• Hallo ihr Lieben,


    mh, nun hat es mich wohl doch wieder schneller gepackt mit dem FS-Basteln, schneller jedenfalls als ich dachte ;)


    Meine neue Story trägt den Namen "Caged". Ich habe sie schon vor 2 Jahren zu schreiben angefangen, aber sie ist noch lange nicht fertig geschrieben. Das heißt, dass es auch durchaus einmal zu längeren Abständen zwischen den FS kommen könnte.


    Um was es geht, werdet ihr ja noch genauer herausfinden ;) darum sag ich dazu mal nichts.


    Ich habe aber einen kleinen Trailer dazu erstellt, und dieser erklärt auch den FS-Titel, der sich an dem Lied von Within Temptation orientiert. Leider deaktiviert YouTube die Musik, aber hier ist schon einmal der Text zum Lied:


    These are the darkest clouds
    To have surrounded me
    Now I find my self alone caught in a cage
    There's no flower to be found in here
    Not withering
    Or pale to me
    Everyone with a friendly face
    Seems to hide some secret inside


    He told me he loved me
    While he laughed in my face
    He just led me astray
    He took my virtue
    I feel so cold inside
    Sorrow has frozen my mind


    My heart is covered
    With thoughts entangled
    How could it ever have felt so real
    Is there a place more lonely than I feel within
    Could I have seen
    Could I have known
    I just took it as the truth
    Everyone with a friendly face
    Seems to hide some secret inside
    Always there to remind me
    To keep me from believing
    That someone might be there
    Who'll free me and never ever leave me



    Ansonsten mag ich gar nicht viel drum herum reden und hoffe, dass einige von euch mitlesen und Kommis schreiben werden :)





    CAGED




    Prolog

    Grauer Regen. Schwere Tropfen, hämmernd, pochend an der Scheibe.
    Die Welt um sie herum leer. Trostlos. All seines Sinnes beraubt.
    Jeder Wimpernschlag schmerzlich. Jede Bewegung grausam.






    Warum nicht wieder zurückfallen in den Schlaf, zurück in liebevolle Erinnerungen, die sie warm umhüllen wie eine Decke aus weicher Wolle an einem kalten Herbsttag wie diesem.
    Warum nicht zurückdenken, sich zurückfühlen in eine Zeit, in der in ihrem Herzen noch Licht und Glück herrschte?
    Tränen, so bitter und voller Qual. Brennend rinnen sie an ihren Wangen herab, hinterlassen rotflammende Spuren auf ihren bleichen Wangen.

    Sie sieht auf, als der Sturm scheppernd an den Fenstern rüttelt. Sehnsucht danach, sich von ihm hinwegreißen zu lassen, in eine Welt, die weniger hart und bitter, weniger grausam und ungerecht ist.






    Sie steht auf, wankt zum Fenster und legt die Stirn an die kühle Scheibe.
    Es hat keinen Sinn mehr. Ihr Leben ist verlebt.
    Der Donner eines Blitzschlags durchreißt die trübe Luft.
    Ein qualvoller Schrei entrinnt ihrem Mund. „Warum? Warum hast du mir das angetan?“






  • 1.


    Müdigkeit. Tag und Nacht nur Müdigkeit.
    Schlaf ist die beste Medizin, hatte ihre Mutter immer zu sagen gepflegt. Doch Schlaf konnte keine Herzen heilen.

    Aber er verschaffte einige Stunden Ablenkung von dem Schmerz, der in ihr loderte.
    Im Schlaf konnte sie sich flüchten in ihre Träume, die so völlig anders waren als die Realität. Im Schlaf segnete sie eine dankbare Verdrängung und die Wirklichkeit schien ferner als alles andere.



    In ihren Träumen war sie nicht alleine. Dieses Bett war nicht kalt und leer, mit nichts darin als ihrem unscheinbaren Körper.
    Nein, in ihren Träumen umfingen sie Arme, küssten sie sanfte, weiche Lippen. In ihren Träumen war ihr Leben warm und sonnig – und die dunklen Wolken noch weit fort am Horizont.
    Und wenn es nach ihr gegangen wäre, dann wäre sie nie aufgewacht, um festzustellen, dass diese Wolken ihr Lebensfirmanent bereits so unendlich verdunkelt hatten.
    Erneut schloss sie darum die Augen, versucht, die warmen, glückerfüllten Bilder wieder vor ihrem inneren Auge aufsteigen zu lassen.
    Fast wäre es ihr gelungen, hätte in diesem Moment nicht das schrille Klingeln des Telefons alle ihre Versuche zunichte gemacht.
    Empört riss sie die Augen auf und überlegte einen kleinen Moment, ob sie dem aufdringlichen Geräusch neben sich trotzen oder folgen sollte.
    Es vergingen mehrere Sekunden, bis sie sich schweren Herzens entschied, aufzustehen und barfuss nach unten zu tapsen, wo sie brummelnd den Hörer abnahm.



    „Eileen, Schätzchen. Ich dachte schon, ich muss eine Vermisstenmeldung aufgeben“, schlug ihr eine fröhliche Stimme entgegen.
    Es war Marlene, wer konnte es auch sonst sein. Wer kümmerte sich schon um sie, wem war sie noch wichtig?
    “Hallo Marlene“, sagte Eileen leise. „Was gibt`s?“

    „Was es gibt? Seit Tagen meldest du dich nicht. Das einzige, was man von dir hört oder sieht, ist deine Krankmeldung, die seit zwei Wochen regelmäßig durch meine Hände geht. Wieso rufst du nicht an?“
    „Es tut mir leid, Marlene. Aber danach stand mir wirklich nicht der Kopf.“
    Eileen seufzte.
    „Ich habe versucht, Marcel zu erreichen. Doch er ist nicht an sein Handy gegangen“, plapperte Marlene weiter und kicherte dann: „Ich dachte schon, ihr zwei wärt endgültig auf eure einsame Insel ausgerückt. Aber nun wo ich dich dran habe, klingst du wirklich ziemlich krank. Ich hab mir echt Gedanken um dich gemacht. Sag nur, dich hat auch diese fiese Grippe erwischt?“



    Eileen antwortete nicht, was sich auch als unnötig erwies, denn Marlene hielt das Gespräch problemlos aufrecht: „Dann hoffe ich nur, dass du deinen geliebten Göttergatten nicht auch noch ansteckst, denn kranke Männer sind wirklich un-er-träglich!“
    Wie immer, wenn Marlene einer bestimmten Sache ein ganz besonderes Gewicht verleihen wollte, betonte sie jede Silbe einzeln.
    „Stell dir nur vor, Dirk hat sich letzte Woche mit dem Hammer am Finger verletzt. Nichts schlimmes, keine Bange, nur eine winzige Quetschung, aber du hättest mal erleben sollen, wie er danach gejammert hat. Man hätte tatsächlich fast meinen können, der ganze Finger müsse amputiert werden.“ Sie lachte leise. „Aber das kennst du ja.“
    Als Eileen immer noch schwieg, wurde Marlene stutzig. „Sag mal, bist du überhaupt noch da?“
    „Ja.“




    „Hast es dir die Sprache verschlagen?“
    „Weiß nicht.“
    „Mensch, Eileen, nun lass dir doch nicht jedes Wort aus der Nase ziehen.“ Marlene wurde langsam nervös. Dass Eileen kein Plappermaul wie sie selbst war, das wusste sie, aber so schweigsam hatte sie die junge Frau bisher selten erlebt. „Was ist los, Eileen? Ist was geschehen? Du hast doch nur die Grippe, oder?“
    Eileen lachte bitter auf. „Ich weiß nicht, ob man das so nennen kann.“

    “Kann ich etwas für dich tun?“ fragte Marlene sanft. „Dir einen Saft bringen oder etwas einkaufen? Aber bestimmt bist du bestens von Marcel versorgt, nicht wahr?“
    Eileen schluckte. „Nein“, erwiderte sie dann. „Nein, du kannst nichts für mich tun. Es geht schon, Marlene, wirklich.

    Marlene atmete erleichtert auf. „Da bin ich aber froh, Süße. Ich dachte schon, es wäre was Schlimmeres. Wann denkst du, dass du wieder fit bist? Ich versinke hier ohne dich in Arbeit, was nicht heißen soll, dass du dich nicht auskurieren sollst. Nur ist es ohne dich richtig langweilig hier.“
    „Ich weiß nicht, wann ich wiederkomme“, sagte Eileen und verbiss sich zu sagen. „Ich weiß nicht, ob ich jemals wiederkomme...“




    Marlene war einen Moment verdutzt und sagte dann schnell: „Du hast recht, kurier dich erst mal ordentlich aus. Mit solchen Grippewellen ist nicht zu spaßen. Und anstecken brauchst du mich auch nicht, bleib ruhig schön zu Hause und behalt deine Viren für dich, ich will nämlich am Wochenende mit Dirk weg fahren. Ach, noch was Eileen – bevor ich es vergesse – Dirk erreicht Marcel nicht auf dem Handy und er würde sich gerne seine Kletterausrüstung borgen. Meinst du, das geht?“
    Eileen schwieg einen Moment, dann sagte sie: „Ich denke nicht, dass ich dir darauf antworten kann, Marlene.“
    Marlene schien verwirrt. „Aber warum nicht? Denkst du, er möchte es nicht?“



    “Das weiß ich nicht, Marlene. Es ist nur leider so, dass ich ihn wohl kaum fragen kann.“
    “Und wieso nicht?“ Marlene wurde langsam ungeduldig. Eileen war heute aber auch wirklich seltsam.

    „Ganz einfach“, sagte Eileen mit zitternder Stimme. „Weil Marcel mich vor zwei Wochen verlassen hat. Ich weiß nicht, wo er ist und was er tut. Er ist einfach – fort...“



    Und bevor Marlene noch etwas erwidern konnte, hatte Eileen den Hörer aufgelegt.





    Fortsetzung folgt.

  • Hi, also ich werd mal als erster meinen Senf dazu geben ;-)
    Also, die Bilder sind wirklich schön geworden. Besonders die Art, wie du Eileens Gesicht verdeckst. Und auch der kontrast zwischen dem bunten, aufgedrehten Leben von Marlene im Büro und dem tristen, deprimierten Zimmer von Eileen hast du sehr gut in Szene gesetzt.


    Über die Handlung kann ich nicht viel sagen, ist ja erst ein kleiner Teil gewesen. Aber für mich wirkt sie so "schon tausendmal gehört", aber vielleicht ändert sich das ja noch.
    Aber dein Schreibstil ist wirklich sehr gut. Er lässt sich einwandfrei lesen und ermutigt zum Dranbleiben.


    Ich bleib am Ball! ;)


    Gruß, Raphiarts

  • Oh, oh! Eine meiner Lieblingsautorinnen hat wieder zugelangt! :D


    Das freut mich sehr, ich lese Deine Geschichten immer so gerne. Und diese hier fängt schon mal sehr vielversprechend an.
    Ich hatte erst schon Angst, bei der dunkelhaarigen Frau handele es sich um Tessa *ErleichtertesAufatmen*.
    Nun bin ich schon sehr gespannt, wie es weitergeht, und werde hier auf jeden Fall weiter mitlesen.


    LG!

  • Dann lass ich auch mal einen ersten Kommi da,schön ,dass es wieder eine neue FS im Forum gibt.
    Der Anfang gefällt mir sehr gut vom Schreibstil her,fast lyrisch.Die ersten Bilder sind sehr eigenwillig,so dunkel und aufs Nötigste reduziert,haben sie einen ganz eigenen Charme.
    Marlene scheint mir eine sehr oberflächliche Person zu sein,die Eileen bestimmt nicht gut trösten könnte.
    Aber Eileen scheint mir extrem getroffen durch das Verschwinden von Marcel.Manch einer würde sich erst recht in die Arbeit stürzen zur Ablenkung.Bin gespannt,was wir über die Vorgeschichte von Eileen und Marcel hören werden.

  • Wow, du haust mich um!
    Die klassische Depression, dein Text ist so bildlich und beklemmend daß mir das Herz schwer wird beim Lesen.
    Ob Marlene wirklich so oberflächlich ist und nicht gut trösten kann glaub ich gar nicht, der Kontrast ist nur so extrem. Marlene wusste ja auch nicht was wir als Leser schon wussten.


    Ich freu mich jedenfalls sehr auf mehr. Und selbst wenn es eine schon 1000x erzählte Teenagelovestory wird, wird es großartig, denn deine Schreibe rührt wo ganz anders.

  • So, dann möchte ich mal die KOmmis beantworten.



    Raphiarts : Danke für Dein Lob. Das mit den Bildern sollte auch extra so sein, ja. Ob die Geschichte "tausendmal schon gehört" ist, musst Du selbst entscheiden... die grundlegenden Themen um Liebe, Hass, Verrat, Schmerz, Sehnsucht sind sicher Dauerbrenner ;)



    Julsfels : Schön, dass Du auch mitliest! :) Nein, nein, keine Bange, die Geschichte um Jess und Tessa ist wirklich abgeschlossen, die beiden haben lange genug auf ihr Happy End gewartet! Danke auch für Deinen Kommi!



    @Shoshana: Ich glaube, dass Marlene deswegen so obergflächlich erscheint, weil es gerade diesen Kontrast gibt. Sie geht ja davon aus, Eileen sei wegen einer normalen Erkältung zu Haus. Aber über Marlene erfährt man im nächsten Kapitel durchaus mehr.
    Vielen Dank auch für Deinen Kommi.



    @BloodontheIce: Danke für Dein Lob, das mich sehr ehrt. Du hast recht, es IST die klassische Depression, das wollte ich auch rüberbringen und was Deine Meinung zum Kontrast zwischen beiden angeht, kann ich Dir auch nur zustimmen! Eine Teenagerlovestory wird es aber ganz gewiss nicht ;) keine Bange. Ich freu mich, dass Du mitliest.




    Da ich im Moment gerade so schön im Schreibfluss bin, geht es heute mit dem nächsten Kapitel schon weiter. Allerdings muss ich vorher etwas loswerden. ich habe diese Geschichte bereits vor 2 Jahren zu schreiben angefangen, dieses Kapitel ist also schon 2 Jahre alt. Ich schreibe das deshalb, weil die Leser/innen, die mich etwas besser kennen, sonst gewisse Parallelen zwischen meinem eigenen Leben und dem von Eileen erkennen zu glauben könnten - aber das ist nicht so.
    DAss es diese PArallele nun tatsächlich in gewisser Weise gibt, ist ziemlich strange, das stimmt - aber zu jener Zeit, als ich das schrieb, war sie noch nicht da - es ist also nicht im geringsten meine eigene Geschichte ;)

  • 2.


    Marlene schlug die Autotür mit Wucht zu und ging entschlossenen Schrittes auf die dunkelrote Haustür zu.



    Der Kies knirschte unter den hohen Absätzen ihrer Stiefel und einige Regentropfen verfingen sich in ihrem Haar, doch sie beachtete sie nicht und drückte entschlossen ihren lackierten Fingernagel auf den bronzenen Klingelknopf, woraufhin ein deutliches „Ring!“ aus dem Hausinneren zu hören war.
    Marlene war nicht überrascht, dass sich im Haus nichts regte. Doch ein Blick zur Garagenvorfahrt verriet, dass jemand zu Hause war, außerdem fiel Licht aus einem der Zimmer in das matschige Blumenbeet des Vorgartens.
    Darum drückte Marlene erneut mehrmals auf die Klingel. Nach etwa fünf Minuten wurde ihre Ausdauer bezahlt.



    Inzwischen war das „Ring!“ zu einem unerträglichen Dauerton übergegangen, denn Marlene hatte den Finger nicht mehr vom Klingelknopf genommen.
    Zaghaft öffnete sich die Tür und eine junge Frau mit zerzaustem Haar, mit nichts als einem Pyjama bekleidet, blickte Marlene ins Gesicht.
    „Mein Gott, Eileen, du siehst ja furchtbar aus!“ rief Marlene erschrocken und machte einen großen Schritt in den Hausflur, um der Kälte und dem Regen endlich zu entkommen.



    Der Anblick ihrer Freundin schockierte sie mehr, als sie zugeben wollte. Jedwede Lebensfreude schien aus dem sonst so fröhlichen Gesicht Eileens entwichen zu sein.
    Ihre sonst so bezaubernden blauen Augen wirkten nicht nur farblos, sondern waren durch das viele Weinen angeschwollen und stark gerötet.
    Eileens braunes Haar hing ihr ungepflegt und zerzaust ins Gesicht und fiel glanzlos auf ihre Schultern. Unter den Augen hatten sich tiefe Schatten gebildet und ihre Wangen wirkten eingefallen. Ihre Lippen waren trocken, spröde und aufgerissen.



    Marlene erkannte sofort, dass Eileen in den letzten Tagen mehrere Kilo abgenommen haben musste. Die auch sonst recht schlanke Frau schien nur noch ein Schatten ihrer selbst zu sein.
    „Hallo Marlene“, sagte Eileen mit dünner Stimme. „Was gibt`s`?“
    Als ob sie einen Standardspruch abspulen würde, fuhr es Marlene durch den Kopf, denn am Telefon hatte Eileen genau dasselbe gesprochen.
    „Das fragst du noch“, erwiderte Marlene und schalt sich direkt für die Barschheit in ihrer Stimme, die Eileen zusammenzucken lassen hatte.



    Mit sanfterem Ton sprach sie weiter. „Mensch, Eileen, wieso hast du mich denn nur nicht angerufen? Ich wäre doch sofort gekommen.“
    Eileen zuckte mit den Schultern und schlurfte zurück ins Wohnzimmer. Marlene folgte ihr und runzelte die Stirn ob des Anblicks, der ihr sich bot.



    Das sonst so saubere und gemütliche Wohnzimmer glich heute einem Schlachtfeld – überall lagen Chipstüten verteilt, Coladosen standen auf Boden und Schränken, schmutziges Geschirr bedeckte fast jedwede Ablagefläche, es türmten sich Berge schmutziger Wäsche in kleinen Körben und überall auf dem Boden lagen ganze Haufen an Sammelsurien von allen erdenklichen Gegenständen verteilt, Bücher, Fotos … es sah aus, als habe eine Bombe eingeschlagen.
    Doch Marlene verkniff sich jeden Kommentar und legte Eileen, die hilflos vor der Couch stehen geblieben war, sanft die Hand auf die Schulter.
    „Hör zu, Süße. Wie wäre es, wenn du erst einmal unter die Dusche springst und dich ein wenig frisch machst und ich koch uns einen schönen Tee und mach uns etwas zu essen. Du hast sicher seit Tagen nichts Vernünftiges gegessen, hab ich recht?“



    Eileen dachte nach und versuchte sich zu erinnern, wann sie das letzte Mal etwas zu sich genommen hatte, doch sie fand es nicht heraus. Einzig ihr schmerzender und knurrender Magen zeigte ihr, dass es schon zu lange her sein musste.
    Eigentlich wollte sie alleine sein, doch wenn sie ehrlich war, so musste sie zugeben, dass Marlenes Anwesenheit ihr gut zu tun schien, darum nickte sie stumm und sah Marlene nach, die schnellen Schrittes in die Küche ging, um Teewasser aufzusetzen. Dort bot sich ihr kein anderer Anblick als im Wohnzimmer – dreckiges Geschirr, Essenreste und Müll, so weit das Auge reichte. Um einen Teller mit verschimmelten alten Brotresten summten die letzten überlebenden Mücken des Sommers.




  • Langsam ging Eileen derweil nach oben ins Badezimmer und begann sich aus dem ihrem Schlafanzug zu schälen. Irgendwie bildete sie sich ein, er rieche noch nach Marcel, denn in ihrer letzten gemeinsamen Nacht hatte sie diesen Schlafanzug getragen. Sie hatte sich an Marcels Haut gekuschelt und war friedlich eingeschlafen. Wie sehr ihre Welt zu diesem Zeitpunkt doch noch in Ordnung gewesen war… ihr stiegen die Tränen erneut auf, bevor die Kleidung schließlich mit einem dumpfen, kaum wahrnehmbaren Schlag auf den Fliesenboden rutschte.



    Unter der Dusche vermischten sich die salzigen Tränen mit dem heißen Wasser, das sie sich minutenlang über Gesicht und Körper streifen ließ. Ihre Hände fuhren sachte über ihre Haut und ertasteten Zentimeter für Zentimeter ihres Körpers, als wäre er Neuland für sie.
    Marcel hatte ihren Körper geliebt, stundenlang hatte er sie oft nur gestreichelt oder bewundernd angesehen. An manchen Tagen war sie zu ihm unter die Dusche geschlüpft, sie hatten ihre Körper aneinandergepresst und das sanfte Plätschern des Wassers zu zweit genossen.
    Eileen öffnete die Augen und fühlte sich in der großen, runden Dusche mit einemmal unendlich einsam – so wie sie sich in den vergangenen Tagen jede Sekunde in diesem Haus gefühlt hatte.



    Aus der Küche hörte man das Klappern von Töpfen und das warme Gefühl, in diesem Moment nicht gänzlich alleine zu sein, erfüllte Eileens trauriges Herz.
    Sie schäumte sich kräftig ein und stellte die Dusche ab. In ein flauschiges Handtuch gehüllt verließ sie die Duschkabine und stellte fest, dass sie sich tatsächlich einen Tick besser fühlte als vor einigen Minuten.
    Sie widerstand der Versuchung, erneut in den geliebten Schlafanzug zu schlüpfen. Nachdem sie sich die Haare getrocknet hatte, huschte sie ins Schlafzimmer und hüllte sich zum ersten Mal seit Tagen wieder in einigermaßen normale Kleidung.
    In einen lockeren Jogginganzug gekleidet und deutlich frischer betrat sie kurz darauf das Wohnzimmer und staunte, denn Marlene hatte in Windeseile die gröbste Unordnung der letzten Tage entfernt, die stinkenden Essenreste waren verschwunden, die Getränkedosen waren alle in den Müll gewandert. Den Haufen aus Erinnerungen an bessere Zeiten hatte sie ein wenig zusammengeschoben, aber ansonsten unberührt gelassen.



    Aus der Küche drang der angenehme Duft von gebratenem Fleisch.
    Marlene stand am Herd und kochte Spaghetti. Als Eileen eintrat, sah sie kurz auf und rief: „Halleluja, nun erkenne ich dich zumindest ansatzweise wieder. Fühlst du dich etwas besser?“
    Eileen nickte zaghaft. „Ein wenig vielleicht schon“, erwiderte sie und ließ sich erschöpft auf den Küchenstuhl fallen. Sie fühlte sich wie nach einem 1000-Meter-Lauf, obwohl sie nur geduscht und sich angezogen hatte.
    „Das hab ich mir gedacht.“
    Marlene nahm die Schüssel mit Nudeln und brachte sie zum Esstisch. Eileen folgte ihr und nahm auf einem der weichen Stühle platz. Marlene hatte derweil zwei Teller aus dem Schrank geholt, schaufelte Spaghetti darauf und setzte sich dann Eileen gegenüber.



    „Das wird nun aber aufgegessen, klar. Sonst fällst du mir noch völlig vom Fleisch“, sagte sie streng. Eileen lächelte schwach. „Keine Angst, so schnell wird das nicht passieren“, erwiderte sie, begann aber brav zu essen.
    Erst jetzt merkte sie, wie hungrig sie gewesen war.
    Sie fragte sich, wo in aller Welt Marlene die Zutaten für das Essen herbekommen hatte. Ihr Kühlschrank war seit Tagen verwaist.
    Als habe sie ihre Gedanken erraten, sagte Marlene in diesem Moment: „Ich war noch einkaufen, bevor ich hergekommen bin, denn ich dachte mir, dass du nichts im Kühlschrank hast.“ Sie wies mit der Hand zum Küchenschrank. „Da oben habe ich dir Brot und Müsli reingetan, im Kühlschrank ist Milch, ein wenig Wurst und Käse und Eier, damit du erst mal versorgt bist.“
    Eileen schluckte und sagte gerührt: „Das ist echt lieb von dir, Marlene.“
    Marlene winkte ab. „Ach was, das ist ja wohl selbstverständlich.“



    Schweigend aßen sie weiter. Irgendwann sah Marlene auf und sagte. „Willst du mir erzählen, was geschehen ist?“
    Eileen atmete tief durch und legte das Besteck zur Seite. Sie sah unendlich hilflos und verloren aus, wie sie da so zusammengesunken auf ihrem Stuhl saß. Marlene musste schlucken und merkte, dass ihr die Tränen in die Augen stiegen, als sie ihre Freundin so sah. Was hatte Marcel nur getan?
    „Sollen wir uns vielleicht auf die Couch setzen?“, versuchte sie die Stille zu überbrücken. Eileen nickte stumm.
    Eine Weile saßen sie schweigend nebeneinander auf der Couch, dann begann Eileen stockend zu sprechen.
    „Es gibt eigentlich nicht viel zu erzählen. Marcel hat mich verlassen.“



    „Ja, aber – warum denn nur?“ Marlene schüttelte ratlos den Kopf. „Ihr beiden ward immer wie Pech und Schwefel, das perfekte Paar. Wie kann es denn sein, dass er einfach so geht? Hat er denn keine Begründung genannt?“
    Eileen sah auf und ihre Miene war mit einemmal verbittert. „Oh doch, das hat er“, erwiderte sie mit zusammengebissenen Zähnen. „Er hat eine andere.“

    Marlene starrte sie ungläubig an. „Er hat was?“ rief sie aus. „Nein, das kann doch nicht sein!“



    Traurig erwiderte Eileen: „Doch, es ist leider so, Lene. Es war am Sonntag vor einer Woche, als ich es herausgefunden habe. Es war eigentlich ein Zufall – ich wollte meine Mutter anrufen und habe statt meinem sein Handy erwischt - und seine SMS gelesen.“ Wie entschuldigend fügte sie hinzu: „Ich dachte wirklich, es wäre mein Handy – wir hatten ähnliche Modelle und ich war in Gedanken, habe einfach daneben gegriffen. Warum er sein Handy so herumliegen lassen hat, wo er doch wusste, dass...“, sie schluckte „, dass IHRE Nachrichten darauf sind, weiß ich nicht. Jedenfalls habe ich diese SMS gelesen – sie war eindeutig, eindeutiger ging es nicht mehr.“




    Marlene sah sie immer noch entsetzt an. „Und dann? Hast du ihn zur Rede gestellt?“
    Eileen seufzte. „Ich wusste nicht, was ich tun sollte. Ich war völlig außer mir, ich wollte es nicht glaube – Marcel ... mich betrügen! Es war völlig undenkbar, dass das passieren konnte. Ich dachte, es müsse ein Missverständnis sein. Eine fehlgeleitete Nachricht – eine Verehrerin, von der er mir nicht hatte erzählen wollen...“


  • Eileen sah, wie Marlene ein wenig die Stirn runzelte und sagte aufgebracht: „Du musst das verstehen, ich wollte alles glauben, nur nicht das, was wirklich der Grund war.“
    Sie atmete schwer und ihre Finger krallten sich in den samtenen Stoff ihres Oberteils. Als sie weitersprach, rollten ihr zwei Tränen die Wangen herab.
    „Ich wusste nicht, was ich tun sollte. Ich hatte solche Angst, ihn darauf anzusprechen, Lene. Doch das ist mir erspart geblieben, denn natürlich hat er gemerkt, dass ich anders war als sonst und mich gefragt – da ist alles aus mir heraus geplatzt.“
    „Was hat er gesagt?“
    „Er war wütend, dass ich sein Handy benutzt habe“, lachte Eileen bitter. „Das war erst einmal alles. Aber ich habe weiter gebohrt – und na ja – nach einer Weile hat er zugegeben, dass er seit einem halben Jahr eine Affäre hat.“




    Marlene stieß einen verblüfften Laut aus. „Nein! Seit einem halben Jahr, das ist nicht dein Ernst... das... das bedeutet ja...“
    Eileen lachte bitter auf und nickte. „Ja, Lene, völlig richtig.“
    Ihr Blick wanderte zum Boden und sie schlug die Hände vors Gesicht. „Es war nur vier Wochen nachdem ich unser Baby verloren habe...“
    Eileen schluchzte verzweifelt auf.
    Marlene schluckte und eilte zu ihrer Freundin, zog sie in die Arme und wiegte sie wie ein kleines Kind. Sie fühlte ihren Schmerz am eigenen Körper und wusste, dass kein Wort, das sie sprach, Eileen würde trösten können.



    Also hielt sie die weinende Frau nur so fest sie konnte, bis ihr Schluchzen langsam leiser wurde und sich ihr Atem wieder beruhigte...






    Fortsetzung folgt.

  • Also ich revidiere meine Meinung über Marlene vollständig,sie tut genau das Richtige, erstmal Ordnung schaffen und was Vernünftiges kochen und einfach da sein.
    Eileen sieht schrecklich aus,das hast du gut hinbekommen. Aber wie kann man sich so gehen lassen? Ein Mann,der sich eine Geliebte zulegt,kurz nachdem die Frau das gemeinsame Kind verloren hat,ist keinen Pfifferling wert und sie sollte ihr Leben wieder in die Hand nehmen und ihn einfach abschreiben.Er hat keine Träne verdient und wie typisch die Reaktion,erstmal wütend zu werden,weil sie die Handys verwechselte.Bloss keine eigene Schuld eingestehn,sondern erstmal auf die Frau los gehen.
    Aber so hungrig kann Eileen nicht sein,sie hat ja ganz schön gefuttert,den Abfällen nach zu schließen die überall rumliegen,Etwas Gescheites das hat sie sicher nicht zu sich genommen.Bin gespannt,ob Eileen aus der Krise rauskommt und ihr Leben wieder auf die Reihe bringt ?

  • Ach, ist das traurig. Erst der Verlust des Babys und dann noch der von Marcel. Kein Wunder das sie im Moment so am Boden ist. Da hat die Seele ganz schön zu knabbern.:(
    Wie schön wenn dann Freunde wie Marlene für einen da sind. Erst mal zupacken dann zuhören und zum Schluß in den Arm nehmen.
    Nun müsste man wissen wie sich Eileen nach dem Verlust des Babys verhalten hat. Die Trauer von Mann und Frau ist ja doch sehr verschieden. Männer teilen sich da meist nicht mit, behalten alles für sich, wollen stark sein. Sich eben wie "echte" Männer benehmen.
    Frauen dagegen meinen nur sie allein könnten so richtig um so ein verlorenes Ungeborene trauern weil es ja in ihrem Bauch war. Der Mann würde sie nicht verstehen. Er kann so schnell wieder zum Alltag zurückkehren, arbeiten gehen, sich mit Freunden treffen oder sogar mit einer anderen was anfangen.
    Ich persönlich höre lieber beide zu einem Thema. Deshalb bin ich noch etwas abwartend und verurteile Marcel noch nicht.




    Aber so hungrig kann Eileen nicht sein,sie hat ja ganz schön gefuttert,den Abfällen nach zu schließen die überall rumliegen,Etwas Gescheites das hat sie sicher nicht zu sich genommen.


    Aber wie kann sie nur abgenommen haben bei diesen vielen Tüten die da so rumlagen. Ich hab schon vom sehen 2 kilo mehr bekommen.:D


    Deine Bilder sehen sehr schön aus. Ich find es immer wieder klasse wenn man auch mal einen Blick durchs Fenster/Tür sieht und dann da auch was gescheites zu sehen ist. Ich bleib mal hier kleben und warte auf Nachschub.;)

  • @Shoshana: Grundlegend hast Du sicher recht. Aber so einfach ist es mit Liebe ja nicht - wer kann sie schon ein- und ausschalten? Vor allem nach vielen, vielen Jahren, wo man sich abgesehen davon auch einfach aneinander gewöhnt hat, das Leben zu zweit das einzig Denkbare ist und der Umbruch aus dem Nichts für einen kommt...


    PeeWee : Ja, stimmt - gehen wir mal davon aus, sie hat alle nur aufgerissen und dann festgestellt, dass sie keinen Hunger hat ;)
    Es stimmt, natürlich geht jeder anders mit dem Thema um. Ihr werdet in Zukunft mehr davon erfahren, wie die ganze SAche angefangen hat.

  • 3.


    „Ein frohes neues Jahr!“ posaunte Herr Kuhrmaier in den Raum.



    Marlene und Eileen standen auf und schüttelten ihrem Chef die Hand.
    „Ihnen auch, Herr Kuhrmaier“, sagte Eileen fröhlich. „Wie war es beim Skifahren? Wir haben uns schon gesorgt, dass sie mit gebrochenen Knochen zurück kämen.“
    Sie und Marlene kicherten. Auch ihr Chef lachte dröhnend mit und schüttelte dann den Kopf, während Eileen sich wieder zurück an ihren Schreibtisch begab. „Ich hab mich nicht auf diese Bretter gestellt, das war mir zu riskant“, sagte er dann zwinkernd. „Ich bin nur immer mit auf die Piste gefahren und während meine Frau und unsere Freunde ihre Runden gedreht haben, habe ich es mir in der Almhütte bei einem guten Gläschen gemütlich gemacht und viel gelesen. So einen entspannten Urlaub hatte ich schon seit Jahren nicht mehr!“



    Wieder lachten alle drei herzlich. „Sie sind schon ein Original“, meinte Marlene augenzwinkernd. „Sind sie denn dann wenigstens gut reingerutscht?“
    „Und ob! Das Feuerwerk in den Bergen ist schon etwas besonderes“, antwortete er begeistert. „Das kann ich Ihnen nur empfehlen – vielleicht können Sie und ihre Männer das nächstes Jahr mal in Betracht ziehen? Es ist wirklich herrlich und viel schöner als in der Stadt, das können Sie mir glauben.“
    Nachdem Herr Kuhrmaier noch ein wenig mit ihnen geplaudert hatte, schloss er die Tür wieder hinter sich und überließ die beiden ihrer Arbeit.
    Konzentriert machte Eileen sich an die Abrechnungen, während Marlene verträumt aus dem Fenster blickte. Nach einer Weile sah Eileen auf und lachte. „Mensch, Marlene, so toll ist die Aussicht auch wieder nicht.“



    Sie wies auf die graue Straße, die nur spärlich mit den gerade herab fallenden Schnee bedeckt war. Vermutlich würde es in wenigen Stunden zu schneien aufhören und alles, was von den Flocken übrig blieb, wären grau matschige Pfützen, die in trüben Rinnsalen dahin schmolzen.
    „Ach, ich dachte nur gerade, dass Herr Kuhrmaier gar nicht unrecht hat. Wieso sollten wir nicht einfach in die Berge fahren, du, Marcel, Dirk und ich? Nächstes Jahr zu Silvester, meine ich?“



    Eileen lachte glucksend. „Lene, wir schreiben heute gerade mal den 4. Januar! Und du willst schon wieder für nächstes Jahr planen?“
    „Dieses Jahr“, belehrte Marlene sie augenzwinkernd. „Mal ehrlich, Eileen, das wäre doch eine feine Sache. Nicht, dass mir unsere standardmäßigen Fondue- oder Racletteparties zuhause nicht gefallen würden, aber so ein Wochenende in den Bergen – wenn alles verschneit ist und man vor dem Hintergrund der Berge dann um Mitternacht die Feuerwerkraketen aufsteigen sieht.“
    „Du hörst dich an wie eine Werbetexterin für einen Reisekatalog“, grinste Eileen und widmete sich wieder dem Bildschirm, in dem Versuch, weiter zu arbeiten.
    „Nun sei nicht so streberhaft“, keifte Marlene. „Es ist ohnehin nicht viel los, die meisten Leute kommen gerade erst aus dem Urlaub. Das Telefon hat heute noch kein einziges Mal geklingelt.“



    Eileen ließ wieder von ihrer Arbeit ab und sah Marlene aufmerksam an. „Nun, was meinst du?“ drängte diese sie. „Würde dich das nicht auch reizen?“
    Eileen verdrehte die Augen. „Natürlich, es klingt nett, wirklich nett. Nur kann ich doch nicht heute schon planen, was ich Ende Dezember mache, oder?“
    „Warum denn nicht? Sei spontan!“
    Eileen lachte erneut. „Wenn du mich fragst, ist das genau das Gegenteil von Spontaneität! Aber ich kann Marcel ja mal fragen!“




    Marlene sprang auf und klatschte vergnügt in die Hände. „Hurra! Hurra! Wir fahren in die Berge!“
    Eileen sah sie amüsiert an. „Nun mach mal halblang, es ist noch ein ganzes Jahr Zeit und wir haben noch nicht unsere Männer gefragt!“
    “Egal, die sagen sowieso ja, wenn wir sie mit der Aussicht auf jede Menge Glühwein und Skifahren locken.“

    Eileen grinste. Wo Marlene recht hatte...
    Sie warf einen schnellen Blick auf die Uhr und sagte: „Ich werde heute etwas früher in die Mittagspause gehen, ich hab noch einen Termin.“
    Marlene sah neugierig auf. „Aha, wo denn, wenn ich fragen darf? Triffst du dich etwa mit deinem heimlichen Verehrer?“
    Eileen schnitt ihr eine Grimasse und sagte. „Ja klar, was denkst du denn. Nein, ich muss nur zum Arzt, nichts wildes. Also, wundere dich nicht, wenn ich etwas länger weg bin.“



    Marlene winkte ihr nach und machte sich dann wieder an ihre Arbeit, die trotz Urlaubspause nicht gerade wenig war. Zwischendurch konnte sie es sich natürlich nicht verkneifen, auch einmal im Internet nach Reiseangeboten in die Berge zu stöbern.
    Sie merkte gar nicht, wie die Zeit verging und war erstaunt, als sie registrierte, dass es bereits weit nach ein Uhr war, als Eileen zur Tür herein kam.
    „Nanu“, stieß Marlene hervor, ließ die Mappe, die sie gerade aus dem gegenüberliegenden Aktenschrank geholt hatte sinken und musterte Eileen mit skeptischem Blick. „Wie siehst du denn aus, du strahlst ja wie ein Honigkuchenpferd. Sicher, dass du dich in der Pause nicht doch mit deinem Verehrer getroffen hast?“



    Eileen grinste sie nur an und zeigte ihr einen Vogel. „Marcel und ich würden uns nie fremdgehen, das ist ja wohl klar. Aber ich muss dir sagen, dass ich eine echt schlechte Nachricht für dich habe.“

  • „Was denn? Ist was geschehen?“
    “Naja, kann man sehen, wie man will“, erwiderte Eileen. „Auf jeden Fall kannst du dir die Idee mit dem Winterurlaub aus dem Kopf schlagen. Wir können nicht.“




    Marlene verzog das Gesicht. „Ach mensch, Eileen, was soll das denn nun heißen ? Hast du mit Marcel gesprochen und der will nicht oder was?“
    “Jein.“ Eileen grinste übers ganze Gesicht. „Obwohl – das kommt schon hin. Ich hab mit ihm gesprochen und er will nicht, genau. Aber er hat einen sehr guten Grund dafür, denselben wie ich.“
    Da in Marlenes Gesicht immer noch tausend Fragezeichen geschrieben zu stehen schienen, beschloss Eileen, ihre Freundin nicht noch länger auf die Folter zu spannen.



    „Ich komme gerade von meiner Frauenärztin!“ quietschte sie. Marlenes Augen weiteten sich.
    „Nein!“ rief sie aus.



    „Doch! Doch!“ Eileen sprang vor Freude wie ein kleines Kind auf und ab. „Ich bin schwanger, Lene! In acht Monaten werden Marcel und ich Eltern! Ist das nicht wunderbar?“
    Marlene klatschte in die Hände und rief : „Halleluja! Aber ich werde Patentante, damit das gleich klar ist!“
    Und lachend fielen sich die beiden in die Arme.








    Fortsetzung folgt.

  • Ein schöner Rückblick! So wie Herr Kuhrmaier würd ich mir auch den Winterurlaub gefallen lassen,Winter in den Bergen ist was herrliches.Aber auch schwanger kann man gut in den Urlaub fahren,wenn man sich nicht zu sehr anstrengt.Man muss ja keinen Sport betreiben.Du hast das Büro wunderhübsch auf Weihnachten dekoriert.

  • Huhu Innad,


    Hach, was freut es mich, dass du wieder eine neue Story angefangen hast. Auch wenn ich leider erst jetzt dazu komme, dir einen Kommi zu hinterlasen. :hüpf:


    Zuerst muss ich einmal deine Bilder loben, da sie so schön die Stimmungen widerspiegeln. Das Düstere am Anfang und bei den bisher fröhlichen Rückblenden mehr Farben macht es so schön deutlich, was im Text beschrieben wurde und man kann sich gut mit in die Situation hineinversetzen. :)


    Für Eileen ist es jetzt ja ganz übel gekommen, erst die Fehlgeburt und dann geht auch noch die ganz große Liebe dauerhaft fremd. Kein Wunder, dass sie im Moment völlig unten hängt und sich von der Welt abkapselt. Doch ich schätze mal, dass es damit jetzt vorbei ist. Jetzt wo ihre Freundin Bescheid weiß, wird sie wohl versuchen Eileen wieder aufzubauen und ihr neue Hoffnung versuchen zu geben. Könnte ich mir auf jeden Fall denken, aber auch, dass es nicht einfach wird, wenn man den FS-Titel mit berücksichtigt.


    Auf jeden Fall bin ich gespannt, wie es weitergeht. Gerade derWechsel der Zeiten, mal ist es Gegenwart und mal ein Rückblick, macht es ganz toll spannend. Vor allem jetzt noch am Anfang, wo man sich erst ein Bild macht von den Figuren. :)


    Ganz liebe Grüße
    Llyn

  • @Shoshana: Ja, Winter in den Bergen muss toll sein. Eileen hätte wohl kaum das Problem, schwanger im Urlaub zu sein, sondern schon längst ein Baby zu haben. Das letzte Kapitel spielt ja kurz nach Silvester, darum auch die Weihnachtsdeko, die NOCH steht. Der Urlaub wäre also erst 11,5 Monate später... und somit wäre Eileen schon längst Mutter, darum sagte sie, dass sie nicht fahren kann :)


    Nikki : Vielen Dank für Deinen Kommi, freut mich, dass es Dir gefällt!


    Llynya : Schön, dass Du mit dabei bist :) :applausOb Marlene es schafft, Eileen genug aufzubauen, ist fraglich. Aber man weiß ja, wie Du selbst schreibst, auch noch nicht so viel von den Figuren. Diesmal wird es zumindest zu Beginn einige Zeitsprünge geben, damit man von hinten nach vorn auf die ganze Geschichte blicken kann, ja :)
    Vielen lieben dank auch für Deinen Kommi!




    Heute kommt Kapitel 4, viel Spaß damit.

  • 4.


    Marlene streichelte noch einmal sanft über Eileens Rücken, als diese sich wieder auf die Couch hatte sinken lassen. Dann setzte sie sich neben sie, schwieg einen Moment und sagte dann unsicher: „Weißt du, wer sie ist?“
    Eileen schüttelte den Kopf. „Ich kenne sie nicht. Sie heißt Sabrina, ist dreiundzwanzig – mehr weiß ich auch nicht.“



    „Und Marcel – ich meine – er muss sich doch noch einmal bei dir gemeldet haben?“
    Wieder schüttelte Eileen den Kopf und starrte mit trüben Augen zum Fenster hinaus, als könne sie dort ungeahnte Antworten entdecken. „Nachdem er mir an diesem Abend alles gestanden hatte, bin ich völlig ausgerastet. Ich habe geflucht und geschrien…“
    „Wer hätte das nicht!“ unterbrach Marlene sie aufgebracht und schwieg dann wieder, um Eileen weiter zuzuhören.
    „Ich habe viele böse Dinge gesagt…“ Eileen schluckte. „Wenn ich nicht so ausgerastet wäre, dann…“
    „Nun hör aber auf, Eileen! Wenn jemanden die wenigste Schuld trifft, dann dich!“
    Eileen seufzte. „Das sagst du so einfach. Aber ich mache mir Vorwürfe. Vielleicht hätte ich Marcel noch halten können. Vielleicht wäre zwischen uns wieder alles gut geworden…“
    Doch Marlene schüttelte den Kopf. „Mal ganz abgesehen davon, dass ich persönlich niemals solch einen Fehltritt verzeihen könnte – wenn Marcel vorgehabt hätte, euch eine Chance zu geben, dann wäre er nicht gegangen. Oder zumindest zurückgekommen.“
    Eileen zuckte ratlos mit den Schultern. „Ich weiß es nicht, Lene. Wir haben uns viele böse Worte an den Kopf geworfen und am Ende hat Marcel ein paar Sachen zusammengepackt und mir gesagt, dass er ausziehen wird – zu ihr.“



    Die letzten beiden Worte waren mühsam und gepresst aus ihrem Mund gedrungen.
    Marlene schüttelte fassungslos den Kopf.
    „Aber – ich meine … so einfach geht das doch alles gar nicht. Immerhin seid ihr verheiratet. Er hat dir gegenüber gewisse Pflichten.“
    Eileen lachte bitter auf. „Ich glaube, das ist momentan das kleinste Problem.“
    Sie sah Marlene traurig an und in ihren Augen schwammen erneut Tränen. „Das Problem ist, dass er mir so furchtbar fehlt, Lene. Ich vermisse ihn so sehr.“


    Marlene schnaubte. „Nach allem, was getan hat, vermisst du ihn immer noch? Ich würde für ihn nur noch Wut oder Hass empfinden!“
    Doch Eileen schüttelte heftig den Kopf. „Das sagst du so einfach. Ich hätte vermutlich früher ganz genau dasselbe gesagt. Aber Liebe lässt sich nicht abstellen, wie ein Radio oder ein Fernseher. Und wenn man so viel Jahre gemeinsam verbracht hat, sich so geliebt hat wie wir beiden uns…“, sie stockte „oder zumindest ich ihn… dann kann man nicht einfach umschalten. Natürlich bin ich sauer, ich bin wütend und unendlich enttäuscht. Aber ich würde alles dafür geben, Marcel wieder bei mir zu haben. Ich würde ihm verzeihen, wenn er mir versprechen würde, mit dieser Sabrina Schluss zu machen.“
    Marlene biss sich nervös auf der Unterlippe herum. Sie wusste nicht, was sie sagen sollte.


    Zum einen konnte sie nicht nachvollziehen, wie Eileen so nachsichtig gegenüber Marcel sein konnte, zum anderen verstand sie durchaus, dass Eileen nicht von heute auf morgen aufhören konnte, ihren Mann zu lieben, sich nach ihm zu sehnen… sie hätte das bei Dirk wohl genauso wenig gekonnt. Und Eileen war soviel sensibler und zarter als sie – schon immer.
    „Und du weißt nicht, wo er nun ist?“
    „Diese Sabrina muss irgendwo hier in der Stadt wohnen, aber die genaue Adresse wollte er mir nicht geben. Er sagte, er wird sich melden, wenn ein wenig Gras über alles gewachsen ist und ich mich wieder beruhigt habe.“
    „Er lässt sich ordentlich Zeit damit, muss ich sagen“, grummelte Marlene. „Es ist schon fast zwei Wochen her.“



    „Ich begreife es einfach nicht“, sagte Eileen leise. „Wie konnte er mir das nur antun, Lene? Wir haben uns geschworen, uns nie zu betrügen. Ich war mir seiner Treue und Liebe immer so sicher. An was soll ich in dieser Welt noch glauben, wenn er fort ist? Wenn er mir nicht mehr seine Liebe schenkt?“
    Sie starrte gedankenverloren auf ihre Fußspitzen. „Ich mache mir solche Vorwürfe.“
    „Vorwürfe? Weil du ihn angeschrien hast?“
    „Nein“, sagte Eileen leise. „Wenn ich ihm damals gegeben hätte, was er sich gewünscht hat, dann wäre er bei mir geblieben.“
    Marlene sog hörbar die Luft ein, doch bevor sie losposaunen konnte, hob Eileen die Hand und sagte schnell: „Ich war nicht fair zu ihm, Lene. Ich habe ihn ausgeschlossen aus meiner Trauer, das weiß ich heute. Ich habe es schon vor Wochen erkannt – aber das war offenbar zu spät.“
    Sie sah Marlene traurig an. „Wir haben seit Monaten fast gar nicht mehr miteinander geschlafen. Ich hatte Angst, Angst erneut schwanger zu werden, wieder einen solchen Verlust ertragen zu müssen wie im Februar. Ich habe meinen Körper gehasst dafür, dass er es nicht geschafft hat, meinem Kind das zu geben, was es brauchte… und ich habe Marcel die Schuld gegeben, auch wenn er gar nichts dafür konnte. Nur – ich brauchte jemanden, der schuld war.“
    Marlene schwieg betroffen. Sie hatte mit einemmal ein schlechtes Gewissen, dass sie sich in den letzten Monaten so wenig um Eileen gekümmert hatte.



    Und doch war sie nicht ganz einverstanden mit dem, was diese ihr gerade gesagt hatte.
    „Das mag ja alles sein, Eileen. Aber das gibt ihm trotzdem nicht das Recht, dich zu betrügen – und das auch noch über so einen langen Zeitraum, mit solch einer Konsequenz – und so kurz nachdem es geschehen ist. Gerade dann hätte er seine Loyalität zu dir beweisen müssen…“
    Sie schwieg, denn sie begriff, dass ihre Worte Eileens Schmerz nur noch größer machten.
    Eileen wischte sich die Tränen, die schon wieder unaufhörlich flossen, aus dem Gesicht. „Ich weiß nicht, was ich nun machen soll. Wie soll ich denn ohne Marcel leben? Er ist meine große Liebe. Ich will ihn nicht aufgeben.“
    Marlene seufzte. Sie wusste nicht genau, was sie Eileen sagen sollte.
    „Hast du probiert, Marcel anzurufen?“



    Eileen nickte. „Mehrmals. Aber er geht nicht an sein Handy. Du hast doch selbst gesagt, dass du ihn nicht erreicht hast. Vermutlich dachte er, du rufst wegen mir an. Und bei Dirk wird es nicht anders gewesen sein.“
    Marlene schluckte. An Dirk hatte sie noch gar nicht recht gedacht. Er und Marcel waren eigentlich sehr gut befreundet, auch wenn sie sich nur über die Frauen kennengelernt hatten. Ob Dirk etwa von der Affäre gewusst hatte…? Sie schüttelte energisch den Kopf. Nein, das konnte sie sich nicht vorstellen.
    Andererseits waren heute einige ihrer Glaubenssätze völlig über Bord geworfen worden und sie wusste selbst nicht recht, was noch sicher war oder nicht.
    Vor einigen Stunden hätte sie auch noch die Hand dafür ins Feuer gelegt, dass Marcel und Eileen das perfekte Paar waren, die ganz sicher noch als alte und klapprige Senioren zusammen in ihren Lehnstühlen sitzen, mit den Köpfen wackeln und über die guten alten Zeiten reden würden.



    „Kennst du den Nachnamen von dieser Sabrina?“
    Wieder schüttelte Eileen den Kopf. „Ich habe keinen Anhaltspunkt, wo Marcel ist.“
    Marlene seufzte. „Dann kannst du wohl nichts tun, als abzuwarten, dass er sich bei dir meldet.“