"Das Liebesgeheimnis!" nach einem Roman von Sally Beauman


  • Wir wandern durchs Dorf, indem es ganz still ist in der Nachmittagshitze. Am Wegrand picken 13 Hühner.
    Seit Jahrhunderten hat sich hier nichts verändert. Ich finde das schön, Julia dagegen behauptet, es sei schrecklich langweilig. Das schiefe alte Cottage, in dem Dan wohnt, ist das letzte Haus am Weg, linker Hand, genau 400 Schritte hinter dem Entenweiher. Niemand benutzt den Vordereingang, und wir gehen auch nach hinten. Dort ist es schattig und die Tür steht offen.




    Der Türsturz ist so niedrig, dass Dan, Finn und Julia sich bücken müssen, als sie ins Haus gehen. Ich folge ihnen, und nach der Helligkeit draußen ist es drinnen so dunkel, das ich nichts mehr sehen kann.


    --------------------


    So Ihr Lieben, die nächste FS wird ein wenig auf sich warten lassen. Denn hier endet das erste Kapitel..

  • Hallöle,
    ich find alle deine FS super und auch diese macht keine Ausnahmen!
    Ich find sie einfach nur toll und ich weiß ncht was ich noch sagen soll!

    :applaus :applaus :applaus :applaus :applaus

    [LEFT][RIGHT]He gave her 12 roses. 11 real and one fake. And he said: "I will love you until the last rose died."
    [/RIGHT]
    [LEFT][SIZE=1]


    [/SIZE][/LEFT]
    [/LEFT]

  • aHoi!
    Echt schöne Fortsetzung :applaus Irgendwie find ich die Maisie voll hübsch... Aber... Hm, irgendwie auch nicht :misstrau

    [FONT="Palatino Linotype"][SIZE=2][CENTER]I've been watching, I've been waiting...
    [COLOR="#0066CC"]In the shadows for my time...

    I've been searching, I've been living...
    [color="#0066CC"]For tomorrows all my life[/COLOR]
    .:+*° :schnee °*+:.


    [/center][/color][/size][/font]

  • Hi!!

    Hab jetzt mal deine Fs etwas überflogen und werde mir aber nachher alles in Ruhe durchlesen.
    Aber erst mal, finde ich es sehr gut, dass du die Gesichter der Sims so speziell gestaltest, was sie auch auf ihre Art sehr hübsch macht! ;) In anderen Fs' sehen sich alle Gesichter ziemlich ähnlich und wirken viel zu künstlich.
    Also grosses Lob! :applaus Die Bilder sehen wirklich klasse aus!
    Das mit dem Roman finde ich auch eine gute Idee!
    Bin gespannt wie lange du an all dem hast! Ist bestimmt nicht einfach.

    Mach weiter so :D

    BB Ash00 :wink

    [CENTER] Land of the purple heather[/CENTER]
    [CENTER]Land of the shining rivers[/CENTER]
    [CENTER]Land of my heart forever[/CENTER]
    [CENTER]Scotland the brave[/CENTER]

  • So´n Schitt.. Nach dem bearbeiten des zweiten Kapitel´s ist mir aufgefallen, das ich vielleicht hätte doch erstmal durchlesen sollen..
    Und weil ich nicht wirklich Lust habe noch mal alles zu überarbeiten, muss ich euch jetzt ein wenig aufklären!
    Also, im 2. Kapitel, ist Julia eigentlich schon älter, so um die 14 oder 16 Jahre, im ersten in den Erzählungen von Maisie eigentlich auch schon! Ich hoffe, das ist nicht weiter schlimm.
    Und Dan, den ihr noch kennenlernen werdet, ist eigentlich jünger, ich schätz auch so um die 16 jahre, habe ihn aber schon größer gemacht. Mein Fehler!
    Ich hoffe, das ist nicht weiter tragisch?
    ich werd natürlich versuchen, ab Kapitel 3 das zu ändern, nur habe ich das zweite schon fast fertig und das war anstrengend genug :eek:


    So, nun aber genug gesabbelt! FS kommt vielleicht heute Abend, mal sehen wie müde ich später bin, war nämlich die ganze Nacht unterwegs und kam noch nicht zum schlafen :hua

  • So es geht weiter. Endlich!


    Kapitel 2:
    Der Junge am Fenster





    Es gibt vier Zimmer in dem Cottage - das hat Finn mir erzählt. Das vordere Zimmer im Erdgeschoss ist picobello in Ordnung, weil dort Totenwachen abgehalten werden. Dan´s Mutter, Dorrie, wurde in diesem Zimmer aufbewahrt, in ihrem weißen Hochzeitskleid aus Satin, mit ihrem weißen Gebetbuch in Händen. Das Beileidtelegramm, das Daddy geschickt hat, ist immer noch da, sagt Finn. Dans Großmutter hat es gerahmt, und es hängt über einen offenen Kamin, der nie benutzt wird.




    Dieser schreckliche Todesfall - Dorrie war erst 19 - ereignete sich bei Kriegsende. Ein Zimmer 14 Jahre lang nicht zu benutzen, ist seltsam, vor allem, wenn man so wenig Platz hat, aber Finn meint, so sei es üblich, und überdies sei Dans Großmutter abergläubisch und schwarzseherisch und glaube, es könne jederzeit wieder jemand sterben, und dann müsse man vorbereitet sein. Ich hätte dieses Zimmer und Daddy´s Telegramm gerne gesehen, aber die Tür ist zu.




    Wir gehen in die Küche, wo die Familie kocht, wäscht, isst und sich meistens aufhält. Eine schmale Treppe führt zu den beiden Schlafzimmern im Obergeschoss - Dans Vater, seine Großmutter und Dan müssen sich die Räume teilen.




    Bevor wir herkamen, habe ich Finn gefragt, wo sie denn alle schliefen, und Finn sagte, Dan schliefe in einem Zimmer mit seinem Vater, wo sonst? Als ich weiterfragte, fing sie an, sich aufzuregen, und meinte, ich sei eine neugierige Göre und das ginge mich alles garnichts an; nicht jeder könne in einem Haus mit 20 Zimmern herumtoben. 20 Zimmer, von denen die meisten unmöbliert und unbenutzbar sind und von Mäusen bewohnt werden, hätte ich gerne erwidert, aber ich ließ es bleiben. Ich merkte, das meine Fragen Dan kränken könnten und das Finn ihn schützen wollte. Aber meine Neugier konnte ich trotzdem nicht bezähmen.





    Dan ist groß und sein Vater ist geradezu ein Riese, wenn auch ein freundlicher; Schlafen sie zusammen in einem Bett, frage ich mich - im Ehebett, wo früher die arme Dorrie lag? -, und wenn ja, liegen sie dann nebeneinander oder verkehrt herum?




    Was mich auch brennend interessiert, sind die Waschgelegenheiten - es gibt wohl nur das Spülbecken in der Küche -, und noch spannender finde ich die Frage der Toiletten. Finn meint, es gäbe ein Klo im Garten hinter dem Schweinekoben, und das funktioniere einwandfrei. Die Cottages im Dorf sind alle so angelegt, das weiß ich, aber ich habe noch nie zuvor eines betreten. Die Frauen aus dem Dorf mögen uns nicht; sie flüstern hinter vorgehaltener Hand, wenn wir vorbeigehen, und nennen uns >>die sonderbaren Schwestern<<, was ich frech finde. Deshalb durfte ich noch nie in einem dieser kleinen Steinhäuschen pinkeln. Ich wollte die Gelegenheit dieses Besuchs bei Dan nutzen und das Klo aufsuchen, aber Finn hat meine Absichten erraten und es mir verboten. Ich darf hier nicht pinkeln gehen. Ich darf auch nicht müssen oder auch nur daran denken. Der Lokus ist streng untersagt. Es wäre erniedrigend für Dan und gefährlich für mich, denn es zöge eine Strafe nach sich. Und ich kenne Fins Strafen; sie erfolgen prompt und sind gnadenlos und schmerzhaft. Dieser Gefahr werde ich mich nicht aussetzen.





    "Ich habe Tee gekocht", sagt Dans Großmutter, als wir gerade mal 10 Sekunden da sind. Ich spüre das Finn mich scharf beobachtet. "Maisie trinkt keinen Tee, nur ein kleines Glas Wasser", sagt sie hastig. "Ja ein bisschen Wasser bitte, Mrs. Nunn", sage ich wohlerzogen. Von Tee muss man pinkeln.




    Wir stehen alle um den Tisch herum und warten darauf, das Bella Nunn sich setzt. Meine Augen gewöhnen sich allmählich an die Dunkelheit, und ich kann Einzelheiten erkennen. Das Zimmer ist so wundersam, wie Finn mir verhießen hat, und außerdem bemerkenswert schmutzig. Aber Dans Großmutter ist ja unsere >>Zugehfrau<<, und da ich ihre Putzmethoden kenne, wundert mich das nicht. Auf dem gesprungenen Linoleum liegen Staubmäuse, im Spülbecken türmt sich schmutziges Geschirr, und der Tisch fühlt sich schmierig an.


    ----------------


    So, das wars für heute erstmal, ich muss ins Bett.

  • Hi Ihr Lieben,
    Kapitel 3 ist auch fertig und schon hochgeladen :) :applaus
    Momentan gehts ziemlich schnell alles..das ist gut, also wird es jetzt wohl erstmal jeden Abend eine FS geben, vielleicht auch zwei, mal sehen wie ich Lust habe.
    Gefällt euch die FS eigentlich?
    Okay, 515 Hits sagt eigentlich alles, wa? :D
    Also heute Abend gibt es dann wieder eine FS, so gegen 20.30h!
    Bis dann..


    Ps: Vielleicht mach ich sie nachher auch schon rein, muss jetzt nur ein paar anderen Sachen machen und dann mal sehen!

  • Ach, was solls, wieso denn warten?!






    Julia sorgt sich um ihr weißes Kleid, ich sehe es ihr an; ihr Gesicht ist ganz starr vor Schreck. Sie zögert, bevor sie sich hinsetzt - die Stühle sind klebrig -, und blickt bestürzt auf die Sachen, die uns auf dem Tisch erwarten. Da steht eine Platte mit dick geschnittenen, fettigen Schinkenstücken, auf denen sich Schmeißfliegen niederlassen; grüner Salat, schon mit Salatsoße übergossen; Rote Beete und ein Stück Pastete, das mir bekannt vorkommt - es stammt aus Stellas Speisekammer und ist eine Woche alt.




    Ferner Brotscheiben Margarine, ein trockener, unnatürlich gelber Kuchen und ein glitschiger Haufen hart gekochter Eier, dekoriert mit welken Petersilienstängeln. In der Mitte erhebt sich ein rosa Pudding in Form einer Burg, umgeben von einem Burggraben aus Dosenmandarinen.




    Es ist drei Uhr Nachmittags. "Oh, Mrs. Nunn, Sie haben sich soviel Mühe gemacht", sagt Julia mit matter Stimme. "Das hätten Sie doch nicht tun müssen. Wir haben gerade erst zu Mittag gegessen."
    "Unsinn, ich habe einen Bärenhunger. Das sieht großartig aus", sagt Finn scharf.




    Ich schaue zur Tür, wo Dan stehen geblieben ist. Er scheint vor Scham im Boden versinken zu wollen und tut mir furchtbar Leid. Dann wendet er sich ab und betrachtet den Hof draussen so eingehend, als sähe er ihn zum ersten Mal. Mir fällt jetzt erst auf, dass er seinen besten Anzug trägt, obwohl Ferien sind, den Anzug, angeschafft wurde, als er einen Platz in der Grundschule zugesprochen bekam. Er ist schon lange rausgewachsen aus dem Anzug. Die Manschetten des frisch gewaschenen, weißen Nylonhemds ragen aus den Ärmeln heraus. Seine Schnürschuhle sind auf Hochglanz poliert. Er hat einen neuen Haarschnitt. Als ich ihn zum letzten Mal gesehen habe, trug er eine Schmalztolle, aber die Schule hat offenbar dagegen Einwände erhoben. Jetzt hat er einen kurzen Haarschnitt wie ein Sträfling. Am Hals hat er rote Pickel. Finn hat gesagt, er rasiert sich, aber das scheint nicht gut zu funktionieren.




    "Großmutter hat den Kuchen für euch gebacken. Wollen sich die Damen nicht setzen?", sagt Dan. Er blickt in unsere Richtung, schaut uns aber nicht an, und ich merke, dass er überhaupt zum ersten Mal gesprochen hat, seit wir ihn getroffen haben. Seine Stimme hat sich so schrecklich verändert wie sein Äußeres: Er bemüht sich, korrekt zu sprechen, klingt aber unsicher dabei. Ich glaube, dass er diese Äußerung vorher eingeübt hat, und auch die unbeholfene Geste, die damit einhergeht. Er bemüht sich, seinen Suffvolk-Akzent verschwinden zu lassen; er hat sich diesen eigenartigen und charmanten Singsang der Roma abgewöhnt, den er von Ocean gelernt hat und der zum Vorschein kam, wenn er aufgeregt oder begeistert war. Übrig geblieben ist eine traurige Mischung aus den Cockney-Einflüssen seiner Großmutter und der überkorrekten Sprechweise, die er sich auf der Schule angeeignet hat. Ich überlege, ob er vielleicht versucht, seinen Freund aus dem Dorf zu imitieren, Nicholas Marlow (der inzwischen in Winchester lebt), oder womöglich Nicks Mutter, die im alten Pfarrhaus wohnt und das Woman´s Institute leitet, die noch Gott belehren würde, wie Julia meint.




    Bella Nunn stellt eine große braune Teekanne aus den Tisch und setzt sich. Wir tun es ihr gleich. Ich lasse mir eine Riesenportion hart gekochter Eier, Pastete, Schinken, Salat mit Fertigsoße und Rote Beete auf den Teller häufen. Ich verabscheue alle diese Sachen. Tiere zu essen ist mir ein Gräuel. Die Roten Beete bluten. Ich starre auf den blutbefleckten Teller, auf dem die Krönungszeremonie von Königin Elizabeth II. abgebildet ist - Bella ist überzeugte Monarchistin und verehrt die Königsfamilie. Der Teller ist vergoldet, mit Wappen und am Rand abgeschlagen.
    Ich denke: Oh Dan, was ist nur aus dir geworden?




    Ich habe Dan als erste von uns gesehen, aber keiner aus der Familie will mir das glauben. Sie sagen, ich sei viel zu klein gewesen, um mich daran zu erinnern. Sie behaupten, ich hätte mir wieder was zurechtfantasiert. Finn, die Ihr Verhältnis zu Dan eifersüchtig hütet, äußert sich besondert bösartig darüber. Julia, die ihn noch nie leiden konnte - sie tut jedenfalls so -, sagt: "Gott, Maisie, du bist wirklich eine kleine Spinnerin. Wen interessiert denn das, ob du ihn zuerst gesehen hast? Er ist der Lehrling der Zwergin. Er ist verwandt mit ihr. Er gehört zur Abtei, genau wie sie. Er war schon immer da!"




    Aber das stimmt nicht. Ich habe Daniel am Tag von Daddys Begräbnis gesehen - und sowas vergisst man nicht, oder? Ich bringe bestimmt nichts durcheinander.
    Es war natürlich kein normales Begräbnis, aber das habe ich damals nicht verstanden. Mein Vater war ein Kriegsheld. Er hatte die Luftschlacht um England überlebt, war dann aber später in New Mexico in den USA gestorben, wo wir alle auf Betreiben von Stella hingezogen waren, damit er dort seine Lunge kurieren konnte. Er kehrte mit uns auf dem Schiff nach England zurück, in einer kleinen Urne, die sich in einem stabilen Karton mit der Aufschrift >>Not wanted on Voyage<< befand. Als wir in der Abtei ankamen - auf dem >>Ahnenschrottplatz<<, wie Großvater abfällig sagt -, stand die Urne drei Monate lang auf der Kommode in Stellas Zimmer.

  • Ich finde es eigentlich sehr schade, das hier niemand was zu sagt, nicht mal per PN..Aber trotzdem dürft ihr heute weiterlesen.. *fg*




    Es gab ein großes Gerede darüber, wo sie platziert werden sollte und mit welcher Zeremonie. Erst hieß es, sie solle in einer Nische in der Kirche neben den vielen anderen legendären Mortlands stehen. Einer von Stellas Künstlerfreunden (fast alle von Stellas Freunden sind Künstler) sollte eine Gedenktafel gestalten.




    Dann: Nein, ein Gedenkfenster wäre viel würdiger, und es sollte zu dem Fenster gegenüber passen, das für einen Ururonkel geschaffen wurde, der in irgendeinen Krieg im Ausland eines tapferen Todes starb.




    Dann verfielen sie auf den Kirchhof und danach auf eine Stätte auf dem Acre Field, weil Daddy sich als Junge dort so gerne aufhielt.




    Später sollte es das Waldstück mit den Glockenblumen sein, weil Stella meinte, die Glockenblumen hätten genau denselben Blauton wie Daddys Augen - den wir alle geerbt haben. Schließlich machte Großvater einen Aufstand, weil sein Sohn nicht in einem Waldstück liegen sollte, wo man auch die toten Hunde verscharrte, und sie wandten sich wieder der Idee mit der Kirche zu, aber inzwischen war weniger Geld da. Deshalb geriet auch die Tafel kleiner, und der ausführliche blumige Text, den Stella sich vorgestellt hatte, schrumpfte auf: Guy Mortland, DSO, DFC. 1920-1955.




    An dem Tag, an dem die Urne ihren letzten Ruhetag finden sollte, pilgerten wir zur Kirche: Großvater und Stella vornweg, danach Julia und Finn, und am Ende kam ich mit Bella. Bella, die sich um das Haus gekümmert hatte, während wir im Ausland lebten, war befördert worden. Sie war jetzt Haushälterin, Putzfrau, Vertraute und Kindermädchen zugleich. Bella hatte meinen Vater sehr verehrt und wollte ihm nun die letzte Ehre erweisen; überdies sollte sie dafür sorgen, dass ich nicht die Zeremonie störte und die Familie blamierte, indem ich zappelte, schniefte oder sonst irgendwelchen Unsinn trieb.




    In der Kirche wurde Daddys Lieblingshymne gespielt: "Wir pflügen und wir streuen/Den Samen auf das Land". Dann sprach der Pfarrer ein paar Gebete, und Stella laß ein langes Gedicht vor, das sie selbst geschrieben hatte und das von irgendeinen bekannten Literaturmenschen - auch einem Freund von ihr - überarbeitet worden war. Der Literaturmensch hatte versprochen, an der Trauerfeier teilzunehmen, war aber durch wichtige Geschäfte in London verhindert. Die Dorfbewohner wollte man einladen, aber Großvater war so durcheinander, dass er auf die Trauerkarten ein falsches Datum geschrieben hatte; außerdem arbeiteten zur Erntezeit alle auf den Feldern, und deshalb kam niemand aus dem Dorf.





    Es war kalt in der leeren hallenden Kirche, und in den Bänken konnte man schlecht sitzen. Ich war klein und pummelig und kam mit den Füßen nicht an das Gebetskissen, geschweigedenn bis zum Fußboden. Bella roch nach Mottenkugeln und ließ meine Hand nicht los. Ich saß neben der zierlichen Frau und versuchte, mich an Daddy zu erinnern, was Großvater mir aufgetragen hatte. Aber die Erinnerungen verhedderten sich immer und verschwanden, und ich bekam nur kurze Momente zu fassen - ausgestreckte Arme, den Geruch seiner Haut, die Szene, als er Blut ins Taschentuch hustete und Stella weinte. Diese Szene bildete ich mir vielleicht auch ein, vielleicht auch die anderen. Ich war erst eineinhalb Jahre alt, als er starb.





    Nach einer Weile wurde mir langweilig. Ich starrte auf Bellas ulkige Schuhe - sie waren schwarz und klobig, mit scharlachroten Schnürsenkeln. Ich betrachtete ihren Mantel, der mit struppigen rotbraunen Fellstücken von einem toten Tier besetzt war. Ich beäugte ihren Schmuck - viele Ringe an den Fingern und mehrere Jetstein-Ketten. Ich bestaunte ihren sonderbaren Hut; im schwarzen Band steckte eine Pfaunenfeder.
    Dann spielte ich mit meinem Gebetbuch und zappelte herum, bis Bella die Geduld verlor und mich kräftig in die Hand zwickte. Daraufhin saß ich still und ließ meinen Blick durch die Kirche schweifen.

  • Herrscht wirklich ein bisschen Stille hier. Sind wahrscheinlich alle vollkommen baff.
    Dein Text liest sich wunderbar. Du schaffst es, ihn sehr ausgewogen zu gestalten, v.a. im Verhältnis zu den Bildern. (das versuch ich jedesmal und schaffs dann doch nicht).
    Ich mag deine Idee mit den Schwarz-Weiß-Bildern. Das wirkt sehr ästhetisch. Und ich bin ein Fan von Ästhetik. Ich glaube sogar, dass es bunt gar nicht so wirken würde.

    Was die Geschichte betrifft, ich glaube, da muss man ein bisschen Geduld haben und sie sich entwickeln lassen. Ich bin sicher, alles, was du erzählst, ist wichtig und hat seine Bedeutung. Aus dem Verhältnis der Schwestern untereinander werd ich noch nicht so ganz schlau, Bella dagegen scheint eine recht wunderliche Gestalt zu sein.
    Ich vermute, in ihrer Küche wäre mir schlecht geworden, ich frage mich nur, wieso es da so aussieht. Ich meine, selbst wenn man nicht unbedingt viel Geld hat, kann man doch für Sauberkeit sorgen. Aber ihr liegt vermutlich nicht so viel daran.
    Auf ihre Weissagung bin ich gespannt (kann man Weissagung dazu sagen). Es muss ja schon etwas Besonderes gewesen sein, sonst würde Maisie das sicher nicht so ausführlich erzählen.
    Dan ist wirklich etwas zu alt geraten und die Sachen, die im Text beschrieben wurden, passten nicht gerade zu dem Bild, aber das hast du ja schon erklärt. Halb so tragisch.

    Also, ich verpasse nie eine FS von dir, ich mag Geschichten, die ein bisschen anders sind. Also bitte nicht den Mut verlieren, weiterschreiben, kitzel die Kommis aus deinen Lesern heraus.<gg>



  • Hallo Nerychan, danke für deine Kommentar, habe mich sehr gefreut, endlich mal was zu lesen.
    Die Schwarz-weiss bilder sind nur da, weil das vergangenheitserzählungen sind und die anders farbigen sind noch weiter in der vergangenheit..und die bunten, zu denen wir in Kapitel4 wieder kommen, sind die Gegenwart.
    Schliesslich erzählt die Maisie diesem Lucas was aus der Vergangenheit, während er sie malt!
    Aber zu dieser Bella kann ich auch nicht viel mehr sagen, aber die scheint echt sehr komisch zu sein, was in Kapitel3 noch mehr zum vorschein kommt. Aber ich will nicht allzu viel verraten!
    jedenfalls heute abend gibt es wieder eine oder zwei FS!
    ;)


  • Sah mir das Gemälde vom jüngsten Gericht an, auf dem höhnisch grinsende Teufel eine Horde nackter Menschen mit Spießen in einen Abgrund stießen, in die rot lodernen Flammen des Höllenfeuers. Betrachtete den Kreuzritter aus der Familie der Mortland, eine Marmorstatue, die auf ihren Sarkophag ruhte, und eine Messingplatte, mit der man der Gattin eines Tudor gedenken wollte; sie war so oft poliert worden, dass der Kopf der Dame verschwunden war.




    Ich schaute zu dem Gedenkfenster für den Ururonkel aus diesem vergessenen Krieg auf. Dann blickte ich zu dem Fenster auf meiner Seite hoch, das Daddys Gedenkfenster geworden wäre, wenn wir mehr Geld gehabt hätten.




    Es bestand aus durchsichtigen Bleiglas mit Streben. Am Unterrand erblickte ich plötzlich einen wunderbaren Jungen. Er hatte wirres schwarzes Haar, schwarze Augen, eine schmale gerade Nase, einen breiten Mund und strahlend weiße Zähne. Er trug einen kleinen goldenen Ohrring, und sein Blick war wild und anklagend. Sein Körper fehlte. Kaum hatte ich ihn entdeckt, verschwand er auch schon wieder.
    Doch er tauchte noch dreimal auf.
    "Wenn ich diesen Burschen erwische, bring ich ihn um", knurrte Bella, als wir die Kirche verließen und auf den Friedhof gingen.




    Der Junge, der immer noch wild aussah, zu dem jetzt aber ein Körper gehörte, war gerade hinter einen Grabstein hervorgehuscht. "Ich werd ihm den Hintern versohlen", sagte Bella, als sie ihn auf den Weg entdeckte, wo er im Geäst einer Ulme hing.




    In der Abtei erschien er ein letztes Mal. Plötzlich tauchte sein Gesicht am Fenster der Bibliothek auf, und er starrte herein. Stella reichte Sandwiches herum. Großvater goss Sherry ein, Julia und Finn spielten auf dem Löwenfell, Bella machte Feuer im Kamin. Ich war die Einzige, die den Jungen bemerkte. Die Bibliothek liegt im ersten Stock; von dem Fenster aus musste man sich drei Meter weit fallen lassen und landete auf Steinplatten. Der Junge und ich starrten uns ein paar Minuten lang an. Etwas schien ihm Sorgen zu machen. Er rieb sich mit einer Hand das Auge. Ich blinzelte, und da war er verschwunden.




    Das war Dan. Ich weiß es jetzt, dass er an einer Regenrinne zu diesem Fenster hinaufgeklettert sein muss, obwohl er steif und fest behauptet, er sei geflogen. Und kürzlich habe ich herausgefunden, was ihm Sorgen bereitete - er behauptet allerdings, er hätte damals nicht geweint. Aber solche Kleinigkeiten sind unwichtig. Seit diesem Tag hatte ich jedenfalls ein festes Bild von Dan. Er ist der Junge am Fenster. Und obwohl er sich inzwischen sehr verändert hat, bleibt er für mich immer noch der wilde Junge, der mir auf den ersten Blick so gut gefiel - der Junge, der draußen ist und durch eine Fensterscheibe hereinblickt. Wenn ich ihm begegne, will ich immer sagen:
    Lasst Ihn herein! Macht das Fenster auf! Öffnet die Tür!

  • Kapitel 3: Oceans Tochter legt die Karten:




    "Noch ein bisschen Pudding, Miss Julia? Sie essen ihn doch so gern", sagt Bella und häuft eine große Portion auf Julias Teller, bevor die ein Wort hervorbringt. Julia, von der allgemein bekannt ist, dass sie Pudding verabscheut, kann sich nur mit Mühe ein Schaudern verkneifen. Bella, die ziemlich gemein sein kann, wirdt ihr einen munteren Blick zu, und ihre kleinen schwarzen Augen funkeln vor Vergnügen.





    "Trinkt den Tee aus, Mädels", sagt sie. "Und, Maisie, du musst auch was davon trinken, ich fange mit den Teeblättern an."
    "Können wir nicht mit der Kristallkugel anfangen, Mrs. Nunn?", frage ich. Die Kristallkugel steht auf der Kommode, verhängt mit einem weißen Seidentaschentuch, und ich betrachte sie schon die ganze Zeit.




    "Nein. Erst später", erwidert Bella. "Alles muss in der richtigen Reihenfolge passieren. Zuerst die Teeblätter, dann die Kristallkugel, dann die Karten." Bella ist herrisch und dickköpfig obendrein, und man widerspricht ihr besser nicht. Außerdem ist sie jähzornig; wenn ich sie ärgere, wahrsagt sie uns vielleicht nicht - und wir sind alle ganz verrückt danach, sogar Julia, die behauptet, das sei alles Hokuspokus. Bella hat das zweite Gesicht; Dan und sie haben uns das so oft erzählt, dass wir es glauben. Das ist ein Erbteil ihrer Ahnen, der Roma. "Manche Leute erben ein Herzogtum oder die Hämophilie, wie diese russischen Zaren. Ich hab das zweite Gesicht geerbt. Wieviele Kinder hatte Ocean?"





    "Vierzehn", antworte ich. Ich bin gut vorbereitet.
    "Und wieviele davon haben das zweite Gesicht?"
    "Nur eines. Du."
    "Richtig!", sagt Bella mit leuchtenden Augen. "Also sieh dich vor, Maisie. Mich kannst du nicht hinters Licht führen. Ich kann durch Wände und Türen schauen."




    Jetzt gießt sie Tee in eine Tasse und reicht sie mir. Blätter schwimmen darin, und ich trinke den Tee in kleinen Schlucken, scharf beobachtet von Finn. Ich habe Stella und Großvater versprochen, dass ich ihnen das Hexenhaus genau schildern werde. Deshalb schaue ich mich um, während Julia noch damit beschäftigt ist, den Pudding hinunterzuwürgen.




    Ich finde diesen halbdunklen geheimnissvollen Raum wunderbar. Die Balken sind mit scharlachroten Rosen bemalt. In den Fensternischen hängen Spiegel in schimmernden Blechrahmen, die einen Teil der Welt draußen reflektieren. Überall stehen Nippes herum, die Kleiderhaken sind mit paillettenbesetzten Schleifen verziert, und an den schwarzen Eisenofen lehnen glänzende Messingtöpfe und leuchtend bunte Kissen mit Blumenmustern, mit Punkten und Streifen in knallrot, Gelb, sonnigem Orange, Blattgrün und Himbeerrosa; besonders gut gefällt mir eines, das mit glitzernden Sternchen bestickt ist. Doch am großartigsten finde ich die Ahnengalerie direkt neben mir.




    Sie sieht aus wie ein kleiner Altar; auf einem mit roten Stoff bezogenen Regal stehen Fotos, beleuchtet von einem ewigen Licht, das die Menschen auf den Bildern zum Leben zu erwecken scheint. In der Mitte steht ein Bild von Dans Urgroßmutter, Bellas Mutter, der berühmten Ocean Jones. Sie sitzt auf den Stufen eines Wohnwagens - ich habe so einen Wagen noch nie zu Gesicht bekommen, aber ich möchte gerne in einem leben. Er ist aus Brettern zusammengenagelt, hat ein gewölbtes Dach, aus dem ein Ofenrohr hervorragt, große Räder und eine buntbemalte Deichsel für das zottige gescheckte Pony, das nebendran grast. Ocean sieht fantastisch aus. Sie ist fett und runzlig. Ihre Augen sind kohlschwarz und blicken in die Ferne, und sie ist so hergerichtet, wie man sich eine Zigeunerin vorstellt: Über mehreren bestickten Röcken trägt sie eine Weste und eine bauschige Bluse. An ihrem Hals glitzern unzählige Ketten (von ihr hat Bella das abgeguckt), und um die Stirn trägt sie ein mit Münzen besticktes Tuch. Sie hat ihr weißes Haar niemals geschnitten - Bella behauptet, das bringt Unglück; auch sie schneidet sich nie die Haare - und hat es zu einem Zopf geflochten, der so dick ist wie ein Pferdeschweif und ihr bis zur Hüfte reicht. Ihre Füße stecken in Männerstiefeln, und sie hält eine Tabakpfeife in der Hand. Am Fuß der Treppe stehen Männer, doch neben Ocean wirken sie klein und unbedeutend. Es gab keinen Zweifel, wer in diesen Klan das sagen hatte, denke ich. Zum ersten Mal verstehe ich, was Finn meinte, als sie Ocean als >>Matriarchin<< bezeichnete.




    Ocean starb im Jahre 1949, als Dan vier Jahre alt war - Bella hat mir oft davon erzählt. Ocean hatte ihren eigenen Tod vorrausgesagt, und sich sorgfältig darauf vorbereitet. Damals kamen die Zigeuner noch ein Mal im Jahr nach Suffolk, meist zur Erntezeit, wenn man Hilfsarbeiter brauchte. Sie errichteten ihr Lager unter am Black Ditch, blieben manchmal über den Winter und zogen dann weiter durch ganz England. Manchmal hielten sie sich in Städten auf, aber Bella sagt, dass sie lieber auf den freien Feld, unter den Sternen kampieren. Sie zogen weit nach Norden, bis nach Yorkshire, wo die Leute engstirnig waren, und weit nach Süden, nach Dorset, wo die Leute offener und freier dachten. Sie kamen zu den Jahrmärkten im ganzen Land, verkauften Wäscheklammern, Flickendecken, Werkzeug, Kunsthandwerk. Sie ernteten Hopfen in Kent, gruben in Lincolnshire Kartoffeln aus, sammelten Altmetall und hatten jedes Jahr einen Verkaufstand im Londoner East End. Bella hätte beinahe einen >>Perlenkönig<< geheiratet, erzählt sie, einen Zigeunerbaron, der so charmant daherreden konnte, dass er sie um den kleinen Finger wickelte. Sie hat ihn beim Pferderennen in Epsom kennen gelernt. Er trug einen Anzug mit dreißigtausend aufgestickten Perlenknöpfen. Auf den Rücken des Anzugs prangte das Auge Gottes, am Kragen schimmernten Sonne und Mond. Bella warf einen Blick auf den Mann und war verloren. Aber Ocean mißfiel sein Wagen, und so nahm Bella zu guter Letzt Vernunft an und heiratete nicht ihn, sondern Dans Großvater. Dans Großvater war ein Sesshafter, wie auch Dans Vater - und das braucht eine Frau, meint Bella, einen Mann, der sesshaft und verlässlich ist.


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    sorry für den langen text

  • Also ich finde deine Story auch echt gut. Die Fotos sind sehr schön und auch das Thema gefällt mir :applaus Das einzige was manchmal ein bisschen irritiert ist, dass du die Personen beschreibst, sie auf den Bildern aber ganz anders zeigst. Dan hat z.B. keinen Anzug an und man sieht auch nicht wirklich den Altersunterschied zwischen den drei Schwestern. Aber ansonsten echt gut, versteh auch nicht warum hier so wenige Kommentare kommen.

    [GLOWGREEN]Die Frauen lieben die Stärke, ohne sie nachzuahmen. Die Männer lieben die Zartheit, ohne sie zu erwiedern. löl net ernst nehmen![/GLOWGREEN]


    [GLOWORANGE]So ausserdem Grüß ich noch Wilkätzchen ;) Rike, Sweet-Sunny, Big_Bims, Aramis und natürlich Meggy!!!!!!![/GLOWORANGE]


    [SIZE=4]Es ist nicht deine Schuld, dass die Welt ist wie sie ist, es wär nur deine Schuld wenn sie so bleibt![/SIZE] :yeah

  • Zitat von miri

    Also ich finde deine Story auch echt gut. Die Fotos sind sehr schön und auch das Thema gefällt mir :applaus Das einzige was manchmal ein bisschen irritiert ist, dass du die Personen beschreibst, sie auf den Bildern aber ganz anders zeigst. Dan hat z.B. keinen Anzug an und man sieht auch nicht wirklich den Altersunterschied zwischen den drei Schwestern. Aber ansonsten echt gut, versteh auch nicht warum hier so wenige Kommentare kommen.



    Danke! Das mit den Alterunterschied hatte ich aber auch schon erklärt, da ich aus einem Buch schreibe, was ich selbst noch nicht gelesen habe, hat sich dieser Fehler leider eingeschlichen. Ich werde versuchen, das zu ändern für die nächsten kapitel, aber den 3ten müsst ihr leider noch so hinnehmen..

  • Nix mit Sorry wegen dem langen Text, der Text ist doch so schön, dass man ihn einfach lesen muss. Also mach einfach weiter wie bisher.

    Bella ist also ein Abkömmling der Roma? Nun, das erklärt die Geschichte mit der Wahrsagung. Um so gespannter bin ich darauf, was sie den Mädels denn nun erzählt hat, vor allem aber Maisie.

  • wow. ich hab mir die fs jetzt bis hierher in einem durchgelesen.
    gefällt mir echt sehr gut.
    die bilder sind sehr schön und dein schreibstil gefällt mir sehr gut.
    ja der text ist schon etwas lang, aber ich finde, das macht nichts aus.
    nur verwirren einen (mich zumindest) die ganzen namen manchmal.
    aber ansonsten: echt dickes lob von mir.
    freu mich schon, wenns weiter geht. (=

  • @kariert: Danke! Das mit der Verwirrung ging mir auch erst so.



    Ocean wollte auf den Feldern am Black Ditch sterben, das war ihr Wunsch. Sie liebte Wykenfield und hatte nicht nur viele Freunde hier, sondern auch eine Tochter, die zwar einen Sesshaften geheiratet hatte, der Ocean aber dennoch verbunden blieb. Doch ihr Wunsch sollte nicht in Erfüllung gehen. Sie versammelte die sechsundneunzig Mitglieder ihrer Familie um sich und starb Schlag Mitternacht unweit von Scunthorpe (was nicht so eindrucksvoll ist). Es ist Brauch bei den Roma, dass der Wohnwagen erst verbrannt wird, wenn das männliche Oberhaupt der Familie stirbt, doch da Ocean so eine starke außergewöhnliche Person war und über das zweite Gesicht verfügte, machte man bei ihr eine Ausnahme. Wenige Stunden nach ihrem Tod stand der Wohnwagen in Flammen.




    Von diesem Ereignis gibt es leider kein Foto. Ich muss mich zufrieden geben mit den Fotos von Ernest Jones, Oceans Gatten, aus der berühmten Zigeunerfamilie Jones; deshalb unterscheiden sie sich von allen gewöhnlichen Leuten mit Namen Jones, erklärt Bella. Ich betrachte die vielen Töchter von Ocean und versuchte Bella zu erkennen. Und ich starre fasziniert auf Oceans wilde barfüßige Söhne mit den zerlumpten Kleidern, die so stolz aussehen wie Prinzen. Ich kann einfach nicht glauben, dass sie in diesem Land gelebt haben, doch die Bilder entstanden vor dem Krieg, und Großvater sagt, damals war die Welt ganz anders. Wo sind die Prinzen jetzt, frage ich mich. Leben sie noch? Sind sie noch immer Zigeuner und ziehen durchs Land? Ich hoffe es. Mit ihren zerzausten Locken, knochigen Beinen und kohlschwarzen Augen ähneln sie alle dem Daniel, den ich zu kennen glaubte, dem Daniel, um den ich trauere.




    Ich frage mich, wieso nirgendwo Fotos von Bellas Familie in Suffolk zu sehen sind - das ist auch ein Klan. Im nächsten Dorf leben noch vier Nunn´s, die irgendwie verwandt sind; auf dem Friedhof an unserer Kirche hier liegen fünfzehn Nunn´s begraben (Finn und Dan haben die Gräber gezählt). Doch nirgendwo steht ein Foto von dem Sesshaften, Bartholomew Nunn, Bellas verstorbenen Mann, oder von der armen Dorrie, ihrem einzigen Kind. Auch Joe Nunn, Dans Vater, ist nirgendwo zu sehen. (Dorrie hat einen Vetter geheiratet; es gibt viel Inzucht hier, pflegt Großvater immer finster zu sagen). Eigentlich gibt es garkeine Spuren von Dans Vater in diesem Zimmer; es ist ganz und gar Bellas Reich.




    Abgesehen von einer Urkunde, aus der man ersehen kann, dass Joseph John Nunn acht Jahre in Folge den jährlichen Pferdepflugwettbewerb von Ostengland gewonnen hat - das ist eine gewaltige Leistung, hat Dan mir einmal erzählt. Und ein Gewehr liegt auf einem Regal an der Wand gegenüber, das Dan oder seinem Vater gehören könnte - oder auch Bella. Ich weiß, dass sie als Mädchen Kaninchen geschossen und in Fallen gefangen hat; im Gegensatz zu mir hat sie keine Achtung vor Tieren, die sind für sie nur Essen auf Beinen. Wenn ein Huhn alt wird oder brütig, ist es reif fürs Beil: Ab der Kopf, in den Topf, schreit sie dann. Ich habe einmal miterlebt, wie Bella einer von Stellas Hennen den Kopf abschlug, und das werde ich nie vergessen. Blut sprudelte aus dem Hals; das kopflose Huhn rannte noch 2 endlose Minuten im Hof herum. Es hieß Miranda und fraß mir aus der Hand.




    Dan räusperte sich. "Wir sollten mal loslegen, Gran", sagt er mit seiner schrecklichen neuen Stimme. Feierlich fördert er ein Päckchen Zigaretten zutage und reicht es herum. Er ist dunkelrot angelaufen, und seine Hand zittert leicht. Ich frage mich, wen die Kippen beeindrucken sollen - Finn etwa? Julia wirft einen verachtungsvollen Blick auf sie. "Nein danke, wir rauchen nicht", sagt sie mit ihrer zickigsten Stimme. "Ach, Quatsch", sagt Finn und nimmt eine.




    Dan zündet ein Streichholz an und beugt sich vor, um Finn Feuer zu geben. Ich sehe die Spiegelung in Finns ungewöhnlichen Augen. Als Dan und sie sich ansehen, kommt es mir vor, als hätten sie sich einen Raum geschaffen, indem sie ganz alleine sind. Ich bin irgendwie schockiert von diesem Blick, obwohl ich nicht genau weiß, warum. Ich fühle mich, als hätte ich durch ein Schlüsselloch geschaut oder eine Geheimtür geöffnet und etwas Verbotenes erspäht. Es fühlt sich so ähnlich an, wie wenn man in das Hagioskop schaut - und das Gefühl ist ziemlich unangenehm. Es macht mich so nervös, dass ich ans Pinkeln denke, obwohl ich gar nicht muss.




    Ich glaube, Julia entgeht dieser Blick auch nicht, aber Bella ist die einzige, die eine Reaktion zeigt: Sie lächelt Maliziös.
    Die Luft im Raum wird bläulich durch den Rauch und scheint zu schimmern. Der Ofen ist angeheizt, und es wird immer stickiger. Mir ist ein bisschen schwindlig, und ich kann kaum atmen - warscheinlich die Aufregung. Bella erhebt sich, nun vom Scheitel bis zur Sohle Oceans Tochter, und holt Kristallkugel und Karten.




    Bella hat eine Schwäche fürs Dramatische, und jetzt, wo ich älter bin, wird mir klar, dass sie einen ziemlichen Zinnober veranstaltet hat. Sie musste die Spannung aufbauen und laß uns als erstes aus der Hand, studierte eingehend unsere Handflächen, schüttelte den Kopf, murmelte vor sich hin, runzelte die Stirn.


  • "Also, hier sehe ich einen prächtigen Ehemann", sagte sie und drehte Julias Hand hin und her. "Wer hätte das gedacht!"




    "Du bist von der dunklen Sorte, kein Zweifel", rief sie aus, als sie Finns Hand betrachtet hatte.




    "Für Dich wird es Rosen regnen, Schätzchen", sagte sie rasch, als sie meine Handfläche gesehen hatte. "Siehst du dieses Kreuz hier? Das Zeichen für Glück, dein Leben lang." Weder Finn noch Julia haben ein Kreuz. Ich bin stolz und krümme die Hand, damit ich es noch deutlicher sehen kann: Kein Zweifel, ein Kreuz!




    Als nächstes sind die Teeblätter dran. Wir müssen sie in unserer Tasse herumwirbeln und in eine weiße Porzellanschale schütten. Bella macht wieder ein großes Aufhebens davon, dreht die Schalen in der Hand - an diesem Punkt, habe ich mir später überlegt, lief irgendetwas schief. Entweder Bella kann nichts erkennen in den Blättern, oder was sie sieht, behagt ihr nicht. Sie greift immer wieder aufs Neue nach den Tassen, stellt sie wieder weg, vergleicht sie, bis ich meine, es nicht mehr aushalten zu können vor Spannung. "Undeutlich", sagt sie schließlich. "Sie sagen nichts. Widersetzen sich. Wir machen mit der Kristallkugel weiter. Wo ist das Geburtstagskind? Sie sind zuerst dran, Miss Julia. Hier herüber bitte!"




    Julia und Bella beugen sich am Tischende über die Kugel. Mir ist heiß und leicht übel von dem schrecklichen Essen. Ich habe immer noch den Nachgeschmack von schwefligen Eiern, Roter Beete und Pudding im Mund. Ich sehne mich nach frischer Luft. Wenn ich nicht Finns Unmut zu fürchten hätte, würde ich darum bitten, in den Steinverschlag im Garten gehen zu dürfen, aber ich wage es nicht. Ich versuche, mich auf die Fotos von Ocean und den Ahnenaltar zu konzentrieren, aber die Bilder verschwimmen mir vor den Augen. Die Hintertür steht offen, aber es scheint keine Luft hereinzukommen. Bella murmelt und seufzt; Dan zündet sich noch eine Zigarette an, und der beißende Rauch weht über den Tisch genau zu mir. Ich verstehe nicht, weshalb, denn die Luft ist reglos.




    "Tja, Miss, sie werden alles bekommen, was ihr Herz begehrt", höre ich, und Julia kehrt mit roten Wangen und siegesgewissem Blick an ihren Platz zurück. Als nächstes ist Finn dran. Als sie sich über die Kugel beugt, fällt ihr Haar nach Vorn wie ein Schleier. Das ist ziemlich enttäuschend; ich sehe nur Finns knochigen braunen Arm und ihre weizenblonde Mähne, die im Gegensatz zu Julias Haaren schon länger keinen Kamm mehr gesehen hat. Wie sehr ich mir auch den Hals verrenke: Die Kugel bekomme ich nicht zu sehen. Nicht einmal Bellas Gesicht kann ich erkennen, obwohl ich sie undeutlich sprechen höre. Sie scheint eine Ewigkeit vor sich hin zu murmeln und in Erregung zu geraten. Da scheint etwas zu passieren. Das Zimmer kommt mir auf einmal noch stickiger und dunkler vor, und irgendeine störende Schwingung liegt in der Luft, als zupfe man an einer Saite, die lange nachklingt. Wenn die Nonnen durch die Flure wandern, fühlt es sich auch so an - und ich weiß, dass ich es mir nicht einbilde, denn Dan spürt es auch: Er ist bleich geworden.




    "Ich sehe ein Opfer", sagt Bella plötzlich klar und deutlich. Sie scheint verstört zu sein oder sich zu fürchten. Dann murmelt sie etwas Unverständliches auf Romani, glaube ich, und gibt ein sonderbares Summen von sich. So ähnlich hört es sich auch an, wenn Großvater am Radio herumdreht - ein halber Satz, zwei Töne Musik, ein Fetzen von einem Lied; so viele Stimmen, die in der Luft herumschwirren! Doch Bella stellt einen Sender ein, ich spüre es, und dann spricht sie wieder laut und deutlich. "Die Zweite wird die Erste sein", verkündet sie, und sie klingt verstört dabei. Dann verliert sie den Sender, oder vielleicht gibt es eine Störung, denn sie schiebt Finn plötzlich beiseite und hält sich die Ohren zu.




    Finn schaut sie unsicher an - das Ganze macht ihr wohl keinen Spass -, und Bella fährt fort. "Und viele Reisen", sagt sie mit hohler Stimme. "Eine große Fahrt. Über viele Meere, aber am Ende ein sicherer Hafen."


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    sooo, das wars erstmal wieder..