dicken Kloß im Hals und auch im Bauch machte sich die Nervosität deutlich bemerkbar. Sie war sich überhaupt nicht sicher, ob sie es nun wagen sollte oder nicht. Und je länger sie darüber nachdachte, umso schlimmer wurde die Nervosität. „Enrico? Kann ich dich mal was fragen?“. Es kam plötzlich einfach so aus ihr heraus. Sie hatte es einfach gesagt. Gedanken und Gefühle für den Bruchteil einer Sekunde ausgeschaltet und einfach den Mund aufgemacht. Und kaum hatte sie das letzte Wort ausgesprochen, bereute sie es auch schon wieder.

    [FONT=&quot]Ende Kapitel 10[/FONT]

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    [/SIZE]Ich werde es niemals vergessen

    Den blauen Himmel und dich

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    [/center]

  • Und mal wieder ein neues Kapitel. Auch hier wieder gekürzt. Das 12. Kapitel ist auch schon fertig und wird gleich hinterher kommen.


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    Kapitel 11


    „Ja, natürlich kannst du mich was fragen. Weißt du doch!“. Enrico ahnte zwar, was jetzt kommen würde, hoffte aber insgeheim, dass sie ein anderes Anliegen hätte.

    „Also.... na ja....“. Nayru hatte große Mühe, die richtigen Worte zu finden. Überhaupt irgendwelche Worte zu finden. Sie musste erst mal tief durchatmen. „Also... wegen gestern...“. Weiter kam sie nicht. Aber das musste sie auch gar nicht. Enrico wusste sofort, was genau sie mit „gestern“ meinte. Allerdings wusste er im Moment auch selber nicht, was er nun dazu sagen sollte. „Was genau meinst du?“. Er hoffte, dass sie ihm wenigstens eine konkrete Frage stellen würde. Er wollte dieses Gespräch eigentlich gar nicht führen, aber ihm war genau so klar gewesen, dass sie beiden nicht drum rum kommen würden. „Naja... also... ich meine... das mit uns....“. Nayru musste immer wieder Pausen einlegen, weil ihr einfach die Worte fehlten und sie beim besten Willen nicht wusste, wie sie das ausdrücken sollte, was sie zu sagen versuchte. „Also.... da sind irgendwie ziemlich viele Fragen offen. Zumindest bei mir. Ich weiß irgendwie nicht.... warum... und... ach... keine Ahnung.“ Enrico überlegte kurz, was er jetzt darauf antworten sollte. Sie wollte also wissen, warum. Fangfrage. Ein falsches Wort, und sie wäre sicher verletzt und traurig. Aber ein nicht falsches Wort konnte genau so große Probleme hervor rufen.

    Bei solchen Gesprächen entwickelte er sich immer zum Kettenraucher. Die Asche von der alten Kippe war noch gar nicht ganz kalt, da hatte er schon die nächste in Brand. Nervennahrung nannte er das, obwohl mit dem Wort ursprünglich eigentlich eher Schokolade gemeint war. Aber für ihn war eben nicht Schokolade die Nahrung für die Nerven, sondern eben Zigaretten. „Hm... so genau weiß ich das ehrlich gesagt auch nicht.“ Die Antwort war eigentlich gelogen. Er wusste ganz genau, warum er das zugelassen hatte. Und er wusste auch ganz genau, warum er von seinen guten Vorsätzen abgewichen war. „Ich glaube aber ehrlich gesagt, dass das nicht gerade die beste Idee war.“

    „Ja, wahrscheinlich...“. Nayru schaute zum Boden und versuchte, sich nicht anmerken zu lassen, dass der Satz gerade verdammt weh getan hatte. Ihr war zwar von Anfang an klar, dass so was kommen konnte, aber wenn die schlimmsten Befürchtungen dann eintraten, war es doch schlimmer, als man es sich vorgestellt hatte. „War wirklich ne blöde Idee.“. Sie meinte das gar nicht so. Sie hatte anfangs zwar auch ihre Bedenken, aber inzwischen war sie sich sicher, was sie wollte. Sie wollte ihn. Um jeden Preis.

    „Nayru... versteh mich nicht falsch.“. Jetzt war Enrico derjenige, der nach passenden Worten suchte. „Das ist nicht einfach so aus einer Laune heraus passiert.“. Wieder musste er überlegen. „Als ich vor ein paar Wochen erfahren habe, dass ich von der Arbeit aus nach Berlin fliegen würde, war ich mir eigentlich sicher, dass ich dich gar nicht sehen wollte.“ „Warum nicht?“, unterbrach Nayru ihn. „Weil ich genau so was irgendwie schon geahnt hatte. Keine Ahnung. War einfach so ein Gefühl, dass das so kommen würde. Und ich war da eigentlich schon der festen Überzeugung, dass das ne verdammt schlechte Idee wäre!“. „Weil es die Freundschaft kaputt macht?!“, fragte Nayru weiter. „Ja... nein. Also, das auch. Aber ich finde, die Entfernung ist das größere Problem. Ich bin gerade mal noch knapp 3 Wochen hier. Was glaubst du, wie das werden soll, wenn erst mal wieder ein paar 1000km zwischen uns liegen? Das war vor 4 Jahren schon so ein Drama. Wie soll das erst werden, wenn sich zwischen uns mehr entwickeln würde?“. Nayru wusste ganz genau, was er meinte. Sie erinnerte sich daran, wie sehr sie damals geweint hatte, als sie sich am Flughafen von ihm verabschieden musste. Und sie erinnerte sich auch ganz genau daran, wie sehr sie gelitten hatte, als er weg war. Auch Monate später noch. Sie musste unweigerlich einsehen, dass er Recht hatte. „Ich glaube, es ist einfach vernünftiger, es zu lassen.“.

    Nayru wusste nicht, was sie dazu noch sagen sollte. Eigentlich wusste sie, dass er Recht hatte. Es war wohl wirklich vernünftiger, es zu lassen. Aber sie merkte auch ganz genau, dass sie es gar nicht lassen wollte. Auch wenn das unvernünftig war. Trotzdem stimmte sie ihm zu, dass es besser wäre, so was ganz zu lassen. Sie war den Tränen nahe und musste sich zusammen reißen, dass sie nicht anfing zu weinen. „Krieg ich ne Zigarette?“, fragte sie, um auch ein bisschen vom Thema abzulenken. Enrico schaute sie völlig verwundert an. „Seit wann rauchst du?“. „Eigentlich gar nicht. Nur mal so ab und zu. Aber wirklich nicht oft.“ Er gab ihr die Schachtel und das Feuerzeug. Nayru nahm sich eine Zigarette, zündete sie an, nahm einen Zug und fing an zu husten. „Igitt. Was ist das denn für ein Zeug???“, fragte sie und schaute angewidert auf die Zigarette. „Menthol“. „Igitt. Wie kannst du denn so ein Kraut rauchen?“. Das Zeug schmeckte wirklich komisch. Enrico musste lachen. Ihr Gesichtsausdruck war einfach zu komisch. „Man gewöhnt sich dran. Der Vorteil an Menthol-Kippen ist, dass die meisten Leute angewidert weiter gehen, wenn sie dich nach ner Kippe fragen und du sagst, dass du nur Menthol-Kippen hast. Gibt nur wenige, die das Zeug rauchen und die meisten zischen ab, ohne eine genommen zu haben.“. Er wühlte in seiner Hosentasche rum und holte noch eine andere Schachtel raus. „Wenn nicht, nimm eine davon. Die sind ohne Menthol.“ Nayru entschied sich aber dazu, diese komisch schmeckende Zigarette auf zu rauchen. Die waren wirklich mehr als gewöhnungsbedürftig, kratzten aber auch nicht ganz so schlimm im Hals, wenn man sich erst mal ein bisschen daran gewöhnt hatte. „Rauchst du das Zeug immer?“, fragte sie weiter. „Nee, eigentlich nicht. So mal ab und zu eine ist okay, aber auf Dauer könnte ich das auch nicht.“ Das erklärte dann wohl auch, warum er noch eine zweite Schachtel Zigaretten ohne Menthol dabei hatte.

    Die Spannung, die gerade noch in der Luft lag, war auf einmal schon wieder fast verflogen. Sie gingen weniger verkrampft miteinander um, lachten zusammen und unterhielten sich ganz normal. Es war wohl wirklich besser, gar nicht großartig weiter über das zu sprechen, was gewesen war. Man würde es sowieso nur tot diskutieren und am Ende käme nichts sinnvolles dabei raus. Außerdem war soweit wohl alles geklärt. Sie wusste jetzt, woran sie bei ihm war. Ob er sie liebte, konnte sie zwar nicht mit letzter Sicherheit sagen, aber zumindest war sie nicht nur ein Spielball für ihn. Da war sie sich jetzt sicher. Das war immerhin ein kleiner Trost. Dass es aber besser wäre, es bei einer reinen Freundschaft zu belassen, war nach wie vor ziemlich hart. Sie sah es ein, aber das machte es nicht unbedingt besser.

    Die zeit verging mal wieder wie im Fluge und so langsam verschwand die Sonne hinterm Horizont. Als es dann völlig dunkel war und damit auch kälter wurde, entschieden die beiden, den Abend so zu beenden. Enrico begleitete Nayru noch bis vor die Haustür. Das war kein Umweg. Er wäre auf dem Weg zur Kaserne sowieso an ihrem Wohnhaus vorbei gekommen. Sie standen beide vor der Tür und keiner wusste so richtig etwas zu sagen. Solche Situationen waren nicht nur peinlich, sondern auch richtig beschissen. Unangenehm. Eigentlich hätte sich Nayru gewünscht, dass er wieder bei ihr übernachten würde. Aber das war wohl eher eine verdammt schlechte Idee, also fragte sie gar nicht erst. Das war immerhin unvernünftig. Darauf hatten sie sich gerade erst noch geeinigt. Unvernünftig. Aber es war verdammt hart, so vernünftig zu bleiben. Wieder der berühmte Streit zwischen Herz und Verstand. Es war lästig und furchtbar nervig, dass die sich nie einig werden konnten. Egal, was das Herz wollte, der Verstand war grundsätzlich dagegen.

    „Also... ich geh dann mal rein.“. Nayru schaute zum Boden und ihre Stimme war dünn und leise. Sie fühlte wieder diese unangenehme Spannung, die in der Luft lag. Es schnürte ihr regelrecht die Kehle zu. Sie verfluchte sich innerlich, dass sie sich selbst in so eine beschissene Situation gebracht hatte. Hätte sie doch bloß die Klappe gehalten. Dann würde sie jetzt nicht hier wie der letzte Vollidiot vor ihm stehen. Sie traute sich auch kaum, ihn zu fragen, wann sie sich das nächste Mal sehen würden. Ob es überhaupt ein nächstes Mal geben würde. Die Situation war immerhin eine völlig andere als noch am letzten Abend. Gestern Abend hatte sie überhaupt keine Hemmungen, ihn zu fragen, ob er noch mit hoch kommen wollte. Da konnte sie ja auch nicht mal ansatzweise ahnen, wie der Abend enden würde. Und jetzt, nicht mal ganz 24 Stunden später, hatte sich die Situation um 180° gedreht.

    Für ihn war die Situation nicht weniger beschissen. Er hatte sich selbst einen Riegel davor geschoben, in dem er gesagt hat, es wäre besser, es bei einer reinen Freundschaft zu belassen. Das war hart. Verdammt hart. Eigentlich wollte er ja was anderes sagen, aber der Verstand brüllte nach wie vor aus der hintersten Ecke seines Gehirns, dass alles andere falsch wäre. Er hatte noch genau ihr Gesicht vor Augen. Wie sehr sie damals am Flughafen geweint hatte. Das war kein schöner Anblick. Ihr Gesicht war völlig nass und die Augen rot und geschwollen. Und er wollte sie nicht noch einmal so sehen. Er wollte nicht, dass sie seinetwegen noch einmal so sehr weinte. Das hatte sie nicht verdient. Aber jetzt sah sie auch nicht gerade glücklich aus. Sie stand vor ihm und schaute ihn an. Sie war wirklich süß. Und dieses Outfit. Das war... nein. Halt! Stopp!!! Darüber durfte er jetzt gar nicht weiter nachdenken!!! Verdammt, wenn das mal so einfach wäre. Es war schon gefährlich, sie überhaupt nur anzusehen. Klar, in Japan war das alles einfach. Da konnte er sich locker vornehmen, standhaft zu bleiben. Da stand er ja auch nicht direkt vor ihr. Aber jetzt, wo er ihr direkt in die Augen schaute, war es nicht unbedingt der Verstand, der standhaft blieb, sondern eher eine andere Körperregion. Ihr Outfit war eigentlich gar nicht wirklich aufreizend. Das Oberteil hatte nicht mal einen tiefen Ausschnitt. Dafür zeigte es aber an den Seiten ein bisschen nackte Haut. Das machte ihn viel mehr an als ein tiefer Ausschnitt.

    Warum war das eigentlich immer alles so kompliziert? Warum machte er es sich selbst so kompliziert? Er wollte eigentlich überhaupt nicht auf sie verzichten. Und sie wollte das scheinbar genau so wenig. Er ging einen Schritt auf sie zu und beugte sich zu ihr runter. Zweifelsohne war beiden klar, was jetzt folgen würde.

    (...)

    Wenig später hatten sie sich in Nayrus Zimmer verkrochen und lagen auf dem Bett. Enrico an der Wand, wie gestern auch schon und Nayru hatte sie wieder in seinen Arm gekuschelt. „Irgendwie is das doch ziemlich komisch mit uns, oder?“. Nayru fixierte irgendeinen Punkt an der Wand. „Wie meinst du das?“, hakte Enrico nach. „Naja.... erst sagen wir, dass wir es besser lassen sollten und dann halten wir uns doch nicht dran.“ Bei dem Satz wurde sie leicht rot und musste lächeln. Enrico musste ihr unweigerlich zustimmen. „Hm... wie soll das jetzt weiter gehen?“, fragte Nayru weiter? Das war in der Tat eine gute Frage. Im Prinzip hatten sie die Wahl der Qual. Entweder, aufeinander verzichten, dafür würde der Abschied wohl aber ein klein wenig leichter fallen oder aber sie verzichteten eben nicht aufeinander, würden dafür aber wieder beim Abschied das perfekte Drama haben.

    Enrico wusste überhaupt nicht, was er darauf jetzt schon wieder antworten sollte. Er war sich auch überhaupt nicht mehr sicher, welches nun die bessere Variante war. Und jetzt einfach nur zu sagen „Ach, lass uns einfach so weiter machen. Ich bin immerhin auch nur ein Mann“, wäre das dümmste, was er hätte sagen können. Frauen hassten bekanntermaßen diesen Spruch und wenn er das bringen würde, hätte sie ihn wahrscheinlich mit einem stumpfen Messer kastriert und anschließend in der Spree versenkt. War sowieso die dämlichste Ausrede, die man(n) sich einfallen lassen konnte. Vielleicht war es wohl aber auch einfach falsch, sich zu viele Gedanken zu machen. Nayru gab offen und ehrlich zu, was sie wollte. Ihr war durchaus bewusst, dass es schwer werden würde, wenn er wieder weg musste, aber nur deshalb gleich ganz auf ihn zu verzichten war dann doch eine Sache, die das nicht rechtfertigte. Damit war er dann auch einverstanden. Wenn sie das so wollte, dann war das okay so. Und irgendwo hatte sie ja auch Recht mit dem, was sie sagte. Wenn man die Sache so betrachtete, machte das auch Sinn.

    Das Wochenende neigte sich nun auch seinem Ende entgegen. Unter der Woche würden sie sich kaum sehen. Nayru musste zur Schule und Enrico würde seinen Tag wieder auf Übungsplätzen verbringen. Aber zumindest abends gab es noch ein paar wenige Stunden, in denen sie sich sehen konnten. Das war besser als gar nichts. Meistens trafen sie sich noch mit Freunden oder verbrachten den Abend zu zweit. Das ergab sich immer ganz spontan.

    Was das nun genau zwischen den beiden war, wusste allerdings keiner so richtig. Okay, sie hatten was miteinander, aber so eine richtige Beziehung war das irgendwie nicht. Wenn sie mit Freunden unterwegs waren, zeigten sie auch nicht offen, dass da etwas zwischen den beiden lief. Dann verhielten sie sich so wie immer. Wie ganz normale Freunde.

    Es war mitten in der Woche. Nayru saß im Unterricht und schaute gedankenverloren aus dem Fenster. Sie hörte überhaupt nicht, dass der Lehrer sie mehrmals aufrief. Erst, als er mit bitterbösem Blick direkt vor ihrem Tisch stand, die Arme in die Hüften gestemmt, bemerkte sie ihn. „Fräulein Falk, langweilt Sie mein Unterricht so sehr, dass sie lieber vor sich hin träumen?“. Dass das „Fräulein“ nicht gerade höflich gemeint war, war eindeutig. „Ähm... nein...“, gab Nayru zurück. „Dann lesen Sie mal weiter, junge Dame!“, befahl er in strengem Ton Er ging wieder an die Tafel und wartete darauf, dass Nayru vorlesen würde. Sie musste sich erst von Mia, die direkt neben ihr saß, die Stelle zeigen lassen, an der sie gerade waren. Mia hatte es ihr möglichst unauffällig zugeflüstert und hoffte, dass der Lehrer nichts merken würde.

    Wenige Minuten später erlöste sie die Schulglocke von ihren Qualen. „Sag mal Nayru, was ist los mit dir?“, wollte Mia wissen und schaute sie besorgt an. „Nichts. Ich war nur in Gedanken. Danke für deine Hilfe gerade.“ Nayru lächelte ihre Freundin an. „Hast du an Enrico gedacht?“, fragte Mia jetzt direkter und zielte damit direkt ins Schwarze. „Hä? Was? Nein! Wie kommst du darauf?“, versuchte Nayru vom Thema abzulenken. „Ach komm schon. Glaubst du, ich seh das nicht, dass ihr euch ständig heimliche Blicke zuwerft, wenn wir abends zusammen sitzen?“. Mia grinste bis über beide Ohren. „Das stimmt doch gar nicht!“. „Doch, das stimmt wohl!“ Mia grinste noch viel breiter. Sie merkte an Nayru’s Reaktion ganz deutlich, dass sie das Schiff versenkt hatte. „Ach komm schon, Nayru! Mir kannst du’s doch erzählen!“. Nayru gab schlussendlich nach und erzählte Mia die ganze Geschichte. Sie wusste, dass es bei Mia sicher war und Mia nichts weiter tratschte.

    „Ist ja echt ne beschissene Sache!“, bemerkte Mia, als Nayru das Problem geschildert hatte, das bald auf sie und Enrico zukommen würde. „Ja... sieht wohl so aus!“, gab Nayru zur Antwort und ließ traurig den Kopf hängen. „Hey, jetzt mach dich mal nicht verrückt. Ihr kriegt das schon hin!“. Mia legte tröstend den Arm um ihre Freundin und versuchte, möglichst optimistisch zu klingen. „Ihr müsstet euch mal selber sehen. Ihr seid echt sooooo süß, wenn ihr euch immer heimlich angrinst! Ich könnte euch jedes Mal knutschen! Echt! Ihr beide gehört einfach zusammen! Und jetzt lächel mal!“. Und tatsächlich schaffte sie es, dass Nayru lächelte. „Das mit der Entfernung kriegt ihr schon hin! Er ist doch nicht aus der Welt! Irgendeine Lösung werdet ihr da bestimmt finden!“. Mia klang wirklich optimistisch. Und Nayru hoffte, dass Mia mit ihrem Optimismus Recht behalten würde. „Wann trefft ihr euch denn wieder?“, fragte Mia weiter. „Heute. Ich fahr nach der Schule direkt zur Kaserne. Muss da zwar ein bisschen warten, bis er Feierabend machen kann, aber das stört mich nicht.“. „Soll ich dich begleiten? Dann musst du da nicht alleine warten!“, schlug Mia vor. Allerdings kam ihr sofort ein anderer Gedanke und sie nahm ihr Angebot zurück. „Entschuldige. Ihr wollt bestimmt alleine sein.“. „Nein, ist doch okay. Mich stört das nicht. Ganz im Gegenteil. Ich freu mich, wenn du mitkommst!“. Mit ihm alleine zu sein war zwar in der Tat sehr schön, aber das war nicht zwingend notwendig für Nayru. Hauptsache, er war überhaupt da. Und je mehr Freunde sich trafen, umso lustiger wurde die Runde immerhin auch.

    Auf dem Weg zur Kaserne quetschte Mia ihre Freundin weiter über ihre Beziehung zu Enrico aus. „Erzähl mal. Wie weit seid ihr schon gegangen?“. Wieder grinste sie über beide Ohren. „MIA!!! Was ist denn das für eine Frage???“. Mia ließ sich davon aber überhaupt nicht von ihrem Vorhaben abbringen, mehr zu erfahren. „Na sag schon! Ich will’s wissen!“. Nayru gab das nur widerwillig zu, was Mia von ihr wissen wollte. Über solche Themen hatten sie zwar schon oft gesprochen, aber da ging es immer nur um Mia. Sie wechselte ihre Freunde wie ihre Unterwäsche und hatte daher jede Menge zu berichten, wenn sie erst einmal ihr neuestes Opfer - wie sie ihre Freunde immer nannte - verführt hatte. Aber dieses Mal ging es nicht um Mia, sondern um Nayru selbst. Das war irgendwie schon anders. Trotzdem wusste sie, dass Mia nicht tratschen würde. „Und? Wie war’s?“, hakte Mia weiter nach. „Du willst es ja wirklich ganz genau wissen, was?“. Nayru musste lachen. „Naja, mich interessiert schon, was der für Qualitäten hat. Wenn du mir nicht zuvor gekommen wärst, hätte ich ihn mir gekrallt!“. Nayru blieb stehen und schaute ihre Freundin entsetzt an. „Hey, was erwartest du? Er sieht halt verdammt gut aus und ist zu dem Soldat! Was will Frau mehr? Aber mach dir keine Sorgen. Ich spann ihn dir schon nicht aus.“. Mia lachte ihre Freundin an. „Das solltest du eigentlich wissen, dass ich so was nicht tun würde! Ich hätte nur dann Interesse an ihm, wenn er Single wäre.“. „Er IST Single!“, korrigierte Nayru. „Zumindest glaube ich das.“, fügte sie hinzu. „Hä? Wie jetzt, er ist Single? Ich denk, da geht was zwischen euch?!“. Nayru schaute zum Boden. „Ja... das schon. Aber das bedeutet doch nicht, dass wir auch gleich fest zusammen sind, oder? Du kennst ja das Problem.“

    Mia merkte deutlich, dass es ihrer Freundin bei dem Thema gar nicht gut ging. Aber das war wohl auch verständlich. Sie waren inzwischen an der Kaserne angekommen. „Wie lange müssen wir jetzt hier warten?“, wollte Mia wissen. „Knapp eine halbe Stunde.“, gab Nayru zurück, nachdem sie auf ihre Armbanduhr geschaut hatte. „Na, das geht ja noch!“.

    Die halbe Stunde ging ziemlich schnell rum. „Er müsste eigentlich jeden Moment kommen.“, stellte Nayru fest und warf noch einmal einen Blick auf ihre Armbanduhr. „Na, dann werde ich dich jetzt mal verlassen!“, entgegnete Mia. „Was? Wieso das denn?“. „Na, ich will euch immerhin nicht stören!“. Mia zwinkerte ihrer Freundin zu, drückte sie zum Abschied und wünschte ihr ein paar angenehme Stunden mit ihrem Liebsten. Dann rannte sie zur Bushaltestelle und ließ Nayru alleine zurück. Lange warten musste sich nicht mehr. Nur wenige Minuten später verließ Enrico das Kasernengelände. „Hey, wartest du schon lange?“, fragte er, als er sie sah. „Nein, eigentlich nicht.“. Er küsste sie zur Begrüßung. „Wie war’s in der Schule?“, fragte er weiter. „Ging so. Mein Deutschlehrer hat mich heute ganz schön zusammen gefaltet, weil ich im Unterricht ein bisschen unkonzentriert war.“. Sie lächelte. „Wieso warst du denn unkonzentriert?“. „Weiß auch nicht. Ich hab mich irgendwie daran erinnert, wie wir uns kennen gelernt haben.“

    Daran erinnerten sich beide nur zu gut. Und das weckte unweigerlich Erinnerungen, die Enrico nicht haben wollte.

    - Ende Kapitel 11 -

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    Den blauen Himmel und dich

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  • Und das 12. Kapitel gleich noch hinterher.


    Dieses Kapitel war (und ist) mir sehr wichtig. Es beschreibt, wie Enrico und Nayru sich kennen gelernt haben. Das Kapitel wollte ich unbedingt schreiben und ich bin echt froh, dass ich es jetzt endlich schreiben konnte. Konnte es kaum abwarten. ^^


    Hoffe, euch gefällt das Kapitel. Das ist mir von allen am wichtigsten!


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    Kapitel 12


    Kaum hatte Nayru ihren Satz beendet, ratterte es in seinem Kopf. Die Erinnerungen an das, was damals geschehen war, hatte er bisher erfolgreich ausgeblendet, obwohl er sich seit zwei Wochen schon in unmittelbarer Nähe seines ehemaligen Wohnortes befand. Er hatte sich nur auf Nayru konzentriert und das war mit Sicherheit viel angenehmer.

    Sie liefen die Strecke zum Kurt-Schumacher-Platz zu Fuß. Das war zwar ein Stückchen zu laufen, aber nicht unmöglich. 20, vielleicht 30 Minuten, dann wären sie da. Und sie unterhielten sich über den Tag, an dem sie sich kennen gelernt hatten.

    Es war der 23. April 1988. Ein Samstag. Und es war abends. Bereits dunkel. Daran erinnerte er sich noch ganz genau.

    Vor dem riesigen Anwesen standen haufenweise schaulustige Nachbarn, die wild tuschelten und sich fragten, was in dem 2-stöckigen Einfamilienhaus mit seiner blendend weißen Fassade wohl gerade vorgefallen war. Es dauerte nicht lange, dann rasten Polizei und Krankenwagen mit Blaulicht und Sirene um die Ecke. Die Schaulustigen behinderten das Durchkommen der Einsatzfahrzeuge, da sie mitten auf der Fahrbahn der ruhigen Seitenstraße standen. Jemand hatte im Haus Schreie und Schüsse gehört und darauf hin den Notruf gewählt. In dieser Gegend war das absolut ungewöhnlich. Frohnau, ein Bezirksteil von Reinickendorf, war eine der teuersten Ecken, in denen man wohnen konnte. Eine 2-Raum-Wohnung konnte hier locker schon mal über 1000 Euro kosten, hatte dafür aber auch weit über 100m². Hier wohnten überwiegend Leute, die finanziell unabhängig waren. Die genug Geld verdienten, um fast schon von den Zinsen leben zu können. Und die Schaulustigen standen hier nicht vor irgendeinem Anwesen, sondern vor jenem Haus, das dem Berliner Polizeichef höchstpersönlich gehörte.

    „Gehen Sie bitte zur Seite!!! Sie halten die Einsatzkräfte auf!“. Ein Polizist drängelte sich genervt durch die Menschenmassen und versuchte, Platz zu schaffen, damit der Krankenwagen direkt bis vor den Eingang fahren konnte. „Gehen Sie weiter! Hier gibt es nichts zu sehen!“, rief ein zweiter Polizist. Es dauerte etwas, eher endlich alle Menschen beiseite getreten waren und der Rettungswagen ungehindert weiter fahren konnte. Die Polizisten waren in kompletter Ausrüstung an dein Einsatzort gekommen. Schwer bewaffnet und mit kugelsicheren Westen. Wenn jemand den Notruf wählte, weil er Schüsse gehört haben wollte, musste man mit allem rechnen.

    Im Haus war es still. Totenstill. In einigen Räumen brannte Licht. Der perfekte gepflegte Garten wurde dadurch ein wenig erhellt. Mehrere Polizisten gingen durch das Gartentor, den Steinweg entlang zur Haustür, klingelten und klopften ein paar mal. „Polizei! Machen Sie bitte auf!“, hörte man es laut rufen. „Hallo!!! Polizei!!! Öffnen Sie die Tür!“. Je länger die Polizisten vor der verschlossenen Tür standen, umso ungeduldiger wurden sie. „Okay, wir verschaffen uns Zutritt zum Haus!“. Gesagt, getan. Das Schloss war binnen weniger Sekunden geknackt und sie konnten ungehindert das riesige Haus betreten. Doch der Anblick, der sich ihnen bot, passte ganz und gar nicht zu dem eleganten Stil des Hauses und des Gartens.

    Direkt vor ihnen lag eine japanische Frau am unteren Treppenansatz. Um sie herum bildete sich ein riesige Blutlache. Einer der Polizisten winkte sofort einem Sanitäter zu. Dieser, zwei weitere sowie der Notarzt rannten sofort ins Haus und versorgten die Frau. „Sie atmet noch!“, stellte der Notarzt fest und begann sofort, die Frau notdürftig zu versorgen. Dass sie hochschwanger war, war den Ärzten und Sanitätern natürlich nicht entgangen. Währenddessen sahen sich die Polizisten im Haus um. Küche, Wohnzimmer, Bad, Arbeitszimmer – alles sauber. Also nahmen sie sich die obere Etage des Hauses vor. Sie zwängten sich vorsichtig an den Sanitätern, dem Notarzt und der bewusstlosen Japanerin vorbei und gingen die Treppe hinauf. „Oh mein Gott“, stöhnte einer der Polizisten, als er oben ankam und einen blutüberströmten Mann halb sitzend an der Wand gelehnt sah. „Scheiße, dass ist Herr Sommer! Der Polizeichef!“, stieß ein anderer hervor. Der Anblick, der sich den Polizisten hier bot, war alles andere als angenehm. Der Polizeichef hatte die Augen weit aufgerissen. Der Mund stand ein wenig offen und aus seinem Kopf strömten Unmengen an Blut. In der linken Hand hielt er eine Waffe. „Er ist tot!“, stellte der braunhaarige Polizist fest. Seine Stimme war eintönig. Fassungslos. Genau wie seine Kollegen standen sie da und konnten nicht begreifen, was sie da sahen. Offensichtlich lag hier ein Selbstmord vor. Ein paar weitere Sanitäter sowie ein zweiter Notarzt eilten herbei, aber auch sie konnten nur noch den Tod des Polizeichefs feststellen.

    Dem braunhaarigen Polizisten fiel plötzlich etwas ein. „Hatte der Chef nicht noch einen Sohn?“. Seine Kollegen sahen ihn entsetzt an. Sofort stürmten sie jedes einzelne Zimmer. In der Hoffnung, das Kind lebend zu finden. Und tatsächlich fanden sie den kleinen, blonden Jungen mit den himmelblauen Augen in seinem Kinderzimmer. Er saß da, schob ein kleines Spielzeugauto vor und zurück. Vor und zurück. Ein Polizeiauto. „Hey, Junge! Geht es dir gut???“. Der Polizist stürmte in das Zimmer nur so rein und rannte zu dem kleinen Blonden. „Wie geht es dir? Ist alles in Ordnung?“. Der Junge hatte blaue Flecken, Kratzer und Schürfwunden. „Hey, hörst du mich? Junge, hörst du mich?“. Der Polizist bekam keine Antwort. Inzwischen hatten auch seine Kollegen das Zimmer betreten und knieten sich neben den kleinen Jungen. „Hey, Junge. Möchtest du mir nicht verraten, wie du heißt?“. Der Polizist lächelte so freundlich, wie er es in so einer Situation nur tun konnte. Er hatte soeben die Eltern des Jungen gefunden. Die Mutter schwerverletzt, der Vater tot – vermutlich durch Selbstmord. Und er musste davon ausgehen, dass das kleine Kind, das hier vor ihm saß, das alles mit angesehen hatte. Ein Kollege rief die Sanitäter und den Notarzt, die gerade noch beim Familienvater waren, ins Zimmer. Auch sie versuchten ihr Glück, ein Gespräch mit dem Kind zu beginnen. Keine Chance.

    „Jungs, hört mal! Da draußen sind zwei Japaner, die behaupten, mit der Mutter verwandt zu sein! Was sollen wir machen?“. Der braunhaarige Polizist, der auch der Einsatzleiter war, begleitete seine Kollegen nach draußen. Er wollte sich persönlich mit den beiden Japanern unterhalten. „Guten Tag!“, begrüßte er sie höflich. „Mein Name ist Weiß. Ich bin hier der Einsatzleiter. Und wer sind Sie, wenn ich fragen darf?“. Er blickte in das ernste Gesicht eines Japaners. Er trug einen schwarzen Anzug mit dunkelblauer Krawatte und blütenreinem weißen Hemd. „Sato ist mein Name! Das neben mir ist meine Frau. Sie nehmen hier gerade das Haus meiner Schwester und ihres Lebensgefährten auseinander.“. Die Art, wie der Japaner redete, war durchaus seltsam. Ruhig, monoton. Gefühllos kam es rüber. Aber in Momenten wie diesen kam es oft vor, dass Angehörige seltsam reagierten. „So so, Sie sind also mit der Frau des Hauses verwandt!“, wiederholte der Einsatzleiter.

    „KAZUHAAAAAAAAAAAAAAAAAAA!!!!“. Eine Kinderstimme brüllte einen unverständlichen Namen. Die japanische Frau reagierte. Aus dem Haus kam der blonde Junge gerannt. Er rannte zielgerichtet auf die Japanerin zu, die ihn sofort in ihre Arme schloss und unglaublich erleichtert schien. „Enrico!! Mein Gott!!! Ist alles in Ordnung? Geht’s dir gut??? Tut dir etwas weh??? Um Himmels Willen!!! Wie siehst du denn aus???“. Sie begann fürchterlich zu weinen, als sie bemerkte, in welchem Zustand sich der Junge befand. „Der Junge ist unser Neffe.“, erklärte der japanische Mann dem Einsatzleiter, dem deutlich anzusehen war, dass er erst mal 1 und 1 zusammen zählte musste. „Ich würde jetzt gerne wissen, was passiert ist!“. Der Polizist vertröstete ihn auf später und bat ihn, ihn später aufs Revier zu begleiten. Vielleicht konnte der Mann, der ganz offensichtlich ein Verwandter war, ein paar hilfreiche Hinweise geben. „Zuerst müssten wir uns um den Jungen kümmern. Er hat wahrscheinlich alles mit angesehen und ist zudem verletzt!“ Kazuha, die Japanerin, begleitete ihren kleinen Neffen in den Krankenwagen. „Die Verletzungen sind nicht so schlimm. Aber ich würde ihn trotzdem gerne noch mit in die Klinik nehmen. Wir müssen davon ausgehen, dass er einen schweren Schock hat. Ein Psychologe soll ihn sich ansehen.“ Das war die erste Diagnose des Arztes. „Würden Sie mir bitte noch ein paar Angaben zu dem Jungen geben?“, fragte er weiter. Die Japanerin nickte stumm. „Ich müsste erst mal den vollständigen Namen, das Geburtsdatum und das Alter des Jungen wissen.“. Die Japanerin starrte auf das Blatt Papier, auf das der Arzt gleich die Angaben schreiben würde. „Sein Name ist Enrico Sato. Geboren am 22. August 1980. Wird also dieses Jahr noch 8.“ Die Angaben würden für’s Erste genügen.

    Die Sanitäter hatten Enrico’s Mutter inzwischen soweit stabil, dass sie sie in die Klinik fahren konnten. Offensichtlich stand es sehr ernst um sie. Enrico schaute aus dem Fenster des Krankenwagens und sah, wie seine Mutter in den zweiten Krankenwagen geschoben wurde. Es war das letzte Mal, dass er sie sehen würde.

    Seine Mutter verstarb noch am selben Abend an ihren schweren Kopfverletzungen. Einzig das Baby konnte gerettet werden. Das kleine Mädchen hatte zum Glück keine Schäden davon getragen, als Sakura rückwärts die Treppe hinunter fiel. Und da es nur noch 4 Wochen bis zum eigentlichen Geburtstermin waren, zweifelten die Ärzte nicht daran, dass das Baby überleben würde.

    Enrico hingegen hatten sie in der Kinder- und Jugendpsychiatrie untergebracht. Die körperlichen Verletzungen waren nicht das Problem. Viel eher waren es die seelischen Verletzungen, die er davon getragen haben musste. Er redete kein einziges Wort. Nicht mal mit seiner Tante sprach er. Mit niemandem.

    Kazuha war gerade auf dem Weg zu ihrem Neffen. Sie öffnete die Tür zu seinem Zimmer und wurde sofort panisch, als sie sah, dass sein Bett leer war. Sie rannte sofort zum Personal, aber auch dort wusste niemand, wo er abgeblieben sein könnte.

    Dass auf Station wegen ihm gerade die Hölle los war, bekam Enrico gar nicht mit. Er lief durch den Park der Klinik und schaute sich alles ganz genau an, was er sah. Die ersten Blumen blühten bereits und das Gras wurde wieder grün. Diese Idylle im Park passte überhaupt nicht zu dem, was er gestern noch gesehen und erlebt hatte. Er setzte sich unter einen großen Baum und starrte in den Park. Er starrte ins Leere. Wie lange er da gesessen hat, wusste er nicht. Es konnten ein paar Minuten gewesen sein. Es konnten aber genau so gut ein paar Stunden gewesen sein. Er hatte überhaupt kein Zeitgefühl. Und er war geistig abwesend. Sein Kopf war leer. Er dachte an nichts. An gar nichts. „Hier, für dich!“. Eine kindliche Stimme riss ihn aus dieser Trance. Vor ihm sah er plötzlich etwas blaues und grünes. Und eine kleine Hand. Er drehte den Kopf leicht nach rechts. Neben ihm stand ein kleines Mädchen mit schwarzen, schulterlangen Haaren. Ihre grünen Augen waren ihm sofort aufgefallen. „Für dich“, quietschte sie fröhlich und hielt ihm das kleine blau-grüne Ding noch etwas dichter vor die Nase. Erst jetzt erkannte er, dass es eine kleine Blume war, die sie ihm vor die Nase hielt. Er schaute sie verwirrt an. „Was ist das?“, fragte er völlig verwirrt. Er kannte dieses kleine Mädchen gar nicht. Sie konnte nicht älter als 3 oder 4 gewesen sein. „Das ist eine Blume!“, sagte sie und lächelte noch viel fröhlicher. „Und was soll ich damit?“. Er wusste immer noch nicht, was das zu bedeuten hatte. „Meine Mama sagt immer, wenn einer traurig ist, muss man ihm eine Blume geben. Dann ist der nicht mehr traurig.“ Dieses kleine Mädchen schien offensichtlich ein Auge dafür zu haben, wenn es anderen Menschen nicht gut ging. Offensichtlich hatte sie wohl bemerkt, dass er traurig war. Und das, obwohl sie noch so klein war. Das verblüffte ihn nun wirklich. „Was ist das für eine Blume?“, fragte er weiter. Sie tippte sich mit dem kleinen Zeigefinger der linken Hand an den Mund, schaute kurz nach oben und überlegte einen Moment. „Mmmhhh.... weiß nicht. Die hab ich da gefunden.“ Sie zeigte jetzt mit ihrem kleinen Finger in Richtung eines kleinen Teiches. Enrico schaute zum Teich und sah, dass dort noch mehr von diesen kleinen, blauen Blümchen standen. „Die ist für dich!“, wiederholte die Kleine sich und hielt ihm die Blume wieder dichter vors Gesicht. Enrico nahm die Pflanze an sich und betrachtete sie eingehend. Sie hatte kleine, himmelblaue Blüten. „Danke“. Er schaute sie an – und lächelte. Jetzt grinste die Kleine ihn noch viel fröhlicher an, als sie es ohnehin schon tat.

    „Nayru, hier bist du!“. Eine junge Frau kam auf die beiden Kinder zugelaufen und baute sich vor dem kleinen Mädchen auf! „Du kannst doch nicht einfach so weg laufen! Mein Gott, ich hab mir solche Sorgen gemacht!“. Die Frau hatte lange, ebenso pechschwarze Haare wie das kleine Mädchen, allerdings blaue Augen. Und sie schien wohl die Mutter zu sein. „Geht es dir gut??? Gott sei Dank hab ich dich gefunden, Nayru! Lauf ja nie wieder weg, hast du mich verstanden?“. Sie schimpfte laut hörbar mit ihrer Tochter. Die Kleine registrierte das allerdings gar nicht wirklich, sondern lachte weiterhin und freute sich wie ein Honigkuchenpferd. „Ich hab dem Jungen eine Blume geschenkt!“. Sie breitete ihre Arme aus und lachte ihre Mutter an. Die Mutter schaute Enrico an und bemerkte die kleine, blaue Blume in seiner Hand. Sie schien den Schock, dass ihr ihre Tochter abhanden gekommen war, wohl schon wieder verdaut zu haben. „Ja, die ist wirklich sehr schön!“, bemerkte sie. Das kleine Mädchen wandte sich jetzt wieder zu Enrico. „Ich heiße Nayru und wie heißt du?“. Er zögerte einen Moment. „Enrico.“. Dann wandte sie sich wieder an ihre Mutter. „Mama, darf ich ein bisschen mit Enrico spielen?“. Die Mutter verneinte dies allerdings. „Wir müssen wieder rein. Wir wollten doch Papa besuchen. Hast du das schon vergessen? Und Enrico wird bestimmt auch schon von seiner Mama gesucht!“. Die Frau hatte keine Ahnung, was sie damit gerade in ihm auslöste. „...wird bestimmt auch schon von seiner Mama gesucht...“. „Von seiner Mama! Von seiner Mama!“. Die Worte hallten in seinem Kopf wieder. Es hatte ihm zwar keiner gesagt, aber instinktiv wusste er, dass seine Mutter ihn nie wieder suchen würde. Er schaute die Frau fassungslos an. Dann senkte er seinen Blick und Tränen liefen ihm übers Gesicht. Plötzlich realisierte er so wirklich, was gestern passiert sah. Plötzlich hörte er wieder seine Mama schreien, als sie von seinem Vater die Treppe hinunter geschubst wurde. Er erinnerte sich wieder daran, wie sie unten am Treppenabsatz lag und sich jede Menge roter Flüssigkeit um ihren Kopf sammelte. Und er erinnerte sich auch wieder daran, wie sein Vater sich dieses schwarz glänzende Ding an den Kopf hielt. Und an den lauten Knall, den dieses Ding kurz danach auslöste. Auf einmal waren die ganzen Bilder wieder da. Er weinte fürchterlich. Er umklammerte fest das kleine Blümchen, das er gerade geschenkt bekommen hatte. Er sah das kleine Pflänzchen nur noch verschwommen. „Was ist mit dir?“, fragte Nayru und ihr fröhliches Lächeln wich einem traurigen Gesichtsausdruck. Ihre Mutter hingegen zögerte nicht lange, schnappte sich den Jungen und brachte ihn in die Klinik.

    Auf Station war man heilfroh und unendlich erleichtert, dass Enrico wieder aufgetaucht war. Nayru’s Mutter erzählte, was im Park vorgefallen war und übergab das weinende Kind seiner Tante, die alle Mühe hatte, ihren Neffen wieder zu beruhigen. „Entschuldigen Sie bitte vielmals diese Umstände!“. Kazuha sah die fremde Frau entschuldigend an, bedankte sich mehrmals bei der Frau für ihre Hilfe und verschwand dann mit Enrico in dessen Krankenzimmer. Er hielt immer noch die kleine Blume fest, die das kleine Mädchen ihm geschenkt hatte.

    Sie kam ihn von nun an jeden Tag besuchen. Sie erzählte, dass ihr Papa im Krankenhaus war und sie ihn jeden Tag mit ihrer Mama zusammen besuchte. Und die Gelegenheit nutzte sie, um auch Enrico zu besuchen. Er mochte die Kleine. Sie war ein fröhlicher Sonnenschein. Immer gut gelaunt. Und sie hatte etwas, das er nicht hatte – Eltern. Trotzdem war sie die Einzige, mit der er sprach. Warum, wusste er selber nicht. Aber dieses kleine, unbeschwerte Mädchen hatte einen positiven Einfluss auf sein Befinden. Er spielte mit ihm im Klinikpark, obwohl er von selbst niemals auf die Idee gekommen wäre, irgendwo auch nur irgendwas zu spielen. Ein Kind war er schon lange nicht mehr. Die dünnen Narben und die inzwischen verblassenden blauen Flecken erinnerten ihn nur zu gut an die Schläge, die er regelmäßig von seinem Vater bekam. Aber es gab wenigstens ein paar Momente, in denen er sich wie ein ganz normales Kind verhalten konnte. Das war eine seelische Erleichterung. Eine willkommene Abwechslung zu den quälenden Fragen, die die Psychologin auf Station Tag für Tag stellte und auf die er nach wie vor nicht antwortete.

    Enrico und Nayru wurden beste Freunde. Auch als bereits einige Jahre ins Land gezogen waren, hatten sie nie den Kontakt zueinander verloren. Sie wohnten nicht allzu weit voneinander entfernt. Enrico lebte inzwischen bei seiner Tante Kazuha und seinem Onkel Wataru. Sie hatten nach dem Tod seiner leiblichen Eltern das Sorgerecht für ihn und seine kleine Schwester Serenity bekommen. Enrico war inzwischen 17, Nayru 13 Jahre alt. Sie wurde zum wichtigsten Menschen in seinem Leben. Sie hatte ihm vor 10 Jahren in der Klinik geholfen, ohne, dass es ihr überhaupt wirklich bewusst gewesen wäre. Und sie hatte auch heute noch einen positiven Einfluss auf ihn. Ihr Nähe tat einfach gut. Sie war immer fröhlich und unbeschwert. Nur selten war sie traurig und weinte. Das gefiel ihm. In Zeiten, in denen er alleine war, ob zuhause oder alleine unterwegs, dachte er viel nach. Er verstand nie, warum seine Eltern damals sterben mussten. Was damals in seinen Vater gefahren war. Die Frage nach dem „Warum“ quälte ihn tagtäglich. So sehr er es sich auch wünschte – es gab niemanden, der ihm diese Frage beantworten konnte. Aber das musste auch niemand, wenn Nayru bei ihm war. Sie lenkte ihn immer wieder von seinen Gedanken ab und machte das nicht mal absichtlich. Sie war einfach sie selbst. Ein fröhliches Mädchen. Sie war einfach ein ganz besonderer Mensch für ihn. Und er liebte ihre Art. Er liebte sie. Das wurde ihm irgendwann klar. Sie war nicht einfach nur eine normale Freundin für ihn. Sie war mehr. Viel mehr.

    Als er dann erfuhr, dass er mit seinem Onkel und seiner Tante nach Japan ziehen würde, brach die Welt für ihn zusammen. Und nicht nur für ihn. Nayru weinte am Flughafen fürchterlich. Er wäre am liebsten in Deutschland geblieben. Aber er hatte zumindest ein kleines Abschiedsgeschenk für sie. „Mir hat mal ein kleines Mädchen gesagt, wenn jemand traurig ist, soll man ihm eine Blume geben. Dann ist er nicht mehr traurig.“ Das sagte er zu ihr, als er ihr ein kleine, blaue Blume vor die Nase hielt. Ein Vergissmeinnicht.

    [FONT=&quot]- Ende Kapitel 12 -[/FONT]

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    [/SIZE]Ich werde es niemals vergessen

    Den blauen Himmel und dich

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  • So. Nach längerer Pause mal wieder ein neues Kapitel. Klappt im Moment nicht so gut mit dem schreiben. Hoffe, das legt sich bald wieder. °~°


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    Kapitel 13

    Inzwischen waren sie in einem Café am Kurt-Schumacher-Platz gelandet und hatten es sich auf einem Ecksofa bequem gemacht. „Ja, das war schon echt schlimm damals!“, bemerkte Nayru. „Aber das Vergissmeinnicht von dir hab ich noch!“. Enrico schaute sie etwas verwundert an. „Echt? Ist das nicht schon zu Staub verfallen?“. Nayru lächelte und rührte in dem Kaffee, den ihr die Bedingung gerade eben erst gebracht hatte. „Nein, ist es nicht. Ich habs in einem Buch gepresst und anschließend eingerahmt. Das Blümchen gibt’s noch! Ist dir gar nicht aufgefallen, was?“. Sie grinste ihn breit an. Er verstand die Anspielung. „Naja, ich war ja auch auf andere Sachen konzentriert.“. Er grinste zurück.

    Enrico saß an der Tischkante links von Nayru und hatte die Unterarme parallel zur Tischkante auf dem Tisch liegen. Nayru schaute auf seine Hände. Lang und dünn waren sie. Aber männlich. Sie nahm seine Hand und lächelte ein wenig verlegen. „Ich würde es viel schöner finden, wenn du hier bleiben könntest.“. Sie rutschte ein Stück näher und legte den Kopf auf seine Schulter. Das reichte im Moment schon aus. Neben ihm sitzen, seine Hand halten, ein bisschen seine Nähe spüren. Ein Moment, in dem sie am liebsten die Zeit angehalten hätte. Viel Zeit blieb nicht mehr. Das war ihr nur zu gut bewusst.

    „Mir wär’s irgendwie auch viel lieber, hier zu bleiben. Aber wenn das mal so einfach wäre...“. Er überlegte kurz, und fügte dann einen weiteren Satz hinzu. „Ich will aber auch nicht ständig daran denken, dass nicht mehr viel Zeit bis zum Abflug ist.“

    Nayru drückte seine Hand fester. Natürlich hatte er recht. Solche Gedanken ließen die Stimmung sinken. Gut war das nicht. Der Moment des Abschieds würde noch früh genug kommen. Sie hob den Kopf von seiner Schulter und schaute ihn an. Im nächsten Moment spürte sie seine Lippen auf ihren und schloss die Augen. Wenn doch nur jemand die Zeit anhalten könnte.

    „Hah! Hab ich euch erwischt!“. Enrico löste seine Lippen von Nayru und rollte genervt mit den Augen. Diese nervtötende Stimme konnte nur einem gehören. „Was willst du denn hier?“, fauchte er und schaute genervt in das Gesicht seines breit grinsenden, japanischen Freundes. „Schämt ihr euch nicht, in aller Öffentlichkeit rum zu knutschen?“, fragte Hattori leicht spöttisch und grinste noch breiter. „Wir sind hier in Deutschland. Hier ist man nicht so verklemmt wie die Leute in Japan!“, entgegnete Enrico und nahm Hattori damit den Wind aus den Segeln.

    „Ach, ich hab mich ja noch gar nicht vorgestellt! Hi, ich bin, Hattori! Aber sag ruhig Seiji zu mir!“. Hattori stellte sich natürlich auf englisch vor. Er streckte Nayru die rechte Hand entgegen. Das hatte er schon begriffen, dass man sich in Deutschland zur Begrüßung und zum Abschied nicht voreinander verbeugte, sondern dass man sich die Hand schüttelte. Die rechte Hand. Das war wichtig. Nayru erwiderte die Geste und lächelte den Japaner freundlich an. Enrico hatte bereits ein bisschen von diesem Spaßvogel erzählt und jetzt hatte sie auch ein Gesicht zu dieser Person. „Du brauchst ihr nicht zu sagen, dass sie dich beim Vornamen nennen darf! Das hätte sie sowieso gemacht!“, erklärte er seinem Freund auf japanisch. „Ja ja, ich weiß. Wir sind hier in Deutschland und da ist das anders als in Japan. Kenn ich schon!“.

    Ohne zu fragen, ob er überhaupt störte, pflanzte sich Hattori neben seinen besten Freund. Eigentlich war es offensichtlich, dass er sehr wohl störte, aber dreist, wie er nun mal war, machte er sich daraus nichts. Von der typisch japanischen Höflichkeit hatte Hattori scheinbar nicht allzu viel begriffen. Ein höflicher Japaner hätte sich in so einer Situation 100.000 Mal entschuldigt und hätte sofort wieder das Weite gesucht, um die Liebenden nicht in ihrer trauten Zweisamkeit zu stören. Nun ja, aber Hattori war nicht unbedingt das beste Vorzeigemodel für die japanische Höflichkeit.

    „Was willst du?“, fragte Enrico genervt und verfluchte diesen dreisten Kerl dafür, dass er es wagte, länger zu bleiben. „Ich hab die ganze Gegend nach dir ab gesucht. Zum Glück hab ich dich vom Bus aus hier sitzen sehen. Ansonsten hätte ich im Leben nicht gewusst, wo ich dich suchen soll!“, beschwerte der Japaner sich lautstark. „Dann hättest du wenigstens ne nette Stadtbesichtigung gemacht!“. Eigentlich wollte Enrico noch anfügen „Und dann hättest du wenigstens auch nicht gestört!“, aber den Satz behielt er für sich.

    „Ich wollte dir eigentlich auch nur sagen, dass eine Azubine vorhin umgekippt is. Die is jetzt in irgendeinem Krankenhaus!“. Enrico machte große Augen. „In IRGENDEINEM Krankenhaus??? Sag bloß, du weißt nicht, in welchem!“. „Nee ja, die hatten das zwar gesagt, aber ich kann mir das doch nicht merken. Ihr Deutschen habt so komische Wörter... wer soll sich das denn merken?“. Mit Blick auf die noch viel komischeren Wörter, die es in der japanischen Sprache zu finden gab, war Enrico drauf und dran, etwas darauf zu sagen, aber in Anbetracht der Tatsache, dass eine seiner Auszubildenden im Krankenhaus war, verzichtete er auf derartige Lapalien. „Um wen geht’s denn überhaupt? Und was is passiert?“, fragte er weiter. „Geht um Koishikawa. Die is vorhin einfach umgekippt. Keine Ahnung, warum. Müssen die Ärzte erst noch raus finden.“. „Wäre ja nun mal wirklich sinnvoll zu wissen, in welches Krankenhaus sie gebracht wurde!“, entgegnete Enrico genervt und gleichzeitig entrüstet. Wieso hatte Hattori sich den Namen des Krankenhauses auch nicht aufschreiben lassen? Dann wärs völlig egal gewesen, ob er mit den „komischen“ Wörtern etwas anfangen konnte oder nicht. „Weiß ich auch nicht. Ich konnte mir das nicht merken. Irgendwas mit Ka... oder Scha oder so ähnlich!“, versuchte Hattori sich zu entschuldigen. „Charité?“, fragte Enrico „Jaaaaaaaa. Genau so hieß das!“, freute sich Hattori und glaubte, dass das Problem damit nun gelöst sei. „Und welches Krankenhaus nun genau? Es gibt in Berlin mehrere Krankenhäuser, die zur Charité gehören!“. Als Hattori auf die Frage aber auch nur verwirrt guckte und keine Ahnung hatte, stand Enrico kurz vorm nächsten Wutanfall. Das bedeutete konkret, dass er jetzt gleich sofort mit in die Kaserne fahren musste. Dort würde man ihm wohl bessere Auskunft geben können. Das bedeutete zeitgleich aber auch, dass er Nayru schon wieder alleine lassen musste.

    Er entschuldigte sich mehrmals bei ihr und versprach ihr, dass er sofort zu ihr kommen würde, wenn das erst mal geklärt wäre. Wenn eine seiner Azubis im Krankenhaus lag, konnte er das natürlich nicht ignorieren, sondern musste sich darum kümmern und seine privaten Angelegenheiten in den Hintergrund stellen. Er war immerhin auch derjenige, der die Verantwortung hatte. Nayru war zwar sichtlich enttäuscht, aber sie hatte dennoch Verständnis dafür. Er hauchte ihr noch einen Kuss auf den Mund und steuerte dann mit Hattori die Kaserne an.

    „Die Kleine is ja echt süß!“, grinste Hattori, als sie auf dem Weg in die Kaserne waren. „Ich weiß!“, entgegnete Enrico und grinste ebenfalls. „Und? Wie läufts so?“, fragte Hattori weiter. „Kannst du dir doch wohl denken, oder?“. Ja, das konnte Hattori sich wirklich denken. Immerhin hatte er seinen besten Freund beim knutschen gestört. Aber trotzdem wollte er es so detailliert wie möglich wissen. Viel zu hören bekam er allerdings nicht. Enrico wollte das, was er mit Nayru erlebte, auch nur mit ihr selbst teilen. Er hätte zwar nicht das Problem, auch über intimere Sachen zu reden, aber im Moment wollte er die Momente mit ihr nur für sich alleine haben. Und jemandem davon zu erzählen würde unweigerlich bedeuten, die Erlebnisse in gewisser Weise teilen zu müssen.

    In der Kaserne angekommen erkundigte Enrico sich sofort nach dem Krankenhaus, in das man die Auszubildende gebracht hatte. Man hatte sie tatsächlich in die Charité in Mitte gebracht. Warum auch immer. Reinickendorf hatte immerhin auch Krankenhäuser, die viel näher dran waren als das große, rote Gebäude im Herzen der Stadt.

    Von der Kaserne durfte er sich ein Dienstfahrzeug leihen, mit dem er direkt zum Krankenhaus fahren konnte. Ob sein japanischer Führerschein in Deutschland überhaupt anerkannt wurde, wusste er gar nicht, aber das spielte auch keine Rolle. Er hatte damals an einer Aktion teilgenommen, in der Jugendliche den Führerschein schon mit 17 machen durften. Bedingung war, dass sie allerdings nur in Begleitung fahren durften, solange sie noch keine 18 Jahre alt waren. Wenn also der japanische Führerschein ungültig war, hatte er trotzdem noch einen deutschen Führerschein. Als er erfuhr, dass er nach Japan auswandern würde, fragte er sich zwar, was ihm das kleine Plastikkärtchen dann überhaupt noch bringen sollte, aber jetzt erwies es sich als unheimlich nützlich.

    Während Hattori es sich auf dem Beifahrersitz gemütlich machte, beschlagnahmte Misaki den Platz hinterm Beifahrer. Enrico fuhr den Wagen vom Kasernengelände, bog nach links ab und fuhr auf der rechten Fahrbahn Richtung Stadtmitte. „AAAHHH!!! DU BIST IN DER FALSCHEN SPUR!!!!“, brüllte Hattori und versetzte Enrico und Misaki nen riesigen Schock! „MAN, HATTORI!!!!! Wann checkst du endlich, dass wir hier in Deutschland sind????? In Deutschland herrscht RECHTSverkehr!“, schnauzte Enrico zurück und ließ sich nicht davon beirren, weiterhin auf der rechten Fahrbahn zu fahren. „Ach so.... stimmt ja!“, entgegnete Hattori ganz kleinlaut. „Hab ich vergessen!“. Enrico fasste sich genervt an den Kopf, biss sich aber auf die Zunge. Seit wann war Hattori so durcheinander? Erst vergisst er den Namen des Krankenhauses und dann auch noch das. „Egal was du nimmst, nimm weniger!“, fauchte Enrico genervt und versuchte, das Thema möglichst schnell in seinem Kopf abzuhaken. Hattori war heute scheinbar zu gar nichts zu gebrauchen.

    Der silberne Opel mit dem blauen Logo der deutschen Bundeswehr drängelte sich durch die Straßen Berlins. Wenn sich hier etwas wohl nie ändern würde, dann die katastrophalen Zustände auf den Straßen. Autos parkten direkt am Straßenrand und machten die Fahrbahn enger. Fahrradfahrer schlichen auf der Fahrbahn im Schneckentempo vor sich hin und behinderten die Autofahrer zusätzlich. Ganz zu schweigen von den etlich vielen Ampeln, die ständig rot waren. Die Straßen waren voll. Wie immer. Und je näher man ins Zentrum der Stadt kam, umso schlimmer wurde es.

    Nach gefühlten Ewigkeiten kamen die 3 endlich am Krankenhaus an. Hier ging allerdings die Suche nach einem Parkplatz los. Enrico kreiste wie ein Adler über seine Beute, als er genervt nach einer geeigneten Parkmöglichkeit Ausschau hielt. Tatsächlich fand sich noch eine Lücke zwischen dem ganzen Blech, in die er rückwärts einparkte.

    Die 3 betraten das Krankenhaus und erkundigten sich nach der Station und dem Zimmer, in dem sie Ayano Koishikawa finden würden. Der ältere Herr am Empfang gab Ihnen die gewünschte Auskunft und erklärte ihnen den Weg.

    Vor dem Zimmer angekommen, klopfte Misaki an die Tür und trat dann ein. Die junge Auszubildende lag im Bett, war aber hellwach. „Wie geht es Ihnen?“, erkundigte sich Misaki und klang sehr besorgt. „Mir geht es gut. Danke, dass Sie nachfragen!“, antwortete die Azubine und lächelte. „Was haben die Ärzte gesagt?“, fragte Misaki weiter. „Ich weiß nicht. Ich verstehe kein Wort von dem, was die sagen. Die haben zwar versucht, es mir auf englisch zu erklären, aber das ist genau so kompliziert.“, erklärte Koishikawa weiter. Misaki schaute zu Enrico rüber, der ihren Blick verstand und ihr zu nickte. „Wäre das denn okay, wenn die Ärzte Sato erklären würden, was Sie haben? Das machts vielleicht einfacher!“. Koishikawa schaute kurz zu ihrem Ausbildungsleiter rüber und nickte dann.

    Es klopfte erneut an der Tür und ein Arzt trat in Begleitung zweier Schwestern in das Zimmer. „Haben die unser Gespräch belauscht oder warum kommen die wie auf Knopfdruck ins Zimmer?“, fragte Hattori seinen besten Freund – natürlich auf japanisch. Nicht nur, weil es seine Heimatsprache war, sondern auch, weil er wusste, dass die Ärzte nicht verstehen würden, was er sagte. Enrico zuckte nur mit den Schultern, begrüßte den Arzt und erklärte die Situation. „Nun ja, ich weiß nicht. Ich stehe natürlich unter Schweigepflicht und darf niemandem Auskunft über eine Patientin erteilen. Angehörige natürlich ausgeschlossen!“, gab der Arzt zu bedenken. Koishikawa machte dem Arzt auf englisch verständlich, dass er Auskunft geben durfte. Zumindest dafür reichten ihre Englischkenntnisse aus.

    „Nun ja“, begann der Arzt, als er sich sicher war, dass seine Patientin einverstanden war. „Dramatisch ist es nicht. Ein Schwächeanfall. Sie hat ihren Körper einfach zu stark belastet und das war die Reaktion auf die Erschöpfung. Ein paar Tage Ruhe und dann geht’s ihr wieder gut.“ Enrico übersetzte sogleich die Diagnose des Arztes ins japanische. Erleichterung im Raum. „Zum Glück ist es nichts Ernstes!“, freute sich Misaki. Auf Enrico’s Nachfrage erklärte der Arzt, dass er die junge Japanerin zur Beobachtung lieber eine Nacht im Krankenhaus behalten wollte. Dass man sie aber morgen schon wieder entlassen könnte, wenn alles so bleibt, wie es im Moment war.

    Der Höflichkeit wegen blieben die 3 noch ein bisschen im Krankenhaus, machten sich anschließend aber wieder auf den Weg in die Kaserne. Es war bereits abends. Viel Zeit blieb also nicht mehr, da die Regeln in der Kaserne eindeutig befahlen, dass man spätestens um 22 Uhr auf seinem Zimmer zu sein hatte. Nachtruhe war etwas, worauf man hier sehr viel Wert legte und was sehr streng kontrolliert wurde.

    Um nicht noch mehr Zeit zu verlieren, warf Enrico seine beiden Freunde an der Kaserne einfach aus dem Wagen und fuhr direkt weiter. Das sparte immerhin ein bisschen Zeit, als wenn er den Wagen erst mal abstellen und dann zum Bus laufen würde.

    Viel Zeit blieb aber trotzdem nicht, als er bei Nayru angekommen war. „Diese scheiß Nachtruhe geht mir tierisch auf die Nerven! Schlimmer als im Kindergarten!“, fluchte er. „Ach was. Sei doch froh, dass du’s überhaupt noch pünktlich geschafft hast! Besser als gar nichts, oder?“, entgegnete Nayru. Recht hatte sie.

    Die Zeit reichte nicht mehr aus, um noch irgendetwas in der Stadt zu unternehmen. War aber auch nicht verkehrt. So blieben sie zuhause und machten es sich auf Nayru’s Bett gemütlich. Außerdem konnten sie jetzt dort weiter machen, wo sie vor einigen Stunden von Hattori gestört wurden.

    [FONT=&quot]- Ende Kapitel 13 - [/FONT]

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    Den blauen Himmel und dich

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  • So. Und das 14. Kapitel auch noch. Eigentlich wollte ich das 14. und 15. Kapitel zusammen fassen, aber das wurde zu lang. Deshalb hab ich mich jetzt doch entschieden, es in 2 Kapitel aufzuteilen.


    Kapitel 15 ist allerdings noch in Arbeit. Kommt später. Und die Sache mit den Kommentaren ist ja auch bekannt. ^^


    Weiterhin viel Spaß beim lesen!


    ---------------------------------------
    Kapitel 14


    Koishikawa wurde wie erwartet nur einen Tag später schon wieder aus dem Krankenhaus entlassen. Enrico, Hattori und Misaki hatten sie mit dem Auto vom Krankenhaus abgeholt. Ein paar Tage sollte sie sich aber dennoch schonen.

    Die restlichen Tage vergingen viel zu schnell. Es war inzwischen Samstag. Für den nächsten Tag waren die Flüge gebucht. In der Kaserne wurde ein großes Abschiedsfest veranstaltet. Enrico saß nur so da und hoffte, dass diese dämliche Party bald vorbei sein würde. Ausgerechnet auf einem Samstag. Wo es keine Regelung zur Nachtruhe gab und man quasi die ganze Nacht durch feiern konnte. Ausgerechnet einen Tag vor der Abreise. Es gab nun wirklich bessere Orte, an denen er jetzt viel lieber gewesen wäre.

    Nachdem das gesamte Partyprogramm runter gerattert war, gab es für ihnen keinen Grund mehr, noch länger zu bleiben. Er gab Hattori Bescheid, dass er weg fahren würde und machte sich dann sogleich auf den Weg. Viel Zeit würde er auch heute nicht bei Nayru verbringen können. Zwar könnte er theoretisch über Nacht bleiben, aber da der Flug bereits für morgens um 6 Uhr gebucht war, würde er zu sehr unter Zeitdruck geraten, wenn er bei ihr übernachten würde.

    Der Abend verlief ziemlich unschuldig. Nicht so, wie andere Nächte, die sie miteinander verbracht hatten. Beide versuchten, den Gedanken daran, dass die gemeinsame Zeit in wenigen Stunden vorbei sein würde, zu verdrängen. Von Erfolg gekrönt war das allerdings nicht. Erst recht nicht, als es für Enrico so langsam Zeit wurde, in die Kaserne zurück zu fahren. Die Koffer hatte er noch nicht gepackt und um 5 Uhr war bereits der Bus zum Flughafen bestellt. Schlafen würde diese Nacht ausfallen, aber das war auch okay. Im Flugzeug hatte er genug Zeit, den Schlaf nachzuholen.

    Nayru begleitete ihn noch bis zur Tür. Es war ihr deutlich anzusehen, dass es ihr schwer fiel, ihn gehen zu lassen. Sie versprach aber, zum Flughafen zu kommen. Ganz bestimmt.

    Hattori und Misaki waren noch wach, als Enrico in die Kaserne zurück kam. Die beiden saßen auf ihren Betten, tranken Sekt und lachten. „Ey, Ennnricooo! Schöööööön dass du auch ma kommst!“. Hattori lallte deutlich hörbar. „Ach du Scheiße“, ging es Enrico durch den Kopf, als er den Raum betrat und die Tür hinter sich schloss. Hattori war betrunken noch verrückter drauf als ohnehin schon. Betrunken war er noch besser gelaunt und redete noch mehr Müll, als er es ohnehin schon tat. Hattori nannte ihn im betrunkenen Zustand auch immer beim Vornamen, was er sonst eigentlich nie machte. Enrico hatte zwar bei weitem kein Problem damit, wenn er von Freunden mit seinem Vornamen angesprochen wurde – immerhin war er das so gewöhnt – aber Hattori bestand darauf. In Japan galt es immerhin fast schon als intim, wenn man sich beim Vornamen nannte. „Du hast eindeutig zu viel gesoffen!“, stellte Enrico genervt fest, als er seinen schmalen Schrank ansteuerte und seine Reisetasche samt Klamotten raus holte. „Aaach wat! Dat bisschen hat noch keinem geschadet!“. „Und du redest mit Dialekt!“, stellte Enrico weiterhin fest. „Warum bist du denn so schlecht gelaunt?“, wollte Misaki wissen. Sie saß auf ihrem Bett und schaute Enrico an. Getrunken hatte sie ebenfalls, aber Misaki war immerhin noch klar bei Verstand. „Ich bin nicht schlecht gelaunt!“, antwortete Enrico noch genervter. Damit war das Thema erledigt.

    Hattori stand auf, das Glas Sekt in der rechten Hand, ging zu Enrico rüber und legte ihm freundschaftlich den Arm um die Schultern. „Ey, jetzzz sei ma nich sooo. Hab ma n bisschen gute Laune!“. Na guter Laune war Enrico allerdings gar nicht zumute. Er packte stumm weiter seine 7 Sachen zusammen und ignorierte Hattori.

    Als es endlich wieder hell wurde, lag Hattori in seinem Bett und sägte ein ganzes Wäldchen nieder. Enrico und Misaki hatten die Nacht durch gemacht und sich lange über alles mögliche unterhalten. „Wundert mich echt, dass der noch nie Stress mit Greenpeace hatte!“, bemerkte Enrico mit einem abfälligen Unterton und starrte auf seinen schnarchenden Freund. „Ja, wenn er betrunken ist, schnarcht er immer richtig laut!“, gab Misaki zu. „Das war früher schon immer so. Teilweise hab ICH ihn nach Hause gebracht und bin über Nacht geblieben, weil’s ihm so schlecht ging!“, fügte sie hinzu. „Na toll! Eigentlich sollte er DICH doch nach Hause bringen!“.

    Enrico stand auf und trat einmal unsanft gegen das Bettgestell. „Hey, aufwachen! Geht bald los zum Flughafen!“. Enrico sprach absichtlich lauter. Dass Hattori sich davon gar nicht beeindrucken und einfach weiter schnarchen würde, hatte er sich schon gedacht. „HATTORIIII!!! AUFSTEHEN!!!“, brüllte er noch lauter. Und endlich zeigte Hattori die erste Regung. „Hä? Was is mit ausgehen?“, fragte er völlig geistesabwesend. „Nicht ausgehen, sondern AUFSTEHEN!“, korrigierte Enrico ihn. „Isses schon Zeit fürs Frühstück?“, fragte Hattori weiter.

    Enrico musste unweigerlich grinsen. Wie konnte ein einzelner Mensch nur so verplant sein, wie Hattori es ständig war? Und verfressen war er zudem auch. Bei jeder Gelegenheit, die sich bot, war Hattori am futtern. Eigentlich ein Wunder, dass er noch nicht aus allen Nähten geplatzt war.

    Nachdem Hattori sich schwermütig aus dem Bett gewälzt hatte, schlurfte er zusammen mit seinen beiden Freunden in den großen Saal, in dem das Frühstück bereits vorbereitet war. Hunger hatte er ausnahmsweise allerdings eher weniger. „Mir ist schlecht!“, beklagte er sich. „Selbst Schuld! Was säufst du auch so viel?“, entgegnete ihm Enrico und zeigte wenig Mitgefühl. „Wenn du kotzen musst, dann bitte in die andere Richtung!“, fügte er hinzu. Misaki sagte nichts dazu. Sie sah die Sache ähnlich wie Enrico. Wer abends zu tief ins Glas schaute, sollte sich am nächsten Morgen nicht beschweren. Aber dennoch war sie besorgt um ihren Freund.

    Hattori brachte das Frühstück hinter sich, ohne sich zu übergeben. Und so langsam schien er auch ein wenig munterer zu werden. Misaki hatte ihn regelrecht dazu genötigt, viel Wasser zu trinken. Scheinbar zeigte es Wirkung.

    Sie versammelten sich mit den Azubis vor der Kaserne. Der Bus, der sie zum Flughafen bringen würde, wartete bereits. Der Busfahrer half beim verladen der Koffer und brachte sie sicher an ihr Ziel.

    Auf der großen, digitalen Anzeige im Flughafengebäude war ausgeschildert, an welchem Gate sie abfliegen würden. Dieses Mal ging es nicht über Paris zurück nach Tokio, sondern über London.

    Enrico schaute sich immer wieder um und suchte nach Nayru. Sie hatte gesagt, dass sie kommen würde und er hoffte, dass sie sich verpassen würden. Er schaute sich jedes Gesicht einzeln an, obwohl der Flughafen trotz der frühen Uhrzeit schon ziemlich voll war. Aber jedes Mal, wenn er ein weibliche, schwarzhaarige Person entdeckte, musste er feststellen, dass das Gesicht nicht das richtige war.
    „Suchst du etwas?“, wollte Misaki wissen. „Hm... nein!“, antworte Enrico. Gelogen war das genau genommen nicht. Er suchte ja nicht ETWAS, sondern JEMANDEN. Aber sie war weit und breit nirgendwo zu sehen. Vielleicht würde sie doch nicht kommen? Möglich wäre es. Er wusste, dass ihr der Abschied schwer fiel. Vielleicht wollte sie sich das nicht antun? Verstehen könnte er es. Er schaute immer wieder auf die Uhr. Nur noch ein paar Minuten bis zum check-in! Und so langsam wurde ihm bewusst, dass sie wohl nicht mehr kommen würde.

    „Sehr geehrte Damen und Herren, gebucht mit British Airways auf den Flug BA 981 nach London-Heathrow! Ihr Flieger ist jetzt zum Einstieg für Sie bereit!“

    Die Ansage war mehr als deutlich. Das war der Flug, den sie gebucht hatten. Jetzt würde er Berlin wieder verlassen. Und ob er jemals wieder kommen würde, war auch jetzt nicht sicher. Und jetzt würde er in den Flieger steigen, ohne sie noch einmal zu sehen.

    Er hatte zwar durchaus Verständnis dafür, wenn sie nicht kommen wollte, aber er merkte deutlich, dass es ihm damit nicht gut ging. Einfach so das Land zu verlassen, ohne wenigstens noch „Tschüss“ gesagt zu haben.

    “Kommst du?“, fragte Misaki, die bereits dabei war, durch das Gate zu gehen, das direkt zur Gangway führte. Er antwortete mit einem einfachen „Ja“ und steuerte den Check-in Schalter an.

    Er wollte gerade seine Bordkarte zum einscannen abgeben, als er hörte, wie jemand seinen Namen rief. Er schaute nach links. In die Richtung, aus der die Stimme kam, und sah, wie Nayru auf das Gate zu rannte, an dem er stand. Er entschuldigte sich eben bei der jungen Frau, die soeben seine Bordkarte in Empfang nehmen wollte und verließ den Check-in Schalter wieder.

    „Tut mir leid!“, keuchte Nayru völlig außer Atmen. Sie musste sich mit den Händen auf den Knien abstützen, um besser Luft zu kriegen. „Der Bus ist ausgefallen und ich musste ewig auf den nächsten warten. Ich hab echt schon gedacht, ich schaffs nicht mehr pünktlich!“, entschuldigte sie sich, immer noch völlig außer Atmen. „Ist doch okay“, entgegnete Enrico und deutete damit an, dass sie sich nicht zu entschuldigen brauchte. „War aber wirklich in letzter Sekunde!“, fügte er hinzu.

    Nayru richtete sich wieder auf und schaute auf die digitale Anzeige über dem Gate. Daran konnte sie ablesen, dass der Check-in bereits begonnen hatte. „Du musst ja wirklich gleich los!“, stellte sie entsetzt fest. Enrico nickte stumm. Sie brauchte einen Moment, um sich zu sammeln. Sie merkte deutlich, wie sich ein unangenehmes Gefühl in ihrem Bauch ausbreitete. Das gleiche unangenehme Gefühl, dass sie auch vor 4 Jahren hatte, als sie hier am Flughafen stand. „Sehen wir uns denn wieder?“, fragte sie und senkte den Blick dabei zum Boden. „Na ich hoffe doch!“, antwortete Enrico. Er versuchte, möglichst objektiv zu bleiben. Natürlich wusste er, dass das leichter gesagt als getan war.

    Er griff in seine Jackentasche und holte einen kleinen Zettel heraus. „Hier!“. Er hielt ihr das kleine Papier vor die Nase. „Was ist das?“, wollte Nayru wissen. „Da stehen sämtliche Kontaktmöglichkeiten drauf, über die du mich erreichen kannst. Adresse, Telefon, E-Mail und so weiter!”. Nayru nahm das kleine, weiße Papier an sich, faltete es auseinander und guckte es sich kurz an. Sie schaute es lange an, ohne irgendetwas dazu zu sagen.

    Dann liefen ihr die Tränen übers Gesicht.

    „Ach... verdammt! Ich hab mir so fest vorgenommen, nicht zu weinen, und jetzt tu’s ich doch wieder!“, schimpfte sie eher mit sich selbst. Sie rang um Fassung, was aber gar nicht so einfach war. Enrico nahm sie in den Arm, versuchte, irgendetwas zu sagen, was vielleicht hilfreich wäre. Aber auch das gestaltete sich schwieriger als erwartet. In so einem Moment die richtigen Worte zu finden war nicht gerade das einfachste, das man tun konnte. „Ich guck, wann ich mal wieder kommen kann, okay? Und ansonsten könnten wir ja auch überlegen, ob du nicht nach Japan kommen kannst. Ich hatte dir ja gesagt, dass du dir über die Finanzierung keine Gedanken machen brauchst! Krieg ich schon hin!“. Er versuchte, möglichst optimistisch zu klingen und scheinbar zeigte es Wirkung.

    Nayru löste sich etwas aus seiner Umarmung, damit sie ihn ansehen konnte. „Ja. Du hast Recht. Klappt schon irgendwie.“. Sie lächelte ihn an. Ganz zaghaft, aber immerhin ein kleines Lächeln. „Ach so! Ich hab da ja noch was für dich!“, fiel es Enrico wieder ein. Er griff in die Innentasche seiner Jacke, holte eine Blume heraus und hielt Nayru das Gewächs vor die Nase. „Aus alter Tradition müsste es ja eigentlich ein Vergissmeinnicht sein, aber dieses Mal hab ich mich für ne andere Blume entschieden!“, erklärte er, während Nayru die rote Rose begutachtete. Obwohl er sie in der Innentasche seiner Jacke verstaut hatte, war sie tadellos. Kein abgeknicktes Blatt, keine sichtbaren Spuren an der Blüte. „Wow! Die ist ja wunderschön!“, staunte Nayru und nahm die Rose an sich. „Passt diesmal irgendwie auch besser als ein Vergissmeinnicht!“, erklärte Enrico weiter. Nayru schaute ihn fragend an. „Warum passt die besser?“.

    Anstatt ihr zu antworten, legte er sanft seine Lippen auf ihre. Es würde wohl ziemlich lange dauern, eher er wieder die Gelegenheit dazu haben würde. Der Kuss wurde allerdings unterbrochen, als wieder eine Ansage kam.

    „Letzter Aufruf für alle noch fehlenden Passagiere, gebucht mit British Airways BA 981 nach London-Heathrow! Bitte begeben Sie sich umgehend zum Ausgang A16!“.

    „Ich muss los!“. Enrico schaute Nayru an, streichelte ihr sanft über die Wange und küsste sie ein letztes Mal. Bevor er sie alleine ließ, sagte er ihr allerdings noch etwas, das er vorher noch nie jemandem gesagt hatte.



    „Ich liebe dich!“.

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    Den blauen Himmel und dich

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  • Hi Shii, ich hab mich entschlossen, dir mal hier nen Kommi dazulassen, vielleicht entschliesst sich sonst noch wer, etwas zu posten. ;)

    Toller letzter Satz, ein schönes Ende für ein eher trauriges Kapitel.

    Nayru ist echt süss, wie sie mit sich selber schimpft, weil sie zu weinen beginnt. Ich würde gerne noch mehr über sie erfahren, ihre Vergangenheit und über die 4 Jahre, in denen Enrico in Japan gewesen ist. Vielleicht kannst du da noch was kleines einbauen? ;)

    Ich bin ja gespannt, wie die beiden das hinbekommen wollen. Ich mein, Japan ist ja nicht gerade um die Ecke. *gg
    Vielleicht könnte Nayru in Japan studieren oder sowas? *überleg* Wär zudem noch ne kulturelle Bereicherung. ^^

    Mir hat sich noch ne Frage aufgedrängt: Wohnt Nayru alleine? Irgendwie hab ich nie was von ner Mutter oder so mitgekriegt und naja, da sie ja unter anderem im Wohnzimmer übereinander herfallen (bitte entschuldige die Ausdrucksweise, aber es passt grad so schön ^^), nehm ich doch an, dass sie nicht mehr bei ihren Eltern wohnt.

    Liebe Grüsse
    raya

  • *lächel* Danke, das freut mich, dass du hier auch einen Kommentar hinterlassen hast! :-) Hatte ja schon gesagt, dass das eine echte Motivation zum weiter machen ist und daran hat sich auch nichts geändert. ^^


    Über Nayru wird man auf jeden Fall noch mehr erfahren. Aber jetzt noch nicht. Meine Planung sieht erstmal etwas anderes vor. Naja, du wirst es lesen. ^^ Das 15. Kapitel häng ich gleich noch dran. Da wird schon deutlich, was ich geplant habe.


    Bezüglich ihrer Eltern: Ja, sie wohnt bei ihren Eltern. Genauere Erklärungen werden zu gegebener Stunde noch folgen! ;-) Ihre Eltern sind zwar nicht soooo wichtig in dieser Story, aber ich mags halt trotzdem nicht vorweg nehmen.


    Wie gesagt, genauere Erklärungen sind durchaus geplant. Aber eben erst zu einem späteren Zeitpunkt. ;-) Geduld, Geduld! :)


    So, dann hier noch das nächste Kapitel. Wie immer viel Spaß beim lesen. :)


    ---------------------------------------------


    Kapitel 15

    Das Flugzeug raste über die Startbahn und hob kurz danach von der Erde ab. Enrico hatte wieder einmal einen Fensterplatz erwischt und schaute hinab auf Berlin. Die Stadt, in der er gerade seine große Liebe zurück gelassen hatte.

    Er war sich nicht sicher, ob es richtig war, ihr diese berühmten 3 Worte zu sagen. Noch nie in seinem gesamten Leben hatte er diese Worte benutzt. Noch nie hatte er einem Mädchen so etwas gesagt. Und wahrscheinlich war es auch nicht unbedingt die beste Idee, es ihr ausgerechnet beim Abschied zu sagen. Zwar hatte sie gesagt, dass sie seine Gefühle erwidert, aber auch das änderte nichts an der Tatsache, dass sie von nun an wieder etliche 1000km voneinander getrennt sein würden. Und dass es verdammt schwer werden würde. Wahrscheinlich würde es jetzt sogar noch komplizierter werden. Wenn beide voneinander wussten, dass sie das gleiche füreinander empfanden, aber aus dieser Beziehung trotzdem nichts werden konnte.

    Andererseits wäre es wohl aber auch nicht richtig gewesen, sie im Dunkeln stehen zu lassen. Eigentlich war es nur fair, ihr zu sagen, woran sie bei ihm war. Ansonsten wären wohl viele Fragen offen geblieben. Und er wollte auch nicht, dass sie glaubte, sie wäre nur eine Art Affäre gewesen. Denn das war sie bei weitem nicht.

    Der Aufenthalt in London war nicht länger als vor 4 Wochen in Paris. Das war aushaltbar. Schlimmer war der Flug, der noch bevor stand. Hattori nutzte die Zeit, um seinen Rausch aus zu schlafen und Misaki war in ein Buch vertieft. Enrico hingegen starrte aus dem Fenster und dachte nach.

    Als der Flieger nach etlichen Stunden endlich auf dem Tokioter Flughafen Narita aufsetzte, herrschte große Erleichterung unter den Passagieren. Endlich wieder mehr Beinfreiheit. Bewegung konnte man nach so einem Flug gut gebrauchen. Enrico verlor aber nicht viel Zeit, sondern steuerte sofort den direkten Heimweg an. Im Moment konnte er Menschenmassen nicht wirklich ertragen. Ruhe war das, was er wollte. Er verabschiedete sich noch von den Azubis, erinnerte nochmals daran, dass der nächste Tag frei wäre, damit sich alle vom Flug erholen konnten und dass man sich am Dienstag zur gewohnten Zeit in der Behörde einzufinden hatte.

    Er fuhr zusammen mit Misaki und Hattori nach Hause. Das bot sich an, immerhin wohnten sie ja alle 3 im gleichen Bezirk und auch nicht weit voneinander entfernt. Am Bahnhof verabschiedete er sich von seinen beiden Freunden und steuerte das altbekannte Hochhaus an, in dem er wohnte. Es war mitten in der Nacht, so dass er nicht davon ausging, dass Serenity noch wach wäre. Als er seine Wohnung betrat, wurde er allerdings eines besseren belehrt. Serenity saß im Wohnzimmer vor dem Computer und surfte im Internet.

    „Bruderherz, da bist du ja endlich wieder!“. Sie sprang von ihrem Stuhl auf, rannte auf ihren großen Bruder und fiel ihm freudig um den Hals. „Du bist ja noch wach!“, stellte er als erstes fest. „Na klar! Was denkst du denn? Glaubst du etwa, ich geh schlafen, wenn mein großer Bruder heute nach Hause kommt?“. Er überlegte kurz. „Hm... ja, glaube ich! Hatte ich zumindest!“.

    „Wie wars in Deutschland? Du musst mir alles erzählen! Warst du bei unserem alten Zuhause?“. Mit "unser altes Zuhause" meinte Serenity das Haus, in dem ihre Eltern früher lebten. Genau genommen hatte sie dort nie gewohnt, aber sie betrachtete dieses Haus dennoch als IHR zuhause. Die Frage war allerdings nicht gut. Gar nicht gut. „Nein, war ich nicht!“, gab er zu. „Was? Warum denn nicht? Ich wollte doch unbedingt wissen, wie es da jetzt aussieht!“. Serenity verschränkte die Arme vor der Brust und schmollte. „Für so was hatte ich keine Zeit!“, log Enrico. Er hätte sehr wohl die Zeit gehabt. Aber er war immerhin aus gutem Grund nicht zu dem Haus gefahren, in dem seine Eltern starben. Serenity wusste davon bis heute nichts. Enrico hatte ihr erzählt, ihre Eltern wären bei einem Autounfall ums Leben gekommen. Er hielt es für keine gute Idee, ihr zu sagen, was ihr Vater angerichtet hatte und unter welchen Umständen sie zur Welt gekommen war.

    „Sei mir nicht böse, aber ich geh schlafen!“, entschuldige er sich bei seiner kleinen Schwester und steuerte sein Schlafzimmer an. Es war immerhin mitten in der Nacht und er hatte einen anstrengenden Flug hinter sich. „Mach nicht mehr so lange!“, fügte er hinzu und verschwand dann in seinen heiligen 4 Wänden.

    Die Nacht war wie erwartet ziemlich beschissen. Viel geschlafen hatte er nicht. Zu sehr drängten sich die Gedanken an Nayru immer wieder in seinen Kopf.

    Um 9 Uhr gab er es auf und setzte sich vor den Rechner. Serenity hatte bereits das Haus verlassen und saß in der Schule, um in ein paar Stunden klüger denn je wieder nach Hause zu kommen. So hatte er wenigstens ein bisschen Ruhe. Er überprüfte seine E-Mails. Zwar waren einige dabei, die wichtig waren, aber sein Blick blieb an einer bestimmten E-Mail hängen. Im Absender stand „Nayru Falk“. Er öffnete die Mail. Lang war sie nicht. Im Prinzip standen da Sachen drin, die er sich denken konnte. Dass sie es toll fand, ihn wieder zu sehen. Dass sie ihn vermisste und sich wünschte, er wäre nicht geflogen. Dass die Rose auf ihrem Schreibtisch einen Platz gefunden hatte und dass sie sich wünschte, ihn so schnell wie möglich wieder zu sehen. Ebenso machte sie noch einmal ihre Gefühle für ihn deutlich. Viel schreiben musste sie dazu nicht. 3 Worte reichten aus.

    Bevor er ihr antworten würde, brauchte er erst mal einen Kaffee. Und eine Zigarette. Mit beidem bewaffnet setzte er sich auf den Balkon, zündete sich die Zigarette an und schaute auf die Stadt. Eigentlich war das wirklich unglaublich. Gestern war er noch in Berlin, heute war er wieder in Tokio. Es lagen Welten zwischen diesen beiden Städten. Die eine war mit der anderen überhaupt nicht zu vergleichen. Er fragte sich ernsthaft, wie er sich entscheiden würde, wenn man ihn vor die Wahl stellen würde – Berlin oder Tokio. Beide Städte hatten ihre Vor- und Nachteile. Und er war sich nicht sicher, ob er sich so leicht entscheiden könnte. In Berlin lebte zwar Nayru, aber in Tokio arbeitete er. Und hier hatte er gute Freunde gefunden, auf die er nicht verzichten wollte... auch wenn Hattori manchmal ganz schön nerven konnte. Eigentlich wäre es ihm lieber gewesen, er hätte Nayru UND seine Freunde an einem Fleck haben können. Für immer und ewig. Dann wäre es auch egal, ob Berlin oder Tokio.

    Er drückte die Zigarette im Aschenbecher aus, nahm den letzten Schluck Kaffee und setzte sich dann wieder vor den Computer, um Nayru’s E-Mail zu beantworten. Möglichst kurz erzählte er vom Flug und bestätigte ihr, dass es ihm gefühlsmäßig genau so ging wir ihr.

    Die restlichen E-Mails waren genau so langweilig wie der restliche Tag. Er verbrachte den Tag stur in der Wohnung und dachte nicht mal im Traum daran, die Wohnung zu verlassen. Hier hatte er wenigstens seine Ruhe. Die Ruhe wurde am Nachmittag allerdings jäh unterbrochen, als Serenity nach Hause kam und es einige Stunden später wieder an der Tür klingelte. Serenity öffnete zwar die Tür, brüllte im nächsten Moment aber quer durch die ganze Wohnung, dass Misaki da wäre. Das konnte Enrico nicht ignorieren. Er wunderte sich allerdings, was sie wollte. Normalerweise kündigte sie sich vorher immer an, wenn sie vorbei kommen wollte.

    „Was machst du denn hier?“, fragte er, als er Misaki im Flur stehen sah. „Du rufst doch vorher sonst immer an, bevor du kommst!“, fügte er nach einer kurzen Pause hinzu. „Ähm... ja. normalerweise. War eher ne spontane Idee von mir.“ Misaki druckste ein wenig rum. Enrico merkte deutlich, dass sie sich anders verhielt als sonst. „Was gibt’s denn?“, fragte er weiter. „Naja... es ist schwierig!“. Misaki hatte Mühe, einen Anfang zu finden. „Willst du nicht erst mal richtig rein kommen?“, fragte er weiter. Sie stand immer noch im Flur wie bestellt und nicht abgeholt. „Oh... ich weiß nicht. Ich würde eigentlich draußen lieber ein bisschen durch den Park gehen. Hast du nicht Lust, mit zu kommen?“.

    Nein, hatte er eigentlich nicht. Nicht mal ansatzweise. Die Wohnung verlassen war so ziemlich das Letzte, was er heute wollte. Trotzdem stimmte er aber zu. Scheinbar hatte sie ein Anliegen, das sie mit ihm alleine klären wollte und bei dem Serenity nicht mit hören sollte.

    Der Park war nicht weit weg. Sie gingen nebeneinander her. Schweigend. Keiner sagte ein Wort. Eigentlich war es ja auch an ihr, irgendetwas zu sagen. Ganz offensichtlich gab es ja etwas, das sie sehr beschäftigte. Trotzdem war er es, der schlussendlich die Stille unterbrach. „Irgendwas hast du doch, oder?“. Das war eigentlich eher eine Feststellung als eine Frage. „Eigentlich ja!“, gab Misaki zu. „Aber?“, bohrte Enrico weiter.

    Misaki ließ sich auf eine Bank fallen, die in greifbarer Nähe war. Sie verspürte gerade den Drang, sich zu setzen. Enrico setzte sich daneben und zündete sich wieder eine Zigarette an. „Was ist los?“, fragte er noch einmal nach und hoffte, dass er diesmal eine Antwort bekommen würde. „Darf ich dich mal was fragen?“. Sie beantwortete seine Frage mit einer Gegenfrage, wohlwissend, dass sie die Antwort eigentlich schon kannte. Natürlich durfte sie ihn alles fragen und das wurde ihr auch dieses Mal erneut bestätigt. „Dieses Mädchen... also, am Flughafen meine ich. In Berlin. War das deine Freundin?“.

    Die Frage war eindeutig genug. Enrico erinnerte sich nur zu gut daran, als Misaki ihm vor 4 Jahren ihre Liebe gestanden hatte. Und er erinnerte sich auch genau daran, wie schlecht es ihr ging, als er ihr deutlich machte, dass aus ihnen nichts werden würde. Er hatte versucht, es ihr möglichst schonend bei zu bringen. Das war damals ein riesiger Schuss in den Ofen.

    „Was willst du jetzt hören?“, fragte er. Nun war er es, der eine Frage mit einer Gegenfrage beantwortete. „Die Wahrheit!“, antwortete sie. „Hm... keine Ahnung, ob ich sie als meine Freundin bezeichnen kann. Da läuft zwar was zwischen uns, aber so gesehen sind wir wohl trotzdem nicht wirklich zusammen“, antwortete er. Das war wohl sicher auch die ehrlichste Antwort, die er ihr geben konnte. Das kam der Wahrheit am nächsten. „Wegen der Entfernung?“, fragte Misaki weiter. „Ja. Genau deswegen!“.

    Misaki überlegte einen Moment. Sie war sich nicht sicher, ob sie die nächste Frage wirklich stellen sollte. Aber das war wohl die für sie wichtigste Frage überhaupt. Sie schaute zum Boden. Ihm in die Augen sehen konnte sie im Moment nicht. „Liebst du sie?“ Sie traute sich kaum, die Frage aus zu sprechen. Ihre Stimme war dünn und leise. Enrico hingegen seufzte. „Misaki, was willst du jetzt hören? Ja, okay, die Wahrheit! So viel ist klar. Aber meinst du, dass das so eine gute Idee ist?“. Misaki sagte nichts dazu, sondern schaute stur zum Boden. Sie hatte inzwischen Mühe, ihre Tränen zurück zu halten.

    „Misaki.... ganz ehrlich? Ich versteh nicht, was das soll! Ich dachte eigentlich, wir hätten das damals geklärt.“ Misaki schwieg weiter. „Und ich will dir nicht schon wieder so weh tun wie damals. Ich weiß ehrlich gesagt nicht, was ich dir jetzt sagen soll. Egal, was ich sage, es würde dir weh tun.“ Aus seiner Stimme konnte sie ernsthafte Verzweiflung raus hören. Genau so, wie sie der Verzweiflung nah war. „Ich weiß ja. Ich dachte eigentlich auch, dass es sich inzwischen geändert hätte. Aber als ich dich da gestern so mit ihr gesehen habe...“ Weiter kam sie nicht. Jetzt liefen ihr die Tränen übers Gesicht und sie hatte keine Chance mehr, auch nur eine Träne irgendwie zurück zu halten.
    „Ich glaube eigentlich, dass ich so ziemlich der Letzte bin, der dir da helfen kann!“, fuhr Enrico schließlich weiter fort. „Was würde es dir denn bringen, wenn ich dir irgendwelche Gefühle vor spielen würde, die nicht da sind? Das würde dich auch nicht glücklich machen!“. Er wartete einen Moment ab. Hoffte auf irgendeine Reaktion von ihr. Aber sie saß nur da und weinte. Zwickmühle. Er war wohl kaum die richtige Person, um sie zu trösten. In so einer Situation wäre das Folter, wenn er ihr zu nahe käme. Aber sie einfach so da sitzen lassen konnte er auch nicht.

    Er stand auf und ging vor ihr in die Hocke. So konnte er sie wenigstens besser ansehen. Er verzichtete dabei allerdings auf jegliche Berührungen mit ihr. Und Augenkontakt war wohl die beste Lösung. „Ich weiß ehrlich gesagt nicht, was ich sonst noch tun oder sagen soll! Ich weiß auch nicht, wie ich’s dir einfacher machen kann“. Er schaute sie an. Sah, wie sie da auf der Bank saß und weinte. Wegen ihm. Er wollte eigentlich, dass er nie wieder in so eine Situation mit ihr geraten würde. Damals hatte es ihm aufrichtig leid getan, dass er ihr keine positive Antwort geben konnte. Dass sie wegen ihm weinte. Und das war heute auch nicht anders. Er ließ sich aber auch nicht darin beirren, dass es wenig Sinn machte, jemandem Gefühle vor zu heucheln, die nie da waren. Dann lieber der ehrliche Weg, auch wenn der sehr viel schmerzhafter war. Eine andere Wahl blieb ihm sowieso nicht. Alles andere hätte bedeutet, sie nach Strich und Faden zu verarschen und das hatte sie beim besten Willen nicht verdient.

    „Soll ich Hattori anrufen, damit er dich abholt?“, fragte Enrico nach einigen Minuten. Es machte keinen Sinn mehr, dieses Gespräch fort zu führen. Er hatte alles gesagt, was er bereits schon einmal gesagt hatte und Misaki war wohl sowieso nicht mehr wirklich aufnahmefähig. Bei allem Mitgefühl, das er für sie empfand: Es war einfach besser so. Er liebte eine andere. Das war Fakt. Und dass man seine Gefühle nicht unbedingt abstellen konnte, dürfte Misaki in diesem Moment wohl selbst nur allzu gut spüren.

    Sie verneinte das Angebot. „Danke, aber ich geh alleine nach Hause!“. Sie stand auf. „Soll ich dich dann nach Hause bringen?“, fragte er weiter. In so einem Zustand wollte er sie eigentlich nicht einfach so alleine gehen lassen, aber auch dieses Angebot verneinte sie. „Bist du sicher?“, fragte er noch einmal nach. Misaki blieb dabei, dass sie alleine gehen wollte. Sie presste ein gequältes „Bis morgen“ raus und ließ ihn dann alleine im Park stehen. Er sah ihr noch nach, machte sich dann aber selber auf den Weg nach Hause, als sie außer Sichtweite war.

    Am nächsten Morgen war Enrico pünktlich wie immer auf Arbeit. Wie jeden Morgen saß er mit Hattori bei sich im Büro, trank Kaffee und rauchte. Er überlegte, ob er Hattori vielleicht von dem Vorfall gestern Abend erzählen sollte, entschied sich aber dazu, es erst mal nicht zu erzählen. Er konnte nicht abschätzen, wie Misaki dieses Mal auf ihn reagieren würde. Ob sie ihn ignorieren würde oder ob sie fröhlich strahlend wie immer zur Arbeit kommen und so tun würde, als wäre nie etwas gewesen.

    Misaki war heute nicht pünktlich im Büro erschienen. Während Hattori sich fragte, was los war, konnte Enrico sich denken, warum sie nicht da war. Gut möglich, dass sie verschlafen hatte oder sich krank gemeldet hatte. Er wählte kurz die Nummer der Kollegin, die für die Krankmeldungen zuständig war, erfuhr aber, dass Misaki sich heute noch nicht gemeldet hätte und sich demnach auch nicht krank gemeldet haben konnte. „Willst du sie mal anrufen?“, fragte Enrico. Sein japanischer Freund stimmte sofort zu. Das war wohl auch gut so, wenn Enrico nicht selbst anrufen musste. Hattori wählte die Nummer ihres Festnetzanschlusses. Er ließ es mehrmals klingeln, da er davon ausging, dass sie noch im Bett lag und schlief. Nach dem 8. Klingeln meldete sich die wohl bekannte Stimme. „Hallo! Ihr habt leider nur meinen Anrufbeantworter erwischt. Ihr könnt mir aber eine Nachricht nach dem Signalton hinterlassen. Ich ruf euch dann zurück!“.

    „Nur der Anrufbeantworter!“, erklärte Hattori, als er das Gespräch weg drückte. „Ich probier’s mal aufm Handy!“. Er wählte sogleich Misaki’s Handynummer, die er, genau wie ihre Festnetznummer, im Kopf gespeichert hatte und ließ es auch hier mehrere Male klingeln. Aber auch hier war die Mailbox die Einzige, die das Gespräch entgegen nahm. „Das ist ja merkwürdig! Das ist doch sonst nicht ihre Art!“, wunderte Hattori rum und starrte auf das Telefon. Er probierte es noch einmal auf ihrem Festnetzanschluss, aber auch dieses Mal meldete sich nur der Anrufbeantworter. Hattori hinterließ eine Nachricht auf dem Band und bat sie, ihn anzurufen, sobald sie das abhörte. Möglicherweise schlief sie so fest, dass sie das Telefon und das Handy gar nicht hörte. Wobei das irgendwie auch unglaubwürdig war.

    „Sollen wir mal hin fahren?“, fragte Hattori weiter. So langsam machte er sich ernsthaft Sorgen. Enrico ging es da nicht anders. Zumal er etwas wusste, das Hattori nicht wusste. Die beiden meldeten sich kurz bei einer Kollegin ab und machten sich dann auf den direkten Weg zu Misakis Wohnung.

    Hattori klingelte mehrmals, aber auch darauf reagierte sie nicht. „Man, so langsam mach ich mir echt Sorgen!“. Er lehnte sich gegen die Haustür und schaute mit finsterer Miene zum Boden. „Das ist doch überhaupt nicht ihre Art, morgens nicht zur Arbeit zu erscheinen und sich auch nicht zu melden!“. Hattori war sichtlich nervös. Er war ständig in Bewegung, selbst wenn er nur mit den Füßen auf dem Boden rum trampelte. „Ich ruf noch mal im Amt an. Vielleicht ist sie ja in der Zwischenzeit doch schon dort angekommen und wir haben sie nur verpasst!“, schlug Enrico vor. Zeitgleich zog er sein Handy aus der Tasche und wählte die Nummer der Kollegin, der bei sie sich vorhin abgemeldet hatten. „Nein, tut mir leid. Shiratori ist bisher noch nicht im Büro erschienen!“, verkündete die Frauenstimme am anderen Ende der Leitung. Enrico bedankte sich für die Auskunft, bat seine Kollegin darum, ihn oder Hattori unbedingt, sofort und ohne Verzögerung anzurufen, sofern Misaki auftauchen würde und legte dann auf. „Und was machen wir jetzt?“, fragte er weiter. „Ich ruf jetzt den Schlüsseldienst! Die sollen die Tür auf knacken!“. Noch eher Hattori seinen Satz beendet hatte, wählte er auch schon die Nummer der Auskunft und ließ sich mit einem Schlüsseldienst in Minato verbinden. „Ist das nicht ein bisschen übertrieben?“, fragte Enrico, als Hattori das Telefonat beendet hatte. „Nein, ist es nicht! Was ist, wenn ihr da drinnen irgendwas passiert ist? Vielleicht liegt sie da bewusstlos und keiner hilft ihr! Ich will auf Nummer sicher gehen!“.

    Es dauerte knapp 20 Minuten, eher der Schlüsseldienst endlich da war. Hattori erklärte kurz die Situation, um den Schlüsseldienst davon zu überzeugen, dass es einen wichtigen Grund gab, diese Tür zu Misaki’s Wohnung zu öffnen. Die beiden Männer, die gekommen waren, machten sich ans Werk und hatten die Tür innerhalb kürzester Zeit geöffnet, ohne sie zu beschädigen.

    Hattori stürmte sofort in die Wohnung und rief nach Misaki. Keine Antwort. Er klopfte an alle Türen, bevor er sie öffnete und den Raum betrat. Nichts. Er schaute in der ganzen Wohnung nach. Keine Spur von ihr. Er ging zurück ins Wohnzimmer und schaute Enrico und die beiden Männer ängstlich an. So langsam fühlte er sich immer mehr darin bestätigt, dass irgendetwas passiert sein musste. Er wählte noch einmal ihre Handynummer. Er hörte in der Wohnung kein Klingeln, was bedeuten musste, dass sie es bei sich hatte. Da er aber ein Freizeichen hatte und nicht sofort die Mailbox ansprang, wusste er, dass es zumindest eingeschaltet war.

    Er erreichte wieder nur die Mailbox und hinterließ auch dort eine Nachricht. Dann ging er zu ihrem Haustelefon und sah, dass der Anrufbeantworter blinkte. Die in rot geschriebene digitale 1 auf dem Display des Anrufbeantworters verriet, dass es eine neue Nachricht gab. Er drückte auf den Knopf und hörte die Nachricht ab.

    “Hallo Misaki, ich bin’s! Wo bist du denn? Hast du verschlafen? Wir machen uns so langsam sorgen. Ruf mich an, wenn du das hier hörst! Bis später!“

    Hattori hörte die Nachricht ab, die er selbst ihr auf dem AB hinterlassen hatte. Die Nachricht war von 09:02 Uhr. Das konnte demnach nur bedeuten, dass Misaki entweder vor 09:02 Uhr das Haus verlassen hatte... oder aber, dass sie gar nicht erst nach Hause gekommen war.

    [FONT=&quot]- Ende Kapitel 15 -[/FONT]

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    [/SIZE]Ich werde es niemals vergessen

    Den blauen Himmel und dich

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  • Oha. Schon als Misaki keine Begleitung wollte, hab ich mir gedacht, dass das nicht gut kommt. Hoffentlich hat sie sich nichts angetan!

    Wobei ich ja sagen muss, etwas naiv ist das Mädel schon... Ein nein heisst nunmal nein, erst recht, wenn sie 4 Jahre später ihren Schwarm mit jemand anderem sieht. Braucht sie dafür echt ne Bestätigung? Also ich weiss ja nicht, ich hätte mir das definitiv nicht angetan. Naja, mal schauen, wie sehr es Misaki aus der Bahn geworfen hat.

    Liebe Grüsse
    raya

  • Nja, naiv würde ich nicht sagen. Eher masochistisch. ;-)


    Aber naja, wenn ich mal so daran denke, wie ich wohl reagieren würde: Wenn ich in jemanden verliebt wäre, den ich nicht haben kann und ihn dann mit einer anderen sehe, wäre ich natürlich am Boden zerstört. Aber ich würde irgendwann wahrscheinlich auf solche Gedankengänge wie "Naja, vielleicht ist es ja auch nur eine Affäre und nichts ernstes?!" kommen. Ich würde es mir quasi so hindrehen, wie ich es gerne hätte - wohlwissend, dass es eigentlich Schwachsinn ist. Aber ich würde mich wohl trotzdem an meine letzte Hoffnung klammern und eben das Gespräch suchen. Vielleicht sind meine Hoffnungen ja doch begründet? Weiß man's? Wenn man in jemanden verliebt ist, tut man sich wohl manchmal ganz schön krasse Dinge an und glaubt bis zum bitteren Ende, dass man mit dieser Person vielleicht doch noch glücklich werden kann. Obwohl man eigentlich weiß, dass man die HOffnung begraben kann.


    Ja, ich glaube, sowas wäre bei mir durchaus möglich, wenn ich Single wäre. ^^


    Das nächste Kapitel kommt übrigens wahrscheinlich morgen. Hatte heute keine Zeit. Zudem wurde heute meine Ratte eingeschläfert. Hätte also auch nicht die Nerven dazu gehabt. :(


    Aber morgen setz ich mich wieder dran. Ist in solchen Momenten auch ne gute Ablenkung.


    LG,
    Shii

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    Den blauen Himmel und dich

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  • Ohje, das mit deiner Ratte tut mir leid.



    Naja, ich muss sagen, ich wäre absolut nicht so. (Aber da ich eh etwas komisch drauf bin, sollte ich nicht davon ausgehen, dass andere wie ich sind. ^^) Ich bin eher so der Typ, der sich kaum Hoffnungen macht. Wobei ich wäre wohl auch ziemlich niedergeschlagen, aber deswegen einfach so "abhauen"? Hm, ne. Das dann doch nicht. UND ich hätte nicht nachgefragt. Definitiv nicht, sowas wär mir dann zu... hm... peinlich. ^^


    Liebe Grüsse
    raya

  • Danke. :( Das mit meiner Ratte ist in nem riesigen Drama geendet und mir gehts echt beschissen im Moment. Aber gut, das ist ein anderes Thema und gehört nicht in diesen Thread. :(


    Well, ich muss natürlich auch dazu sagen, dass ich Misaki absichtlich so reagieren lassen habe. Immerhin brauche ich ja ne Story, wie's weiter gehen kann. ;) Und ich wollte auch gerne noch die Beziehung zwischen Misaki und Enrico etwas mehr beschreiben. Quasi diese einseitige Liebe, die da zwischen den beiden herrscht. Und Hattori hängt da so gesehen ja auch mit drin. Der ist ja nicht gerade begeistert davon, dass seine große Liebe seinen besten Freund liebt - verständlicherweise. Ich wollte eben auch unbedingt eine etwas größere Story zwischen den 3en auf die Beine stellen. Ich mag die 3 unheimlich gerne.


    Ich setz mich jetzt auch dran und schreib das nächste Kapitel. Gestern gings wirklich nicht. Ich konnte mich kein bisschen darauf konzentrieren. Da wäre nur der letzte Mist bei raus gekommen. Aber im Moment glaube ich, dass es ne ganz gute Ablenkung ist, wenn ich weiter schreibe. Und ich denke auch, dass es heute besser klappen wird.


    Naja, ich werds ja sehen, wie eventuelle Reaktionen auf das nächste Kapitel ausfallen werden. *lächel*


    LG,
    Shii

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